Die letzte Jagd (The Last Hunt, USA 1956) #Filmfest 96

Filmfest 96 A

2020-08-14 Filmfest ANicht für Tierschützer, nicht für Romantiker

Man mag es kaum glauben, der deutsche Verleihtitel entspricht exakt dem amerikanischen Original, und das mitten in den 50ern, wo eher lakonische US-Titel von den hiesigen Verleihern gerne ins Groteske verfremdet wurden.

„Die letzte Jagd“ ist, was das Töten von Tieren angeht, einer der brutalsten Filme, die je gedreht wurden. Aus dem simplen Grund, weil die Büffeltötungen, die im Film von dem ungleichen Gespann Charlie Gilson (Robert Taylor) und Sandy McKenzie (Stewart Granger) ausgeführt werden, echt sind. Zu der Zeit, als „Die letzte Jagd“ entstand, lief ein staatliches Programm zur Ausdünnung der offenbar wieder stark angewachsenen Büffelherden, das genutzt wurde, um Realismus in einer zuvor nicht gekannten Form zu erzeugen. Man fühlt sich ein wenig an die berühmte Jagdszene aus „La règle du jeu“ (1939) erinnert (1). Weitere Assoziationen und Überlegungen finden sich in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Der legendäre „Büffel“-Jäger Sandy McKenzie ist des Tötens müde, sein Beruf ist ihm verhasst. Ganz anders Charlie Gilson, ein Ex-Soldat, der McKenzie als Führer für einen Jagdtrip gewinnen will. McKenzie hat Geldsorgen und sagt widerwillig zu. Der gemeinsame Streifzug durch den Nord-Westen wird zum Psycho-Trip. Gilson entpuppt sich als ein rassistischer, sadistischer und unberechenbarer Menschenfeind, der skrupellos auf Indianer schießt und unter Verfolgungswahn leidet.

Als eine Gruppe von Indianern ein Pferd stiehlt, verfolgt und tötet Gilson sie. Nur ein hübsches Indianermädchen und ihr kleines Kind bleiben am Leben und begleiten fortan die Jäger. Während das Mädchen sich zu McKenzie hingezogen fühlt, beansprucht Gilson es für sich. Als Gilson immer gewalttätiger wird, verhilft McKenzie dem Mädchen und seinem Kind zur Flucht. Gilson, der mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt, verfolgt die beiden und stellt sie vor einer Berghöhle. McKenzie und Gilson verabreden ein Duell zu Sonnenaufgang, doch Gilson erfriert in der Nacht in der winterlichen Prärie.

Rezension

Nicht nur durch diese persönliche Assoziation mit einem sehr kritischen Meisterwerk wirkt der Film düster und seine Charaktere rau, die Landschaft, in die sie gestellt sind, ist für damalige Verhältnisse großartig und in Cinemascope gefilmt. All diese Elemente machen diesen Film zu einem frühen Spätwestern. Die Schauspieldarbietung und die Dialoge sind noch nicht New Hollywood, die Gewaltdarstellung zwischen Menschen erheblich, aber die Kamera hält noch nicht so drauf wie in der großen Zeit etwa von Sam Peckinpah.

Anfang der 1850er Jahre gab es 60 Millionen wilde Büffel und viele Millionen Native Americans, die sich frei bewegen konnten. 30 Jahre später waren die stolzen Herden auf kärgliche 30.000 Stück zusammengeschmolzen, und viele Ureinwohner waren den Kämpfen mit dem weißen Mann zum Opfer gefallen, der Rest lebte beinahe ausschließlich in kümmerlichen Reservaten und war, seiner Jagdmöglichkeiten beraubt, sogar auf Lebensmittelhilfe der Weißen angewiesen. Der Film stellt eine augenfällige allegorische Verbindung zwischen dem Niedergang der wild lebenden Tiere und der frei lebenden Menschen her und desillusioniert in vieler Hinsicht.

