Bienzle und das Narrenspiel – Tatort 286 #Crimetime 567 #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Narren #Spiel

Crimetime 567 - Titelfoto © SDR / SWR

Der Rammler Schimanski und der Nagellackierer Bienzle

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Bienzle hat bei der Stuttgarter  Mordkommission nicht genug Treiben und fährt nach Ravensbug, um sich die schwäbisch-alemannsiche Fasnet anzuschauen, und da kommt es auch schon zum Mord, und weil er das Fastnachtstreiben an sich auch nicht reizend genug findet und auch seine Frau nicht, wie die Nagellackierszene beweist, ermittelt er ohne Auftrag – und das ist gut so, angesichts der Aufstellung der örtlichen Polizei. Mehr über den Film in der -> Rezension.

Handlungsangabe ARD

Wie jedes Jahr zur Fastnachtszeit sind im oberschwäbischen Ravensburg die Narren los. In den traditionellen Kostümen, den sogenannten Narrenhäs, schwärmen sie durch die Stadt, reimen Spottverse auf die Obrigkeit und andere Opfer und machen einen Heidenlärm, um den Winter auszutreiben.

Doch mitten in der Fastnacht, im bunten Chaos maskierter, fröhlicher Menschen, geschieht ein Mord; der Kassierer einer Bank wird erstochen, und der Mörder flieht in der besten Tarnung, die es in der närrischen Zeit geben kann: im Narrenhäs. Zeugen haben jedoch beobachtet, daß der Mörder hinkte – wie Albrecht Behle hinkt, der Maskenschnitzer, der seine Werkstatt schräg gegenüber der Bank hat. Ein Großteil der Beute findet sich bei ihm, und schnell zeigt sich, daß die Mordwaffe, ein Stecheisen, aus seiner Werkstatt stammt. Für Hauptkommissar Horst Keuerleber ist der Fall klar: Alles weist auf Behle hin. Doch Keuerleber hat einen Gast, der sich vom äußeren Schein nicht so schnell beeindrucken läßt. Ernst Bienzle wollte in Ravensburg eigentlich nur seiner Freundin Hannelore die schwäbisch-alemannische Fasnet zeigen. Die allzu klare Sachlage des Mordfalls weckt jedoch seine Neugier, und er kann’s nicht lassen, seinem Kollegen in der Provinz kollegial unter die Arme zu greifen – sehr zu dessen Verdruss.

Mit der Unvoreingenommenheit des Ortsfremden und dem ihm eigenen guten Gespür für Menschen tastet Bienzle sich an den Fall heran und macht einige interessante Entdeckungen. Es gibt offenbar einflussreiche Leute in der Stadt, denen Behle ein Dorn im Auge ist und die an einer Verurteilung Behles interessiert sein könnten. Der eigensinnige Maskenschnitzer hat nämlich früher in einem Unternehmen für feinoptische Geräte gearbeitet und dort einige bahnbrechende Erfindungen gemacht, um deren Patente er sich betrogen fühlt. Um sich sein Recht zu verschaffen und seine Unschuld an dem Mord zu beweisen, bricht der in Untersuchungshaft sitzende Behle aus dem Gefängnis aus und beschafft sich, um nicht erkannt zu werden, ein Häs aus dem Narrenmuseum.

Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord, und wieder wird der Mörder gesehen – in genau so einem Kostüm, wie Behle es im Museum gestohlen hat. Es sieht schlecht aus für Behle. Wie schlecht, wird Bienzle klar, als er beginnt, den lokalen Filz zu durchschauen, denn die Gegenspieler Behles sind durch ihre Stellung so gut geschützt, dass sie zur Tarnung weder Häs noch Maske brauchen.

