Der scharlachrote Engel – Polizeiruf 110 Fall 263 / Crimetime 554 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #München #Muenchen #Tauber #Obermaier #Engel #Scharlach

Crimetime 554 - Titelfoto © BR, Marco Orlando Pichler

Keine bessere Welt

Nina Kunzendorf kennen wir bisher vor allem durch ihr Tatort-Schaffen. Den München-Polizeiruf kennen wir bisher vor allem durch seine Repräsentation in Person von Hanns von Meuffels, dem aktuellen Ermittler. Nun tut sich für uns noch einmal eine neue Welt auf, innerhalb der Reihen Polizeiruf und Tatort. Wir treten ein und sehen, dass schon vor dem Einsatz von Matthias Brandt als Hanns von Meuffels die Münchener Schiene der einstmals reinen Ost-Reihe hervorragend aufgestellt war. Warum wir das nach einem Film mit den Kommissar*innen Obermaier und Tauber schon annehmen, steht in der -> Rezension.

Handlung

Als Tauber und seine Kollegin Jo Obermaier die Wohnung der Anruferin durchsuchen, finden sie zwar eine Blutspur, aber diese verliert sich im Nichts. Und eine Leiche kann nicht gefunden werden. Hat Floriane Engelhard – so der bürgerlicher Name der Jurastudentin – alles nur erfunden? Hat sie etwa die Spur künstlich gelegt? Aber warum?

Während Tauber sein wachsames Auge auch auf die Schönheit von Flo richtet, entgeht dem kriminalistischen Blick von Jo Obermaier nicht, dass in Flos Wohnung eine Webcam über dem PC installiert ist. Hat die Blutspur etwas mit der geheimnisvollen Filmkamera zu tun?

Im Laufe der Recherchen stoßen Tauber und Obermaier auf weitere Überraschungen in Flos Leben. U.a. jobbt Floriane Engelhard nicht als Fremdenführerin bei der Firma „Munich Travelgroup“, sondern als geheimnisvoller „Angel“. Und das Verhältnis zwischen Flo und ihrem Chef Hendrik Elling und ebenso zur eigenen Mutter scheint jeweils mehr als kompliziert zu sein.

Als dann der für tot gehaltene Will Gérard wieder auftaucht, sorgt er in einer Gerichtsverhandlung – mit Unterstützung seiner Anwältin von Martens und dank der Aussagen der Mutter seines Kindes, Marie Böhm, – für eine unerwartete Wende des Falles. Staatsanwältin und Richterin sind ratlos. Und das Urteil zieht für Tauber und Obermaier eklatante Folgen nach sich.

Rezension

Deshalb zum Beispiel: „(…) 2005 spielte sie in der Polizeiruf-110-Folge Der scharlachrote Engel das Opfer eines Gewaltverbrechens, das sich weigert, die von ihm erwartete Opferhaltung einzunehmen. Für ihre darstellerische Leistung wurde Kunzendorf 2006 zusammen mit ihren Schauspielkollegen Michaela May und Edgar Selge sowie Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Günter Schütter mit dem Grimme-Preis mit Gold ausgezeichnet.“ (Wikipedia)

Ob „Flo“, wie sie auch von Kommissar Tauber genannt wird, die Opferhaltung nicht annehmen wollte oder ob man sie ihr nicht zugebilligt hat, darüber kann man streiten. Aber „Der scharlachrote Engel“ ist nicht der einzige Polizeiruf der Münchener Tauber-Obermaier-Ära, der ausgezeichnet wurde. Wenn man die Tatorte vom Bayerischen Rundfunk hinzurechnet, die ebenfalls mehr Preise abräumen als die jeder anderen Schiene, kann man nur festhalten, dass der Münchener Sender vor allem in den 2000ern die Qualitätsmaßstäbe setzte.

Tauber kam auf 20 Einsätze, seine Kollegin Obermaier auf immerhin 17. Das ist bisher komplett an uns vorbeigegangen. Dass es in den 2000ern schon ein so kontrastreiches Frau-Mann-Doppel gab. Dass in München neben den beliebten Tatort-Komissaren Batic und Leitmayr zwei Hochkaräter am Werk waren, die schauspielerisch zur ersten Garnitur zählen. Edgar Selge spielt den Tauber nahtlos grandios und Michaela May als bodenständige Partnerin bringt eine ganz andere Sicht ein als der sensible und in diesem Fall sehr dicht am Opfer agierende Kollege. Warum man Nina Kunzendorfs Polizistinnen-Rolle in Frankfurt mit so einem sexuellen Hautgout angelegt hat, wissen wir jetzt auch. Anzunehmen, dass ihre Rolle in „Der scharlachrote Engel“ daran nicht ganz unschuldig ist. Falls sie in Frankfurt wegen dieses Rollenprofils vorzeitig ausgestiegen ist, dann wäre das ein bemerkenswertes Echo von „Der scharlachrote Engel“ und des Themas Sexualisierung statt Bindung, das hier groß und großartig inszeniert wird.

