Rattenlinie – Tatort 444 #Crimetime 572 #Tatort #Hamburg #HH #Stoever #Brockmöller #Ratte #Linie

Crimetime 572 - Titelfoto © NDR, Manu Sawhney

Eine Ratte kehrt zurück und Bruder Paul fängt sie

Vorwort 2020:

Diese im Jahr 2012 geschriebene Rezension zeigen wir ausnahmsweise nicht anlässlich einer Tatort-Wiederholung, sondern zu Ehren der beiden Tatort-Ermittler, die nicht nur in Hamburg geliebt wurden: Paul Stoever und Peter Brockmöller weil wir am Tag der Bürgerschaftswahl in Hamburg an sie erinnern wollen. Paul Stoever war immer gegen Rechts, einige seiner Sprüche wie den über die „Blöd-Zeitung“ sind legendär. Peter Brockmöller war nicht so offen politisch, aber sehr sozial eingestellt.

Die Demokratie ist in Gefahr. Wie würden die beiden heute darauf reagieren, welche Themen würden ihre Filme zeigen? Angesichts der noch laufenden Wahl am heutigen Sonntag hätte sich gewiss auch „Blindekuh“ zur Auswahl angeboeten, aber „Rattenlinie“ ist ein sehr politischer Tatort und es geht um alte Nazi-Verbindungen. Nicht zuletzt: Er zählt nach Meinung vieler Fans zu den besten aus über 40 Fällen, die Stoever und Brockmöller in den Jahren 1984 (Brockmöller ab 1986) bis 2001 lösten. Stoever als Undercover-Agent in Mönchskutte ist klasse. Wir nutzen die Gelegenheit auch, nach einiger Zeit wieder einmal eine Rezension in Originaloptik und inhaltlich unverändert wiederzuveröffentlichen.

Es gibt unter Tatortfans die These, dass der Titel der Tatortfolge schon zu viel über den Ausgang des Films verrät. Man darf aber nicht heutige Kenntnisse zum Thema zugrundelegen. Im Jahr 2000, als die Folge 444 herauskam, gab es zum Beispiel diesen Artikel in der Wikipedia noch nicht.

Als wir neulich schrieben, dass der Tatort 846 („Borowski und der freie Fall“) sich mit dem Bezug auf die Affäre Barschel von 1987 eines politischen Themas so direkt angenommen hat wie noch kein Tatort zuvor, dann gilt das weiterhin – knapp. Denn auch die Rattenlinie gab es wirklich. Die Bezeichnung kommt aus dem Englischen und gilt für die Wege, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs NS-Verbrechern und anderen Faschisten aus vielen Ländern half, der Verurteilung für ihre Taten zu entkommen.

Anfang der 2000er Jahre war dies ein brisantes Sujet, denn zum einen verjährt Mord nie, andererseits musste der Film dann auch gemacht werden, weil der Lauf der Zeit bald dafür sorgen würde, dass die alternden Ratten irgendwann sterben würden. Die Täter, die Helfer. Auch die Opfer würde es bald nicht mehr geben. Schon deshalb finden wir, ist „Rattenlinie“ besonders wertvoll. Hier werden sie alle noch einmal zusammgenführt.

Heute wären die im Film durchaus rüstigen Männer, sofern sie noch leben, verwelkte Relikte der unguten Vergangenheit und nicht  mehr fähig, einander zu beobachten, Ränke zu schmieden oder andere zu manipulieren oder gar per gut gezieltem Messerstich hinzumorden. Weil diese Wehrhaftigkeit vermutlich nicht mehr vorhanden wäre, käme es nicht dazu, dass Hauptkommissar Paul Stoever, so er denn noch ermitteln würde, als Bruder Paul ins Kloster eintritt und schon aufgrund seiner Haartracht so wirkt, als habe er immer dort gelebt – nicht nur sein Co-Ermittler Peter Brockmöller sieht das so und drückt es aus, auch wir finden, Bruder Paul ist eine der besten Figuren, die wir von Manfred Krug bisher gesehen haben.

Handlung, Besetzung, Stab

Ein alter Mann wird erstochen auf einem Autobahnparkplatz bei Stillhorn aufgefunden. Der Tote wird als Otto Wissing identifiziert, ein Landarbeiter aus dem niedersächsischen Evershorst, der seit vielen Jahren im benachbarten Kloster St. Marien als Tierpfleger arbeitet. Als Stoever und Brockmöller vor Ort mit ihren ersten Ermittlungen beginnen, stellen sie schnell fest, dass der Tote als unbequemer Einzelgänger galt, der mit dem Abt des Klosters im Streit war, weil er gegen den geplanten Verkauf des Klosterberges war. Ein ungeheuerlicher Verdacht kommt auf: Hat Abt Zumbrink etwas mit dem Tod des alten Mannes zu tun?

