Adel verpflichtet (Kind Hearts and Coronets, UK 1949) #Filmfest 93

Filmfest 93 A

2020-08-14 Filmfest AThe quintessential B.C.H.*

Hätten einige Nutzer mehr ihre Stimme abgegeben, würde „Adel verpflichtet“ ohne Schwierigkeiten in der Liste der besten 250 Filme aller Zeiten gemäß International Movie Database stehen (1) und damit ein Anrecht, Gegenstand unserer Jubiläumsrezension zu sein (dieser Text wurde ursprünglich als „FilmAnthologie Nr. 100“ im „ersten“ Wahlberliner gezeigt). Derzeit passt die Wiederveröffentlichung auch recht gut zu unserem „Special Edgar Wallace„, auch wenn der Stil der Filme nicht vergleichbar und der schwarze Humor unterschiedlich ausgeprägt ist.

Warum man von „Adel verpflichtet“ eingenommen sein muss, steht in der -> Rezension.

Handlung (2)

Die Handlung des Films ist in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Louis D’Ascoyne Mazzini, 10. Herzog von Chalfont, sitzt in einem Londoner Gefängnis in der Todeszelle und schreibt seine Memoiren. Es ist die letzte Nacht vor seiner Hinrichtung am Galgen. Dabei erinnert er sich zurück…

Seine Mutter war die Tochter des 7. Herzogs von Chalfont, des Oberhauptes der adelsstolzen Familie D’Ascoyne auf Chalfont Castle in Kent (im Film diente Leeds Castle als Kulisse). Als sie sich bei einem Gastspiel des italienischen Opernsängers Mazzini auf dem Schloss in diesen verliebte, brannte sie mit ihm durch und heiratete ihn. Von ihrer Familie wurde sie dafür verbannt, so dass sie nach ihrer Hochzeit mit Mazzini unter ärmlichem Umständen in Clapham leben muss. Aus ihrer – glücklichen – Ehe ging Louis hervor, dessen Lebensgeschichte die eigentliche Handlung des Films bildet. Sein Vater ist von der Geburt des Sohnes so ergriffen, das er auf der Stelle das Zeitliche segnet und somit Mutter und Kind sich selber überlässt.

Der kleine Louis wird von seiner Mutter im Bewusstsein seiner Herkunft erzogen. Immer wieder zeigt sie ihm den Stammbaum ihres Geschlechtes und weist ihn auf seine adelige Herkunft hin. Die Würde eines Herzogs von Chalfont war der (fiktiven) Familie D’Ascoyne im 17. Jahrhundert von König Karl II.verliehen worden. Der 1. Herzog erhielt diesen Titel für seine Verdienste als Offizier während der Wiederherstellung der Monarchie, worauf der Familie noch das Recht verbrieft wurde – und zwar aufgrund der nicht näher benannten Verdienste seiner Frau – den Herzogstitel beim Fehlen von männlichen Erben auch in der weiblichen Linie übertragen zu können. Aus diesem Grund wäre es rechtlich möglich, dass auch Louis über seine Mutter eines Tages Herzog werden könnte.

Die D’Ascoynes allerdings behandeln die Mazzinis, als ob sie nicht existierten. Briefe von Louis‘ Mutter an ihre Familie bleiben unbeantwortet, und als sie für ihren mittlerweile erwachsenen Sohn eine Stellung in der Privatbank eines D’Ascoyne sucht, teilt dieser ihr mit, dass er von der Existenz eines Sohnes nichts wisse. Louis kann deshalb keinen standesgemäßen Beruf ergreifen und muss sich als Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft durchschlagen. Kurz vor ihrem Tod äußert Louis‘ Mutter den Wunsch, in der Familiengruft der D’Ascoynes auf Chalfont begraben zu werden. Louis schreibt daraufhin einen Brief an ihren Bruder, den 8. Herzog von Chalfont, der die Bitte jedoch ablehnt.

