Aviator (The Aviator, USA / D 2004) #Filmfest 109

Filmfest 109 A

2020-08-14 Filmfest AGiganten der Lüfte und des Kinos

Einleitung 2020 anlässlich der Veröffentlichung

Nachdem wir im Filmfest ein kinematografisches Produkt namens „Teufelsflieger“ („Sky Devils“) (kurz) besprochen haben, das vom Multitalent, Flieger, Flugzeugkonstrukteur Howard Hughes finanziert wurde, bietet es sich an, unsere Rezension von „Aviator“ erstmals veröffentlichen, die zehn Jahre nach der Premiere der Howard-Hughes-Biografie mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle entstand.

Kurzbiografie

Howard Hughes‘ Vater stirbt früh und hinterlässt seinem Sohn eine florierende Firma für Erdöl-Bohrköpfe, die es dem Youngster ermöglicht, sich seinen Leidenschaften zu widmen: Dem Film und dem Fliegen. Abgesichert durch den genialen Manager Noah Dietrich, der ihm den Rücken freihält und immer für frisches Geld sorgt, wenn eines von Hughes‘ Monumentalprojekten doch in den Abgrund zu führen droht, macht Hughes 1930 mit „Hell’s Angels“ den bis dahin teuersten Film aller Zeiten, fliegt 1935 einen Geschwindigkeitsrekord mit einem einmotorigen Propellerflugzeug, hat eine Art Beziehung mit Katherine Hepburn, die heute noch in der Kombination aus Können und Star-Appeal als größte Hollywoodschauspielerin gilt. In den 1940ern entwirft und baut Hughes das größte (Wasser-) Flugzeug der Welt, das als Truppentransporter dienen soll, aber der Krieg ist zu Ende, als es fertig wird und tatsächlich fliegt. Zwischendurch hat er die Fluggesellschaft TWA erworben und will mit ihr gegen den Branchenführer Pan American Airways im Überseegeschäft antreten und er bzw. sein Management schaffen es, TWA zur führenden Airline weltweit zu machen. Unter anderem sichert sich Hughes exklusiv die ersten Lokheed Constellations, die auf sein Betreiben hin entwickelt wurden. Ende der 1948er kauft er auch das Hollywood-Studio RKO, das zwar nicht zu den ganz großen der Branche zählt, aber viele respektable Filme hervorgebracht hat (unter anderem wurde das Tanzpaar Fred Astaire / Ginger Rogers bei RKO berühmt und wechselte dann zu den Musicalspezialisten von MGM).

Handlung (Wikipedia)

Der Film setzt ein mit einer Szene, in der die Mutter den jungen Hughes wäscht. Sie spricht dabei dem Jungen gegenüber allerhand Warnungen in Bezug auf gesundheitliche Gefahren aus. Diese Szene wird ganz am Ende des Films noch einmal aufgegriffen.

In der nächsten Szene ist Hughes zu einem jungen Mann geworden. Er hat eine größere Zahl von Leuten versammelt, um mit ihnen sein erstes Filmprojekt zu realisieren. Es geht dabei um einen Film mit dem Titel Hell’s Angels, einen Fliegerfilm, der im Ersten Weltkrieg spielt. Für die Filmaufnahmen hat er eine große Zahl an Doppeldecker-Flugzeugen beschaffen lassen. Hughes scheut sich nicht, immer wieder große Summen zu investieren, um seinen Film realisieren zu können. Am deutlichsten wird das, als der Film fertiggestellt ist. Ihm fällt auf, dass sich das Publikumsinteresse von den Stummfilmen hin zu den Tonfilmen verschoben hat. Also lässt er den Film gleich noch einmal drehen, diesmal als Tonfilm. Die Premiere des Films fällt sehr glamourös aus. Das Publikum zeigt sich begeistert, der Film wird ein Erfolg.

