Totenmesse – Tatort 471 #Crimetime 583 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Tote #Messe

Crimetime 583 - Titelfoto © MDR, Jo Bischoff

Bauen Sie was Schönes, ich liebe meine Stadt!

Dass „Totenmesse“ den bewertenden Fans auf der Plattform Tatort-Fundus als einer der besten Ehrlicher-Tatorte gilt, hat uns nicht überrascht, als wir nach dem Anschauen Daten zum Film recherchiert haben – eingeschlossen die Tatsache, dass Regisseur Thomas Freundner später den Grimme-Preis erhalten hat (für „Herzversagen“, HR, Ermittler: Dellwo / Sänger; auch der erste Kiel-Tatort mit Klaus Borowski („Väter“ ) stammt von ihm, beide Tatorte haben wir überdurchschnittlich bewertet. Und wie sieht es mit dem Film mit dem doppeldeutigen Titel „Totenmesse“ aus? Darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Knapp 20 Jahre schon gehen Hagen Peuckert und sein älterer Mentor Caspar Freyberg gemeinsam durchs Berufsleben. Sie teilen Hobbys, Freud und Leid – und ein Geheimnis. Denn der verheiratete Peuckert führt ein Doppelleben mit seiner jungen Geliebten, der Modedesignerin Susanne Scheffler.

Die Freundschaft der ehrgeizigen Männer wird auf die Probe gestellt, als Peuckert in den Vorstand seiner Firma aufsteigen soll. Die will das alte Leipziger Messegelände neu gestalten. Vom Projektmanager Peuckert wird ein repräsentativer Bebauungsplan erwartet.

Ausgerechnet in dieser angespannten Situation stirbt Margit Baumann, die Buchhalterin des von Peuckert beauftragten Architekten. Sie wurde spät abends von ihrem Balkon gestoßen. Die Kommissare Ehrlicher und Kain finden in ihrer Wohnung Belege über ungewöhnlich kostspielige Einkäufe, die sie unmittelbar vor ihrem Tod getätigt hatte. Wie kann sich eine Buchhalterin so teure Kleidung leisten? 

Rezension

Schade oder nicht, dass es das im Film vorgestellte Großprojekt für die Alte Messe Leipzig nicht gegeben hat? Oder ist es charmanter, dass man, nachdem die Messe aufs neue Gelände am Stadtrand umgezogen ist, versucht hat, die alte scheibchenweise einer neuen Nutzung zuzuführen. Nach unserer Schätzung wären selbst die erwähnten 800 Millionen D-Mark zu wenig gewesen, um das Superkonzept des Architekten Frings umzusetzen. Besonders, wenn man einbezieht, wie alle Beteiligten die Baukosten schönrechnen, um Projekte machbarer erscheinen zu lassen. Wie das endet, falls es je endet, kennen wir vom echten Großprojekt BER in der Nähe von Berlin.

Als ersten Fehler, der zumindest in der Handlungsangabe enthalten ist, müssen wir erwähnen, dass Architekten, die private Bauvorhaben planen, keine Bebauungspläne erstellen, sondern sich nach ihnen richten, Bebauungspläne werden von Kommunen als Vorgaben erstellt.

Leider ziemlich falsch wird die Berechnung der Honorarsumme bei Architekten dargestellt. Sie beträgt keineswegs immer 9 % der Bausumme, in dem Fall 70 Millionen Deutsche Mark, sondern wird nach der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) berechnet, bei der es unter anderem auf den Leistungsumfang und die Größe des Projekts ankommt. Bei Projekten über 25.000.000 Euro (heutiger Stand) sind die Honorare frei verhandelbar. Und kein Bauherr wird 9 % einer Milliardenbausumme einfach mal so an den Planer rüberschieben (ebenso, wie Makler bei Großverkäufen nicht die ortsüblichen Prozente für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser, sondern wesentlich weniger bekommen), selbst wenn er von A-Z alle Leistungen erbracht hat, die ein Architekturbüro erbringen kann und die gesamte Bauaufsicht innehat.

Dass dies beim Architekten Frings aber möglich wäre, wagen wir zu bezweifeln, denn er wir erfahren, dass er noch nie ein so großes Projekt gestemmt hat, was die 60 Angestellten ziemlich optimistisch aussehen lässt, denn das ist in der Tat ein großes Büro, das nur Sinn ergibt, wenn ständig im Spitzenbereich der Bauwirtschaft gearbeitet wird. Ein Architekt, der erstmalig um eine solche Größenordnung kämpft, wird einen Großteil der Arbeit, wie etwa die Detailplanung, möglicherweise auch die Bauaufsicht, an andere Architektur- und Ingenieurbüros vergeben und auch die hochkomplizierte Statik solcher Gebäude nicht einfach selbst berechnen, wie es hier stellenweise suggeriert wird, sondern die Tätigkeit und damit auch einen Teil der Verantwortung einem Spezialisten übergeben.