Louis beschließt, sich zu rächen und selbst Herzog von Chalfont zu werden. Dieses Ziel kann er aber nur erreichen, wenn nicht nur der amtierende 8. Herzog stirbt, sondern auch jeder Anwärter, der in der Erbfolge zwischen ihm und dem Titel steht.

Da diese Situation auf natürlichem Weg kaum jemals eintreten wird, sieht sich Louis gezwungen, sämtliche hinderlichen Verwandten (alle gespielt von Alec Guinness) selbst zu beseitigen: Den Sohn jenes Inhabers der Privatbank, der Louis einst eine Stellung verweigerte, ertränkt er bei einer Bootsfahrt in Maidenhead; den jungen Amateurfotografen Henry D’Ascoyne lässt Louis bei einer Explosion in seinem Atelier sterben; dem Pfarrer D’Ascoyne verabreicht er Gift; die Suffragette Lady D’Ascoyne ermordet er, während diese eine Ballonfahrt unternimmt, und General D’Ascoyne stirbt bei einem Sprengstoffattentat in der Offiziersmesse. Auf verblüffende Weise gelingt es Louis immer, die Morde so durchzuführen, dass sie wie Unfälle oder natürliche Todesursachen aussehen. Lediglich zwei Anwärter auf den Titel sterben, ohne dass Louis dies direkt verursacht: Admiral D’Ascoyne geht mit seinem Schiff unter und der Privatbankier stirbt gegen Ende des Films an den Folgen eines Schlaganfalls.

In der Zwischenzeit arbeitet Louis an seinem gesellschaftlichen Aufstieg. Bereits kurz nach der Ermordung des Bankierssohnes tritt er selbst in die Bank ein, wo er allmählich das Vertrauen des Inhabers erwirbt. In Louis‘ Privatleben kommt es ebenfalls zu Veränderungen: Als er seiner Jugendliebe Sibella einen Heiratsantrag macht, weist ihn diese zurück und heiratet stattdessen seinen Rivalen, den reichen Geschäftsmann Lionel Holland. Wenig später hofiert er Edith D’Ascoyne, die schöne Witwe des von ihm ermordeten Amateurfotografen Henry D’Ascoyne. Das Verhältnis zwischen Louis und Sibella bleibt zunächst eng, doch beschließt Louis schließlich, Sibella aufzugeben und Edith zu heiraten, da sie seiner Meinung nach eine würdigere Herzogin abgibt.

Aus Anlass ihrer Verlobung lädt der amtierende 8. Herzog von Chalfont Louis und Edith nach Chalfont Castle ein. Louis begleitet den Herzog am nächsten Tag zur Jagd in den umliegenden Wäldern und erschießt ihn, als er sich in einer seiner eigenen Jagdfallen verfängt. Da der Herzog keine Kinder hinterlässt, geht der Titel auf den Privatbankier D’Ascoyne über, Louis‘ Vorgesetzten, der durch einen Schlaganfall bereits geschwächt ist und vor Schreck stirbt, als er erfährt, dass er nun der 9. Herzog ist. Louis ist damit am Ziel. Er zieht als 10. Herzog von Chalfont mit Edith auf dem Schloss ein.

Die Bediensteten des Schlosses bereiten ihm einen festlichen Empfang. Doch noch während Louis sie einzeln begrüßt, wird er von Scotland Yard wegen Mordes verhaftet und nach London gebracht. Er fragt sich, bei welchem seiner Morde ihm ein Fehler unterlaufen sein könnte. Die Situation ist jedoch anders als gedacht. Lionel Holland, der Ehemann Sibellas, ist tot. Da kein Abschiedsbrief gefunden wurde, der auf einen Selbstmord hindeutet, steht Louis unter dem Verdacht, seinen Rivalen getötet zu haben. Die Gerichtsverhandlung findet vor dem House of Lords statt. Schließlich wird Louis für schuldig befunden, Lionel getötet zu haben, und zum Tod durch Erhängen verurteilt.