Er lernt Katharine Hepburn kennen und verliebt sich in den selbstbewussten Filmstar. Die beiden werden ein Paar. Hughes wird den ganzen Film hindurch immer wieder in Begleitung von schönen Hollywood-Frauen gezeigt. Bei allen seinen Affären macht der Umgang mit Katharine Hepburn am meisten den Eindruck einer normalen Beziehung. Hughes wird von nun an als jemand gezeigt, der sich mit Leidenschaft und Hingabe Fliegerei und Ingenieurskunst verschreibt. Bei seinem Engagement in der Luftfahrtindustrie wird er durch seine Sucht nach Erfolgen und Rekorden getrieben. Er lässt neue Flugzeugtypen entwickeln, und zumeist ist er es selbst, der die Testflüge durchführt. Da seine Konstrukteure erfolgreich arbeiten, kann er nicht nur den Rekord für den schnellsten Flug aufstellen; 1938 gelingt ihm außerdem auch die schnellste Erdumrundung aller Zeiten. Nach einem dramatischen, jedoch relativ glimpflich verlaufenden Flugzeugabsturz wird er noch von Katharine Hepburn gepflegt. Sie preist ihn für den neuen Geschwindigkeitsrekord, den er aufgestellt hat. Auf die Dauer kann sich Katharine Hepburn jedoch nicht mit den Eigenheiten des Fliegers arrangieren; er wiederum wird auch während der gemeinsamen Beziehung immer wieder mit anderen Schönheiten gesehen. Hepburns intellektuelle Familie akzeptiert Hughes nicht und behandelt ihn herablassend. Schließlich verlässt Hepburn ihn und verliebt sich in den Schauspielerkollegen Spencer Tracy.

Der Zuschauer wird allmählich an die Besonderheiten von Hughes herangeführt. Es gibt bei ihm ein zwangsneurotisches Verhalten, das sich unter anderem in einem Waschzwang zeigt. Generell hegt Hughes in jeder Umgebung, in der er sich befindet, den Verdacht, dass es Gefahren für seine Gesundheit gibt. Nachdem Katharine Hepburn gegangen ist, sucht er Trost bei anderen Hollywood-Schönheiten. Zu einer langjährigen Begleiterin wird ihm Ava Gardner. Die Beziehung mit ihr wird allerdings niemals so eng sein wie die mit Katharine Hepburn. Auf die Frage, ob sie ihn heiraten wolle, wird sie später antworten, dass das nicht ginge, weil er zu verrückt sei. Seinen nächsten Flugzeugabsturz überlebt Hughes nur knapp. Mit einem Prototyp des Spionageflugzeugs Hughes XF-11 ist er über Beverly Hills unterwegs, als ein Triebwerk versagt. Er rast mit dem Flugzeug in ein Wohngebiet, zerstört dabei mehrere Häuser und zieht sich schwerste Verletzungen zu.

Von nun an hat er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und es tauchen Konkurrenten auf, die es darauf anlegen, ihm das Leben schwer zu machen. Es ist ihm gelungen, zum Mehrheitsaktionär bei der Fluggesellschaft TWA zu werden. In den darauffolgenden Jahren entwickelt sich TWA gut und steigt bei den Umsatzzahlen auf Platz zwei auf – hinter dem Marktführer Pan Am. Bei Pan Am löst diese Entwicklung Alarm aus. Insbesondere im anlaufenden Geschäft mit Transatlantikflügen möchte man sich von TWA keine Marktanteile abnehmen lassen. Pan-Am-Chef Juan Trippe bringt daher seine guten Beziehungen zur Politik ins Spiel. Er heuert einen Senator an, damit dieser Hughes ein Ultimatum stellt. Hughes soll sein Unternehmen verkaufen. Andernfalls werde er sich vor einem Senatsausschuss dafür rechtfertigen müssen, staatliche Millionengelder für die Entwicklung von Flugzeugen verschwendet zu haben. Hughes weigert sich zu verkaufen und wird tatsächlich aufgefordert, sich vor einem Senatsausschuss zu rechtfertigen. Zu diesem Zeitpunkt ist sein Leben bereits sehr durcheinandergeraten; es zeichnen sich die Grundzüge des Einsiedlerlebens ab, auf das er sich in den nächsten zwanzig Jahren zurückziehen wird. Für die Verhandlung gelingt es ihm aber, sich noch einmal in Form zu bringen. Er vertritt seine Sache gut, und es gelingt ihm, alle Vorwürfe zu entkräften und den Ausschusssaal erhobenen Hauptes zu verlassen. Das Monopol für Atlantikflüge Pan Ams wird gekippt und TWA darf ebenfalls in dieses Geschäft einsteigen.

