Tanzmariechen – Tatort 1011 #Crimetime 565 #Tatort #Koeln #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Tanz #Tanzmariechen

Crimetime 565 - Titelfoto WDR, Thomas Kost

Kölle alaaf again!

Dies ist nicht der erste Faschings… pardon, Karnevals-Tatort aus Köln, und das liegt ja auch nah. Wir zeigen diese Rezension aus dem Jahr 2017 erstmals – anlässlich der Wiederholung des Films, die natürlich in der närrischen Zeit stattfindet. Immer wurde der Karneval bisher kritisch dargestellt. Auch dieses Mal?

Erstmals wurde der Kölner Karneval in „Restrisiko“ (Tatort 406) als Hintergrund für ein Verbrechen verwendet, später gab es schon einen Tatort über das Innere des Klüngels mit einem Prinzen als Hauptfigur, nun also „Tanzmariechen“. Und die Kölner machen ernst mit der Absicht, die Münchener als Team mit den meisten Fällen abzulösen, deswegen wird im Zeichen des Doms so häufig gedreht und ausgestrahlt wie in keiner anderen Tatort-Stadt (erst der Tatort 1007 „Wacht am Rhein“ kam aus der WDR-Hauptstadt). Routinier Thomas Jauch war für die Inszenierung zuständig, dies ist seine 20. Regiearbeit für die Reihe. Ob uns die Inszenierung und alles andere gefiel, steht in der ->Rezension.

Handlung

An ihr kam kein Tanzmariechen vorbei. Und auch mit dem Vereinspräsidenten Günter Kowatsch geriet Elke Schetter schon mal aneinander: Jetzt wurde die strenge Tanztrainerin des Karnevalsvereins „De Jecke Aape“ ermordet. Und das nur wenige Tage vor dem Start in die neue Karnevalssession. Eine Katastrophe! Bei ihren Ermittlungen finden die Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf schnell heraus, dass es bei „De Jecke Aape“ zuletzt alles andere als heiter zuging. Zwischen den beiden Tänzerinnen Saskia Unger und Annika Lobinger herrscht ein harter Konkurrenzkampf um die Position des ersten Tanzmariechens.

Und erst vor zwei Monaten hatte sich die junge Evelyn, ein sehr talentiertes Mitglied der Tanzgruppe, das Leben genommen.Sie war von den anderen Mädchen gemobbt worden. Trotzdem spielt der Karnevalsverein im Leben von Evelyns Familie nach wie vor eine sehr große Rolle, besonders für ihren Vater Rainer Pösel. Gegen den Willen seiner Frau Martina sucht er die Konfrontation mit dem Vereinspräsidenten Günter Kowatsch. Da steht auch schon der elfte Elfte vor der Tür – an diesem Tag wäre Evelyn 17 Jahre alt geworden.

Rezension

Ich mag die Kölner wirklich sehr gerne, niemand kann so gut wie sie soziale Themen an ein großes Publikum vermitteln (10,71 Millionen Zuschauer waren es dieses Mal, das ist für Kölner Verhältnisse exorbitant und über dem aktuellen Tatort-Durchschnitt). Sehr gut bewährt hat sich die dialektische Vorgehensweise bei solchen Gegenständen, Max Ballauf vertritt eine Position, meist die mehr mitfühlende, Freddy ist für die etwas kernigeren und manchmal spießbürgerlichen Gegenargumentation zuständig. Aber man nimmt keinem von beiden etwas übel, weil sie so nette Typen sind.

Dieses Mal ist Max eh gegen den Karneval, was auch gut zu seiner Rollengestaltung als ernsthafter Mensch passt, Freddy allerdings auch, als seine Enkelin doch lieber die jecken Tage als Zombie denn als Prinzessin verbringen möchte. Und am Ende? Da schmeißen sich doch alle ins Getümmel, obwohl doch der Karneval jüngst die Leben zweier Menschen gefordert hat, die sich diesem Geschäft, und es wirkt hier wie ein Geschäft, verschrieben haben. Kann man irgendwie schräg finden und wie einen ironischen Kommentar ansehen, muss man aber nicht.