Selten waren Western in den 1950ern so mythenfeindlich und schonungslos. Der Ex-Soldat Gilson hat ein Trauma, das er nicht etwa passiv leidend auslebt, vielmehr ist er zur Tötungsmaschine mutiert und hat jedes Ziel und Maß verloren. Ihm gegenüber steht als positive Figur der echte Büffeljäger Sandy, der weiß, dass das Ende der Herrlichkeit gekommen ist – doch er lässt sich von Gilson überreden, noch einmal zu schlachten und Kasse zu  machen. Den beiden schließen sich ein junges Halbblut und ein alter Büffelhäuter an, hinzu kommt eine Frau mit kleinem Kind (nicht ihr eigenes), weil Gilson die kleine Gruppe von Native Americans, zu der die beiden gehören, beinahe vollständig auslöscht.

Der Film wirkt zusätzlich verstörend, weil MGM hier die letzten Leading Men, die nach dem Rausschmiß von Clark Gable dem einst mächtigsten Studio Hollywoods verblieben waren, gegeneinander stellt: den statuarischen Robert Taylor, der zuvor mehrheitlich in romantischen Rollen eingesetzt wurde und Stewart Granger, der in den frühen 50ern mit „Prisoner of Zenda“, „Scaramouche“ oder „Green Fire“ an der Seite von Grace Kelly führender männlicher Darsteller im Vertragssystem von MGM und vor allem durch Mantel- und Degenfilme bekannt wurde. Sicher war dies nicht gewollt, aber dass sich diese beiden Schauspieler hier aneinander aufreiben, symbolisiert auch den Niedergang des einst glanzvollen Ensembles des Studios. Ohnehin zählen beide, sagen wir, zur 1b-Garde, was Talent und Nachruhm angeht, zusätzlich war Robert Taylor durch seine unglückliche Rolle im McCarthyismus und Granger durch seine bekannt schwierige Art am Set belastet. Andererseits waren sie damit die richtigen Akteure für einen Film ohne Helden. Ironischerweise hatte Granger ein paar Jahre zuvor einige Rollen abgelehnt, die Robert Taylor ein Comeback verschafften, etwa die des Marcus Vinicius in „Quo Vadis“ (2). Außerdem wurden sie in dem See-Abenteuermelodram „All the Brothers Are Valiant“ drei Jahre zuvor schon einmal mit ähnlcher Rollenverteilung geteamt.

Denn der Showdown fällt aus. Am Ende erfriert Gilson in einer pötzlich ungeheuer kalten Nacht, anstatt McKenzie stellen und vermutlich als schnellerer Schütze töten zu können. Auch dies ist eine signifikante Abweichung vom klassischen Westernschema. Dabei ist die Szene, als die Kamera plötzlich auf den mit Raureif überzogenen Gilsonez hält, schockierender als ein vorhersehbares Duell auf offener Straße. Einzig die Pistole ist auffallend blank, die er in der  Hand hält, die Ikone einer untergehenden Zeit blitzt in der Morgensonne und zeigt dorthin, wo Sandy und das Indianermädchen (sie trägt keinen individuellen Namen) sich in einer Höhle aufgehalten hatten. Das Feuer, das ein gutes Maß an menschlicher Wärme symbolisiert, bewahrt sie vor dem Tod, während der innerlich längst erkaltete Gilson draußen sein konsequentes Ende findet.

