Schüsse auf der Autobahn – Tatort 389 #Crimetime 586 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Schuss #Autobahn

Crimetime 586 - Titelfoto © NDR, Ulla Kimmig

Jim Brockmöller und Johnny Stoever bei Jonas, dem singenden Trucker

Erstmalig haben wir uns mit Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer) in der 39. WB-Tatortrezension* befasst („Blindekuh“). Mittlerweile haben wir sie richtig gerne, die beiden Swinging (in „Schüsse auf der Autobahn„: singing) Cops.

Zwischen der ersten Stoever-Brockmöller-Rezension und der heutigen liegt weniger als ein Jahr, die beiden Hauptkommissare sind inzwischen fünf Jahre älter geworden. Dem Stil von „Schüsse auf der Autobahn“ merkt man den Zeitsprung kaum an, die Inszenierung ist noch traditionell und der Plot ein traditioneller Whodunnit. Oder etwa nicht? Wir klären dies und anderes in der -> Rezension.

Handlung

Der LKW-Fahrer Heinz Stamm wird auf einer Autobahnabfahrt erschossen. Stoever und Brockmüller ermitteln, daß der Tote zu einer Clique von drei Truckern gehörte, deren Freundschaft nur noch Fassade war. Schlüsselfigur des Falles scheint Erich Dzchydl zu sein, dessen Frau mit dem Ermordeten ein Verhältnis hatte. Bevor sich der Verdacht gegen den Ehemann erhärten läßt, geschieht ein weiterer Mord. Auch der zweite Trucker aus der Clique, Albrecht Heuer, wird auf derselben Abfahrt erschossen. Diesmal scheint aber der gehörnte Ehemann als Täter auszuscheiden. Stattdessen wird immer wahrscheinlicher, daß ein kaltblütiger Serienkiller im Spiel ist.

Die übereifrige Autobahnpolizistin Sabine Kunkel und ihr Kollege Troller halten einen Psychopathen für den Täter, der wahllos auf LKW-Fahrer schießt. Die Öffentlichkeit ist alarmiert. Stoever und Brockmöller ermitteln dagegen weiter im privaten Umfeld der Toten und kommen einem geheimgehaltenen Lotto-Gewinn auf die Spur – da wird auch Erich Dzchydl zum Opfer des geheimnisvollen Mörders. Die Kommissare stehen vor einem Rätsel.

Ein Zeuge bringt sie schließlich auf die Spur eines großangelegten Umweltskandals, in den die drei Fahrer und ein durchtriebener Spediteur, Fred Korn, verwickelt sind. Als auch dieser umgebracht wird, nimmt der Fall eine dramatische Wendung.

Rezension

Der Tatort 389 weist nach unserer Ansicht eine Besonderheit auf. Wir finden dieses Mal das Drehbuch besser als die Schauspielleistungen, denn es hat einige interessante Aspekte. Da ist zum einen die Tatsache, dass man die Sache anfangs für klar hält, dann einen eindeutigen Hinweis bekommt, dass alles ganz anders sein könnte – diesen aber wieder vergisst und am Ende deshalb überrascht ist. Zumindest ging es uns so, wir haben offenbar nicht die richtige Antenne für Duschszenen, und das ist in der Tat bedauerlich, denn es beeinflusst die Rezension. Wer diese Szene mit der jungen Polizistin Sabine Kunkel gut verstanden und sich gemerkt hat, wird am Ende die Bestätigung für den Wert seiner Aufmerksamkeit erhalten – und das ist ja nicht schlecht, sich bestätigt zu sehen.

Wie man die Tatsache wertet, dass immer wieder neue Motive aus dem Hut gezaubert werden, ist Ansichtssache. Die Tatortfans mögen „Schüsse auf der Autobahn“ wohl überdurchschnittlich gerne, die reine Krimilehre ist er nicht, weil der Zuschauer immer wieder mit Dingen konfrontiert wird, die es eben gerade verhindern, dass er von Beginn an mitraten kann. Heutige Tatorte verfolgen dieses Rätselschema häufig nicht mehr, aber „Schüsse auf der Autobahn“ tut dies noch – auf den ersten Blick.