Rezension

  • Erstaunlich, dass man 1992 einen neuen Kommissar von so traditioneller Prägung installiert hat, nachdem es in Ludwigshafen schon Lena Odenthal gab und in München das Gespann Batic und Leitmayr – Ermittlerpersönlichkeiten, die mindestens eine Generation moderner scheinen, allerdings haben damals in Hamburg und Berlin auch noch Hutträger und Columbo-Mantelträger ermittelt. Der damalige SDR hat erkennbar ein traditionelles Gegengewicht zu den für damalige Verhältnisse sehr jugendlich wirkenden Teams schaffen wollen, die gerade in Serie gegangen waren. Immerhin hat das Modell Bienzle 15 Jahre überdauert.
  • Die Sache mit dem fetten Hasen, der von seinem Züchter den Namen Schimanski verpasst bekam („Ist das ein Männchen?“ – „Das ist ein Rammler“), ist köstlich, aber etwas fies, weil ein böser Nachruf. Schimanski hatte zwei Jahre vor dem Dreh von „Bienzle und das Narrenspiel“ aufgehört und konnte sich dagegen nicht mehr wehren. Aber wie sehr der Ruhrpott-Kommissar noch in den Köpfen von Tatortmachern war, die nicht den Vorzug hatten, ihn zu inszenieren, merkt man an solchen Einlagen. Bienzle und Schimanski waren keine Zeitgenossen.
  • Wir wissen jetzt, welcher Tatort die Blaupause für den bisher besten Flückiger-Film aus der Schweiz ist („Schmutziger Donnerstag“). Mörder hinter Masken sind cool, gar keine Frage. Der Whodunnit lässt sich wunderbar gestalten, wenn ein jeder hinter einer jeden Maske stecken könnte.
  • Der 286. Tatort ist schön gefilmt, für die Verhältnisse der Zeit, mit erstklassiger Kamera-Arbeit im Gewühl des Fastnachtsumzuges, die Masken vermitteln durchaus einen wohligen Grusel, welcher der abseits der Täterperson konventionellen Handlung etwas Einprägsames und dem Krimi mehr Lokalkolorit vermittelt, als heute üblich. Schade, dass 1993s noch im 4:3-Format gefilmt wurde, das Ganze wäre in 16:9 noch viel prächtiger geworden. Nett auch der besondere Abspann, Tatort-Fadenkreuz über dem Scheiterhaufen einer miesen Seilschaft anstatt, wie üblich, blau unterlegt.

„Bienzle und das Narrenspiel“ ist der dritte von 25 Tatorten, in denen Dietz-Werner Steck den urschwäbischen Kommissar gespielt hat.

Hat der Film sozialpolitische Botschaften? Natürlich, wenn auch nicht auf dialektische Weise à la Köln aufbereitet. Das Flüchtlingskind Albrecht Behle – Behle dürfte ein angenommener Name sein – ist ein typisch schwäbischer Erfinder, kommt aber von irgendwo aus dem Nordosten, deswegen spricht er auch bis heute keinerlei schwäbisch, was etwas seltsam wirkt, nach der langen Zeit der Ansässigkeit ab Kindheit. Aber da Robert Atzorn, der den Behle spielt, nun einmal kein Schwabe ist, ist das wohl die beste Lösung gewesen.

Dieser ingenieuse junge Mann kommt in eine typisch schwäbische Firma für Optik und Feinmechanik und erfindet dort industriell Wertvolles, was das Zeug hält und wird von den cleveren Schwaben ausgenutzt und scheidet in Unfrieden aus einer Firma, die sich außerdem als Drehscheibe für Geldtransfers nach Liechtenstein herausstellt. So sehr ändern sich die  Zeiten gar nicht, es war alles schon vor 20 Jahren da, was wir heute betrüblich finden.

Geld, Geld, Geld!, sagt Bienzle zu dem Firmenpatriarchen, der alle in seiner Umgebung unterdrückt oder ausnimmt – die zweite Komponente. Nämlich, dass die treibende Kräfte auch solche Tyrannen sind, die Söhne gegen Mitarbeiter ausspielen, Banker gegen Prokuristen und Polizisten gegen alle. Aus Ravensburg komme nicht nur Gesellschaftsspiele für den Tischgebrauch, sondern die Gesellschaft dort betreibt auch närrische Machtspiele, die sich im Karneval natürlich gut spiegeln lassen und genauso verhext sind wie die Maskenträger – teilweise herrscht ja auch Personalidentität.

