Borowski und eine Frage von reinem Geschmack – Tatort 777 #Crimetime 573 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Frage #Geschmack

Crimetime 573 - © NDR, Marion von der Mehden

Wo ist Borowski?

Haben wir Frieda Jung vermisst, die nach Helsinki ausgerückt ist und bei Borowski schmerzliche Erinnerungen in Form eines Briefes hervorruft? Waren wir  ungeduldig, weil Sarah Brandt hier noch nicht als Kollegin, sondern als eine Vegetarierin auftaucht, die Borowski ins Heck des Braunen fährt und von ihm das monatliche Lust-Steak geschenkt bekommt? Etwas albern fanden wir das schon.

Ging’s uns auf die Nerven, dass dieser Tatort so didaktisch angelegt ist und damit den NDR-Schwestertatort aus Hannover übertrifft, der beim Sender für die penetrante Belehrung des Publikums zuständig ist? Dass wir uns aber noch eher wie in Bremen vorkamen, auch wenn es in „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ nicht die Ermittlungsperson ist, die für die Erläuterung der Welt sorgt? Darüber und über einiges mehr haben wir in der -> Rezension geschrieben.

Handlung

Der 15-jährige Florian stirbt nach dem Genuss des Energy-Drinks „Vitanale“ an einem allergischen Schock. Untersuchungen ergeben, dass das Fitnessgetränk mit einer Überdosis Lebensmittelfarbstoff versehen war. Ist das der Grund für den Tod des Jungen?

Schnell wird klar, dass der Junge zwar Allergiker, die tödliche Menge aber alles andere als ein Zufall war. Eine erste heiße Spur führt Borowski direkt zu der Molkerei Kallberg, die ihr Spitzenprodukt „Vitanale“ aggressiv vermarktet. Ein Einbruch in die Molkerei scheint zu beweisen, dass Sabotage im Spiel ist. Ins Zentrum der Ermittlungen gerät zunächst ein junger Umweltaktivist, der seit einiger Zeit eine Kampagne gegen „Vitanale“ führt und vor zweifelhaften Methoden nicht zurückschreckt.

Aber auch die ehrgeizige Firmenchefin Liane Kallberg und ihre zerstrittene Familie wirken auf Borowski zweifelhaft. Sarah Brandt, die eher unfreiwillig mit Borowski in Kontakt gerät, erweist sich als hilfreiche Informantin über die Kallbergs.

Als sich ein Erpresser meldet, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Bald wird klar, dass hinter dem Verbrechen ein menschliches Drama steht, in dem der Vater des toten Jungen eine Schlüsselrolle einnimmt.

Rezension

Wir sind Fans von Borowski, vielleicht hat das die Enttäuschung verstärkt. Es gibt Städte und Ermittler, da erwarten wir mittlerweile die Übertreibungen und Überdramatisierungen, aber es zeichnet den Kieler Tatort geradezu aus, dass er anders ist. Humorvoll, manchmal sogar mit schwarzem Humor, mit einem Hauptdarsteller Axel Milberg, der mit Understatement eine der hintergründigsten und bestgespielten Tatortfiguren abgibt. Manchmal gibt es etwas nordisch angehauchte Mythik oder Mystik, hin und wieder auch Sozialdramatisches und den Abgang von Frieda Jung und deren Ersetzung durch Sarah Brandt, die hatten wir ganz gut verkraftet, obwohl Letztere zu jung wirkt, um ein ähnliches Verhältnis mit Borowski eingehen zu können wie Frieda in „Borowski und die Sterne“.

Apropos. Letzteren Tatort hatten wir wesentlich besser bewertet als das geneigte und versierte Publikum auf der führenden Plattform Tatort-Fundus (Rangliste). „Borowski und die Sterne“ gilt den Fans als der zweitschwächste von derzeit 21 Filmen mit dem Kieler Kommissar (Stand 13.06.2013). Und welcher ist der Schwächste unter überwiegend guten? Es ist „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“. Die Latte liegt bei Borowski vergleichsweise hoch, das muss gesagt werden. Doch dieses Mal gehen wir mit der Mehrheit d’accord. Vor allem die Inszenierung hat uns bei der Folge 777 nicht gefallen. 777 ist ein Flugzeugtyp der Firma Boeing. Der Tatort mit dieser Nummer ist leider kein Überflieger.

Die Nahrungs- oder Lebensmittelindustrie ist einer der größten Sündenpfuhle des aktuellen Kapitalismus, da sind wir mit den Machern von „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ ganz einer Meinung. Wir outen uns mal politisch: Wir essen überwiegend Bio und kaum Fleisch und waren zuletzt im Januar auf der Berliner Großdemonatration „Wir haben es satt“ – da ging es um viele Aspekte unseres Ernährung. Ja, es stimmt, vor soundsoviel Jahren mussten die Menschen einen erhebliche größeren Anteil ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden als heute.

