Der Gefangene von Zenda (The Prisoner of Zenda, USA 1937) #Filmfest 99

Filmfest 99 A

2020-08-14 Filmfest ADer britische Gentleman tritt zurück der Ehre und der Pflicht wegen

Wir kannten bisher nur die Technicolor-MGM-Version von 1952, mit Stewart Granger und der wirklich wunderschönen Deborah Kerr als Prinzessin Flavia – und Stewart Granger in der Doppelrolle des Kronprinz Rudolf / Rudolf Rassendyll. Dankenswerterweise hat 3Sat nun die Selznick-Produktion von 1937 ausgestrahlt. Verblüfft hat uns zunächst, dass der ältere Film nicht nur mit derselben Musik unterlegt ist, sondern auch die Szenen beinahe 1:1 dieselben sind wie bei der 15 Jahre jüngeren Variante.

In der Tat hat man den Originalscore ebenso noch einmal verwendet wie das Originaldrehbuch. Das ehrt den Film von 1937, lässt den von 1952 aber nicht gerade innovativ wirken, schöne Farbgebung hin oder her. Mehr zur Variante von 1937 steht in der -> Rezension. Diese Version war übrigens die vierte Verfilmung des 1894 erschienenen Romans von Anthony Hope.

Handlung mit Auflösung (1)

Der Engländer Rudolf Rassendyll macht Urlaub in dem kleinen Balkanstaat Ruritanien. Auf seiner Reise begegnen ihm die Einwohner des Landes mit merkwürdigem Verhalten. Als er Colonel Zapt und Fritz von Tarlenheim trifft und sie ihm Rudolf V., den zukünftigen König Ruritaniens, am Vorabend seiner Krönung vorstellen, wird ihm das Verhalten der Leute klar. Er und Rudolf V. sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Wie sich herausstellt, sind sie miteinander verwandt, worauf sie mit einem Glas Wein anstoßen. Rudolf ist besonders angetan von einer Flasche Wein, die ihm sein Halbbruder Michael, der Herzog von Streslau, geschickt hat und die er allein austrinkt. Der Wein war jedoch vergiftet, sodass Rudolf am nächsten Morgen nicht in der Lage ist aufzustehen. Sollte er jedoch nicht zu seiner eigenen Krönung erscheinen, wird sein Halbbruder Michael den Thron an sich reißen. Dessen ist sich Colonel Zapt sicher, weshalb er den zunächst zögerlichen Rassendyll überredet, an Rudolfs Stelle die Zeremonie über sich ergehen zu lassen.

Während die Feierlichkeiten vorbereitet werden, lernt Rassendyll Rudolfs Verlobte, Prinzessin Flavia, kennen. Diese hat ihren Verlobten nie leiden können. Da sie nicht weiß, dass ihr nun ein Doppelgänger gegenübersteht, glaubt sie, dass sich Rudolf zu seinem Vorteil verändert habe, und sie kommen sich allmählich näher. Nach der erfolgreichen Krönung will Rassendyll mit Rudolf wieder die Rollen tauschen. In der Zwischenzeit wurde jedoch der wahre König gefunden und von Rupert von Hentzau, einem Gefolgsmann Michaels, in ein Versteck gebracht. Rassendyll sieht sich daher gezwungen, seine Rolle weiter zu spielen, während Colonel Zapt versucht, Rudolf ausfindig zu machen.

Um selbst König zu werden, müsste Michael Flavia heiraten, weshalb seine eifersüchtige Geliebte Antoinette de Mauban enthüllt, dass der König von Michael auf dessen Schloss Zenda gefangen gehalten wird. Zudem verspricht die Französin, Zapt und Rassendyll bei der Befreiung von Rudolf zu helfen. Da Letzterer bei einem groß angelegten Befreiungsversuch sofort getötet würde, soll ein Mann allein durch den Burggraben von Zenda schwimmen, die Wachen überwinden und Rudolf aus seinem Verlies befreien, bevor Colonel Zapt mit seiner Armee über die herabgelassene Zugbrücke in das Schloss eindringen kann. Rassendyll entschließt sich gegen die Proteste von Zapt, diese Aufgabe zu übernehmen.

