In einem anderen Land (A Farewell to Arms, USA 1932) #Filmfest 110

Filmfest 110 A

2020-08-14 Filmfest ADie Waffen schweigen dem Tod entgegen

Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges kehren wir mit Frederic Henry, einem Sanitätsoffizier in Diensten der italienischen Armee, in den diesen Krieg zurück und sehen, wie er sich in eine englische Krankenschwester verliebt und die Armee verlässt, um ihr in die neutrale Schweiz zu folgen.

Hinweis 2020: Die Rezension entstand im Jahr 2014 anlässlich von „100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs“ und wird nun erstmals veröffentlicht. Wir setzen sie in Zusammenhang mit den hier veröffentlichten / empfohlenen Kritiken zu „Im Westen nichts Neues„, „1917„, „Teufelsflieger“ und „Aviator„. Damit hat sich, unbeabsichtigt, ein Themenschwerpunkt herausgebildet, der auch in unserer Rubrik „Crimetime“ anlässlich der aktuellen Babylon-Berlin-Rezensionen eine Rolle spielt. Die in der -> Rezension erwähnte Kritik zu „Wege zum Ruhm“ (1957), einem der eindrucksvollsten Filme über den Ersten Weltkrieg, werden wir ebenfalls demnächst veröffentlichen, ebenso wie diejenige zu „Westfront 1918“, einem deutschen Beitrag, zum Thema aus dem Jahr 1930.

Handlung

Lieutenant Fred Henry dient im Ersten Weltkrieg als Ambulanzfahrer in der italienischen Armee. In seiner Freizeit ist er mit seinem Freund Captain Rinaldi unterwegs, um zu trinken und Frauen schöne Augen zu machen. Bei einer dieser Touren lernt Fred die englische Krankenschwester Catherine Barkley kennen. Catherines Verlobter ist im Krieg gefallen. Rinaldi hatte eigentlich geplant, Fred mit Catherines Kollegin Helen Ferguson bekannt zu machen. Rinaldi ist selber in Catherine verliebt, doch als er erkennt, dass sich Fred und Catherine verliebt haben, zieht er sich zurück.

Einige Tage später wird Fred zurück an die Front befohlen. Er verspricht Catherine, zu ihr zurückzukommen. Rinaldi hat Angst, dass Fred wegen einer Frau seinen Kopf verlieren könnte, und bringt Catherine nach Mailand. Fred wird verwundet, woraufhin Rinaldi an die Front eilt, um seinen Freund zu versorgen. Dann schickt er ihn zur Genesung nach Mailand. Fred und Catherine verleben glückliche Tage in Mailand, bei denen sie von dem Priester Ferguson inoffiziell getraut werden. Doch als eine Krankenschwester Likörflaschen unter seiner Matratze findet, ist die Erholungszeit für Fred vorbei. Er wird wieder zurück an die Front geschickt.

Catherine erzählt ihrer Freundin Helen, dass sie schwanger sei. Sie reist nach Brissago in der Schweiz um dort auf Fred zu warten. Durch Rinaldis Übereifer werden die Briefe, die Catherine und Fred einander schreiben, ständig zurückgeschickt. Fred macht sich Sorgen, weil er so lange nichts von Catherine gehört hat. Er desertiert und macht sich auf den Weg in die Schweiz. Ferguson informiert ihn von der Schwangerschaft, will ihm Catherines Aufenthaltsort aber nicht verraten. Also schaltet Fred eine Anzeige, die Catherine ein Treffen in einem Hotel vorschlägt. Rinaldi liest die Anzeige und trifft sich mit Fred. Er erzählt ihm, Ferguson habe von Freds Tod gesprochen. Rinaldi bietet an, in seinem Bericht zu schreiben, dass Fred unter einem Trauma leide, doch Fred lehnt ab. Nun erkennt Rinaldi, wie sehr Fred Catherine liebt, und informiert ihn, wo Catherine sich nun befindet.

Mit der Hilfe des Hotelbesitzers Henry, der ihm ein Boot leiht, kann Fred in die Schweiz entkommen. In Brissago leidet Catherine an gebrochenem Herzen. Fred kommt in Brissago an, als Catherine das Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt bringen muss. Das Kind wird jedoch tot geboren. Catherine stirbt in Freds Armen, während die Bevölkerung das Ende des Krieges feiert.

