Falscher Vater – Polizeiruf 110 Fall 307 #Crimetime 582 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Potsdam #Krause #Herz #RBB #Vater #falsch

Crimetime 582 - Titelfoto © RBB 

Der Dreitausend-Euro-Vater

Polizeihauptmeister Horst Krause ermittelt in seinem 15. Fall, Polizeihauptkommissarin Johanna Herz ist zum elften Mal im Brandenburg-Einsatz. Ein Jahr darauf wird Herz durch Olga Lenski abgelöst. Und Krause geht 2015 in den Ruhestand. Ein Hausboot hätten wir auch gerne mal. Im flauschigen Bademantel auf dem Steg sitzen und angeln oder Gitarre spielen. Falsche Vaterschaft anerkennen für Dreitausend Piepen. Und was haben die anderen, was uns anspricht? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung

Der aus dem Irak stammende Mahmut Schemal soll nach zehn Jahren im Asyl abgeschoben werden. Kurz darauf wird er tot an einem Ufer gefunden. Johanna Herz und ihren Kollege Hauptmeister Horst Krause führt eine Autospur und ein Schraubendreher mit Firmenaufdruck, der am Tatort gefunden wurde, zur Familie Seiffert. Seltsamerweise hat Miro Schemal, der Sohn des Ermordeten, dort eine Lehrstelle. Herz und Krause lassen den Firmen-Lieferwagen von der Kriminaltechnik untersuchen, die jedoch keine verdächtigen Spuren sichern kann.

Mahmut Schemal hat ehrenamtlich in einem Kulturverein gearbeitet und Spenden für seine Landsleute im Irak gesammelt. Dort trifft Krause auf Najem Macit, einen Cousin von Miro Schemal, der laut Aussage der Seiferts ihren Lieferwagen zuletzt für Vereinszwecke genutzt hatte. Anhand des Fahrtenbuchs bleiben 8,5 km offen. Weitere Auffälligkeiten ergeben sich, als Krause feststellt, dass bei den Hilfslieferungen eine Palette mit Antibiotika verschwunden ist. So kommen Herz und Krause dem illegalen Geschäften von Najem Macit auf die Spur. Offensichtlich hat er abgelaufene Medikamente billig eingekauft und dem Kulturverein nach Listenpreis weiterberechnet. Er wird festgenommen.

Nach den Recherchen der Kommissarin hätte auch die fünfzehn Jahre jüngere Ehefrau des Toten, Aria Schemal, abgeschoben werden sollen. Da sie jedoch von einem Deutschen schwanger ist, konnte sie dies verhindern. Ihre Familie wusste von der Schwangerschaft angeblich nichts. Der biologische Vater soll ein Lennie Fritsch sein. Dieser ist bei der Polizei aktenkundig und die Kommissarin findet schnell heraus, dass er gegen ein Entgelt nur auf dem Papier die Vaterschaft anerkennen sollte, damit Aria Schemal nicht ausgewiesen wird. Doch die Recherchen ergeben, dass das Kind auch nicht von ihrem Mann sein kann, da dieser aufgrund einer Posttraumatischen Belastungsstörung nicht mehr zeugungsfähig war. So kommt Herz dahinter, dass Hendrik Seiffert mit Aria Schemal ein Verhältnis hat. Aber auch Miro Schemal findet heraus, dass seine Mutter ihrem Mann untreu war. Er will Hendrik Seiffert zur Rechenschaft ziehen, da er vermutet, dass er seinen Vater umgebracht habe. Krause und Herz kommen noch rechtzeitig, um eine Eskalation des Streits zu verhindern. Im Gespräch mit den Seifferts stellt sich heraus, dass Mahmut Schemal am Tatabend wutentbrannt im Autohaus aufgetaucht war, da er von der Schwangerschaft erfahren hatte. In seiner Wut ist er auch auf Nina Seiffert losgegangen, die sich mit einem Küchenmesser zur Wehr gesetzt hatte. Als Hendrik Seiffert dazu kam, lag Schemal bereits tot am Boden und so hatte er in seiner Angst die Leiche zum Flussufer gebracht.