Chemie, Billigprodukte von geringster Qualität suggerieren heute, dass man sich schnell, günstig und auch noch gut ernähren kann. Dass dies eine Falle ist, muss jedem klar sein, der ein wenig nachdenkt. Denn im Gegensatz zu Waren, bei denen die Herstellung bei gesteigerter Produktivität nicht zwangsläufig Nachteile bei der Qualität mit sich bringt, sind Naturprodukte nur natürlich, wenn die natürlichen Grundlagen dafür gewahrt bleiben. Und die Natur lässt sich nicht ins Zeug pfuschen: Wer Gutes will, muss es aushalten, dass dies Zeit zum Wachsen und Reifen braucht und dass sich der Ausstoß, sagen wir pro Flächeneinheit, nicht ohne Schäden beliebig steigern lässt.

Wir könnten noch viel zu diesem Thema schreiben, aber im Tatort wurde ja hinreichend dazu referiert und das Beispiel dieser Energy-Drink-Firma ist gut gewählt. Hat uns etwas an Red Bull erinnert, die Schweizer Käufer natürlich an Nestlé oder an Kraft, jene US-Firma, die Jakobs Suchard übernommen hat. Fehlen nur noch die bösen Buben von Monsanto, die dafür sorgen wollen, dass bereits das Saatgut monopolisiert wird.

Es war leicht, viel für die Bestätigung eigener Ansichten zur Nahrungsmittelindustrie und zum Kapitalismus allgemein in „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ zu finden. Umso schwieriger, Borowski selbst zu erkennen. Wir haben viel von dem vermisst, was die Figur in der Regel aus- und mittlerweile sehr beliebt macht. Manchmal wirkt er in dieser Folge hölzern, weil die Dialoge das so vorgeben. Besonders in der Entführungs-Schlussszene kommt ein Schuss psychologische Unglaubwürdigkeit hinzu.

Überhaupt, die Psychologie. Obwohl die Figuren teilweise originell sind (etwa Herr Kallberg senior), wird in diesem Film hemmungslos überagiert. Das beginnt bei Vater Hölzl, dessen Sohn sich mit einem Kallberg-Drink vergiftet hat. Der geht die Stationen vom Trauernden über den Suizidgefährdeten bis zum Rächer mit einer Mühelosigkeit, die zwar gut gespielt, aber dennoch nicht glaubwürdig ist. Ein Mann, der so rüberkommt wie Hölzl, vergreift sich nicht an der Kallberg-Tochter, nur weil die Mutter ihn offensichtlich instrumentalisieren will, indem sie Anteilnahme zeigt und sich dabei ablichten lässt.

Dieses Ding mit der Inszenierung ist auch viel zu plakativ und das Gewinde dieser Schraube ist in Gefahr der Beschädigung. Besonders, als „Beckmann“ so intensiv und am helllichten Tag die Frau Kallberg interviewt, dass man sich nicht nur wünschte, das würde er tatsächlich einmal tun; jemanden so in die Zange nehmen, nein, auch die Reaktion von Frau Kallberg ist irgendwie unstimmig und zu defensiv. Sie ist eben doch ein Seelchen, denkt man sich hin und wieder.

Mehrere Figuren sind so angelegt, dass sie möglicherweise differenziert wirken sollen, aber so gezeigt werden, dass sie vor allem unstimmig und überspielt wirken. Aus diesem Thema hätte man einen dieser coolen Nordfilme machen können, wenn  er weniger dialoglastig, wenn die Dialoge weniger steif und die Bildsprache etwas inspirierter gewesen wäre. Auch die Spannung hält sich in Grenzen – ein Lob gibt es aber auch. Wir hatten es nicht leicht damit, die Täterperson zu enträtseln und wurden erst endgültig schlau, als man die Lösung auf dem Silbertablett servierte. Richtig ausermittelt ist der Fall ja nicht, sondern es sind innere Nöte, die zu einem Geständnis führen – und damit schon wieder ein plottechnischer Minuspunkt. Wir finden’s nun einmal in einem Whodunnit besser, wenn die Täter gestellt werden, als wenn sie sich, oftmals ohne Not, outen.

Finale

Glücklicherweise haben sie sich in Kiel nach diesem – in Relation zu den übrigen Filmen mit Borowski –  Ausrutscher wieder gefangen und echt gute Tatorte gemacht. Damit sind die Nordlichter einigen anderen Standorten weit voraus, die sich in 2013 ein wenig verirrt haben oder als Neulinge bisher nicht in eine gute Spur gekommen sind.

Wir bewerten den Film mit dem gefühlt längsten Titel aller Tatorte mit 6,0/10 – das ist die schwächste Wertung für einen Kieler Tatort bisher.*

*Bezogen auf den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung der Kritik im Juni 2013.

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Sarah Brandt – Sibel Kikelli
Kriminaltechniker Ernst Klee – Jan Peter Heyne
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Liane Kallberg- Esther Schweins
Dr. Stormann [Gerichtsmediziner] – Samuel Finzi
Melinda Kallberg – Sonja Gerhardt

Regie – Florian Froschmayer
Kamera – Carsten Thiele
Buch – Kai Hafemeister, Christoph Silber, Thorsten Wettcke 

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