Totes Rennen – Polizeiruf 110 Fall 384 #Crimetime 589 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Magdeburg #Brasch #Lemp #Rennen #tot

Crimetime 589 - Titelfoto © MDR, Stefan Erhard

Ein Anfang wie ein Vorspann

Endlich haben sie es im Polizeiruf geschafft, einen Anfang hinzubekommen, der stilistisch genau dem neuen Vorspann entspricht, der seit einigen Filmen zu bewundern ist. Eine blutrote Traumsequenz, die perfekt zum blau-blutroten neuen Serienauftritt passt – wenn man genau hinschaut, fasst der Vorspann viele Elemente bisheriger Vorspanne zusammen, sogar das schwarze Bakelit-Telefon ist zu sehen, das  nur in den allerersten Filmen der Reihe aus den Jahren 1971, 1972 ins Bild gerückt wurde. Schick, finden wir, aber nicht mit der Ewigkeitsgarantie, die neben den Art. 1 und 20 IV des Grundgesetzes für das Tatort-Logo gilt.

Der Polizeiruf musste sich immer wieder wandeln, der Gipfel der Hässlichkeit der Logos war etwa Mitte der 1990er mit einem furchtbaren Pink-Schwarzweiß-Vorspann erreicht, auf dem unter anderem Verbrecherfotos abgebildet waren. Der Polizeiruf hat’s überlebt, der dritte Vorspann seit jenem Unfall in den 1990ern ist sicher einer der gelungensten seit Einführung der Reihe. Und wie gelang der Polizeiruf 384? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Am Elbufer nahe der Galopprennbahn Herrenkrug wird ein junger Mann tot aufgefunden. Hauptkommissarin Doreen Brasch und Kriminalrat Uwe Lemp erfahren am Fundort, dass der Tote, Milan Siebert, unterschiedliche Verletzungen hat. Die Todesursache ist unklar.

Siebert lebte zuletzt wieder bei seinen Eltern, getrennt von seiner Frau Manu und seinem Sohn. Als Brasch Milans Eltern die Todesnachricht überbringt, erfährt sie, dass dieser spielsüchtig war und überall Schulden machte. Zu Braschs Überraschung gibt es einen Verbindungsnachweis des Toten zum LKA. Doch die LKA-Kollegen im Präsidium blocken ab: Sie wollen getrennte Ermittlungen.

Im Vertrauen erfährt Brasch vom LKA-Kollegen Hannes Kehr, dass Milan als Informant für ihn und die Abteilung Wettbetrug gearbeitet hat. Kehr führt Brasch in die Welt der Spielwetten ein und warnt sie gleichzeitig davor. Brasch aber folgt ihrem Instinkt. Sie vermutet, dass Milan wusste, wer das nächste große Spiel manipuliert hat. Mit diesem Wissen wollte er seine Familie aus der Schuldenmisere befreien. Brasch ahnt nicht, dass sie das nächste Opfer in einem falschen Spiel werden soll.

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Hat irgendjemand verstanden, warum Brasch absichtlich mit Informationen angefüttert und so in die Lage versetzt wurde, den Fall zu lösen? Wir nicht. Vom Verlauf schon, aber die Motivation erschießt sich uns bisher nicht. Hat derjenige, der sie in die Wettszene so kundig einführte, geglaubt, sie würde ebenfalls der Spielsucht einheimfallen? Sowas kann man doch bei einer Beamtin nicht einfach voraussetzen, auch wenn sie so seelisch angeknackst wirkt, wie das bei Brasch nun seit zwölf Einsätzen der Fall ist. Und sie findet es nicht merkwürdig, dass er sie ständig informiert und klein beigibt, als sie ihrerseits nicht liefert? Weil sie glaubt, er sei an ihr persönlich interessiert? Eine andere Idee dazu  haben wir nicht, von professionellem Spürsinn merkt man jedenfalls nicht viel. 

Ohnehin wirkt es nicht sehr glaubwürdig, dass sie nun schon den zweiten Teampartner zerschlissen hat und sich selbst ebenfalls, aber trotzdem immer weiter ermittelt. Im Grunde ist sie ein Risiko. Den Oberpsycho namens Faber aus Dortmund hat man zwar anfangs in Bezug auf seinen Job noch unrealistischer inszeniert, aber ihm dann einen Wandel gegönnt, der den Vorteil hat, dass man nicht bei jedem neuen Krimi aus der Ruhrstadt meint, es sei Murmeltiertag und das Murmeltiert sei bis zu diesem Tag jede Nacht von Alpträumen geplagt gewesen.