Dubios ist auch die Rolle des scheinbar ehrbaren Politikers Alfred Löhden, einem Ziehsohn des Abtes. Stoever und Brockmöller wird klar, dass sie den Fall nur lösen können, wenn sie getrennt ermitteln. Stoever wird undercover im Kloster als Bruder Paul aktiv, während Brockmöller offiziell alleine die Ermittlungen weiter führt. Stoever findet heraus, dass im Kloster einige seiner Brüder etwas zu verbergen haben. Offensichtlich hat jemand Bilder der wertvollen Dürersammlung, die im Besitz des Klosters ist, gegen Fälschungen ausgetauscht. Musste Otto Wissing sterben, weil er Zeuge des Diebstahls wurde? Hat der alte Bruder Erich etwas gesehen, der erst vor kurzem aus dem Ausland zurückkehrte und nun wie ein Einsiedler in seiner Klause lebt? Was wissen Bruder Manfred, Dürer-Experte des Klosters, und Gerd Löhden, Sohn des Politikers, die ein Liebesverhältnis verbindet? Was verschweigt der Abt? Als sich Stoever und Brockmöller zu einem Trick entschließen, um das Rätsel des Mordes zu lüften, nimmt der Fall eine überraschende Wende.

Stoever – Manfred Krug

Brockmöller – Charles Brauer
Stefan Struve – Kurt Hart
Bruder Manfred – Dirk Martens
Zumbring – Rolf Illig
Bruder Erich – Alexander May
Alfred Löhden – Walter Kreye
Gerd Löhden – Ole Puppe
Elisabeth Löhden – Eva Kryll
Otto Wissing – Werner Dissel
Else – Eva Brumby
Viktor – Edgar Hoppe
und andere

Regie – Hartmut Griesmayr
Buch – Raimund Weber

Rezension

„Rattenlinie“ ist ein wirklich gelungener Tatort. Das Tempo ist zwar niedrig, aber das ist dem Klosterleben angemessen und der Ort eignet sich auch nicht für Slapstickeinlagen. Der Nebenstrang mit den gestohlenen Gemälden ist notwendig, weil dieser klassische Whodunnit ansonsten einen Mangel an Wendungen aufzuweisen hätte. Dank dieses Dürer-Tausches aber gibt es genügend Verdächtige für den Mord an Otto Wissing (Werner Dissel) gegeben, ein ehemaliges Nazi-Opfer, das als Rentner noch für das Kloster arbeitete.

Ein paar kleinere Schwächen gibt es gleichwohl. Die Tauschaktion Dürer echt gegen Fälschungen mit den Fehlern, die beim Tauschvorgang passiert sind, wirkt etwas plump. Wieso zwei Kopien von einem Bild. Das kann nicht der Hektik während des Tauschens geschuldet gewesen sein, wie Stoever äußert, schließlich wurden die Kopien ja nicht vor Ort gefertigt, sondern waren vorbereitet und da hätte es auffallen müssen, dass eine fehlte, es von einem anderen Bild hingegen zwei gab – zumal ein Kunstexperte an der Aktion beteiligt war. Noch mehr hinterfragen wir diesen Part jetzt aber nicht, sonst wird er doch immer zweifelhafter.

Ärgerlich ist, dass Bruder Paul Stoever seinem schwulen Mitbruder Manfred Straffreiheit bezüglich des Kunstraubes quasi zusichert, während Gerd Löhden (Ole Puppe), der andere Homosexuelle und Sohn eines Politikers, im eigenen Haus verhaftet wird. Zwar ist zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, wer der Mörder an Wissing ist, doch glaubt Bruder Paul ja dem Bruder Manfred, und demgemäß wäre auch Gerd aus dem Mord heraus und man müsste nicht so hart rangehen. Aber im Kloster stehen eben doch alle mehr unter dem Schutz des Herrn als in der weltlichen Welt und da ist noch so ein heiliger Respekt vorhanden. Wenn Manfred beim Kreuz und bei Gott an einer Stätte, in der alle Gott so nah sind, schwört, er hat den Wissing nicht auf dem Gewissen, dann nimmt Paul ihm das auch ab.

