Falsches Alibi – Tatort 312 #Crimetime 588 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Alibi #falsch

Crimetime 588 - Titelfoto © MDR

Die seltsamen Wege des Bruno E.

Handlung in einem Satz: Kommissar Ehrlicher hat den Mord an einem jungen Mann aufzuklären, der im Hof eines alten Industriekomplexes niedergestreckt wurde und kommt dabei seinem Sohn, Autoschiebern, Schutzgelderpressern und einem ehemaligen Kellner auf die Spuren.

Wir haben uns mit der Annäherung an die Ehrlicher-Tatorte Zeit gelassen, bis wir viele andere Filme der Serie, auch aus den 1990er Jahren, gesichtet und für den Wahlberliner über sie geschrieben hatten. Das war gut so. Denn umso mehr spürt man aus der Kenntnis heraus den Unterschied. Man darf nicht den Fehler machen, einen Ehrlicher von 1995 mit einem Top-Tatort aus 2012 zu vergleichen (neuerdings gibt es auch gute Tatorte aus 2013). Man muss die Flemmings, Markowitzens, Brinkmanns heranziehen – aber auch die frühen Münchener Batic und Leitmayr und die Odenthals jener Zeit. Was beim Vergleichen herauskam, verraten wir in der -> Rezension.

Handlung 

Kommissar Ehrlicher möchte es nicht für möglich halten: In der idyllischen Stadt Freiberg ist ein Mord geschehen. Allerdings wird dies nicht die einzige böse Überraschung bleiben, mit der sich Ehrlicher bei der Arbeit an diesem neuen Fall konfrontiert sieht.

Dabei zeichnet sich sehr schnell ein möglicher Täterkreis ab, denn der Tote, Steffen Kemper, war bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Als Autoknacker hatte er einen unrühmlichen Ruf vorzuweisen. Kemper wurde erschossen. Seine Leiche entdeckte man auf einem Parkplatz. Wurde Kemper von einem Rivalen aus dem Weg geräumt oder hat sich vielleicht ein Autobesitzer zur Wehr gesetzt? Als Ehrlicher bei seinen Ermittlungen darauf stößt, dass Kemper auch im Schutzgeldgeschäft aktiv war, führt ihn diese Spur in die Kneipe seines Sohnes.

Plötzlich gerät Ehrlicher unter Druck, denn zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass auch Tommi, sein Sohn, der Mörder von Kemper sein könnte. Fieberhaft sucht Ehrlicher nach Beweisen, die seinen Sohn entlasten. In dieser Situation tut er etwas, was er niemals für möglich gehalten hätte. Er deckt vor Kain nicht alle Karten auf. Sein Motiv ist klar. Ehrlicher befürchtet, dass ihm der Fall entzogen wird. Kain aber spürt, dass etwas faul ist, und so wird die Jagd nach dem Mörder zur Zerreißprobe einer Freundschaft. 

Rezension

Aus der Sicht von 2020, anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im neuen Wahlberliner, müssen wir beifügen, dass wir mit den Ehrlicher-Tatorten recht spät begonnen hatten und anfangs ziemliche Mühe hatten, uns einzufinden – dies spiegelt auch der bis auf diesen Absatz weitgehend unveränderte Text des Entwurfs aus dem Jahr 2013. Bemerkenswert finden wir die Rolle, die wir den DDR-Polizeirufen zugewiesen haben, lange, bevor wir begannen, uns mit ihnen intensiv zu beschäftigen.

Vor allem, wenn man den Quervergleich Sachsen-Bayern zieht, bleibt kein gutes Haar an den Ehrlicher-Filmen, daher ist es besser, die wesentlich konservativeren Figuren jener Zeit, wie den Kölner Flemming oder den Hessen Brinkmann als Bezüge für die Bewertung eines Krimis wie „Falsches Alibi“ zu setzen.

Der Name des Werks lässt nichts Gutes erahnen, weil er Einfallslosigkeit par Excellence ausstrahlt. Fast in jedem Tatort gibt es ein falsches Alibi oder gar mehrere, dies titelseitig festzustellen. „Falsches Alibi“ ist schlecht konstruiert und hakelig oder auch uneinheitlich inszeniert, sodass die Banalität der Kopfzeile Hilflosigkeit angesichts dieser Kraut- und Rüben-Räuberpistole ausdrücken dürfte.