Rezension

Nach „Wege zum Ruhm“ (1957, Rezension im „neuen“ Wahlberliner noch nicht veröffentlicht) ist dies der zweite Film, den wir als Beitrag zu „100 Jahre Erster Weltkrieg“ rezensieren. Auf ARTE liefen beide als Antikriegsfilme, doch die Tendenz und Klarheit ist bei Kubricks epochalem Werk klarer und kommentiert sich in beinahe jeder Sekunde einer hochdramatischen Handlung mehr als in eventuellen Statements.

Die Vorlage für den Film „A Farewell to Arms“ lieferte immerhin Ernest Hemingway, der deutsche Titel „In einem anderen Land“ kaschiert ein wenig die klare Aussage: Nämlich, dass der Held dem großen Schießen Lebewohl sagt, um der Liebe zu folgen. Das ist eben ein persönliches Statement. Auch sonst wird mehrfach am Krieg gezweifelt. Dass der Tag des Waffenstillstands auch der Tag ist, an dem eine große Liebe stirbt, kommt sicher nicht von ungefähr.

Der Film spielt ausnahmsweise nicht an der blutigen Front in Frankreich sondern an der italienisch-österreichischen, die im Film von Krankenschwester Barkley als „pittoresk“ beschrieben wird. Genau so steht es im Buch, von dem, trotz der Kürze des Films, viel Originaldialog übernommen wurde. Im Buch steht auch, dass Lt. Henry nicht weiß, warum er an diese Front kam, freiwillig. Das fragt ihn die Krankenschwester und seine Antwort wirkt plump und beliebig  und ist genau richtig: So unsinnig wie der Krieg selbst ist es, in ihm zu dienen, weil man vielleicht mit seinem jungen, sprühenden Leben nichts anzufangen weiß. Immerhin, besser in einer medizinischen Versorgungseinheit als bei den Kampftruppen.

In beiden Filmen spielt Adolphe Menjou eine wichtige Rolle: Als italienischer Kapitän und Freund des Lt. Henry, der dessen Briefe zensiert, ihn dann aber deckt, in „A Farewell to Arms“ und in „Paths of Glory“ einen französischen General, der mit versiertem Zynismus Truppen in den Tod schickt. Das ist eine Wandlung, die auf Dinge hinweist, die außerhalb der beiden Filme liegt – im Wesentlichen auf die Rolle des Schauspielers bei den HUAC-Ausschüssen nach dem  Zweiten Weltkrieg.

Im Gegensatz zum nächsten großen Krieg gibt es kaum zeitnahe Filme alliierter Herkunft, welche die auslösende Katastrophe eines überaus gewaltreichen Jahrhunderts verherrlichen und sich moralisch aufschwingen. Was Historiker, gerade in Deutschland, gerne negieren, hatten die Beteiligten schon klar erkannt: Dieses Ereignis war ein Trauma für alle beteiligten Nationen, seine Entstehung aus Momenten von Verflechtung und Verblendung – am wenigsten traumatisch für die USA, die erst 1917 eintraten und deren Eintritt das Kräfteverhältnis recht schnell verschob, sodass schon im November 1918 ein Frieden kam, dessen Konstruktionsfehler die böse Saat der nächsten Eskalation in sich trugen.

Regisseur Frank Borzage kannte sich mit dem Setting aus. Der Film spielt in Norditalien, in der Schweiz, und genau dort kamen seine Eltern her und sind in die USA ausgewandert. Demnach war es für ihn leicht, die regionale Atmosphäre nachzubilden, könnte man meinen. Ist die bedrückende Kriegsstimmung spürbar, stimmt dies nicht für eine Art Lokalkolorit. Die frühen Tonfilm amerikanischer Provenienz hätten überall spielen können. Hätte man die Namen und Orte gegen solche der französischen Front ausgetauscht, wäre das nicht aufgefallen, abgesehen von der bergigeren Topografie in Norditalien. Die Filme entstanden in Studios und Paramount war eines der größten und jederzeit in der  Lage, einen Kriegsfilm indoor drehen zu lassen.

Eine gewisse Künstlichkeit ist diesem Film als zeittypisches Merkmal eigen und diese räumliche Enge, die aus der Studioproduktion resultiert. Da war z. B. die Hemingway-Verfilmung von „Wem die Stunde schlägt“ (ebenfalls mit Gary Cooper in der Hauptrolle) viel mehr mit großem Landschaftspanorma ausgestattet und dadurch eindrucksvoller.