In den Tagen vor seiner Hinrichtung erhält Louis Besuch von Edith und Sibella. Während Edith ihm verzeiht und die Ehe mit ihm schließt, bietet ihm Sibella ein „Geschäft“ an: Falls Louis sich bereit erklärt, sich von Edith zu trennen und stattdessen sie zu heiraten (womit Sibella doch noch zur Herzogin würde), würde Lionels Abschiedsbrief auf wunderbare Weise wieder auftauchen und beweisen, dass Louis ihn nicht ermordet hat. In Wirklichkeit hat Lionel wegen geschäftlicher Probleme Selbstmord begangen. Louis willigt in die Erpressung ein, da er keine andere Möglichkeit sieht, sich zu retten. Als der Termin für die Hinrichtung jedoch immer näher rückt und Sibella ihren Teil der Vereinbarung nicht einhält, beschließt Louis, seine Lebensgeschichte (und damit auch die Geschichte seiner Morde) niederzuschreiben und für die Nachwelt festzuhalten.

In der Nacht vor der Hinrichtung liest er das Manuskript noch einmal durch. Am nächsten Morgen holen ihn der Gefängnisdirektor und der Henker in seiner Zelle ab, um ihn zum Galgen zu führen. Während der Henker ein Gedicht vorliest, trifft die Nachricht ein, dass der Abschiedsbrief Lionels gefunden wurde und Louis daher unschuldig ist. Louis wird Minuten vor seiner Hinrichtung freigelassen.

Als er vor das Gefängnis tritt, warten dort nicht nur viele Menschen, die die Hinrichtung eines Herzogs erleben wollten, sondern auch zwei Kutschen. In einer sitzt Edith, in der anderen Sibella. Beide Frauen öffnen die Türen der Kutschen und stellen Louis so vor die Wahl, sich für eine von ihnen zu entscheiden. In diesem Moment tritt ein Zeitungsreporter zu ihm hin und bietet ihm die Vermarktung seiner Memoiren an. Da erinnert sich Louis an das Manuskript, in dem er alle seine Morde dokumentiert hat und das noch auf dem Tisch in seiner Zelle liegt.

Rezension

Den Platz hätte diese vielleicht beste aller schwarzen britischen Komödien verdient, aber es geht nicht nur um Ranglisten. Wichtig ist, was die Filme aus der frühen Nachkriegszeit, die aus den legendären Ealing-Studios des Produzenten Michael Balcon kamen, für das weltweite Image der Nation getan haben. Britishness war selbstverständlich auch zuvor ein Begriff, aber diese unglaublich vitale Mischung aus Versnobtheit und zynischer Kaltblütigkeit, die in „Adel verpflichtet“ eine gültige Darstellungsform gefunden hat, hat sich uns eingeprägt und das Besondere daran ist, dass dieser Film und der Serienmörder Louis d’Acoyne Mazzini, der im Mittelpunkt der Handlung steht so charmant wirken, dass wir unsere Manipulierbarkeit und Doppelbödigkeit wie einen Spiegel vorgehalten bekommen. Am Ende wird die Sache mit den in der Zelle vergessenen Memoiren wirklich als schade empfunden, war aber unbedingt notwendig, um den Film u. a. auf dem wichtigen US-Markt verkaufen zu können, wo es zu derzeit gemäß Production Code unmöglich war, eine Handlung zu zeigen, in welcher ein Verbrecher, gar ein Mehrfachmörder, frei ausgeht.