Taylor hatte bei den Kritikern keinen Stein im Brett, wie wir in der Rezension zu „Quo Vadis“ (1951) ausgeführt haben, das lag nicht nur an seiner schauspielerischen Limitierung, sondern auch daran, dass er als – wenn auch nachrangiger – Denunziant in den Ausschüssen gegen Antiamerikanismus hervorgetreten war, die Anfang der 1950er die Filmstadt terrorisierten und für das Ende oder die Unterbrechung vielversprechender Karrieren vor allem von linksliberalen Drehbuchautoren sorgte. Umso überraschter war man 1956, dass Taylor seiner Figur Gilson viel Präsenz und Wucht verleihen konnte. Manche halten diesen höchst unangenehmen Charakter für die beste Leistung, die Robert Taylor je abgeliefert hat – worin natürlich auch eine Pointe steckt, denn man wird die geradezu selbstironische Demontage des einstigen romantischen Beaus nicht ungern gesehen haben. Andere Konservative wie Gary Cooper hätten niemals eine Rolle wie die des psychopathischen Gilson angenommen, um eben nicht ihre Denkmäler als Darsteller hochaufrechter Amerikaner zu beschädigen.

Das nicht hundertprozentig stringente Drehbuch stammt ebenso von Richard Brooks wie die uneitle Inszenierung im Breitwandformat, die sich weitgehend fernhält von früheren und späteren Stilisierungen im Westerngenre. 1956 stand Brooks am Beginn seiner Karriere, war aber bereits für den großartigen „Blackboard Jungle“ (1955) für den Regie-Oscar nominiert worden, dies widerfuhr ihm vier weitere Male und er gewann die Trophäe mit „Elmer Gantry“ (1961), zusammen mit Burt Lancaster als bester männlicher Hauptdarsteller in diesem Film. Brooks zählt mit seinen besten Filmen zu den Topregisseuren der späten 50er und frühen 60er Jahre und man erkennt in „Die letzte Jagd“, wie er hochgradig abweichende Charaktere in Szene setzen kann – „Cat on A Hot Tin Roof“ oder „The Brothers Karamazov“ haben das zwei Jahre später sehr eindrucksvoll bewiesen, in „Elmer Gantry“ hat er’s mit der grandiosen Zeichnung der Figur des gleichnamigen Prediger-Scharlatans auf die Spitze getrieben.

Er war einer der Regisseure, die das psychologisierende Kino der 50er und frühen 60er hervorragend beherrschten und selbst in der kargen Western-Umgebung spielen reflexive Dialoge eine wichtige Rolle. Die Figuren erklären sich nicht allein durch ihr Handeln, sie beschreiben sich auch in Worten, ähnlicher den Erzählpassagen in einem auktorial verfassten Buch als dem literarischen Dialog. Allerdings ist diese Eigenschaft in Brooks‘ folgenden Tennessee Williams-Adaptionen weitaus stärker zum Tragen gekommen („Cat on A Hot Tin Roof“, „Sweet Bird of Youth“), sind andere Brooks-Filme flüssiger und gemäß ihrer oft großartigen literarischen Vorlagen als Storys oder Gesellschaftspanoramen reichhaltiger und flamboyanter als der entmythologisierte, aber auch auf dem neuen Terrain des blanken Western-Realismus manchmal etwas steif wirkende Stil von „Die letzte Jagd“ – da fehlt noch etwas zu den echten Spätwestern, die wieder zu mehr filmisch-dramaturgischen Stilmitteln und besseren Übergängen zwischen Szenen und Inhalten fanden.

Trotzdem ist „The Last Hunt“ ein interessanter Western mit humanistischer Botschaft, der Rassismus den amerikanischen Ureinwohnern gegenüber viel deutlicher anprangert als das zuvor üblich war und den Genozid an einer Tierrasse mit dem an jenen Menschen gleichsetzt, denen diese Tiere als Nahrung dienten.

70/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Mit diesem Klassiker des französischen Films startete im März 2011 die FilmAnthologie des Wahlberliners ebenso wie die Beitragsrubrik „Filmfest“ im „neuen Wahlberliner“ im Juni 2018.

(2) IMDb user reviews.

Regie Richard Brooks
Drehbuch Richard Brooks
Produktion Dore Schary für MGM
Musik Daniele Amfitheatrof
Kamera Russell Harlan
Schnitt Ben Lewis
Besetzung

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s