Das war sie aber noch aus einem andern Grund. Cooper war zu dem Zeitpunnkt schon ein wenig gereift, während er im Film von 1932 Mühe hat, tiefe Gefühle für eine Krankenschwester glaubhaft an uns zu vermitteln. Dass die große Theaterschauspielerin Helen Hayes, die seine geliebte Krankenschwester darstellt, ebenfalls nicht dafür sorgen kann, dass knisternde Spannung zwischen den beiden entsteht, liegt an einem recht einfachen Grund: Die beiden Schauspieler sind physisch zu unterschiedlich. Die Frauen im damaligen amerikanischen Film waren klein, die Männer zuweilen größer als heute und ihre weit überdurchschnittliche Statur war einer der Gründe, warum sie Filmrollen bekamen. Mit Glück kam schauspielerisches Naturtalent hinzu, gelernte Akteure waren sie meist nicht.

Gary Coopers physische Präsenz ist es, die ihn demgemäß in „A Farewell to Arms“ über Wasser hält, aber neben ihm wirkt Hayes nun einmal winzig. Wir haben uns aber gefragt, ob es an der mangelnden Kongruenz der Hauptrollendarsteller lag oder eher daran, dass wir so alte Filme heute mehr durch die Historiker-Brille sehen, als uns von ihnen emotional mitreißen zu lassen. So ungerecht es ist, dies spielt eine Rolle. Wir schauen auf viele Details, die uns wenig Möglichkeiten geben, uns in den Film fallen und emotional mitreißen zu lassen.

Abseits dieses Umstands aber meinen wir – der Film ist emotional nicht packend. Die Sterbeszene ist zu lang, im Vergleich zum gesamten Film und verbal vergleichsweise nichtssagend. Im Buch geht am Ende Lt. Henry zurück ins Hotel. Das klingt viel lakonischer als das, was wir im Film sehen: Dass er, die gerade verstorbene Catherine auf dem Arm, ans Fenster tritt und zum Himmel sieht, wo die Friedenstauben fliegen. Das wirkt überhöht, so, als habe Catherine ihr Leben ausgehaucht, damit Frieden sei. Eine reine, helfende Seele als letztes Opfer im Weltenbrand.

Es wirkt vor allem überzogen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie anfangs die Herren Sanitätsoffiziere mit dem Krankenhauspersonal flirten und über Puffs und andere Gelegenheiten schwadroniert wird (einmal wird auch derlei gezeigt, wozu ein einziges, bis über die Knie unbedecktes Frauenbein ausreichen muss), während ringsum, der pittoresken Front zum Trotz, fortwährend gestorben wird. Vor allem in der Szene, als Lt. Henry als Fahrer eines Krankenwagens über die Berge muss und nicht anhalten kann, um einen Verwundeten aufzunehmen, weil die Bremsen damals nicht zum Stoppen an Steilhängen geeignet waren, ist das doch dramatisch, aber als der Transport in der Klinik ankommt, wirkt alles wieder routiniert und die Herren sind nicht übermäßig davon angefasst. Haben wir es also beim Finden der Liebe auch mit einer Wandlung des Protagonisten zu tun? Ausschließen kann an es nicht, aber außer dem Liebreiz der Krankenschwester gibt es nichts, was diese Wandlung bewirkt haben könnte. Vor allem, was zu jedem großen Kriegs-Liebesfilm gehört, fehlt hier: Die verbindenden, dramatischen Ereignisse. In „Für wen die Stunde schlägt“ der gemeinsame Kampf in den Bergen, in „Dr. Schiwago“, der ein ähnliches Teilszenario aufweist wie das in „A Farewll to Arms“ die tägliche, ungeheuer fordende Behandlung der vielen Schwerverletzten und dem Tod Geweihten. Hier muss die Suggestion ausreichen, dass Gefühle sich rasch entwickeln, in einem Kriegsfall, weil man nie weiß, wie lange man einander noch haben wird.

Im Grunde passt die männliche Sprache Hemingways gut zu der Art, wie in den frühen 1930ern Kino gemacht wurde, nämlich ohne größere Umstände und eng am Wesentlichen – mangels anderer Möglichkeiten. Die teure und noch schwer beherrschbare Tonfilmtechnik zwang zur Kürze (die 1957er Variante von „A Farewell to Arms“ ist mehr als eine Stunde länger als die von 1932). Es jedoch ebenfalls schwierig, mitten im Krieg die Romantik zu großen Höhen zu entwickeln, innerhalb von so wenig Spielzeit.