Keine Frage, die Ehrlichers jener Jahre sind meist „anders“. Sie spiegeln wie keine weitere Tatortschiene die Wirren und Verwerfungen der Nachwendezeit und als Zeitdokumente sind sie daher ebenso wichtig wie die Polizeirufe aus der DDR und aus der Wendezeit. Das ist nicht verwunderlich, denn nur die Dresden-Tatorte sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR angesiedelt. Ehrlicher und Kain wurden 2007 durch das heutige Leipziger Team ersetzt, erst für 2013 sind weitere Städte geplant. Allerdings hat man die Serie „Polizeiruf 110“, natürlich mit anderer Ausrichtung, fortgeführt, die Neuen Bundesländer sind keine Krimi-Diaspora.

Vergleicht man nun wieder in Richtung Vorwende-Polizeiruf, dann kann man sofort verstehen, warum die Menschen in den mittlerweile auch nicht mehr so neuen Beitrittsländern in den 1990ern weitgehend die Orientierung verloren. Sicher ist es nicht in der Form gewollt, wie man es in „Falsches Alibi“ wahrnehmen kann, aber einige Dresden-Krimis spiegeln genau dieses Abhandenkommen von Sicherheit, von festen Maßstäben und Werten, den Mangel an Möglichkeiten, die neue Wirklichkeit zu erfassen und richtig zu bewerten.

Nicht, dass man im Westen keine Werte verloren hätte, nicht, dass man hier immer den Überblick hatte, aber man merkt den damaligen Tatorten ganz deutlich an, dass das System erhalten blieb und man auf dem bisher sowohl ökonomisch als auch filmtechnisch Geleisteten aufbauen konnte. Auch die Gesellschaftskritik stand auf einem festen Fundament, das man in den Tatorten von Beginn an gelegt hatte.

Die NBL-Tatorte der 90er hingegen, und da gibt es ja leider nur die Schiene mit Ehrlicher und Kain, sind hingegen vergleichsweise experimentell und folgen auch nicht in der Tradition der Topfilmer der DDR. Ein Tatort von Frank Beyer, der im Jahr der Entstehung von „Falsches Alibi“ den Bestseller „Nikolaikirche“ verfilmte, das wäre sicher ein künstlerisch und in der Aussage interessantes Werk geworden.

Der 312. Tatort hingegen ist uneinheitlich vom Inszenierungsstil, mal sehr langatmig und dröge, mal unverhältnismäßig hippelig gefilmt, aber wieder einmal ist es der Plot, der am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Das wahrlich keine ostdeutsche Spezialität, dass die Handlungen rüde, unwahrscheinlich und unlogisch daherkommen, aber die Ausprägung halten wir schon für typisch, weil sie unter anderem von einem falschen Verständnis der Ökonomie zeugt, das so auffällig ist, dass man es nur der fehlenden Erfahrung im Umgang mit dem Kapitalismus zuschreiben kann.

Einschränkend gilt obiger Satz unter der Prämisse, dass man nicht vollkommen irrational handelnde, mithin im Whodunit  nicht gut aufgehobene Figuren zeigen wollte, dies aber nicht hinreichend deutlich gemacht hat. Unsere Kritik gilt zunächst Bruno Ehrlichers Sohn, der ein Restaurant aufmacht, eh schon klamm ist und sich auf dubiose Warenbeschaffung einlässt, seinen Vater um Geld anfleht und dennoch 60.000 Mark in Bar für einen verschobenen und umgespritzten, mithin gebrauchten japanischen Sportwagen ausgibt, ohne dass hinter dieser Ausgabe nur irgendein Motiv sichtbar würde. Nur diese Tat hält die Handlungsfäden mühsam zusammen und da diese nicht glaubwürdig und unerläutert daherkommt, ist auch dieses Zusammenwirken der Stränge nicht überzeugend vorgetragen.

Achtung, der folgende Text enthält die Auflösung!

Selbstverständlich ist der Hintermann des Mordes in diesem Film ein Wessi, der im Osten als Kellner anfing und sich eine Oase der Entspannung in Form neumodischer Wellnesshotels oder Restaurants oder Clubs und Bars unter den Nagel gerissen hat. Dieses Muster ist zwar realistisch, aber die Figur ist so sehr am Rand, dass man auch daran merkt, die Mentalität der Westler, die sich im Osten eine goldene Nase verdienen wollten, war den Machern des Films fremd. Diesbezüglich gibt es übrigens bessere Ehrlicher-Filme, die auch etwas wie Witz und Satire rüberbringen, leider fehlt auch diese Ebene in „Falsches Alibi“ als Ersatz für die tiefere Einsicht vollkommen; dabei ist es ein so probates Mittel, das Unverständliche, aber ersichtlich für die Gesellschaft Schädliche auf Basis der nun einmal vorhandenen Erkenntnisebene pointiert durch den Kakao zu  ziehen.