Rezension

Viele Dinge im Leben passieren einfach. Vor allem, wenn man viele Sozialkontakte hat, wie ein Werkstatt-Nichtgechäftsführer. Und dabei fast so flauschig rüberkommt wie ein Bademantel, was vor allem gelingt, wenn man Devid Striesow heißt. So hat er dann ja auch seine Rolle als Tatortkommissar in Saarbrücken angelegt. Wenn da nicht die ewige Unzufriedenheit mit dem wäre, was ist, was nicht ist, was man gerne hätte. Zum Beispiel nach elf Jahren auch mal Geschäftsführer sein im Betrieb der Ehefrau. Aber was passiert? Man kriegt die Teilhabe nur, wenn man gezeigt hat, dass man einer anderen ein Kind machen kann. Fremdgehen ist auch keine Lösung.

Johanna Herz alias Imogen Kogge hat eine Körpersprache, die sich oft nur schwer deuten lässt, selbst wenn sie eindeutig scheint. Viele Übersprungshandlungen, meist skeptischer Blick, Mimik passt nicht immer zu dem, was sie sagt – weil sie sagt, was sie nicht denkt? Am Ende weiß man nicht, ob sie sich für Aria freut, weil diese wegen des Kindes vom deutschen Vater nicht abgeschoben wird. Abschiebungen oder der Versuch, selbige durchzuführen, gab es also schon vor 2015. Wir lernen, dass die Lehrstelle eines Kindes nicht ausreicht, um der ganzen Familie das Bleiberecht zu sichern. Der Junge hätte also ohne Eltern weiter seinen Weg gehen dürfen, der Vater jedoch hat eine posttraumatische Belastungsstörung, verursacht durch Kriegseindrücke, kann nicht arbeiten und wer nicht arbeiten und sich dadurch integrieren kann, muss weg. So kann man diesen Film zum Beispiel lesen, obwohl Herr Schemal sich im Kulturzentrum nützlich macht. Aber das ist halt keine Arbeit in dem Sinn, wie sie zur dauerhaften Duldung oder welchem darüber hinausgehenden Status auch immer führen kann. Aber hat sich seine Frau mit ihrer Schwangerschaft das Bleiberecht sichern wollen oder ist es wirklich Liebe und der Wunsch, aus der durch die Depressionen des Herrn S. geprägten Ehe rauszukommen, der auch nicht mehr zeugungsfähig ist. Einst war er Buchhändler und sie Lehrerin, ein Traum. Dann kam der Krieg und sie putzt nun in Deutschland im Autohaus Seiffert und er ist nicht fähig, größere Herausforderungen anzunehmen.

Wer diesen Film gesehen hat, konnte 2015 nicht so naiv sein und glauben, alle Menschen, die aus Syrien kommen, würden hier sofort im Hochkapitalismus funktionieren wie jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist. Aber sogar in unserem Bekanntenkreis gab es Ansichten wie: Alles Ärzt*innen, die jetzt kommen, Ärzt*innen werden aufm Land gebraucht, endlich Erlösung für die Infrastruktur. Zum Beispiel die Infrastruktur da draußen in Brandenburg. Meist kommen solche Einstellungen von Menschen, die gar nicht wissen, was eine posttraumatische oder wie auch immer verursachte Belastungsstörung ist und wie es ist, im Krieg und mit ständiger Gewalt aufzuwachsen. Es führt dazu, dass in Deutschland erst einmal intensive Betreuung notwendig ist, bevor der Kapitalismus mit seiner Verwertungskette so richtig ran darf. Zum Beispiel, indem Akademiker zwei, drei soziale und berufliche Stufen weiter unten anfangen dürfen. Wie überaus praktisch. Jetzt kann der gehobene gesellschaftslinke Mittelstand mit der Reinigungskraft über Kunst reden, falls die Reinigungskraft Zeit dazu findet und der Mittelstand sich überhaupt für die Person interessiert, die da aufschlägt und den Putzlappen schwingt. So auf Augenhöhe zu reden, das war mit Peggy aus Marzahn nicht möglich. 8 Euro / h schwarz in die Hand drücken schon.

Was einem so durch den Kopf geht, wenn man sieht, wie eine so sensible und zu anderen Dingen befähigte Frau wie Aria Schemal im Autohaus Seiffert sauber macht. Es wird nicht gezeigt, freundlicherweise, man sieht nur die Chefin mal ein Auto aussaugen. Aber so muss sich jemand mit einem Kind das Bleiberecht sichern, anstatt dass die Familie sich erfolgreich ankern kann. Angesichts einiger sehr gelungener Aufstiegsstorys wird leicht vergessen, dass das Schicksal der Familie Schemal keineswegs ungewöhnlich ist. Mehr Details wären sicher hilfreich fürs Verständnis, aber nicht unbedingt für den Respekt, den der Film im Wesentlichen wahrt. Heute würde man das eine oder andere vielleicht offensiver zeigen. Trotzdem ist der soziale und persönliche Teil, das Leben der Episodenfiguren, recht gut gelungen.