Das bedeutet auch, dass wichtige Änderungen an Entwürfen zwar machbar sind, aber nicht innerhalb von ein paar Stunden kalkuliert werden können. Dass bei solchen Sachen aber gepfuscht wird, ist eh bekannt (nicht am Bau selbst, das wollen wir nicht unterstellen, und weil das meist nicht der Fall ist, werden die Häuser ja so viel teurer als ursprünglich veranschlagt).

Damit haben wir den wesentlichen Komplex von Schwachpunkten dieses ziemlich ambitionierten Leipziger Tatortes aber benannt und stellen fest: Viel ist viel und für angebliche 70 Millionen könnte man schon mal über Leichen gehen. Tut man aber nicht, als Quoten-Ossi im Bauplanungsgeschäft. Man macht nur eine etwas unglückliche Figur, ist immer im Stress und muss sich dann auch noch witzige Verhöre von Ehrlicher & Kain gefallen lassen, die im Grunde gar nichts erbringen – bis auf die Tatsache, dass die Kriminaler nicht vorwärts kommen und der Architekt immer nervöser wird.

Ein wenig Abzug gibt es auch für die wieder einmal ziemlich hopplahopp aus dem Hut gezauberte Lösung. Klar, unlogisch ist sie nicht, auch psychologisch denkbar, aber trotzdem unbefriedigend, weil die Täterperson des einen Mordes vorher so wenig charakterisiert wird und dabei auch nicht so energisch wirkt, dass sie, Affekt hin oder her, zum großen Küchenmesser greifen könnte. Aber wer weiß, was wir tun würden, wenn wir nicht nach New York oder wenigstens nach Berlin gedurft hätten und in einer Stadt wie Leipzig hätten versauern müssen. In Sachsen, wo erkennbar die schönen Mädchen wachsen und der Humor von Ermittlern auch gut gedeiht, gibt es halt keinen BER, und ohne den wäre die Postmoderne nur halb so skurril. Wir haben den Verdacht, den Sachsen würde sowas nicht passieren, zumindest nicht, wenn Ehrlichers Bruno Manager der Planungsfirma gewesen wäre und Kain sein jüngerer Assistent, der dann an ihm vorbeizieht. Ehrlicher hätte auf jeden Fall was Schönes gebaut, wie er es von Frings verlangt, da er in Wirklichkeit leider nur Kriminalhauptkommissar ist und lange stricken muss, bis er einen Pullover für 2.500 DM und eine Mütze für 600 oder 900 zusammen hat.

Dieser Krimi macht bis auf die genannten Problemzonen wirklich Spaß. Das Zusammenspiel der Akteure ist mit das Beste, was wir gesehen haben, seit der MDR einen Tatort machen darf. Weder die Nachfolger noch andere, neue Teams können mit der hervorragenden Interaktion konkurrieren, die uns „Totenmesse“ mit seinem mehrdeutigen Titel bietet, der einerseits auf den Tod der Managertochter anspielt und auf die Messen, die ihr Vater für sie lesen lässt, zum anderen natürlich auf die tote Alte Messe Leipzig, die zu neuem Leben erweckt werden soll.

Der Witz zwischen den Ermittlern, eingeschlossen der KT-Chef, ist dieses Mal so gut, dass wir uns alle paar Minuten weggelacht haben. Sätze wie: „Da hast du ausnahmsweise mal wieder Recht“ sind da noch die offensichtlicheren Gags.

Natürlich hilft das tolle Setting, besonders die kleine Rundhalle der Alten Messe, die neuen Bürogebäude, in denen die Architekten und Manager hausen, die von der Kamera sehr gut in Szene gesetzt werden. Wie die Kamea an dem Modell der Neuen Messe entlangfährt und erst Freiberg zeigt, wie er souverän und verliebt die Angelegenheit betrachtet und ein wenig damit spielt, wie sie dann weiterzieht und Peukert ins Bild bringt, wie er angespannt dies und jenes mit dem Blick prüft, wie die beiden auch unterschiedlich positioniert werden, Freitag etwas höher über der Kante der Platte, auf der das Modell steht, obwohl Peukert ja der neue Vorstand werden soll, nicht sein Mentor – sehr schön. Wenn man genau hinschaut, weiß man spätestens in diesem Moment, dass an der großen Freundschaft der beiden etwas faul sein muss.