Erstaunlich ist die teilweise sehr hölzerne Umsetzung des Plots, es gibt auch wieder Fragwürdigkeiten im Detail, ohne welche die Handlung so nicht denkbar gewesen wäre – wir meinen aber, das ist keine grundsätzliche Drehbuchschwäche, sondern wiederum der statischen Inszenierung zu verdanken, die manchmal ein wenig abirrt und Stoever und Brockmöller außerdem zu Dialogen zwingt, mit denen sich insbesondere Brockmöller keinen Gefallen tut.

Der Norddeutsche Rundfunk pflegt seine Altstars mit Hingabe – die letzten drei Wiederholungen von „Schüsse auf der Autobahn“, schön im Abstand von etwa zwei Jahren platziert, stammen alle von dem Sender, der diese Tatorte produziert hat.

Vier Tote gilt es zu beklagen, für die 90er Jahre eine beachtliche Anzahl. Dass es soweit kommt, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass zu Anfang nicht nur die Dialoge der Waterkant-Ermittlerhelden Stoever und Brockmöller etwas zäh geraten, sondern auch deren Ermittlungsarbeit, dann aber ziehen sie ruckartig das Tempo an und lassen die halbe Hansestadt durchsuchen. Dass Stoever sich dann auch noch hinsetzt und persönlich Belege aus solchen Aktionen durchsieht, darf man getrost als dramaturgisch gewollte Unglaubwürdigkeit ansehen. Am Schluss aber ist es Stoevers Kombinationsgabe, die auf die richtige Spur führt, und das ist okay.

Weniger gelungen sind die Fakten, die sich um die Polizisten Sabine Kunkel ranken: Wie konnte es so lange dauern, bis Stoever und Brockmöller auf diese Person aufmerksam wurden, wie war es möglich, dass nicht erkannt wurde, dass es sich bei der Tatwaffe um den Typ handelt, den die Polizei vor Ort verwendet? Wie konnte die Polizistin, die sich wohl in der Regel auf Streife befinden dürfte, immer vorher bereits am Tatort sein und die Fahrer und deren Chef töten? Wieso trägt sie als Ehefrau von Fred Korn gefärbte schwarze Haare und kehrt zu den erkennbar echten blonden zurück – um sich unkenntlich zu machen? Eine weitere Frage hat sich uns bezüglich der Person gestellt. Ihre Traumatisierung durch Vergewaltigung wird, wenn man es rückwirkend betrachtet, gut dargestellt, aber ist jemand, der zuvor wohl nie gewalttätig war, ausgerechnet in dieser Phase zu einem Rachefeldzug übergehen, auf welchem er vier Männer kaltblütig erschießt? Das ist wohl unrealistisch, aber es ist ein typischer Romanstoff und damit auch ein Filmstoff.

Bezüglich der Umweltproblematik der Kontamination eines großflächigen Areals mit Giftmüll wird die Vorgehensweise der Speditionsgang nur grob angerissen.

Viele Aktionen sind hingegen unnötig, auch wenn man die Absicht, dass falsche Fährten gelegt werden sollten, zu würdigen hat. Richtig peinlich war uns die Spiegelung des Geschehens bei den Truckern durch die Lottoschein-Aktion von Stoever, der seinen Kollegen nach Strich und Faden verarscht, was aber nicht richtig zündet, weil die gesprochenen Worte grob und mit dem Holzhammer produziert wirken.

Besonders Charles Brauer scheint das auch so empfunden zu haben, sein Spiel ist zeitweilig (u. a. in der erwähnten Szene) unter seinen Möglichkeiten, Manfred Krug hat uns in anderen Tatorten insgesamt auch schon besser gefallen. In den Nebenrollen wirkt kein Star mit, auch die ARD-Vertragsschauspieler aus der ersten Reihe, die uns seit Jahren in Tatorten begleiten, haben wir hier nicht gefunden – die Namen der Darsteller waren uns mehrheitlich unbekannt. Das muss aber nicht der Grund dafür gewesen sein, dass wir einige der Figuren nicht sehr überzeugend fanden und dadurch den Eindruck erhielten, dies sei doch eher eine Routineproduktion als ein feurig-ambitionierter Tatort, der vielleicht nicht alles erreicht, aber viel versucht.