Außerdem hat es in den letzten Jahren mit der Hughes H-4 „Spruce Goose“ noch ein wichtiges Flugzeugprojekt gegeben. Von diesem glaubte alle Welt, dass dabei ein fluguntaugliches Gerät entwickelt würde. Es gelingt ihm jedoch, das monströse Flugzeug für einige Zeit in die Luft zu bringen. 1947 führt er im Alter von 42 Jahren einen Testflug selbst erfolgreich durch. Der Film endet damit, dass er eine Vision davon hat, dass die Düsenmaschinen die Luftfahrt beherrschen werden. Er wird von seinem zwanghaften Verhalten, Sätze immer wiederholen zu müssen, übermannt und seine Berater bringen ihn in einen Nebenraum, damit ihn die Öffentlichkeit nicht so sieht.

Rezension

Der Eindruck nach dem Film? Erstmal eine Entschuldigung: Kürzer als oben lässt sich das Leben dieser Verkörperung des Amerikanischen Traumes nicht schildern, dabei haben wir noch die Sache mit dem Untersuchungsausschuss, den schweren Flugzeugunfall 1946, seine Zwnagsneurosen, die ihn mit der Zeit immer mehr beherrschen, nicht untergebracht, also tun wir’s hier.

Martin Scorsese war sicher der Mann, um das einzigartige Leben des Howard Hughes in die richtigen Bilder zu setzen, der Film erhielt fünf Oscars und spielte allein in den USA das Doppelte seiner erheblichen Produktionskosten ein. Die allerdings 2004 im Vergleich zu den 4 Millionen Dollar, die „Hell’s Angels“ 1930 gekostet hatte, nicht mehr so exorbitant waren, der 25fachen Summe zum Trotz. Was kann  man von einem solchen Biopic erwarten? Eigentlich alles.

Große Bilder, große Schauspieler, epische Wucht, große Emotionen. Keine Frage, dass der Film die drei ersten Komponenten beinhaltet. Aber es muss einen Grund gehabt haben, dass wir dem Werk jederzeit mit Interesse gefolgt sind, trotz einer Länge von 2 Stunden 40 Minuten, dass wir unbedingt wissen wollten, wie’s weitergeht mit den wahnwitzigen Unternehmungen dieses Bigger-than-Life-Typs – aber dass wir nicht berührt waren. Doch, in der Schlussszene ein wenig. Aber das ist wenig für einen Film dieser Größenordnung. Das ist nicht das, was wir für andere Epen der US-Filmgeschichte empfanden haben, mit dem herausragenden Beispiel „Citizen Kane“, mit dem Orson Welles 1941 einem anderen Tycoon, dem Zeitungsverleger Hearst, ein Denkmal gesetzt hat, das nicht leicht verdaulich ist.

Ein Problem unserer Zeit ist, dass die Figuren, die wir sehen, zwar Schwächen haben dürfen, das gilt auch für Hughes, für seine Art, Beziehungen zu führen und seine Bakteriophobie, die in Exzesse ausartet – aber das, was die Leute ökonomisch und künstlerisch getan haben, wird mit einer so naiven Vorbehaltlosigkeit dargebracht, dass man gegenüber kritischeren Filmen der großen Epen-Zeit von einem Rückschritt sprechen muss. Damals wurden entweder die Umstände oder die Menschen, um die es geht, erheblich mehr hinterfragt.

Die Umstände werden durchaus hinterfragt – etwa in dem Teil, der die schmutzige Auseinandersetzung mit Pan Am-Boss Juan Trippe und dem von ihm gedungenen Senator Brewster, die fragwürdigen Verfahren bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen werden beleuchtet. Sie stehen aber nicht im Zentrum, sondern werden nur inszeniert, um zu zeigen, wie ein großer Mann große Schwierigkeiten überwindet – obwohl nach dem Flugzeugunfall mit dem Aufklärer, schön in Szene gesetzt übrigens, bereits angeschlagen. Wenn etwas an ihm nicht stimmt, dann ist es durch seine übervorsichtige Mutter bedingt, die ihm ganz früh das Wort „Quarantäne“ beibringt, was, so hat man den Eindruck, m Ende dazu führt, dass er bestimmte Sätze zwanghaft wiederholt – eine Schleife, aus der er nicht mehr herauskommt.