Es ist aber nicht alles faul, und gerade diese Mischung aus Gefühlen füreinander und Karrierestreben, das dagegensteht, ist dem Leben hervorragend abgeschaut. Denn in großen Firmen, in denen Karrieren über mehrere Hierarchieebenen hinweg möglich sind und in denen immer Bewegung im Personaltableau herrscht, wird auch die schönste Freundschaft immer wieder geprüft, wenn ein Freund zum anderen in Konkurrenz um einen Posten tritt oder sonst der eine irgendetwas bekommt und der andere nicht. Selbst, wenn der eine der Patenonkel des anderen Tochter ist und die beiden gemeinsam den Tod des Mädchens miterlebt haben und dadurch tatsächlich miteinander stark verbunden sind, wird die Loyalität nicht durchgehalten. Der Ältere ist enttäuscht, dass der Jüngere nicht freiwillig für ihn auf den Vorstandsposten verzichtet hat, der Jüngere arbeitet sich den Kummer über den Tod der Tochter so konsequent ab, dass er nichts dabei findet, einen Posten anzunehmen, den er sachlich wohl verdient hat.

Super auch, wie Ehrlicher sich zusammenreimt, dass es zwischen den beiden Leistungstieren Spannungen geben muss. Vielleicht ein wenig zu gut für einen Polizisten, der kein Insider ist, solche Mechanismen betreffend, aber er hat eben Erfahrung und macht seinen Job nicht seit 35 Jahren schlecht. Tucholsky ist auf ihn also nicht anwendbar und sein Verhältnis zu Kain ist ein anderes als das von Freiberg und Peukert, auch wenn man durchaus die eine oder andere Parallele ziehen. Bei den Beamten ist das nicht so einfach, dass die Jüngeren mal so an den bisherigen Vorgesetzten vorbeiziehen. Es gibt viele solcher Spiegelungen in diesem intelligent angelegten Film, der zwar aus lauter bekannten Einzelelementen besteht, diese aber so verknüpft, dass ein stimmiger, überzeugender Krimi daraus wird, der, wir haben’s schon erwähnt, zudem und vor allem für MDR-Verhältnisse überdurchschnittlich spannend gefilmt ist.

Finale

Wir haben uns vergleichsweise intensiv mit einer bestimmten Problemzone des Films befasst, die uns aufgrund eigener Biografie relativ schnell aufgefallen war, aber die Zustimmung zu dem Film überwiegt bei weitem. Wer Ehrlicher und seinen Kain in Bestform erleben will, starke Typen, verständliche Motive und attraktive Frauen in eindeutigen Stellungen erleben will, darf „Totenmesse“ nicht auslassen.

Man fliegt bei gegebener Handlungsgeschwindigkeit nicht aus der  Kurve, aber man fühlt auch keinen Stillstand, wie bei manch anderem MDR-Tatort; die Logik des Geschehens ist gerade deshalb so überzeugend, weil Menschen nicht so reagieren müssen, wie sie es hier tun, es aber denkbar ist – und darauf fußt der Lauf der Dinge, nicht auf irrwitzigen  Zufällen, mit denen Drehbuchautor*innen versuchen, aus der Klemme zu kommen, in die sie ihre Plots getrieben haben. Besonders Peter Hallwachs als Manager Freiberg ist neben den drei Ermittlern besonders hervorzuheben. Sein Senior-Manager ist das, was man sich vorstellt und vielleicht auch wünscht, so unbequem solche kantigen Typen sein mögen. Lieber so und mit echten Emotionen hinter dem professionellen Outfit, als diese Dutzendgesichter ohne Rückgrat, die heute versuchen, Posten auszufüllen, die sie nicht beherrschen. Kamerad Peukert ist schon ein wenig so: zwar hochqualifiziert und alert und einsatzwillig ohne Ende, aber auch ein Gehetzter, der von seinem Mentor immer wieder in die Spur gebracht werden muss. In diesem Verhältnis liegt etwas Romantisches, und das gibt es bei langjährigen geschäftlichen Weggefährten durchaus. Es wird aufgrund der negativen Entwicklung des Kapitalismus immer schwieriger, solche Verhältnisse zu pflegen, aber es schön, sie in dieser spannungsgeladenen Form zu sehen wie in „Totenmesse“.

8,5/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Claudia Peuckert – Michéle Marian
Caspar Freyberg – Hans Peter Hallwachs
Susanne Scheffler – Sandra Leonhard
Martin Frings – Till Kretzschmar
Frederike – Annekathrin Bürger

Regie – Thomas Freundner
Kamera – Philippe Cordey
Buch – Andreas Pflügler und Pim Richter
Musik – J.J. Gerndt

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