Ein Geheimnis dieses Films ist die trockene Erzählweise und die interessiert-amüsierte Distanz des Zuschauers, welche er mit wenigen, sehr gut eingesetzten Stilmitteln erzeugt. Der Stil bedingt, dass wir weder Mitleid mit den Opfern empfinden noch Abscheu vor dem Täter oder aber allzugroße Identifizierung mit ihm oder einer der anderen Figuren. Die Ansprache von „Adel verpflichtet“ liegt woanders. Nämlich in unserem Gefühl für Kränkungen und Gerechtigkeit auf einer Ebene, welche zuweilen die Unverhältnismäßigkeit außer Acht lässt – man kann auch das Wort Rache nehmen, das uns allen nicht fremd ist, aber je nach Temperament, Biografie und Möglichkeiten der Umsetzung eine ganz unterschiedliche Rolle in unserem Leben spielen kann. Dieses Gefühl wird hier so gezielt angesprochen, dass wir zu dem Schluss kommen, dass die Briten wohl nicht nur quintssential humorous, sondern auch quintessential human sind, weil hier Dinge ins beleuchtet werden, die über nationale Eigenheiten hinausgehen und so universell sind, dass dieser Film von 1949 kein bisschen gealtert wirkt. Er hat ja schon für seine Zeit einen besonderen Ton gehabt, und da er nicht nach dem Zweiten Weltkrieg spielt, sondern um 1900, ist er auch eine satirische Zeichnung einer bestimmten Klasse von Menschen zu einer bestimmten, in der damaligen Vergangenheit liegenden Zeit, die man heute nicht besser gestalten könnte.

Aber welche sind die Stilmittel, die eine Mischung aus Nähe und Distanz erzeugen, die uns höchst vergnügliche 100 Minuten mit eine Dutzend Todesfällen, darunter sechs Morden, bescheren? Zum einen, dass die Handlung in einen Rahmen eingebettet wird. Der zehnte Earl of Chalfont, Louis d’Ascoyne Mazzini, sitzt zu Anfang in einer Zelle und schreibt seine Memoiren. Während sich seine Biografie daraufhin entrollt, glaubt man mehr und mehr, er sei wegen eines seiner Morde aufgeflogen. Dass der Grund seiner Verhaftung aber ein anderer ist, kommt erst am Ende heraus, als sich der Lebenslauf des jungen Adelssprosses aus verstoßener Linie bis zum Rahmen hin voranbewegt hat. Das ist, nachdem das Drehbuch bisher linear und schnörkellos verläuft, eine überraschende und überaus gut inszenierte Wendung. Eine richtige Pointe, Stolz jedes Kriminalautors, wenn auch nicht einzigartig. Die Pointe selbst ist aber keines der Stilmittel, denn ihr Wesen beinhaltet, dass sie erst am Ende des Films kommt, wenn wir längst eine Haltung zu dem entwickelt haben, was wir sehen.

Der zweite Kniff neben der Rahmenhandlung, die eine zeitliche Distanz schafft und den jungen Louis schon zu Beginn als möglichen Verbrecher offenlegt, ist die damals beliebte Erzählstimme (der Narrator), die von Louis Mazzini selbst gestellt wird. Und der kommentiert sein Leben, sein Fühlen und Denken und die tatkräftigen Konsequenzen, die daraus folgen, auf eine so elegante und – sic! – distanzierte Weise, dass das Geschehen, so tödlich es auch ist, nie anders als humorvoll aufgefasst werden kann. Ein weiterer Punkt ist, dass die tödlichen Momente ebenso exquisit ausgedacht wie lässig und beiläufig in Szene gesetzt sind. Der Effekt liegt in der Begrenzung der Effekte. Der Film hat nichts Schauriges und es kommt an wie eine ganz natürliche Sache, dass dann und wann ein natürlicher Tod stattfindet und dazwischen unnatürliches Ableben von Mitgliedern der Adelsfamilie d’Ascoyne liegt. Dass nie ein Verdacht auf Louis Mazzini fällt, ist sicher etwas unglaubwürdig, aber auch einer jener  Seitenhiebe auf die Intelligenz des englischen Adels und die Fähigkeiten von Scotland Yard. Diese beiden ironischen oder satirischen Elemente hat die britische Kriminalliteratur sehr gepflegt und sie fanden selbstverständlich Eingang ins Medium Film.

