Unter Kriegern – Tatort 1054 #Crimetime 591 #Tatort #Frankfurt #Brix #Janneke #HR #Krieger

Crimetime 591 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Vergessen, verloren, verdrängt?

Es könnte sein, dass es nicht nur mit dem gestrigen Tatort zu tun hat, vermutlich sogar ziemlich sicher nicht. Vielleicht habe ich zu viel zu spät gegessen, zum Beginn des Tatorts. Oder der heutige Wochenstart brachte einige mental schwierige Sachen mit sich oder sie poppten auf, weil das hin und wieder so sein muss. Jedenfalls hatte ich selten nach einem Film solche Angstzustände – und es gibt ja weiß Gott Grausameres auf dem Bildschirm als einen Tatort, der ganz regulär um 20:15 Uhr Premiere feiert. Ich muss das hier mal festhalten für später. Denn die Langzeitwirkung spielt ja auch eine Rolle und irgendwann schaue ich mir diesen Tatort sicher noch einmal an.

Etwas ist ebenfalls sicher: An diesem Film ist etwas dran, was bei eher sensiblen Menschen eine Menge triggern kann. Vergrabenes, Verdrängtes, Vergessenes? Mehr darüber steht in der -> Rezension.

Handlung

In den Kellerräumen des Sportleistungszentrums wird die Leiche des kleinen Malte Rahmani gefunden. Betroffen beginnen die Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) mit den Ermittlungen. Schnell finden die beiden heraus, dass sich der Hausmeister des Sportleistungszentrums, Sven Brunner (Stefan Konarske), öfter mit Malte abseits des Zentrums getroffen hat.

In den folgenden Vernehmungen Brunners suchen Janneke und Brix eindringlich nach der Wahrheit. Das Sportzentrum wird von Joachim Voss (Golo Euler) äußerst streng und leistungsorientiert geführt – er strebt einen hohen Sportfunktionärsposten an. Auch bei seinem zwölfjährigen Stiefsohn Felix (Juri Winkler) legt Voss großen Wert auf allerhöchstes Niveau, sowohl beim Sport als auch in der Schule. Felix‘ Mutter Meike (Lina Beckmann) kann sich gegen die verbalen und körperlichen Demütigungen ihres Ehemanns Joachim kaum wehren – bei denen auch Felix gern mitmacht.

Die beiden „Männer“ haben sich gegen sie verbündet. Voss kontrolliert und manipuliert Meike und Felix, indem er Aggressionen schürt und Angst verbreitet, die letztlich in Gewalt münden.

Rezension

In einer Welt, die keine Schatten und keine Sonne kennt, die ganz flach ist und immer milchbeige gefärbt, agieren die Monster unserer Zeit, die uns erklären, warum die Zeit, in der wir leben, so monströs ist. Selbstverständlich ist das alles überspitzt, was wir sehen. Aber es ist auch ein Weg, des Bösen Quintessenz nachvollziehbar darzustellen. Regisseurin Hermine Huntgeburth in ihrer zweiten Arbeit für die Reihe nach „Die Geschichte vom bösen Friederich“, 2016 ebenfalls mit dem Team Janneke / Brix gestaltet wirft einen ebenso kühlen wie eindringlichen Blick auf das, was Menschen dazu bringt, einfach schlecht zu sein. Es wäre ja kein Tatort und nachgerade kein Frankfurt-Tatort, wenn es dafür nicht Erklärungen gäbe. Allein die Idee zu der dysfunktionalen Familie Voss ist eine Meisterleistung des Drehbuchautors Volker Einrauch, ich frage mich noch immer, wie er auf diese eigenwillige und unübliche und doch so exemplarische Konstellation gekommen ist.

Frankfurt hat seit Sänger / Dellwo eine große Tradition bei der Ausforschung menschlicher Abgründe, wobei damals, überwiegend in den 2000ern, die beiden Ermittler selbst hervorragende Resonanzböden waren für das, was um sie herum an schrecklichen, deprimierenden Verbrechen geschah. Steier / May hätten diese Tradition fortführen können und haben sich leider selbst abgesägt, mit Janneke / Brix ist es anders. Das wird in „Unter Kriegern“ noch deutlicher als in der Geschichte vom manipulativen Mörder „Friederich“. Und das Schlimme ist, das „anders“ ist schlimmer. Denn Margarita Broich und Wolfram Koch sind so stark zurückgenommen worden, dass man sich als Zuschauer nicht an ihnen ankern kann. Sie spielen ohnehin zurückhaltender als ihre beiden Vorgänger-Duos, aber dieses Mal treten die Cops so sehr in den Hintergrund, dass ihre Persönlichkeiten hinter den mächtigen Episodenrollen beinahe verschwinden. Das erinnert an den Beginn der Tatort-Reihe, als die Polizisten bei manchen Plotgestaltungsvarianten erst sehr spät zum ersten Mal ins Bild kamen und ins Geschehen eingriffen.