Tatorte, die in besonderen Milieus spielen, sind oftmals nicht besonders gut gemacht. Warum auch immer, vielleicht fehlt den meisten Zuschauern der Zugang dazu und sie misstrauen der Authentizität der Darstellung, ärgern sich auch darüber, dass sie nicht beurteilen können, ob das, was hier gezeigt wird, realistisch ist. Zudem wissen gerade erfahrenere Tatort-Fans, dass die Milieus meist nur Folklore sind, das, was sich in ihnen abspielt, allgemeinmenschlich mehr oder weniger relevant. Überall die gleiche Konkurrenz, die gleichen Ränke, die gleichen Träume und deren Verlust; das Verbrechen geschieht immer aus ähnlichen Motiven und oft, sehr oft, heißt es: „Ich wollte ihn / sie doch gar nicht umbringen!“, damit die Täter als Opfer der Umstände und nicht als bei klarem Verstand oder gar berechnend handelnde Personen erscheinen. Gerade zum Kölner Outfit, zur Sozialstation unter den Tatort-Mordkommissionen, passt dies besonders gut, aber es ist natürlich auch eine Masche.

Außerdem ist der Film sehr statisch und konservativ gefilmt, hätte genau so vor zwanzig Jahren schon gedreht werden können, als die Kölner starteten. Damals waren sie das modernste Team, dementsprechend die filmische Gestaltung, vor einigen Jahren haben sie sich mit „Franziska“ und „Ohnmacht“ beinahe noch einmal erfunden, aber im Moment hat man den Eindruck, Routine geht vor Innovation, Sicherheit vor Kunst. Man muss es nicht ins Exzentrische treiben, aber etwas mehr Expressivität dürfte schon sein. Man gewinnt fast den Eindruck, das Milieu der halbprofessionellen Jecken soll durch die Filmweise noch trister wirken, als es inhaltlich schon dargestellt wird.

Ich kann nur sagen, warum sollte es bei den Karnevalisten anders sein als irgendwo sonst in einem System, in dem wir alle dafür gezüchtet werden, die anderen möglichst nicht partnerschaftlich zu behandeln, sondern in die Pfanne zu hauen? Hier steht deswegen Egozentrik der Marke „Ich bin die Beste, du bist Scheiße“ im Mittelpunkt, dabei geht es um Tanzdarbietungen. Das gab es vor einiger Zeit schon in Münster, Formationstanz, jetzt eben Karnevals-Pyramiden und –choreografien. Allerdings ohne Gags, hier wird so richtig dargestellt, wie ernst Karneval sein kann. Vor allem, wenn man ihn zu ernst nimmt, wie die Familie Pösel oder Saskia Unger und ihre Rivalin Annika.

Schade, dass das alles eben recht uninspiriert und unspannend dargeboten wird. „Tanzmariechen“ ist ein Whodunit mit ganz klassischem Tatort-Aufbau, auch wenn die erste Leiche keinem physischen Angriff ausgesetzt war, sondern ein Mobbingopfer ist und es den traditionellen Tatort erst nach einigen Filmminuten zu bewundern gibt. Die Auflösung hat mich nicht überrascht, es gab nicht viele Verdächtige, die nach traditioneller Tatort-Logik in Frage kamen. Man hat also Cyber-Mobbing und Leistungssteigerungspillen hinzu genommen, um die heutigen Fertigmach-Methoden und die heutigen Überforderungen im Leistungssystem noch ein wenig herauszuarbeiten und klassischen Fanatismus hinzugetan, der einem Hobby gilt, also doch Spaß machen und emotionalen Gewinn erbringen sollte. Die Karikatur des Karnevals mit dem Sohn der Pösels, der als Büttenredner nicht taugt, ist einfach zu plan, zu plakativ geraten. Das Laute und allzu Volkstümliche des Karnevals hat man sozusagen zur Darstellung der Hintergründe übernommen und sie so gezeigt, dass der Sinn des Ganzen mehr als fraglich ist.