Da die letzten Jahre von Hughes, eher die letzten Jahrzehnte, aber aufgrund seines Rückzuges aus der Öffentlichkeit teilweise nur spekulativ anzudeuten sind, hält sich der Film davon richtigerweise fern und geht nur bis dorthin, wo Hughes immer öfter den Boden der Realität verlässt, sinnfällig gezeigt in der Sequenz, in welcher er mehrere Monate in einem Kinosaal zubringt. Ausgerechnet der Reinheitsfanatiker verkommt dort und erst die Anhörung vor dem von Brewster geleiteten Senatsausschuss zwingt ihn, sich wieder in eine zivilisierte Verfassung zu bringen. Am Ende obsiegt er in diesem allerdings unfairen Verfahren und schenkt seiner TWA die Lizenz zum Überseefliegen.

Wie Hughes‘ Wirken in Hollywood ankam, wird anhand der Reizfigur Louis B. Mayer gezeigt, der mit MGM das größte, aber unter seiner Ägide (nach dem frühen Tod des begnadeten Studiochefs Irving Thalberg im Jahr 1937) konservativste Studio in der Traumstadt leitete und Hughes nicht einmal die beiden noch fehlenden Kameras für die Luftaufnahmen von „Hell’s Angels“ leihen will. Da hätten wir uns mehr Einblick gewünscht, unter anderem den Hintergrund der Tatache betreffend, dass die meisten Hollywoodstudios in ihren Filmen die Stars mit der TWA von Howard Hughes fliegen ließen. War er ein Outsider oder ein halber oder doch ein Dreiviertel-Insider, mit der RKO sogar ein ganzer? Dass er viele weibliche Stars abgeschleppt hat, belegt noch nicht, dass er ein Hollywoodmann war. Wir sehen auch die Fliegerei als sein Hauptprojekt an – wo wiederum die Weiterwentwicklung der Hughes Aircraft nicht mehr dargestellt wird, die heute, unter dem Dach der der übernehmenden Raytheon und nicht mehr unter dem Namen des Gründers zu den wichtigsten Rüstungskonzernen in den USA zählt.

Selbst zweieinhalb Stunden sind ja nicht lang, wenn man ein so abenteuerliches Leben beleuchten will. Wir gehen mit, wenn der Film sich auf wichtige Szenen im Leben von  Hughes konzentriert, sein Rekordflugzeug im Kohl- und Rübenfeld, Wrackteile seines Aufklärers zwischen Häusern einer Siedlung bei Hollywood, alles bestens, weniger überzeugt hat uns die angeblich so gute CGI, die man anwenden musste, um seine „Spruse Goose“, deren direkte Vorgängerin wohl die DO-X war, für eine kurze Strecke abheben zu lassen. Aber vielleicht leidet „Aviator“ dennoch unter der Fülle des Materials, das der Mensch Hughes seinen Biografen hinterlassen hat und der Schwierigkeit, einen Kern herauszuarbeiten. Hughes will alles, also zeigt der ihn bewundernde Scorsese alles, jede Ambition steht für sich, auch wenn das Meiste mit dem Fliegen zu tun hat.

Was fehlt dem Film hauptsächlich? Wir haben eingangs geschrieben, dass wir nicht berührt waren. Und wir lassen uns durchaus mitreißen, wir sind keine Generalkritiker, die alles in der Luft zerreißen, was anderen lieb und teuer ist und schon gar nicht kritisieren wir genau deshalb.

Aber der Glanz des Films hat für uns kein Zentrum. Natürlich ist Hughes in Person von Leonardo di Caprio der Mittelpunkt, aber dahinter können wir nur schwer ein Thema entdecken. Selbst mittelmäßige Biografien, die Hollywood zuhauf gemacht hat und die immer dem mehr oder weniger gleichen Schema folgen, haben eine Art Herz, eine Idee, an welche der Protagonist glaubt, an die er andere glauben lässt und dafür einsteht. Meist liegt diese Idee darin, etwas Künstlerisches oder Technisches zu schaffen, das der Welt etwas gibt und kein Selbstzweck ist. Hier aber sehen wir ein gewaltiges Ego, das alles schafft, um es  zu schaffen, aber Scorsese hat nicht die Konsequenz etwa eines Orson Welles, eine kritischere Perspektive einzunehmen und damit möglicherweise auch etwas zu riskieren. Wir müssen einen Scorsese-Exkurs machen.