Erstaunlich aber, wie der Vater von Gerd, der auf dem Sprung in die Europapolitik stehende Alfred Löhden (Walter Kreye), ein Findelkind, in Wahrheit Sohn eines NS-Verbrechers, ein aufrechter Mann ist, der auch kein schmutziges Geld aus der Vergangenheit annehmen will. So würden Politiker heute nicht mehr dargestellt, sondern eher so, wie sie wirklich sind. Auch bezüglich seines Verhaltens gibt es ein paar Unschärfen, denn es wird der Eindruck vermittelt, er weiß bis zu einer Blutprobe gar nicht, wessen Sohn er ist und kann daher auch Geldmittel nicht annehmen oder gar deren Herkunft moralisch bewerten.

Die Ermittlungsarbeit von Stoever und Brockmöller ist hingegen schön gemacht. Es ist so praktisch, dass Kriminalhauptkommissare, besonders, wenn sie auf dem Land agieren, wo niemand sie kennt, immer mal wieder in irgendwelche Szenen eintauchen, hier in die abgeschiedene Welt hinter dicken Klostermauern, die so viele Geheimnisse birgt. Die wurschtige, aber nie komplett übergriffige Art, in der Stoever sich durch die Backstube, zum Lauschen an Fensteröffnungen und nachts in die Dürer-Galerie manövriert, ist einfach herrlich und man muss sich nicht jedes Detail unter der Lupe zurechtlegen, um es auf Realismus zu überprüfen.

Stoevers Werk und Gottes oder Marias Beitrag bringen den Fall schließlich zu einer Lösung, die nicht nur Sinn macht, sondern auch politisch relevant und historisch korrekt ist, soweit die Informationen im Jahr 2000 gereicht haben. Der Wiener Bischof Hudal, den gab es wirklich, ebenso wie die Verstrickung es Vatikans und des Papstes Pius XIII. persönlich. Die Figuren, die im Film aufgetreten sind, etwa der Abt Zumbrink (von Rolf Illig hervorragend verkörpert) sind fiktional. Das ist ein immer wieder probates Mittel zur politischen Information, Wirklichkeit und Fiktion zu vereinen und die Trennlinie an der richtigen Stelle zu ziehen.

Weil Maria vielleicht doch die Gerechtigkeit befördert, bringen ihr Paul und Peter (Brockmöller) (Charles Brauer) ihr am Ende in der Klosterkapelle ein Ständchen. Das ist so liebevoll ironisch und witzig, dass wir versucht sind, es als beste Gesangseinlage nicht nur von Stoever und Brockmöller, sondern als die beste, die wir bisher überhaupt in einem Tatort gesehen haben, zu deklarieren. Wir legen uns jetzt aber nicht so eindeutig fest, sind aber sicher, nur diese beiden Ermittler, die als Swinging Cops in die Tatortgeschichte eingingen, konnten diese Szene so spielen, dass man einen Tatortabend mit mehr als nur einem Schmunzeln beschließt.

Die Swinging Cops waren immer in der Lage, auch schwierige soziale Themen nicht zu bedrückend wirken zu lassen – in ihren vielen Folgen wurde nichts Wesentliches ausgelassen, und den leicht antiquierten Charme dieses Duos macht vielleicht genau das aus – dass sie immer als Figuren so wirkten, als sei das Leben bei aller Präsenz des Verbrechens heiter und beherrschbar. Das historische Thema der Flucht von NS-Verbrechern mithilfe der Katholischen Kirche ist besonders dazu geeignet, konzentrierte Filmarbeit, launige Ermittler und historische Instruktion zu verbinden. Es ist hingegen nicht mehr gruselig, wie die alten Herrschaften Seilschaften bildeten, denn seit der Erstausstrahlung von „Rattenlinie“ sind schon wieder zwölf Jahre vergangen und kaum jemand von den Tätern lebt noch und Überlebende auf Opferseite waren damals Kinder. Manche NS-Schergen wurde doch noch aufgespürt, spektakulär war in diesem Zusammenhang der Fall Eichmann, der in Argentinien vom Mossad entführt und in Israel verurteilt und hingerichtet wurde. Eichmann, Mengele und die anderen, sie werden von Stoever auch erwähnt, damit das größere Ganze der Fluchthilfe nach 1945 erkennbar wird.