Bisher haben wir ein weiteres Highlight des Films veschwiegen: Die legendäre Performance von Alec Guiness in acht Rollen, alles Mitglieder der Familie d’Ascoyne, die während der Handlung eines natürlichen Todes oder, wesentlich häufiger, durch Zutun von Louis Mazzini, sterben. Dieses Furioso, sieben männliche und ein weibliches Mitglied der Familie darzustellen und jedem davon eine individuelle Anmutung zu geben, ist weniger der Maske als der Fähigkeit von Guiness zu verdanken, in jeden Charakter schlüpfen zu können – was ihm allerdings auch den Ruf einbrachte, als Realperson unauffällig zu sein und in ein Kino gehen zu können, ohne dass ihn jemand um ein Autogramm bittet. Flamboyance doesn’t suit me. I enjoy being elusive („Extravaganz liegt mir nicht, ich genieße es, schwer definierbar zu sein“), soll er einst gesagt haben.

Seine acht Rollen sind vergleichsweise kurz – was wir manchmal bedauert haben, insbesondere bei Lady Agatha, der Frauenrechtlerin. Aber dass wir gerne mehr davon gehabt hätten, belegt, dass das, was wir sehen durften, äußerst amüsant war. Es ist aber kein Film mit Alec Guiness im Zentrum, der für seine Darstellung des Colonel Nicholson in „Die Brücke am Kwai“ (1957) den Hauptdarsteller-Oscar gewann.

Im Zentrum steht eindeutig Louis Mazzini, gespielt von Dennis Price. Niemand im damaligen britischen Kino hätte die Rolle besser ausfüllen können als der Generalssohn mit der hohen, schlanken Statur und dem noblen Gesicht, das jedwede Blasiertheit ausdrücken konnte. Es ist ungeheuer schade, dass ausgerechnet nach seiner formidablen Leistung als zehnter Herzog von Chalfont, welcher er nach allen Morden und sonstigen Todesfällen wurde, seine Karriere einen langsamen Abstieg nahm und in Tiefen führte, die niemandem zu wünschen sind. Ein schlechtes Karma wegen seiner gentlemanliken Mörder-Rolle in „Kind Hearts and Coronets“ wird jedenfalls nicht die Ursache dafür gewesen sein. „I am a second-rate feature actor. I am not a star and never was. I lack the essential spark“  ist eines de wenigen Zitate von ihm, die wir gefunden haben, gesprochen in einer depressiven Phase und vermutlich Jahre nach seiner durchaus funkelnden Darstellung des Louis Mazzini in „Adel verpflichtet“.

Was ihn nahe an die klassische Kriminalliteratur seines Landes heranbringt, ist die Art, wie Louis Mazzini die d’Ascoynes umbringt. Es gibt einen schönen Verweis zu einem Essay, das sich „Der Niedergang der britischen Mordtradition“ nennt und vom berühmten Orson Welles etwa zu der Zeit verfasst wurde, als „Adel verpflichtet“ entstand. Darin beklagt Welles, dass in der Gegenwart nur noch phantasielos geschossen wird, hingegen die vielen elaborierten Methoden, jemanden umzubringen, die es abseits vom Schusswaffengebrauch gibt, sträflich vernachlässigt würden. Agatha Christie, Conan Doyle und all die anderen Autoren waren gewiss auf Welles‘ Seite – wie auch die Drehbuchautoren von „Adel verpflichtet“, der lose auf einem Roman von Roy Horniman aus 1927 basiert.