Ich bin kein Faschingsfan und kein Faschingstyp, und da wo ich herkomme, darf ich auch Fasching sagen, obwohl es „Fastnacht“ oder „Faasenachd“ heißt. Und ich war nur einmal bei einem Rosenmontagszug zugange, weil ich damals hobbymäßig fotografiert habe und ablichten wollte, wie sich das ausnimmt, mit all den bunten Wagen und Uniformen, die sich gut als Motive eignen. Und mal auf einen Faschingsball gehen oder in die Faschingsdisco, das kam vor. Okay. Natürlich lädt der organisierte rheinische Frohsinn zur Kritik ein, wenn er den so trist daherkommt, wie man es hier sehen kann. Ich meine allerdings eher, das Szenario ist exemplarisch und man hätte auch die Reiter, die Jäger, die Sammler und andere Milieus nehmen können, jedweden Berufsstand, der gewisse eigene Regeln hat, es gibt in dem Film nichts, was man als Alleinstellungsmerkmal der Karnevalstradition identifizieren könnte.

Aber den ersten schwulen Kuss in einem Tatort. Falls es so ist. Sinnigerweise fängt man damit in der zweiten Reihe an, nicht bei den Hauptfiguren Freddy und Max. Dass diese, dass auch der Gerichtsmediziner, der schon ewig von Joe Bausch gespielt wird, ein so inniges, langjähriges Verhältnis haben, dass es vielleicht auch sexuelle Komponenten herausgebildet hat, wird ein wenig angedeutet, aber nicht ernsthaft ins Kalkül gezogen, und wenn man in Berlin in der Ecke lebt, in der ich mich niedergelassen habe, lächelt man beinahe müde darüber, dass Freddy sich noch echauffiert, ob denn ein offen gezeigtes gleichgeschlechtliches Zugehörigkeitsverhältnis auf einem Präsidium angängig ist. Ich meine zwar eher, solche Gunstbezeugungen gehören dort nicht hin, das ist aber eine prinzipielle Haltung, die auch klassische Mann-Frau-Beziehungen einschließt. Nachdem man sich in Berlin ja nun traut, einen Ermittler als bisexuell zu outen, geht man nun ein Schrittchen weiter und bleibt doch hinter jeder Form von Brisanz zurück. Jeder Jeck ist anders, das ist der typische Kölner Spruch, der mir dazu einfällt.

Finale

Dem Film fehlt das gewisse Etwas und innerhalb des Ballauf-Schenk-Fundus wird er wohl keine herausragende Stellung einnehmen. Es gibt nichts wirklich Furchtbares oder komplett Misslungenes, aber auch keine bemerkenswerten Höhepunkte. Der Humor bricht manchmal ein wenig durch, um ganz schnell eingefangen zu werden, das betrifft auch die Schlussszene, in der Freddy dann den Karneval doch adaptiert und sich als Vampir verkleidet. Es ist einfach alles zu düster, und was soll man noch mit dem Karneval, wenn man den Eindruck hat, dass die Ökonomie, die Politik, das Leben selbst, etwas sehr Karnevaleskes haben?

6/10

© 2020 (Entwurf 2017), Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Tobias Reisser – Patrick Abozen
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Evelyn Pösel – Stella HolzEapfel
Paul Pösel – Luke Piplies
Rainer Pösel – Tristan Seith
Martina Pösel – Milena Dreißig
Günther Kowatsch – Herbert Knaup
Saskia Unger – Sinja Dieks
Annika Lobinger – Natalia Rudziewicz
David Mühlberger – Marc Rissmann
Elke Schetter – Katja Heinrich
Tanzgruppe De Heinzelmanncher zo Kölle e.V.
Tanzgruppe Kölsche Harlequins der KG Alt Köllen vun 1883 e.V.
Tanzcorps Fidele Sandhasen Oberlar e.V.
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Szenenbild – Stefan Schönberg
Schnitt – Dagmar Lichius
Musik – Stephan Massimo

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