So wie Brasch. Sie ahnt schon alles im Voraus, das ist das wohl Schrägste an den roten Traumsequenzen. Diese dann so zu gestalten, dass die Zuschauer nicht ebenfalls sehr früh auf die Spur gebracht werden, ist nicht einfach – und es funktioniert auch nicht. Aus dem simplen Grund, dass es viel zu wenige Figuren in diesem Film gibt, als dass nicht der Kollege vom LKA in diesem Traum eine Rolle spielen müsste. Wer denn sonst, außer ihm und dem Wettkönig aus dem Spielsalon? Nun gut, jetzt sind ja alle Wettbüros und Spielhöllen erst mal zu, da können sich die Zockerjunkies eben nicht mehr in die Realität verdrücken, wenn sie im Internet von den Anbietern wegen Suchtgefahr gesperrt werden. 

Die Chance, auch den jungen Mann, dessen Tod aufgeklärt werden soll, zu porträtieren, hat man leider verpasst, weil man dem Film eine Struktur in Form des Whodunits verpasst und ihn wie einen Tatort aufgebaut hat. Dabei ist es die besondere Stärke des Parallelformats mit dem P, dass man mehr Freiheit bei der Handlungsgestaltung hat. Es ist zwar etwas schwieriger, die Ermittler frühzeitig einzuführen, wenn man erst den Weg bis zum Verbrechen nachzeichnet, aber möglich, wie viele interessante Varianten von der DDR-Zeit bis in die Gegenwart beweisen. Manchmal wurde auch die chronologische Abfolge der Ereignisse aufgelöst – was man hier in Form eines prophetischen oder vorausahnenden Traums auch tut. 

Einige Szenen spielen dann nicht nur im Traum auf einer Trabrennbahn, aber ein totes Rennen wird nicht gezeigt. Dabei wäre das eine so gut Gelegenheit gewesen, weitere Details besonders zum Setzen auf Pferde, die vor Sulkys laufen, zu erklären. Natürlich kann ein totes Rennen auch aus dem Galopp heraus stattfinden. Ungewöhnlich ist es allemal, dass zwei schnaubende Nasen exakt gleichzeitig über die Ziellinie streben und wirkt sich leider negativ auf die Quoten für diejenigen aus, die auf einen der Sieger gesetzt haben. Erklärt wird dies alles wohl deshalb nicht, weil es im Film heißt, Pferderennen seien out, hingegen das Verschieben von Fußballspielen unterhalb der zweiten Liga sehr en Vogue, denn welcher Balltreter habe nicht Schulden oder sowas, in diesen prekären Zeiten, und gar die Schiedsrichter. Der Schiedsrichter ist ohnehin die ärmste Sau unter den 23 Personen auf dem Platz, dafür ist es ihm gestattet, hin und wieder ein Spiel zu verpfeifen und manches dieser Vorkommnisse könnte auf Absprache beruhen.

So suggeriert es der Film und so kam es in der Realität bereits vor. Auch wir waren manchmal perplex von bestimmten Spielausgängen und nicht nur von ihnen, sondern auch von den Verläufen, als wir ab und zu einen Fünfer auf ein Ligaspiel gesetzt haben. Süchtig sind wir dadurch nicht geworden, dies sei hiermit beschworen, aber gewinnreich war’s auch nicht, mit dem Niedrigquotensystem, weil es eben immer wieder solche Ausreißer gab, die 30, 30 kleine Gewinne in Folge auf einen Rutsch eliminiert haben. Wohl dem, der dann nicht auf die Idee kommt, den ärgerlichen Verlust wegen Bayern-oder-Barca-Blackout oder dergleichen mit einem Großeinsatz auf einen Schlag wieder rausholen zu wollen, denn komischerweise passieren solche Ausreißer gerne auch zwei- oder dreimal hintereinander und welche exponentiell teure Situation sich daraus ergeben kann, lässt sich  leicht berechnen.