Es wird zwar auch geschossen, aber nur ein einziges Mal mit einem Gewehr sodass es wie ein Jagdunfall aussieht, ein weiteres Mal mit einem Pfeil auf einen Heißluftballon, Gift kommt ebenso zur Anwendung wie die Veränderung einer chemischen Substanz, die Fotoentwickler hochexplosiv macht, ein Artillerie-General wird passenderweise durch den Einsatz von Sprengstoff zu Tode gebracht. Einmal macht Mazzini nur ein Boot los, in dem ein jüngerer d’Ascoyne ein außereheliches Wochenende mit einer jungen Frau verbringt, und dieses Boot kentert in einem Wasserfall. Nur der Admiral und der Bankier in der Familie sterben nicht durch Mazzinis Hand bzw. durch von ihm in Gang gesetzte Kausalketten – der Seemann geht mit seinem Schiff unter und der Bankier stirbt natürlich aufgrund eines Schlaganfalls. Gerade diese Mischung lässt es denn doch ein Stück möglicher erscheinen, dass Mazzini nicht verdächtigt wird, alle Anwärter auf den Herzogstitel auszulöschen, die ihm bei der Erbfolge im Weg stehen.

Alle diese Morde und sonstigen Todesfälle werden auf eine Weise gezeigt, die ebenfalls den humorvollen Unterton des Films stark beeinflusst. Nie erscheint ein Toter im Bild oder wird direkt gezeigt, dass Mazzinis Maßnahmen eine tödliche Wirkung haben, vielmehr werden Szenen von großer Idylle mit den Todesfällen kombiniert, am schönsten vielleicht als der sympathisch-schrullige Fotograf in der d’Ascyone-Familie durch eine Entwickler-Explosion ums Leben kommt. Im Vordergrund, in einem lieblichen Garten, trinkt Mazzini mit der Frau des Fotografen (die er später, schon im Gefängnis sitzend, heiraten wird) Tee. Hinter einer Mauer gibt es eine Sekunde lang eine Verpuffung, das ist alles und man weiß Bescheid, dass Mazzinis Plan aufgegangen ist. Das ist so anti-reißerisch und untertrieben inszeniert, dass es genau den britischen Witz beinhaltet, den man kennt und liebt, das Groteske oder Abscheuliche, das Übertriebene im Plot sozusagen en miniature zu zeigen, es damit zu kontern und es – selbstverständlich – auch zu verharmlosen. Wer die Welt nicht ein wenig distanziert-ironisch sehen kann, ist für diese Art von Humor nicht empfänglich, aber hinter ihm steckt eine Menge Kenntnis über menschliches Wesen.

Zynisch muss man allerdings nicht sein, es ist ja nur ein Film und die Figuren, die zu Tode kommen, hatten, das ist wieder ein Vorteil der relativ kurzen Auftritte, welche die d’Ascoynes in Person von Alec Guiness haben – mit Ausnahme vielleicht des Bankiers, der aber glücklicherweise nicht umgebracht werden muss. Eine Ausnahme stellt auch der schrullige und den Pflichten eines Hochadeligen abgeneigte Fotograf dar, der uns schon sympathisch geworden ist, als er dann doch von Mazzini um die Ecke gebracht wird. Warum man es zugelassen hat, dass in diesem einen Fall eine leichte Identifikation stattfindet, ist Auslegungssache. Sicher war es nicht unabsichtlich, dazu ist dieser Film viel zu intelligent geschrieben und inszeniert. Wir meinen eher, dass man neben dem Bankier doch eine Figur haben wollte, deren Ableben der Zuschauer ein wenig bedauert – auch, um die Distanz zu Mazzini zu erhalten, ohne ihn aber  zu verurteilen.