Das kann man für einige andere Bestandteile des Films nicht so eindeutig feststellen. Das liegt daran, dass des Drehbuch so schematisch angelegt ist. Herz hat Probleme mit dem Schneckentrabs und dem Tanzen, Horst Krause trifft mal wieder jemanden, den er kennt und mit dem er früher in einer Brass-Band gespielt hat. Letzteres ist ganz niedlich, Ersteres so gezeigt, dass es mal wieder nervt. Ach ja, die Tochter von Johanna Herz schickt aus Spanien eine trendy Tasche, das wollen wir nicht vergessen. Und das Amt bezahlt das Leben auf dem Hausboot. So Brandenburg ist Brandenburg gar nicht, wie manche immer denken. Aber Potsdam ist ja auch nicht wirklich das tiefe Brandenburg, sondern noch mehr durchgentrifiziert als Berlin. Insgesamt gehen also die für das Privatleben und die Interaktion der Ermittlungspersonen vorgesehenen 15 Minuten planmäßig für ebendies drauf und der Fall ist auch dünn genug, damit der Film dadurch nicht gestopft wird oder am Ende zu sehr rennen muss, was wir ja auch immer kritisieren. Wenn ein langweilig dahinplätscherndes Werk fünf Minuten vor Schluss abgeht wie Schmidts Katze. Es gibt aber, anders als in vielen Polizeirufen, dieses Mal eine Dramaturgie. Der Anlauf ist sehr lang, darüber gibt es vermutlich keine zwei Meinungen. Die ersten Szenen bei den Schemals kann man auch als Geduldsprobe bezeichnen und Herz und Krause, sein Motorrad und die vielen seltsamen Dialoge zwischen den Ermittlern sind nichts für Sprachästheten und Logikfreaks. Simples Wortstyropor als Zeit-Füllmaterial, anstatt wenigstens Glaswolle, die auch mal irritierend piekt.

Finale

2009 war es sicher wichtig, mal einen Film über Menschen zu machen, die geflüchtet sind und bei uns zweifelhafte Wege gehen müssen, um ihr Leben zu meistern. Im Wege der Krise von 2015 sind ja dann einige Krimis und andere Werke zum Thema gekommen, die recht ansehnlich und dramatischer gefilmt sind als „Falscher Vater“, dessen Titel einen Akzent auf die Schnittstelle zwischen den Menschen aus dem Irak und denen im Autohaus legt. Wo wir doch schon über die Entwicklung des Themas Flucht in filmischer Hinsicht reflektiert haben: Würde man heute noch zeigen, dass Landsmann der Schemals, der im Kulturverein arbeitet, Geschäfte mit abgelaufenen Medikamenten macht und dabei sogar den Tod von Menschen riskiert – und den Jungen der irakischen Familie da reinzieht? Wir dachten auch immer, die Ablaufdaten seien eingestanzt oder wenigstens aufgedruckt, nicht einfach aufgeklebt, sodass ein Aufkleber ja wohl auffallen müsste, vor allem so ein großformatiger. Egal. Dieser Strang ist sowieso nicht überzeugend erarbeitet, da kommt es auf besonders fragwürdige Details nicht so an.

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Nils Willbrandt
Drehbuch Claudia Kock, Nils Willbrandt
Produktion Michael Lehmann
Musik Marco Dreckkötter, Stefan Will
Kamera Jens Harant
Schnitt Melanie Schütze
 
Imogen Kogge: Johanna Herz, Kriminalhauptkommissarin
Horst KrauseHorst Krause, Polizeihauptmeister
Isabella Parkinson: Aria Schemal
Seckin Orhan: Miro Schemal
Ina Weisse: Nina Seiffert
Devid Striesow: Hendrik Seiffert
Anja Franke: Katrin Schubert, Kriminalassistentin
Fahri Yardim: Najem Macit
Günter Junghans: Albert Kampe
Juraj Kukura: Hamid Walid
Orhan Güner: Mahmut Schemal
Michael Krabbe: Lennie Fritsch
Doris Abeßer: Frau Siebert, Nachbarin
Axel Buchholz: Berliner Kommissar
Anna Stieblich: Gerichtsmedizinerin 

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