Wer sich auf diese Weise selbst verarscht, der kann wiederum leicht auf die Idee kommen, es ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu. Selbst wenn’s stimmt: Meistens kommt es nicht raus und diejenigen, die immer gewinnen, die Broker, interessiert das nicht. Bestenfalls müssen sie den Wetteinsatz zurückzahlen, wenn es Probleme mit einem Sportereignis gibt. Was uns sehr interessieren würde: Ob sie derzeit ebenfalls leiden, oder ob die Zocker sich nun alle auf die wenigen weltweit noch verbliebenen Sportereignisse stürzen, von denen sie in der Regel gar keine Ahnung haben. Wer auf bekannte, große Fußballligen oder dergleichen setzt, kann wenigstens glauben, dass er eine bessere Chance hat als Mr. Ahnungslos, weil er diese Ligen studiert, vielleicht sogar den ganzen Tag lang. Man hört immer wieder von Menschen, die dabei auf Dauer gut fahren. Getroffen haben wir noch keinen.

Kurz geschrieben: Obwohl wir das Wettgeschehen durchaus nicht uninteressant finden, waren wir emotional nicht sehr eingebunden. Vielleicht, weil wir die Spielhallen-Atmosphäre nicht mögen, was wiederum daran liegen könnte, dass wir sie nicht kennen. Brasch hingegen gewinnt einmal an einem sogenannten einarmigen Banditen und wirkt danach, als sei sie angefixt, wie jemand, dem man ein paar Spritzen spendiert, um ihn zu deren regelmäßigem Gebrauch zu verleiten. 

Finale

Das Finale zeigt kein totes Rennen, sondern läuft auf eine Zusammenfassung dessen hinaus, was wir aus Magdeburg kennen. Ein höchst unangenehmes Gefühl aufgrund der gerne mit maximalem atmosphärischem Applomb herbeiführten Düsterkeit. Die Charaktere, das Umfeld, die Welt, alles so, wie es kommen wird oder für manche schon ist, wenn niemand eine Systemkorrektur vornimmt. Wie schon seit Längerem ist Kriminalrat Lemp mehr oder weniger die Lichtfigur in diesen Filmen.

Sein Bemühen, den Laden zusammenzuhalten, scheiterte jedoch, zumindest, was Braschs Ermittlungspartner, erst Drexler, dann Köhler, betrifft, sodass er nun selbst wieder ran und raus zum Tatort muss. Dabei fühlt er sich wie sein eigenes Wunder, macht aber durchaus Fehler, weil die Routine eben nicht mehr vorhanden ist, die er mal hatte. Da hat er Glück, dass Brasch das nur mit dem bei ihr üblichen verkniffenen Mundwinkel quittiert und ihn nicht zusammenscheißt. Es gibt aber nur eine in diesem Sinne auffällige Szene, hingegen einen LKA-Beamten, der den Ermittlungserfolg seiner Soko sabotiert, ausnahmsweise, ohne dass die Chefin auch in die Sache verwickelt ist.

Das LKA, falls die Hauptermittler-Person selbst vom LKA ist, das BKA, steht für den Staat, der mächtig, geheimnisvoll, unberechenbar ist – und natürlich korrupt. So gesehen, greift man in „Totes Rennen“ zu einer eher kleinbürgerlichen Auflösung mit einem Fake-VP-Mann. Was machen wir nun bewertungsseitig mit einem Film, der zwar die Erwartungen erfüllt, weil typisch MDR-Magdeburg, aber diese Erwartungen keine sind, die Vorfreude auslösen? Man schreibt eine Rezension, die auch teilweise mehr übers Wetten geht als über alle Details des Films. Richtig schlecht ist Nr. 384 aber nicht. Die coolste Figur ist übrigens der Bookie, die einprägsamste neben Brasch der Kriminaltechniker, gespielt von Henning Peker. Babylon Berlin, das war ein Fernsehformat, welches nachhaltige Wirkung gezeigt hat. Ach ja, die Restaurant-Asiaten und der Jockey hängen auch irgendwie mit drin, in den Manipulationen.

6,5/10

© 2020 der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Torsten C. Fischer
Drehbuch Stefan Dähnert,
Lion H. Lau
Musik Warner Poland,
Wolfgang Glum
Kamera Theo Bierkens
Schnitt Horst Reiter
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

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