Das Buddy-Verhältnis zwischen Cpt. Rinaldi (Menjou) und Lt. Henry ist okay, aber ragt nicht über ähnliche Beziehungen in vielen anderen Filmen hinaus. Auch diese Kriegskameradschaft bewährt und festigt sich nicht dadurch, dass zum Beispiel einer dem anderen das Leben rettet. Sie ist allgemeiner Natur, auf gegenseitiger Sympathie aufgebaut. Der gemeinsame Kriegseinsatz mag existenzielle Situationen beinhalten, diese werden uns aber nicht gezeigt und sie werden von den Männern auch nicht erwähnt.

Damit bleibt der Film ein wenig zweidimensional und die düstere Krankenzimmer-Dramatik gegen Ende hat deswegen nicht die Wirkung, die sie bei einer entsprechend anrührenden Vorgeschichte des Liebespaares gehabt hätte. Seltsamerweise ist es nicht so, dass eine Sterbeszene uns immer traurig macht und mitfühlen lässt, weil der Tod generell ein berührendes Thema ist.

In der Wirklichkeit ist jeder Tod, den wir sehen, berührend und die Helfer in der Realität haben seelisch viel auszuhalten. Aber im Film  ist es deshalb anders, weil sich die Distanz zwischen uns und die Szene schieben kann, die daraus resultiert, dass wir sagen, dies ist nur Fiktion. Wenn dem so ist, hat der Film uns nicht so gepackt, dass wir diese Trennlinie überschreiten.

Vielleicht trägt zu dieser Distanz auch bei, dass wir mit Cooper einen Mann sehen, der sich freiwillig in den Krieg begibt und dort helfen will und dann seine wichtige Funktion als Krankentransport-Fahrer aufgibt. Dass er erfährt, dass er Vater geworden ist, muss auch hier ausreichen, um dieses Desertieren zu begründen –  dass Catherine ihr Kind verloren hat und selbst sterben wird, weiß er zu dem Zeitpunkt nicht. Eher vermutet man, dass er schon früher ausgerückt wäre, wenn ihm Cpt. Rinaldi, der seine Briefe zensiert, eher gesagt hätte, wo Catherine sich aufhält – Rinaldi weiß es ja aufgrund der Briefe, die er zensiert und entschließt sich erst zur Bekanntgabe des Aufenthalts, als klar ist, dass es nun auch um ein Kind geht.

Die Trennung an sich macht den Unsinn des Krieges an sich klar, aber das konsequente Ausharren auf einer Position, auf die man sich selbst gestellt und zu der man nicht gezwungen wurde, hat auch heute noch eine gewisse Strahlkraft. Leider kennen wir die 1957er Filmversion nicht, aber wir können uns vorstellen, dass sie moralisch mehr gestrichen und gebürstet ist.

Hätte die von uns gesehene Kopie eine ältere deutsche Synchronisation vorweisen können, hätte diese vielleicht mehr Passion in das Geschehen hinein intoniert, als es in einer neueren und vermutlich gemäß dem Originalton hätte – denn der Film wurde als OmU gezeigt und es war interessant zu sehen, dass auch eine vergleichsweise neue Untertitelung im Detail vom Originaltext abweicht – warum, vor allem, wenn die Unterschiede marginal sind?

Finale

„In einem anderen Land“ erhielt zwei Oscars – aber nicht für schauspielerische Leistungen, für die Regie oder gar als bester Film, sondern für die beste Kamera und für den besten Ton. Die  Kameraarbeit ist für 1932 in der Tat beachtlich versatil, die Bilder haben Tiefe und die Tricktechnik am Horizont ist respektabel im Kontext der Zeit, der Ton wirkt auch heute noch recht klar, die Schauspieler jederzeit verständlich. Doch begreiflicherweise empfindet man beide technischen Meriten heute nicht mehr als ausschlaggebend für das Gefühl zu einem Film.

Wenn man Gary Cooper richtig einsetzt, ist er mit seiner eher unteragierenden Spielweise und seiner Haltung gewiss ein Hemingway-Held, das hat Hemingway selbst auch so gesehen und wollte, dass Cooper die Hauptrolle in „Wem die Stunde schlägt“ spielt. Als Freiwilliger und Ingenieur bei den roten Partisanen wirkt er dann auch psychologisch stimmig.

67/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Frank Borzage
Drehbuch Benjamin Glazer,
Oliver H. P. Garrett
Musik Herman Hand,
William Franke Harling,
Bernhard Kaun,
John Leipold,
Paul Marquardt,
Ralph Rainger,
Milan Roder
Kamera Charles Lang
Schnitt Otho Lovering,
George Nichols Jr.
Besetzung

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