Damit zu Martin Scorsese. Für uns ist er einer der größten Regisseure, nicht nur der heute noch lebenden. Anders als Hughes, der blendend anfängt und sich dann verliert, fängt Scorsese blendend an, hat weniger gute Phasen, kommt zurück und findet zu erneuter Stärke. Das ist bei vielen Künstlern so. Seine Anfangsfilme mit Robert de Niro wie „Taxi Driver“ oder „Raging Bull“, bei dem wir im ersten Anlauf die Rezension nicht gepackt haben, was wir aber nicht Scorsese anlasten, sondern unserer Unfähigkeit, die Fülle des Films in den Griff oder in eine gut lesbare Form zu bekommen, waren sperrige Meisterwerke. Dieser Absatz deutet es bereits an. Ungeheuer intensive Filme, mit Figuren, die atemlos machten. „Raging Bull“ ist sicher einer der besten Sportlerbiografien überhaupt und „Taxi Driver“ ein düsteres Meisterwerk – psychologische Studien sind sie beide.

Wir haben diese Filme herausgegriffen um besser begreiflich zu machen, was Aviator wie so vielen heutigen Filmen fehlt: Die Eindeutigkeit, die These, die hinter einer noch so differenziert ausgebreiteten Figur steckt und als Konzept des Autors und des Regisseurs über sie hinausgeht.

„Aviator“ ist sehr episodisch, wobei die Sprünge bewusst kaschiert sind, unserer Ansicht nach auch deshalb, um gewisse zeitliche Verkürzungen zu  kaschieren. Dinge werden als parallel ablaufend oder ineinander greifend dargestellt, die in Wirklichkeit Jahre auseinander lagen. Damit rafft man natürlich diese umfangreiche Hughes-Biografie recht gut, macht sie flüssig und weniger sperrig, aber das Sperrige fehlt dem Film eben auch an manchen Stellen. Und dort, wo es doch sperrig wird, waren wir leider ein wenig irritiert.

Irritiert über Handlungselemente oder Personen? Eher über Personen. Eine wichtige Rolle im Film spielt Katherine Hepburn, dargestellt von Cate Blanchett. Wir finden die Blanchett toll, als Typ und als Schauspielerin, aber sie ist für uns nicht Katherine Hepburn. Sie sieht anders aus und hat eine komplett andere Ausstrahlung. Wahrscheinlich hat sie ihren Oscar dafür bekommen, dass sie versucht hat, trotzdem Katherine Hepburn zu sein und ihr als guter Schauspielerin ein Duktus, ein Gestus, ein Minenspiel gelungen ist, das die Vorbild-Kollegin interpretiert. Roger Ebert hat in seiner Kritik zu „Aviator“ geschrieben, dass die Gefahr groß war, eine Hepburn-Karikatur zu liefern, weil die Hepburn eine Karikatur ihrer selbst gewesen sei. Dagegen sträuben wir uns. Wir sind, ebenso wie Ebert, darauf angewiesen, die frühen Jahre der Hepburn aus Büchern und ihren Filmen zu rekonstruieren, aber wir glauben nicht, dass die Hebpurn privat so überzogen war, dass sie ihre Rollen in „Leoparden küsst man nicht“ (1938) oder „Die Nacht vor der Hochzeit“ (1940) gar nicht spielen musste – was ihre Leistung ja ein wenig schmälern müsste. Sicher war sie sehr selbstbewusst, Tochter einer Suffragette, damals für viele eine Reizfigur und in Hollywood ein paar Jahre lang Kassengift, aber auch vielschichtig und sehr gedankentief, insbesondere für einen Star jener Zeit, in der Hollywoods Ladies, auch die der ersten Garde, in der Regel durch ihre Optik zum Film kamen.