Lange Zeit haben wir uns gefragt, welche dramaturgische Idee sich hinter der Rolle der sinnliche Sibella offenbaren wird; der Arzttochter, mit der Mazzini nach dem Tod seiner Mutter aufgewachsen ist. Dieses dünkel- und schlangenhafte Wesen, das spürt man irgendwann, wird Mazzini Unglück bringen. Sie trübt zwar seinen Verstand nur kurz und trägt mit ihrer Ablehnung seines Heiratsantrages wegen seines vorerst niedrigen Standes dazu bei, dass er anfängt, Mordpläne zu schmieden, aber sein Verstand ist im Wesentlichen nicht getrübt. Als er durch sie in einen Geschäftsvorfall mit dem anschließenden Freitod des Geschäftspartners verwickelt wird, also in ein Ereignis, das nicht seinen rigorosen Plänen entspricht, aber durch seine später im Film erzielte Stellung als Banker und der Tatsache, dass er mit dem betreffenden Kaufmann ebenfalls augewachsen ist, nicht unlogisch wirkt, erfüllt sich die Ahnung, dass diese Frau ihn in Gefahr bringen wird. Weil er eine andere heiraten will, nachdem er nun die bessere Partie ist und der Gatte von Sibella sich umbringt, macht sie eine wirklich bösartige Falschaussage und – bringt ihn damit ins Gefängnis. Sie behauptet, er habe ihren Mann auf dem Gewissen.

In einem besonderen Gerichtsverfahren, das nur Mitgliedern des Londoner Oberhauses zusteht (die aber offensichtlich keine Immunität genießen), verteidigt er sich nur sehr pflegmatisch, als wisse er, dass sich alles aufklären wird. Er wehrt sich zwar, aber nicht überall dort, wo man es sinnvollerweise tun könnte, zum Beispiel, indem er sagt, dass ein Geschäftsgespräch zwischen Bankier und Kunde in den Privaträumen des letzteren, wiewohl allgemein sehr unüblich, wahrscheinlicher wird durch die langjährige Bekanntschaft mit diesem Mann, der vor dem Bankrott steht und der jetzt zehnte Earl von Chalfont keinen weiteren Kredit gewähren will.

Aufgrund eines vorgeblichen Deals kommt Mazzini aber doch frei – weil Sibella einen Abschiedsbrief ihres Gatten zutage fördert, den sie zuvor versteckt hielt. Dafür soll Mazzini der anderen Frau entsagen, hat dies aber nicht vor. Ein wenig kurios mutet an, dass Sibella zum Zeitpunkt des Deals schon weiß, dass Mazzini, schon inhaftiert, die andere geehelicht hat und sich eigentlich ausrechnen müsste, dass sein Eingehen auf ihren Vorschlag – Erneuerung der Verbindung gegen Herausgabe des Briefes – nur eine Finte ist. Das wirkt etwas naiv, aber es gibt schwächere Herleitungen für eine gute Pointe und dieser Moment ist psychologisch einer der wenigen schwachen im Film.

Zum Formalen lässt sich sagen, dass „Adel verpflichtet“ gleichermaßen stilsicher wie konventionell – sogar bewusst konventionell gefilmt ist. Keine expressionistischen Anwandlungen, die dunkle Dramatik erzeugen könnten, wie sie der amerikanische Film noir zu der Zeit, als „Kind Hearts and Coronets“ entstand, zu einer neuen, dem Krimigenere gemäßen Blüte entwickelt hatte, wenige Nahaufnahmen, was natürlich auch den Figuren, die von Alec Guiness dargestellt wird, zugute kommt. Lediglich Sibella ist manchmal in einem Close-up zu sehen, was wiederum belegt, dass der sonstige räumliche Abstand zu den Charakteren auch inhaltlich gedacht ist – nur das verführerische Antlitz der Frau mit der „etwas zu kurzen Nase und dem etwas zu breiten Mund“, wie Mazzini sie in ihrer Gegenwart beschreibt, wird anders in Szene gesetzt.