Weiterhin ist die Art, wie ein Ermittler (Ehrlicher) dem anderen (Kain) Ergebnisse verschweigt, mehr als fragwürdig. Man kann verstehen, dass ein Vater seinen in Tatverdacht geratenen Sohn schützen will, außerdem sind Tatortkommissare weitaus häufiger als ihre Kollegen in der Wirklichkeit geneigt, sich gegen die Dienstvorschriften zu verhalten, aber alle Verwischung macht sich an den Namen von fünf erpressten Kneipenbesitzern fest. Damit dieser unterschiedliche Ermittlungsstand funktioniert, muss als Notnagel für einen notleidenden Plot ein bärtiger Informant und Modellbauer her, den nur Ehrlicher kennt, nicht aber Kain – also eine Figur, die immer dann her muss, wenn es so sehr klemmt, dass nur ein Hinweisgeber ex machina für einen Ausweg sorgen kann.

Insgesamt ist die Ermittlungsarbeit in diesem Film auf schwachem Niveau und auch das könnte man persiflieren, etwas lockerer rüberbringen, wie etwa im besseren (und etwas jüngeren) Ehrlicher-Tatort „Fürstenschüler“, den wir kürzlich rezensiert haben.  Hingegen sind die Figuren dort, wo etwas mehr individuelle Vertiefung und Ernsthaftigkeit – wie zum Beispiel wirklich bedrohliche Verbrecher – angesagt gewesen wäre, geradezu Karikaturen. Wenn sich die Leute vor Ort von solchen Chargen in die Enge treiben lassen, die im Affekt einen jungen Typ erschießen, den Bruder und teilweisen Mitwisser aber nicht einfach abpassen und in ihre Gewalt bringen, um ihn unschädlich zu machen, obwohl das problemlos möglich wäre, wirft das ein schlechtes Licht auf die Bevölkerung. Auch wenn es solche Fälle wohl leider wirklich gab, die politische Korrektheit gegenüber den von der Neuorientierungspflicht gebeutelten Ostdeutschen erschießt sich sozusagen selbst und von hinten.

Dass der Drehbuchautor Peter Probst aus München stammt, dass Bernd Böhlich, der Regisseur, viel Routine mit Fernsehkrimis aufweist und mit „Du bist nicht allein“ einen schönen Kinofilm (allerdings erst 2007) gemacht sowie viele Polizeiruf-Folgen in Szene gesetzt hat, erwähnen wir der Ordnung halber (die erwähnten 110-Filme können wir auch nicht mit „Falsches Alibi“ vergleichen, da wir aus Kapazitätsgründen nur über eine der beiden Sonntags-Krimisieren der ARD schreiben und die ebenfalls meist neuer sind als „Falsches Alibi“).

Finale

1995 jedenfalls kommt eine ziemliche Naivität der Macher zum Ausdruck. Damit begeben sie sich der Möglichkeit, die Nachwendezeit mit einem auktorialen Blick zu betrachten, sondern agieren auf dieselbe Ebene wie die Figuren, die sie erschaffen bzw. ins Bild gesetzt haben. Aus heutiger Sicht wirkt das einerseits beinahe rührend, es wirkt auch gesellschaftskritisch, aber es fehlt die Schärfe und Konsequenz auf der einen und der konzentrierte Vortrag auf der anderen Seite, der diese Schärfe erst möglich macht. Man hätte auch auf Humor und Skurrilität optieren können, doch die wenigen Ansätze dazu sind in „Falsches Alibi“ halbherzig.

So gibt es von allem etwas, aber nichts erzeugt einen nachhaltigen Eindruck und es gibt auch keine Schauspiel-Einzelleistungen zu bestaunen, die etwas von dem Boden gutmachen könnten, den Inszenierung und Plot preisgeben. Doch die Wirren einer wilden Zeit, die kann man auf eine Weise herausspüren, von der wir zugunsten der Mitwirkenden an diesem Film annehmen, dass sie nicht beabsichtigt war.

5,5/10

© 2020 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd M. Lade
Anka – Regula Grauwiller
Tommi – Thomas Rudnick
Lore – Monika Pietsch
Anett – Eva Hassmann
Tamara Kemper – Ingeborg Westphal
Steffen Kemper – Robert Glatzeder
Chris Kemper – Pascal Freitag
Jan – Sven Martinek
u.a.

Musik: Andy Goldner
Kamera: Gero Steffen
Buch: Peter Probst
Regie: Bernd Böhlich

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