Die Hepburn selbst ist also auch gar nicht so karikativ angelegt, aber richtig schlimm wird es, als Hughes ihre Familie in Connecticut besucht. Der Film nimmt komplett seine Perspektive ein und stellt diese Leute als nutzlose Kopfakrobaten und Scheinkünstler dar und Hughes versteigt sich zu der Aussage, dass diese Menschen sich nur für sich selbst und nicht etwa für andere Dinge wie sein großes Werk interessieren, weil sie immer genug von allem hatten und nie um etwas kämpfen mussten. Das glättet nicht nur die Familienhistorie der Hepburn, sondern gibt die Haltung eines bornierten Antiintellektuellen wieder:

Wenn man schon reich ist, dann muss man daraus ein Tausendfaches machen und überall der Allergrößte sein, sonst hat man es nicht verdient, überhaupt einer Erwähnung wert zu sein. Sich zu bescheiden und ein Leben für die Kunst und für die intellektuelle Diskussion zu führen, ist absolut keine Option. Angesichts unserer heutigen, neuesten Erkenntnisse über Größenwahn im Kapitalismus wirkt die anti-intellektuelle Haltung des US-Mainstream-Kinos, die auch dieser Film nicht verhehlt, besonders fragwürdig. Zumal Hughes selbst ein Außenseiter ist, wie die HepburnFamilie, der von den Hollywoodmoguls à la Louis B. Mayer nicht ernstgenommen wird. Aber der Unterschied ist ja, dass Hughes Weltgeltung haben will, während die Hepburns lediglich scharfzüngige Theoretiker des Lebens sind und überhaupt  keinen Sinn fürs Business und für Weltrekrod-Technik haben. Das ist in den USA ein glatter Affront. Nicht nur das.

Wir haben schon desöfteren geschrieben, dass das Kino sich rückwärts entwickelt, zumindest im US-Mainstream. Einige Jahrzehnte zuvor hätte man diese Szene wohl nicht so platt und undifferenziert gedreht. Wenn man daraus denn doch eine Idee für den Film ableiten soll, dann die uralte Leier, dass dem Wagemutigen die Welt gehört, auch wenn er anschließend dem Wahnsinn verfällt. Dass ein Typ wie Hughes Ressourcen verbraucht, mit denen man eine Millionen Arme ernähren kann, wird in guten Filmen epischer Dimension immerhin noch angedeutet, aber hier wird nicht einmal erwähnt, dass er später eine Stiftung gegründet hat. Es heißt, eher aus Steuerzwecken denn aus humanitärer Haltung. Egal.

Ist die moralische Haltung nicht passé? Ein so aufwendiger Film sollte etwas aussagen, zumal, wenn er einer Figur gewidmet ist, die etwas aussagen kann. Bloße Bewunderung reicht nicht, das hat Scorsese in vielen anderen seiner Filme besser gemacht. Dass er technisch, kompositorisch, schnittseitig usw. perfekt ist, müssen wir hingegen nicht erwähnen. Nett übrigens dieses Filmen in Blau und Rot, diese gewisse Unwirklichkeit der Farben, die aber kaum stört – Achtung, die Sequenz in Connecticut ist bewusst anders getönt, ebenso die vor dem Senatsausschuss. Offenbar soll damit angedeutet werden, dass Hughes hier nicht in seiner Welt ist, nicht dort, wo er sein möchte und wo er alles versteht und bis zu einem gewissen Grad auch verstanden wird.

Sein Charakter bleibt uns aber in Teilen verschlossen. Der Hughes im Film  hat kein „Rosebud“ wie Charles Foster Kane, dessen Gigantomanie mit einer verlorenen Kindheit zu tun hat und dessen ursprüngliche Ideale er selbst korrumpiert, was in einem schleichenden Prozess stattfindet und durch die Sicht des Freundes, aus welcher der Film gedreht ist, jederzeit kommentiert wird. Hughes wird nicht kommentiert.

Das ist doch aber eine Umsetzung des so geschätzten und bei Filmen von  dessen Ursprungsbestimmung aus der Literatur übertragenen  „Show, don’t tell“-Prinzips? Nein, nicht wirklich. Dieses Prinzip besagt, dass der Charakter von Figuren durch lebendige Aktion und lebendige Dialoge sichtbar werden soll, nicht durch umständliche, auktoriale Beschreibungen. Das ist vor allem, um Laien eine laienhafte Schreibe abzugewöhnen. Aber laienhaft ist der Film ja nun ganz und gar nicht. Im Gegenteil, er ist so professionell, dass sein Antrieb genauso mysteriös bleibt wie der von Hughes. Alles perfekt gekapselt. Mag sein, dass wir etwas wollen, was es einfach nicht gab, nämlich eine Vision hinter Hughes, die mehr war als ein unternehmerischer Selbstzweck. Man kann mit dem „SdT“-Prinzip sehr wohl kommentieren, so, wie es der neue Hollywoodfilm Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre gemacht hat, so, wie es auch der europäische Autorenfilm kennt. Man kann so viel zeigen, ohne darüber zu parlieren. Auch Scorseses beste Filme sind gute Beispiele für diese Möglichkeit. Hier aber wirkt ein Film wie Unterhaltungskino, der beste Möglichkeiten geboten hätte, mehr zu sein, ohne dass es bemüht gewirkt hätte.