In ihren weichen, jugendlichen Zügen, hinter denen ein verschlagenes Wesen sich in Blicken, Mundbewegungen und kleinen Gesten andeutet, liegt das kommende Verhängnis. Denn letztlich ist es ja eines. Mazzini wäre nie für das inhaftiert worden, was er wirklich getan hat, glaubt dies aber, solange er nicht weiß, was ihm den Besuch eines Scotland Yard-Beamten auf dem Familienschloss der d’Ascoynes eingebracht hat und verfasst seine Memoiren. Dass er diese Aufzeichnungen, gefertigt in fein geschwungenen Lettern, auf dem Tisch liegen lässt, nachdem der Henker in letzter Minute gestoppt wurde, wäre ihm ja nicht passiert, wenn er Sibella nicht begegnet wäre – wenn man die Kausalkette bis an den Anfang zurückführt. Dass ihn da für einen Moment die Ruhe, das Nachdenken, die Kaltblütigkeit verlässt, kann man nachvollziehen. Vielleicht sollte er an der Gefängnispforte klingeln und sagen, er habe seine Zahnbürste vergessen.

Finale

Der Titel des Films geht auf eine Zeile aus einem Gedicht von Alfred Tennyson zurück, in der es heißt: „Kind hearts are more than coronets, And simple faith than Norman blood„. Angesichts der Tatsache, wie sich alle Figuren im Film verhalten, schön ironisch. Oder? Eine Figur immerhin gibt es, die sehr tugendhaft wirkt und alles vereinnigt, was alle Männer und die andere Frau im Film durch ihr Verhalten so weit weg wirken lassen: Edith, die ehemalige Frau des Fotografen, die dann Mazzinis Frau wird. Sie ist der Anlass für manch erlesenen Dialog und manche Reflektion von Mazzini und in ihrer ätherischen Tugendhaftigkeit, die aber leichte Untertöne einer devoten Form von sexuellem Begehren aufweist, auch wieder eine Persiflage.

Ebenso, wie die Figur des Henkers, der früh im Film auftritt und lernen will, wie man einen Earl standesgemäß aufknüpft – und diesem am Ende ein grausiges selbst verfasstes Gedicht vorträgt. Ohne diesen Vortrag wäre die kurzzeitige Rettung von Mazzini zu spät gekommen, möglicherweise. 1949 wurde in England noch die Todesstrafe verhängt, daher wirkt dieser Part umso schrulliger. Seit etwa Mitte der 60er Jahre ist Art der strafrechtlichen Sanktion auch auf der Insel nicht mehr zur Anwendung gekommen, sodass wir hier, im Gegensatz zu den gültig-satirischen Darstellungen der Adeligen im Film, eine veränderte Wahrnehmung haben – nämlich die, dass wir auf ein Relikt aus einer Gottseidank abgeschlossenen, sehr langen Epoche treffen, in welcher mehr oder weniger das Talionsprinzip der Maßstab für die Sühne schwerer Delikte war.

90/100

Es gibt mit „Asphalt Jungle“ und „Fahrraddiebe“ aus bisher 100 Rezensionen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners immerhin zwei Werke, die für uns ein klein wenig höher stehen.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*“Black Crime Humor“ oder „British Crime Humor“, im Grunde bei diesem Film in seiner nochmals gehobenen Form des „B.B.C.H.“

(1) IMDB-Durchschnittsbewertung gegenwärtig 8,2/10, aber die erforderliche Anzahl von derzeit etwa 25.000 Stimmen für die Aufnahme in die Topliste wird mit ca. 19.000 abgegebenen Bewertungen wird verfehlt (IMDB Top 250). Im Jahr 2020 bringt es der Film zwar auf ca. 33.000 Bewertungen, erreicht aber nur noch einen Durchschnitt von 8,0/10. Das reicht gegenwärtig nicht, um ihm einen Platz in den Top 250 zu sichern.

(2) Handlung, Stab und Besetzung aus der deutschen Wikipedia.

Regie Robert Hamer
Drehbuch Robert Hamer,
John Dighton
Produktion Michael Balcon
Musik Ernest Irving
Kamera Douglas Slocombe
Schnitt Peter Tanner
Besetzung

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