So entfaltet sich also in „Unter Kriegern“ das Psychogramm, ohne dass die Ermittler viel kommentieren. Der Film muss sich demnach auf seine Kernhandlung verlassen, sie muss ausreichen, um die 90 Minuten Spielzeit zu füllen und dass sie dazu in der Lage ist, kann man bereits als Plus verbuchen: Es gibt keinerlei Mätzchen, mit denen Zeit von der Uhr genommen wird, wie es im heutigen Sportreporter-Deutsch heißt ebenso plastisch wie unzutreffend heißt und es sind auch keine nötig. Zu faszinierend sind die Voss-Familienmitglieder, überragend die Darstellungen von Juri Winkler als bösem Jungen Felix und Lina Beckmann als dessen Mutter, die in einem Universum voller schwarzer Seelenlöcher im Grunde alles definiert. Ihre psychische und geistige Verfassung ist der Schlüssel zur Entwicklung ihres Sohnes, nicht das überzogene Leistungsdenken des Vaters, der von Golo Euler in etwa so gespielt wird, wie man ähnliche karrierebesessene Typen im Tatort schon häufiger sah. Fachleute werden sicher reihenweise psychologische Figuren, Muster und Krankheitsbilder in dieser Familie feststellen können, dem Zuschauer offenbart sich lediglich ein Gesamtdesaster, das Fragen offen lässt.

Zum Beispiel am Ende: Nachdem der böseste Minderjährige unter allen bisherigen Tatort-Mördern schon drei Menschen auf dem Gewissen hat, macht er sich an das vierte Opfer heran, eine Mitschülerin, die lediglich in sein Visier geraten ist, weil sie in Mathe bessere Noten schreibt und seinem Wunsch, Klassenprimus zu werden, im Weg steht. Aber das Mädchen bemerkt ihn, lächelt ihn an – und in dem Moment zuckt er zurück oder lässt ab und das Ende bleibt offen. Vielleicht hatten seine bisherigen Opfer ihn nicht angelächelt, vielleicht ist auch der Tod der Mutter, die Befreiung von ihr, ein Aufbruch, hat eine Veränderung bei ihm ausgelöst. Seine unglaubliche, versierte Aggressivität war ja der Spiegel der Ohnmacht seiner Mutter, die er verachtet. So mancher wird sich vielleicht wünschen, vom Alpdruck dessen befreit zu werden, was seine Eltern mit ihm gemacht haben, indem diese das Zeitliche segnen. Bei Männern dürften es aber häufiger die Väter sein, die sich als übergroße Schatten aufgestellt haben.

Vermutlich ist Felix Voss die negativste Kinderfigur, die je in einem Tatort gezeigt wurde, aber wir verstehen, dass er nur das Produkt vielfältiger Einflüsse ist und können uns, wenn wir wollen, eine genetische Disposition hinzudenken, denn es stellt sich ja am Ende heraus, dass die beiden Menschen, die ihn aufziehen, tatsächlich seine Eltern sind, Joachim Voss also nicht, wie bisher behauptet, sein Stiefvater. Dies zu behaupten, war bereits eine seltsame Konstruktion, die dem Kind die emotionale Anbindung an seine Bezugspersonen erschwert hat.

Steigen wir aber kurz ein, bevor wir die übrigen Mitglieder der Familie Voss überhaupt zu Gesicht bekommen, nämlich in dem Moment, in dem Felix‘ Mathelehrer korrigierte Arbeiten austeilt. Nach Note abwärts gestaffelt. Einen Lehrer, der das so gehandhabt hat, hatten wir auch einmal und interessanterweise war es tatsächlich ein Mathepauker. Dieses Herunterzählen war höchst unangenehm, auch wenn dieser Lehrer die Konkurrenz und die Erniedrigungssituation nicht  noch dadurch angeheizt hat, dass er entsprechende Kommentare von sich gab. Wohl aber tat das einer unserer Deutschlehrer und da hatte ich wohl Glück, dass ich nicht hinter mir einen Mitschüler  hatte, dem meine üblicherweise guten Arbeiten so auf den Zeiger gingen wie Felix – trotzdem heizen solche Methoden natürlich die Aggressionen der Schüler untereinander an. Man freut sich, wenn man herausgestellt wird, aber die niedrige Frustrationstoleranz anderer muss sich ja nicht in gleich in Mordplänen äußern.

Dieses Anfangsszenario halte ich für wichtig, weil alles, was sich dann im Sport oder im Verhältnis Vater-Sohn zuträgt, auf dem damit eröffneten Schema vorgeblicher Elemente der Leistungsgesellschaft gründet. Ich persönlich weiß mir da keinen eindeutigen Rat, denn irgendwie müssen Leistungen auch gemessen werden, damit Menschen irgendwann die Jobs finden, in denen sie glücklich werden und die ihren Fähigkeiten entsprechen, man darf Talent auch nicht vergammeln lassen – dem entgegen steht die Inklusion, die ohnehin dafür sorgt, dass das staatliche Schulsystem Mängel eher perpetuiert als behebt – aber man könnte es ja so machen, dass Leistung gewürdigt, jedoch so dargestellt wird, dass die Outperformer andere mehr mitnehmen können, dass sie so erzogen werden, dass sie ihre Gaben mehr als Verantwortung denn als Aufforderung zum egoistischen Drübersteigen begreifen. Abgesehen davon, dass es andere Gaben sind, die mehr wertgeschätzt werden sollten als z. B. das rein kognitive Verständnis für Sprache oder mathematische Formeln. Doch geht das, in einem System, das so tief in uns eingepflanzt wurde? Den Sprung hin zu einem weiteren Problem macht der Tatort nicht: Nämlich, dass Leistung nicht mehr wichtig ist, wenn eine starke soziale Stellung seit Geburt alles regelt. In „Unter Kriegern“ haben wir es nicht mit Privilegierten zu tun, sondern mit Normalbürgern, die an das glauben, was man ihn über das Leistungssystem erzählt hat.