Unterdessen ertappt Michael Rupert dabei, wie dieser Antoinette verführt. Es folgt ein Kampf zwischen den beiden Männern, in dessen Verlauf Rupert Michael ersticht. In ihrem Kummer über Michaels Tod veranlasst Antoinette mit einem lauten Schrei Rassendylls Angriff auf die Wachen. Als er die Zugbrücke für Zapt und seine Männer herunterlässt, kommt es zwischen ihm und Rupert zu einem erbitterten Duell. Rupert sieht sich gezwungen zu fliehen, als Zapt und sein Gefolge unaufhaltsam in die Burg strömen. Nachdem Rudolf endlich sein rechtmäßiges Erbe angetreten und den Thron bestiegen hat, müssen sich Rassendyll und Flavia voneinander verabschieden. Obwohl Flavia Rassendyll aufrichtig liebt, will sie ihr Land nicht im Stich lassen. Rassendyll kehrt schließlich allein nach England zurück.

Produktion (1)

„Zenda“, der fiktive Name des Schlosses, leitet sich vom persischen Wort „zendân“ ab, was so viel wie „Gefängnis“ bedeutet. Anthony Hopes Roman Der Gefangene von Zenda erschien 1894 und wurde bereits kurz darauf in ein gleichnamiges Bühnenstück umgearbeitet, das am 7. Januar 1896 in London Premiere feierte. Nachdem die Geschichte auch mehrfach als Stummfilm auf die Leinwand gebracht worden war, inspirierte die Abdankung des englischen Königs Edward VIII. im November 1936 Filmproduzent David O. Selznick, eine neue Version zu drehen.[1] Douglas Fairbanks Jr. wollte ursprünglich die Hauptrolle spielen. An seiner Stelle wurde jedoch Ronald Colman als Rassendyll bzw. Rudolf V. besetzt, während er den kleineren Part des hinterhältigen Rupert von Hentzau erhielt. Nach Beendigung der Dreharbeiten unter der Regie von John Cromwell war Selznick unzufrieden mit den Fechtszenen, weshalb er sie von Regisseur W. S. Van Dyke nochmals drehen ließ.

Rezension

Beide Male spielt ein Engländer die Hauptrolle des Kronprinzen Rudolf / des englischen Gentleman Rudolf Rassendyll – im „Original“  ist es Ronald Coleman, im Remake Stewart Granger. Wenn man beide Darstellungen vergleicht, hat man einen der Hauptgründe, warum die 1937er Version höher bewertet wird. Ronald Colman war ein Gentleman, der aus gutem Haus stammte. Wir haben mit „Random Harvest“ bereits einen Film mit ihm rezensiert, in dem wir ihn erstklassig in seiner Rolle als traumatisierter Soldat des ersten Weltkrieges fanden, der partiell sein Gedächtnis verliert. Eine etwas seltsame Story, aber ein großes Melodram. Weder in „Random Harvest“ noch in „The Prisoner of Zenda“ konnten wir leider seine legendäre Stimme bewundern, die  zu den schönsten im frühen Tonfilm gehört haben soll – so ist das eben. Manchmal tut die Synchronisation viel für einen Film, ändert sogar seine Atmosphäre bis zu einem gewissen Grad – manchmal kann sie zumindest nichts gutmachen, etwa dann, wenn die Originalstimmen schon sehr gut und weitaus mehr moduliert sind als im amerikanischen Kino der der 30er üblich.

Die Handlung von „The Prisoner of Zenda“ ist auch ziemlich unwahrscheinlich, aber mit dem Unterschied, dass dies auch so verstanden werden darf. Alles trägt sich zu in einem fiktiven, ziemlich kleinen, mittelosteuropäischen Land. Die Spur des Orient-Express, der den Engländer Rudolf Rassendyll zum Angeln und in eine ziemliche Zwickmühle bringt, verliert sich zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rumänien.