Dominik Graf ist einer der besten deutschen Fernsehregisseure, daran besteht kein Zweifel. Ihm einen Stoff anzuvertrauen heißt, dass er nicht nur sachgerecht, sondern dynamisch und mit hervorragender Schauspielerführung bearbeitet wird. Selbstverständlich kommt in „Der scharlachrote Engel“ die Plotkonstruktion als Howcatchem zu Hilfe und im richtigen Moment wird der Thrill der möglichen Wiederholung oder Steigerung „Der ist mit ihr noch nicht fertig“ angeboten.

Wir finden, man hätte auch Martin Feifel auszeichnen dürfen. Mann, kann der Mann abstoßend und böse spielen. Oder war es genau das, was eine Prämierung seiner Leistung verhindert hat: Weil man damit keine Rolle würdigen wollte, die auf sexuellen Übergriffen basiert?

Was immer etwas problematisch ist: Dass am Ende das Gerechtigkeitsempfinden des Zuschauers dadurch befriedigt und er dadurch beruhigt wird, dass das Schwein zur Strecke gebracht wurde – wenn auch in dem Fall nach einem weiteren Angriff und durch das Opfer in einer klaren Notwehrsituation. Das ist sehr trickreich, weil sich dadurch die angestaute Angst und Wut dessen, auf den das alles einstürmt, auflösen können. Unmöglich, zumindest 2004, den Film mit der Gerichtsverhandlung enden zu lassen, die den Sexualstraftäter davonkommen lässt. Die Verhandlung selbst hat auch ein paar Tücken, etwa, dass das Gericht die Show der Verteidigerin mit ihren sachfremden Einlassungen einfach so durchlaufen lässt. Vor allem diese Geschichte mit der Leber im Amerika-Haus, also eine Handlung, die auch für Dritte sichtbar wurde, deutet doch ganz offensichtlich darauf hin, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt.

Muss das? Wir meinen, nein. Das hätte man noch um einiges intelligenter filmen können, ohne den Impact dadurch zu vermindern, der auf den Zuschauer ausgeübt wird.

Letztlich geht es darum, dass die Nicht-Einvernehmlichkeit des Beischlafs nicht nachgewiesen werden kann. Es ist klar, dass von der Tat bis zur Hauptverhandlung eine Zeit vergeht, die im Film aber nicht benannt wird, um den Effekt der atemlosen Verdichtung nicht zu stören. Dadurch kommt Floriane aber optisch unbeschädigt in den Saal, weil ihre Wunden mittlerweile verheilt sind und in diesem roten Kostüm, das der Kommissar suboptimal findet und wohl dazu beiträgt, dass man schreiben kann, sie nehme keine Opferhaltung ein. Aber von ihren Verletzungen hat man sicher direkt nach dem zweiten Angriff Fotos gemacht und bei diesen Verletzungen wird auch nachweisbar sein, von wem sie stammen. Wir sind immerhin schon in dem Zeitalter, in dem man kleinste physische und chemische Spuren auswerten kann.

Zurück zum Beginn: Der Rosenverkäufer setzt einen Urinstrahl auf die roten Rosen, die er im Anschluss verkaufen will. Damit sie frischer aussehen. Ein derber, einfacher Typ. Damit ist der Ton vorgegeben, ist ein Symbol gesetzt. Das Thema Internet-Porno war damals noch recht neu und die kugelförmige Webcam direkt am Bildschirm ist mittlerweile häufig einem professionelleren Equipment für Livebilder gewichen. Es gibt aber auch noch diese Variante, die ja auch eine besondere Art von Amateurhaftigkeit und Intimität vorspiegelt. Andererseits: Wie gut, dass die Kamera sichtbar aufgesetzt ist und nicht in den Bildschirm integriert, sonst wäre ja niemand auf den Zusammenhang zwischen den Angriffen auf Floriane und ihrem Job gekommen.