Das System wird aber in „Unter Kriegern“ an keiner Stelle hinterfragt und alle üben gegenseitig Druck aufeinander aus, das gilt sogar für den Leiter des Trägers für sozial geförderte Arbeit, der auf seine Weise für seine Klienten kämpft, weil es nicht möglich ist, mit Menschen wie Voss vernünftig zu kooperieren. Aus dem System der Leistungen und ihrer Bewertung hat sich Felix‘ Mutter längst verabschiedet und stellt sich vielleicht noch ungeschickter, als sie ist, um diesem Druck nicht mehr ausgesetzt zu sein. Sie ist das Leck im System, steht stellvertretend für alle, die krank geworden sind oder sonst nicht mehr mitkönnen, und es gibt immer mehr Menschen, auf die das zutrifft. Vielleicht gibt es ein Licht am Ende des Tunnels, wie in dem Moment, als Felix unter der Brücke hervortritt und nicht auf seine Mitschülerin losgeht. Bestraft werden kann er übrigens für seine Morde nicht, weil er noch nicht vierzehn Jahre alt ist.

Finale

„Unter Kriegern“ ist wieder einer jener Tatorte mit Fragen an unser Selbstverständnis als Mitglieder einer Funktionsgesellschaft, wie sie vom Hessischen Rundfunk schon häufiger produziert wurden. Ich fand immer, das passt hervorragend zu dieser Bankenstadt, auch wenn man die Bankenwelt nach dem Ende der Ära Brinkmann, die sich sehr direkt mit der Überbewertung des Tauschmittels Geld und dessen Stilisierung zum Fetisch befasst hat, verließ und sich mehr damit auseinandersetzte, woher das eigentlich alles kommt. Man hat nicht mehr gezeigt und jeder konnte sich eine Backstory  für die Figuren zurechtlegen, wie er wollte, sondern ist in die Analyse eingestiegen und hat deren Ergebnisse in oftmals starken Bildern sichtbar gemacht. In so eindringlichen Bildern wie in „Unter Kriegern“, der so gar nicht für sich einnehmen will, keine Affirmation kenntlich werden lässt und insofern auch ein Wiedergänger des „Neuen Deutschen Films“ der späten 1960er bis etwa Mitte der 1970er darstellt – freilich mit einer zeitgemäßen Ästhetik ausgestattet. 2018 ist bisher ein recht gutes Tatort-Jahr, diese Tendenz setzt sich mit „Unter Kriegern“ fort. Dass der Film so kompromisslos negativ ist, sogar in der Darstellung eines Kindes, kann man ihm das vorwerfen? So, wie die beiden Kommissare dem Geschehen hinterherrennen, rennt der Zuschauer der Erlösung hinterher und ob man das Ende als eine solche auffassen kann, hängt davon ab, ob man sich mit kleinen Hoffnungszeichen anstelle der Wiederherstellung der Ordnung zufriedengibt.

8,5/10

© 2020, 2018 DerWahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Anna Janneke – Margarita Broich
Hauptkommissar Paul Brix – Wolfram Koch
Kommissariatsleiter Fosco Cariddi – Bruno Cathomas
Kriminalassistent Jonas – Isaak Dentler
Fanny – Zazie de Paris
Meike Voss – Lina Beckmann
Joachim “Jo” Voss – Golo Euler
Felix Voss, der Sohn – Juri Winkler
Sven Brunner, Hausmeister im Sportzentrum – Stefan Konarske
Kristof Waldner, Sozialpädagoge im Zentrum – Marek Harloff
Heizungsmonteur – Björn Meyer
Malte Rahmani – Ilyes Raoul Moutaoukkil
Vater von Malte – Neil Malik Abdullah
Louisa Berents – Josefine Keller
Maurice Zefarelli, Anwalt von Brunner – Rainer Reiners
Rainer Kolbe aus der Therapiegruppe – Tom Lass
Uhlich – Sascha Nathan
Lehrer – Michael Benthin
u.a.

Drehbuch – Volker Einrauch
Regie – Hermine Huntgeburth
Kamera – Sebastian Edschmid
Schnitt – Silke Franken
Szenenbild – Bettina Schmidt
Ton – Majid Sarafi
Musik – Biber Gullatz, Andreas Schäfer

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