Karnevals- oder Fastnachtsfilme kennen wir nun also mindestens aus drei  oder vier Städten: Köln / Düsseldorf, Ravensburg / Schwaben und Luzern in der Schweiz, wobei letztere Gegenden als solche und mit den fantasievollen Kostümen mehr fürs Auge bieten. Dafür gibt es aber eine direktere Beziehung zwischen der Art, wie dort das Geschäftlich-Soziale funktioniert und dem Narrentum an sich als in den größeren rheinischen Städten, in denen die Karnevalsvereine ja nur einer von mehreren Bestandteilen des allgemeinen, großen Klüngels sind.

In späteren Filmen mit Bienzle und seiner Freundin, die sie ohne Ehering ja ist, gibt es nicht mehr diese cleverle angedeuteten Sexszenen, die möglicherweise gar keine sind, wegen der frisch lackierten Nägel von Hannelore, die es schon eingangs der Szene gibt, mit Abstandhaltern zwischen den Zehen. Dass Bienzle später die Nägel lackieren muss, könnte aber auch auf das Gegenteil schließen lassen … wobei, aber das wollen wir jetzt nicht weiter ausführen.

Wirklich präzise ist der Tatort sowieso stellenweise nicht – am auffälligsten, als der Gefängniswärter dem in U-Haft einsitzenden Behle so viele Werkzeuge zukommen lässt, dass man eine ganze JVA-Mannschaft mit verschiedenen Feilen und Stecheisen ermorden könnte. Die Schauspielleistungen wirken immer dann am besten, wenn schwäbisch gesprochen werden darf. Wir kennen den Effekt von anderen Städten und Gegenden mit Akzent: Der Dialekt wird eben authentisch und natürlich und verdeckt schon mal Schwächen im Ausdruck und den darstellerischen Bandbreiten.

Finale

Unterhaltsam war’s, und wir finden Bienzle, nachdem wir mehrere seiner Tatorte gesehen haben, nicht zu langsam oder behäbig – am Bodensee zum Beispiel geht es heute auch noch eher in ruhigem Tempo voran, trotzdem sind wirken die dortigen Tatorte nicht veraltet.

Vielleicht liegt es daran, dass Bienzle mehr polarisiert als zum Beispiel die knuffigen Kölner – er ist ganz deutlich auf altmodisch getrimmt, wie das besprochene Oufit und auch der in den frühen 1990ern schon sehr traditionelle Name Ernst klar belegen.

In seinem Narrenspiel aber beweist er gerade zum Ende hin eine Intuition, die ihn auf eine Stufe mit den besten weiblichen Ermittlern stellt – denn so klar ist das nun nicht, dass der örtliche Polizeichef der zweite Täter sein muss, als dass man einfach seinen Spind aufbrechen könnte (und klar, dort ist dann auch das Narrenkostüm drin, weil so jemand ja kein besseres Versteck vorweisen kann – vermutlich schläft der Mann nachts auch im Spind). Der Tatort ist am Ende also eher etwas zu schnell bei der Lösung als zu langsam. Gute und weniger gelungene Elemente halten sich die Waage, deshalb kommt eine nach WB-Schema durchschnittliche Bewertung dabei heraus: 7/10. 

© 2020 (Entwurf 2014) der Wahlberliner, Thomas Hocke

Rita Russek (Hannelore Schmiedinger) · Robert Atzorn (Albrecht Behle) · Pia Hänggi (Maria Matras) · Andrea L’Arronge (Regina Finkbeiner) · Ulrich Matschoss (Wilhelm Phillipp) · Hubertus Gertzen (Gerhard Freudenreich) · Hans-Georg Panczak (Werner Phillipp) · Thomas Goritzki (Horst Keuerleber) · Klaus Spürkel (Polizeiobermeister Koch) · Dietmar Walbeck (Egon Zimmermann) · Claus Boysen · Alexander Gittinger · Angelika Hartung · Peter Jochen Kemmer · Tobias Krafft · Dirk Salomon · Georg Scharegg · Nikolai Sukup · Erika Wackernagel · Günter Zulla

Regie – Hartmut Griesmayr
Buch – Felix Huby
Kamera – Wolfram Hahn · Johannes Rühle · Georg Steinweh
Schnitt – Jens Klüber · Christiane Krafft
Musik – Roland Baumgartner
Produktion – SDR

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s