Ob man 15 Jahre später mit einem solchen damals und wegen des Aussehens der Anbieterin sicher noch recht exklusiven Service 2 Euro pro Minute verdienen kann, wissen wir nicht, aber auch bei einem Stundenhonorar von bis zu 120 Euro muss man einigen Einsatz bringen, um auf einen Lebensstil zu kommen, wie Floriane ihn führt. Doch es läuft gut: Die Kundenliste ist lang, wie wir vor Gericht vorgeführt bekommen. Wenn man von Irrläufern wie Will Gérard absieht, wie bewertet man die Angebote im Internet ethisch? Anders als „Realprostitution“? Oder letztlich doch ähnlich, weil dazu beitragen, Männer in der Balance zu halten. Falls das so ist. Womit man unweigerlich darüber nachdenken muss, wie man es mit der Sexarbeit hält, die in allen ihren Erscheinungsformen und wenn man alles, was via Internet läuft, einbezieht, von Gelegenheitsjobs, die von Studentinnen ausgeübt werden (und, wie in „Der scharlachrote Engel“ zum Hauptberuf werden können) bis zu hochprofessionellen Clubs und allen möglichen Spezialangeboten vermutlich eine der größten Branchen darstellt.

Wenn man sagt, das ist legal, und das ist ja mittlerweile, dann geht es nur noch um die psychischen Auswirkungen von käuflicher Liebe oder käuflichen sexuellen Darstellungen im Gegensatz zu Liebe, die mit Bindung einhergeht. Das Verhalten des Täters Will ist einfach zu bewerten und es versteht sich von selbst, dass das Risiko, das Floriane eingeht, nicht dazu führen darf, dass man ihr eine Art Mitschuld zurechnet an dem, was passiert. Denn das dann würde für alle Personen gelten, die auf diesem Gebiet tätig sind. Es ist wirklich deprimierend, dass Männer diesen Service nicht einmal zu würdigen wissen und psychische Dispositionen zeigen, die sie häufig zu Tätern werden lassen. Bestimmte Fetischszenen wären ohne das einvernehmliche Mitwirken von Frauen nicht denkbar, aber von der anderen Seite gewünschte Grenzen nicht einhalten zu können, ist auf dem Gebiet der Sexualität ein spezifisch männliches Problem. Und dann noch diese Wut darüber, dass die andere Seite überhaupt Grenzen setzten möchte.

Finale

„Der scharlachrote Engel“ lässt zwar keine Unklarheiten bezüglich seiner wichtigen Botschaften, aber vielleicht an der Stelle doch noch einmal: Einsamkeit und Sex als Ware sind keine Erscheinungen, die erst in unserer Zeit aufkamen, sie sind nur aus technischen Gründen so wunderbar stylisch auf Abgeschiedenheit und emotionale Leere getrimmt darstellbar und natürlich nimmt die Einsamkeit aufgrund immer kleinerer Haushalte, in denen immer mehr Singles nehmen, nominell zu.

Aber fühlen sich die Menschen allein dadurch schlechter als früher, dass sie mehr mit sich sind und alles abstrakter wird, auch die Art, wie sexuelle Animation stattfindet? Die Kombination mit einem Sexualstraftäter gerät im Verlauf ein bisschen ins Bemühte, weil man es so kunstvoll darstellt, wie dem Mann nicht beizukommen ist und die andere Seite, hier der Kommissar und die Jugendstraftat, sich ihrerseits zu Übergriffen hinreißen lässt, obwohl klar sein muss, dass das Gericht diese aus dem PoFüZeu gelöschten Delikte nicht berücksichtigen darf, um einen aktuellen Fall zu bewerten. In diesem Bereich wirkt nicht alles stimmig, aber der Film ist super gemacht und trotz des Themas versteht man es, viele sehr menschliche Augenblicke einzuflechten. Das Highlight ist sicher, wie der Männer-Polizeichor „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ singt und durch die geschlossene Glastür die Kolleginnen lugen. Das ist sehr charmant gemacht und einer der Zauberspiegel in diesem Film, wie auch das Modellbauhobby von Kommissar Tauber und wie sein körperliches Handicap dabei integriert wird.

Für Mitte der 2000er, als am Tatort noch Bienzles und Ehrlichers am Werk waren und beim Polizeiruf Schmücke und Schneider, ist „Der scharlachrote Engel“ überragend modern und sicher hat Dominik Graf mit diesen und anderen Filmen dazu beigetragen, die Standards für die heutige visuelle Sprache und das Spiel in den beiden Premium-Reihen des Genres zu setzen.

8,5/10

  © 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin ObermaierMichaela May
Kommissar TauberEdgar Selge
FloNina Kunzendorf
WillMartin Feifel
Von MartensClaudia Messner
RichterinHildegard Kuhlenberg
StaatsanwältinMona Seefried
Marie BöhmUrsula Gottwald
Regie:Dominik Graf
Buch:Günter Schütter
Kamera:Alexander Fischerkoesen

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