Allerdings versuchen sich die beiden bekanntermaßen musikliebhabenden Kommissare als Trio mit dem Verdächtigen Erich Dzchydl, und das wirkt so deplatziert, dass es schon wieder nett ist.

„Jim, Jonny und Jonas,
die fahren an Java vorbei,
Jim, Jonny und Jonas,
die fahren direkt nach Hawaii.“

So lautet eine Strophe aus diesem Lied des „Hula-Hawaii-Quartetts“, das sicher nicht viele Leute kennen, umso mehr ist das eine Art Insider-Gag. Die Musikliebhaber Brockmöller und Stoever singen das hier so, als es es eine Ikone der Country-Musik, etwas wie das Eingangslied von Gunter Gabriel „Hey, Boss, ich brauch mehr Geld“.Im Film fahren die drei Countryfans und LKW-Fahrer Heinz, Albrecht und Erich (in dieser Reihenfolge) am Lottoglück vorbei und direkt ins Jenseits.

Überhaupt das Trucker-Country-Milieu, in welchem die Geschichte angesiedelt ist (immerhin gibt es ein Milieu, in dem skurrile Figuren gedeihen können). Da wehen die Siebziger schön durch die späten Neunziger, aber das Parodistische ist nicht stark genug, die Charaktere nicht schräg genug und nicht konsistent genug als Stereotypen angelegt, als dass man das als überzeitliche Persiflage oder Hommage an die Western-Romantik und das Hohe Lied der einsamen Trucker auf einsamen Landstraßen oder gefährlichen Autobahnen ansehen könnte. Der Fokus ist nicht eindeutig – ist man mittendrin und soll man mit den Charakteren mitgehen, oder ist Distanz das Gebot?

Finale

„Schüsse auf der Autobahn“ hat nicht den lakonischen Autorenfilmer-Stil vieler früher Werke der Serie, der auf den ersten Blick neutral wirkt, aber darauf  ausgerichtet ist, dass hinter dieser vorgeblich unbeteiligten, manchmal träge wirkenden Erzählweise der denkende Zuschauer die Botschaften erkennt. Ebensowenig zeigt er aber die Permanenz im dichten Herangehen an die Figuren und die subjektive Sichtweise späterer Epochen oder die Stilisierungen und Manierismen heutiger Folgen. Er ist ein Stück Unterhaltungshandwerk, in dem einige Klischees breitgetreten werden und der insgesamt ein wenig roh gezimmert wirkt. Mehr will „Schüsse auf der Autobahn“ wohl auch nicht sein. Habgier, Eifersucht, Umweltverschmutzung und als anspruchsvolltes Pflichtfach die Gewalt an Frauen werden belegt, die Konzentration jedoch liegt auf dem Aufbau der Erzählung, die sich in nach jedem Todesfall wechselnden vorrangig zu untersuchenden Mordmotiven verwirklicht.

Wir nehmen trotz mittlerweile bekannter Gefahren die Abfahrt, fahren in der anderen Richtung wieder auf die Autobahn und kommen dort heraus, wo wir einst mit Stoever und Brockmöller bei „Blindekuh“ anfingen: bei 6,5/10 Punkten.

*Diese und andere Angaben zum zeitlichen Kontext der Veröffentlichung beziehen sich auf die Zeit der Erstpublikation im „ersten Wahlberliner“, in diesem Fall im Jahr 2012.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 
 
Kommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Erika – Tatjana Clasing
Heinz Stamm – Reiner Heise
Albrecht Heuer – Peter Mohrdieck
Fred Korn – Silvan-Pierre Leirich
Stefan Struve – Kurt Hart
Troller – Jürgen Morche
Erich Dzchydl – Bernd Tauber
Gunda – Christa Pillmann
Sabine Kunkel – Susanne Lüning 

Buch – Raimund Weber
Regie – Hartmut Griesmayr 

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