Interessant ist in diesem  Zusammenhang auch die Figur des Wisssing-Mörders Erich / Ernst gezeichnet. Er kehrt nach Deutschland zurück, um seine Tage im Kloster zu beschließen und nimmt beim Abt viele Beichtstunden. Als aber seine Tarnung aufzufliegen droht, weil das frühere Opfer seiner Gestapo-Methoden, Wissing, ihn an einem Merkmal erkennt (dem verkürzten kleinen Finger der rechten Hand), das sich auch mit zunehmendem Alter nicht verändert, da meuchelt er diesen Mann hin – und beichtet natürlich anschließend wieder. Es ist nicht so, dass Stoever und Brockmöller darauf verzichten, fragwürdige Moral anzusprechen, deshalb wird hier auch diskutiert, wieweit Priester im Namen Gottes Absolution für Verbrechen erteilen dürfen, weil jemand gebeichtet und in irgendeiner From Buße getan hat. Verzeichen ist sicher göttlich, aber dass den Opfern in dieser Welt Gerechtigkeit widerfahren kann, ist glücklicherweise Strafrecht im weltlichen Rechtsstaat – zumindest prinzipiell. Man kann sich  nicht so billig aus der Verantwortung stehlen – das widerum, und das wird im Nordfernsehen ganz subtil eingeflochten, ist protestantische Verantwortungsethik („Ein‘ feste Burg ist unser Gott“, singt Stoever ausgerechnet in einem katholischen Kloster). Während der NS-Diktatur hat sie Kirche sich als Institution bestürzend neutral verhalten, danach half sie unter anderem wegen der Doktrin, dass im Sinne des Antikommunismus beinahe alles erlaubt ist, auch die Hilfe für EX-NS-Verbrecher.

Die Wirklichkeit im Ganzen und christliche Anschauungen und deren Auswirkungen in der Praxis betreffend, die ist differenziert. Man kann dies daran ersehen, dass es im katholischen Süden Deutschlands nach der Reichsprogromnacht vom 9. November 1938 immerhin so etwas wie einen Hauch von Protest seitens kleineren Teilen der Bevölkerung wegen des Vorgehens gegen die jüdischen Bürger gab, im protestantischen Norden hingegen dergleichen ansatzweise zivilcouragiertes Verhalten nicht zu registrieren war. Das ergab sich durch die Auswertung u. a. von Berichten der Gestapo an Joseph Goebbels.

Fazit

Hat viel Spaß gemacht, den hervorragend besetzten Figuren im Kloster zuzuschauen, wie sie mit ihrer Verangenheit umgehen, wie sie vor der schwulen Liebe an ebenjenen Ort flüchten, wie die Peter & Paul-Connection dort Einzug hält und mit ziemlicher Findigkeit Licht in die dunklen Geheimnisse zu bringen versucht, die das Kloster birgt.

Bei der Ermittlungsarbeit hat man sich wenig auf Experimente eingelassen. Gespräche belauschen, Unterlagen aufspüren und anschauen, das war’s im Wesentlichen und reicht aus. Dass der Historiker-Mönch und Gästebetreuer Viktor (Edgar Hoppe) gerade eine Biografie über seinen Abt schreibt und alle kompromittierenden Dokumente dabei offenbar nicht nur verwenden darf in dem Sinn, dass der Abt sie ihm zugänglich macht, sondern dass sie auch noch so offen auf seinem Schreibtisch herumliegen, dass Bruder Paul Stoever nur noch ein wenig die Lupe zuhilfe nehmen muss, um klar zu sehen, ist natürlich ein weiterer Punkt, den man getrost als Kniff bezeichnen kann, um den Plot nicht ausufern zu lassen. Man hat lieber die Linie bewahrt als auf alle Fragwürdigkeiten und wenig wahrscheinliche Zufälligkeiten zu verzichten.

Die späten Folgen der gereiften Meisterpolizisten aus Hamburg haben etwas Lässiges und Souveränes, dem kann man sich schwer entziehen. Besonders auffällig ist das in „Rattenlinie“, wo nicht nur die übliche Musikeinlage der beiden besonders gelungen platziert und inszeniert ist, sondern weil zusätzlich der Schnickschnack anderer Folgen wie etwa das Geplänkel der beiden Cops am Arbeitsplatz nicht stattfindet. Ein wohltuend klarer Film, nicht nur die Bildsprache betreffend, die wiederum durch den hauptsächlichen Drehort befördert wird.

Wir bewerten „Rattenlinie“ mit 8,0/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s