Hatte man, daraus folgend, eine Figur über das hinaus instrumentalisiert, was sie wirklich hergibt? In der Tat ist das ein berechtigter Einwand, für uns gar der Kern, der Knackpunkt, an dem sich scheidet, wie wir den Film letztlich bewerten. In diesem speziellen Hughes-Fall hätten wir für eine Instrumentalisierung plädiert. Schließlich ist der Mann exemplarisch für das Amerikanische Jahrhundert mit all seinen großen und erschreckenden Eigenschaften einer Nation. Und jetzt die Curux: Selbst wenn Hughes alles nur dem Gedanken des eigenen Willens untergeordnet hätte und keinerlei Philsophie hinter seinem Tun stand, dann hätte man genau das besser herausarbeiten können. Denn das wäre ja auch eine Botschaft gewesen: Jenseits von Gott und Vaterland steht der US-Kapitalismus einfach nur für sich selbst und immer neue, teilweise sinnlose Rekorde.

2004, also drei Jahre nach 9/11 hat sich Scorsese entweder nicht getraut, kritischer Hughes umzugehen, oder er hat sich so hnieingesteigert, dass ihm das Fehlen der Essenz nich aufgefallen ist. Vielleicht eine Kombination aus persönlicher Hingabe ohne Hinterfragung und einer  Zeitstimmung, in der es so wichtig schien, Patriotismus ohne blöde Zweifel zu zeigen.

Aber Scorsese kann alles nachholen – denn die IMDb sagt aus, dass er sich jetzt an einen noch bekannteren Amerikaner macht, denn darin ist er Hughes ähnlich: Es kann immer nur aufwärts gehen, zum nächstgrößeren Flugzeug oder zum nächstgrößeren Projekt. Gut, dass Lincoln schon verfilmt ist.

Es geht um die Sinatra-Biografie? Darauf sind wir richtig gespannt, denn eine Kino-Biografie von Ol‘ blue Eyes von einem Topregisseur gibt es noch nicht. Aus gutem Grund: Der Mann ist weltweit so bekannt und jeder hat eine Vorstellung von ihm, dass das Unternehmen noch riskanter ist als Hughes zu verfilmen, der außerhalb der USA kein großer Name ist und daher nicht so auf gefestigte Vorstellungen des Betrachters trifft. Wenn bei der filmischen Wiederauferstehung von Frankie Boy nicht alles passt und Ava Gardner wieder so gegen ihren Typ besetzt wird wie mit Kate Beckinsale in „Aviator“, wird der Protest stärker ausfallen. Mal sehen, wer Sinatra spielen soll.  Den Film werden wir sicher schon im Kino schauen.

Finale

„Aviator“ ist großes Kino, das ein wenig blechern klingt, wie die Hüllen der Ganzstahlflugzeuge, die Hughes konstruiert hat. Es hat einen starken Motor, aber der Kompass ist nicht an sichtbarer Stelle angebracht, es hat gute Piloten, auch wenn Leonardo DiCaprio anders ausschaut als der echte Howard Hughes und auch nicht dessen überragende Größe hat. Hughes maß 1,93 Meter, war damit schon optisch im Umfeld der kleineren Menschen seiner Generation sehr imposant und hatte das Gardemaß der damaligen männlichen Topstars in Hollyeood. DiCaprios Oscarnominierung geht in Ordnung. Es geht aber auch in Ordnung, dass er letztlich den Oscar nicht gewonnen hat.

74/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Martin Scorsese
Drehbuch John Logan
Produktion Sandy Climan,
Charles Evans Jr.,
Graham King,
Michael Mann
Musik Howard Shore,
Johann Sebastian Bach
Kamera Robert Richardson
Schnitt Thelma Schoonmaker
Besetzung

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