Der zum König zu krönende Prinz Rudolf kann nicht antreten, weil er beim ohnehin zu viel trinken ein Schlafmittel genommen hat, das von seinem bösen Bruder Michael und Rupert von Hentzau in den Wein praktiziert wird. Rudolf, der dem künftigen König verblüffend ähnlich sieht und tasächlich ein entfernter Verwandter desselben ist, muss einspringen und macht seine Sache so gut, dass Prinzessin Flavia, die Rudolfs Frau und damit Königin werden soll, sich in ihn verliebt – und umgekehrt. Bis zur Auflösung sind einige Abenteuer zu überstehen, doch am Ende ist die Ordnung wiedererlangt. Der Kronprinz, von seinen Widersachern gefangen und dadurch geläutert, übernimmt sein Amt und Rassendyll reitet von dannen. Zum Angeln, wie man vermuten darf.

Klar ist der Film ein Märchen, aber kein ganz unpolitisches. Die Buchvorlage entstand 1894, also vor dem ersten Weltkrieg und in einer Zeit, in welcher der Balkan unruhig war und sich die Rivalität der ehemals befreundeten Mächte England und Deutschland / Österreich-Ungarn zuzuspitzen begann. Ob das im Buch so vorgegeben war, wissen wir nicht, aber die Uniformen der Königstreuen in „The Prisoner of Zenda“ sehen preußisch aus, mit abweichender Farbgebung – die der konspirativen Widersacher sind an ungarisch-balkanische Militärmäntel angelehnt. Da ist durchaus ein Statement drin, das ist monarchisch und der herrschenden Ordnung verpflichtet – mithin einer undemokratischen, in der es rivalisierende Parteien, aber kein Volk mit einer Meinung gibt.

Der von der Geburt benachteiligte Halbbruder von Rudolf, genannt „Black Michael“ (herrlich gespielt von Raymond Massey) wäre wohl wirklich der bessere König, kann aber keinerlei Sympathiepunkte mitnehmen, weil er leider auch ein so düsterer Charakter ist. Und erst der intrigante, nur auf den eigenen Vorteil bedachte von Hentzau, ebenfalls sehr schön von Douglas Fairbanks Jr. verkörpert, ein echter Swashbuckler, mit dem sich Rassendyll ein finales Degengefecht liefert (das übrigens nicht, wie einige zeitgenössische Kritiker schreiben, eines der besten der Filmgeschichte ist – da hat man in späteren Filmen  mehr an den Details gefeilt, die Szenen mehr ausgedehnt und extravaganter choreografiert, aber das lässt sich rückblickend natürlich leicht schreiben, vor allem, weil die große Zeit der Mantel- und Degenfilme nach 1937 liegt).

Der Film enthält ein weiteres Statement, das man nicht unter den Teppich kehren sollte und das 1:1 der Buchvorlage geschuldet ist. Ein echter englischer Gentleman wie Rudolf Rassendyll spielt hier einen besseren König als der König selbst einer ist. Er ist allen anderen Figuren überlegen – und doch von einer zurückhaltenden Würde, die ihn auch dem Film-Nachfolger Stewart Granger überlegen macht. Er tut, was er tun muss und tritt zurück aus dem Rampenlicht, wenn es an der Zeit ist. So ein Format hat man eben, als Brite aus besseren Kreisen. Da können mediokre Osteuropäer nicht mit. Es gibt einige loyale Figuren wie den Oberst Zapf und Fritz von Tarlenheim (gespielt vom jungen David Niven), alle  Namen klingen nicht osteuropäisch – sondern eben deutsch-österreichisch.

Den Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand im Jahr 1914, der den Ersten Weltkrieg auslöste, konnte man im 20 Jahre älteren Buch nicht antizipiert haben, aber wie ein Engländer, gezwungenermaßen, nicht aus eigenem Antrieb, im europäischen Hinterland die Ordnung bewahrt, das ist geradezu prophetisch, wenn  man es auf die kommenden Ereignisse bezieht. Es lag etwas in der Luft, im ausgehenden 19. Jahrhundert, das kann man anhand dieses auf den ersten Blick märchenhaften Films gut erfassen. Separatisten, Intriganten, schwache Monarchen – diese reale politische Situation verdichtet der Roman von Anthony Hope.

Der Autor war in etwa der Schicht angehörig wie seine Romanfigur Rudolf Rassendyll und – auch wenn es völlig subjektiv ist – das Bild, das die Wikipedia von ihm vermittelt und zeigt, lässt sich gut in die Interpretation des Engländers mit der Noblesse-oblige-Attitüde einordnen.

Ronald Colman vermittelt der Rassendyll-Figur eine gebührende aristokratische Aura, aber auch ein ungewöhnliches Maß an Wärme, was an seiner Haltung gleichermaßen wie an seinem Spiel liegt. Er überlegt immer wieder, sieht das Menschliche und das Menschliche spiegelt sich in seinen Zügen – und dann siegt es, als Prinzessin Flavia und er Gefühle füreinander entwickeln.

In diesem Moment, das wird von einschlägigen Kritiken etwas zu wenig beachtet, verlässt er durchaus den Pfad der Tugend, sprich der Pflichterfüllung. Wenn es nach ihm ginge, würden die beiden miteinander nach England durchbrennen und sie ist es, die ihm sagt, dass sie sich ins ihr vorbestimmte Leben fügen wird. Diesen Part hat Deborah Kerr übrigens um einige Nuancen besser rübergebracht als Madelaine Carroll.

Somit erfüllt „The Prisoner of Zenda“ ein wichtiges Kriterium der ganz großen Romanzen. Die Liebe zwischen dem Gentleman und der Prinzessin bleibt unerfüllt. Wir kennen das in Form des offenen Endes aus „GWTW“, der zwei Jahre später ebenfalls bei Selznick entstand, wir kennen es aus „Doktor Schiwago“ usw. Das ist nun einmal das romantische Prinzip, die unerfüllte Liebe, die auch verzichten kann oder es muss. Schon der Gedanke ist rührend, in einer Zeit, in der jeder immer alles sofort haben will, aber es liegt etwas Verführerisches darin, sonst würden diese Filme nicht heute noch so  hoch bewertet.

Abgesehen davon ist „The Prisoner of Zenda“ gut gemacht. Abenteuer, eine beträchtliche Anzahl guter und böser Männer, die mit wenigen Pinselstrichen als kräftige Charaktere gezeichnet werden, ein märchenhaftes Setting in einer Zeit, die noch gar nicht so lange vergangen war, als der Film gedreht wurde, aber doch schon eine versunkene Welt. Möglicherweise hat Serbien als Idealstaat und Teilstaat des damaligen Österreich-Ungarn für das „Ruritania“ im Buch und im Film hergehalten.

Finale

Die Bild- und Tonqualität der von uns gesehenen Fernsehfassung war mäßig, das hat den Genuss ein wenig getrübt. Es gibt restaurierte Filme aus der Zeit, die optisch wesentlich frischer wirken – schon deswegen muss man ein wenig Form und Inhalt trennen und dem Gefangenen von Zenda bescheinigen, dass er partiell recht modern gespielt ist (manchmal auch nicht, z. B., wenn Prinzessin Flavia in Zeitlupe die Hände vors Gesicht hebt), dass er Tempo und gute Figuren hat – deren Motivation im Rahmen einer etwas an den Haaren  herbeigezogenen Verwechslungskomödie nachvollziehbar ist, einzig die Wendigkeit des Rupert von Hentzau macht etwas atemlos. Schon die Begegnung des Kronprinzen mit Rudolf Rassendyll hat einen nicht sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrad , doch ein Märchen ist der Film im Grunde nicht. Er ist eine Operette ohne Lieder, weil er in einem Operettenstaat spielt, er ist eine Romanze, weil die Liebe sich nicht durchsetzen darf gegen Ehre und Pflichtbewusstsein. Er ist hintergründig auch ein wenig politisch und zeigt ein für die USA der Roosevelt-Ära ziemlich konservatives Gesellschaftsbild.

76/100

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie John Cromwell,
W. S. Van Dyke (ohne Nennung)
Drehbuch John L. Balderston,
Edward E. Rose,
Wells Root,
Donald Ogden Stewart
Produktion David O. Selznick
Musik Alfred Newman
Kamera James Wong Howe
Schnitt James E. Newcom
Besetzung

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