Corona #12 Wie die #CoronaKrise einer abgehalfterten Regierung hilft – kurzfristig #Ausgangssperre – Kommentar #Schulschliessung #Shutdown #ShutDownGermany #FlattenTheCurve #COVID19 #COVID2019 #COVIDー19 #Coronavirus #CoronavirusDE #coronavirusdeutschland #Corona #Covid_19

Wir schreiben den 20. März 2020. Die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infektionen in Deutschland nähert sich rapide der 20.000er-Marke und wird sie wohl morgen überschreiten. Gestern war hierzulande der bisher schwärzeste Tag seit dem Ausbruch mit 16 Todesfällen, die auf eine Corona-Infektion zurückgeführt werden. Heute kam es in Berlin zum ersten Tod durch Corona.

Aber das Krisenmanagement ist gut – denken nicht wenige. Umfragen weisen die höchsten Werte für die Union seit der Bundestagswahl von 2017 aus. Die CDU/CSU käme wieder auf ca. 32 Prozent, wenn jetzt Wahl wäre. Das war vor wenigen Wochen nicht abzusehen. Es kann mangels anderer Themen, die sich neben Corona noch Platz in den Medien verschaffen können, nur einen Grund dafür geben: Dass eben die Menschen mit dem hiesigen Krisenmanagement zufrieden sind.

Die Medien helfen dabei kräftig mit und erheben die Fernsehansprachen der Kanzlerin zu historischen Großreden. Das ist nicht nur bezüglich der Rhetorik, sondern auch die Inhalte betreffend komplett überzogen. Aber es wirkt.

Dass vier Kabinette Merkel in geradliniger Sukzession die Kahlschlag-Politik von Gerhard Schröder im Gesundheits- und Sozialsystem fortgesetzt und intensiviert haben, dass das Gesundheitssystem angesichts der aktuellen Krise viel zu wenige Reservekapazitäten hat, dass nicht einmal die Versorgung von Medizinpersonal mit einfachen Schutzgegenständen funktioniert, dass sich da draußen etwa die Hälfte der Menschen einen Kehricht um Frau Merkels Mahnungen schert – egal.

Die Zögerlichkeit der Bundesregierung bei der Umsetzung wirksamer Schutzmaßnahmen ist einmalig unter den größeren Ländern Europas. Aber deutscher Exzeptionalismus, anders als viele Corona-Opfer nicht totzukriegen, schlägt sowieso alles, auch Gefahren für Ältere und andere Risikogruppen, daher glauben wohl so viele, alles sei bestens gemanagt.

In der Krise vertraut man dem Vertrauten, auch wenn es abgewirtschaftet hat. In Wirklichkeit hat die Bundesregierung keine einzige der bisherigen Krisen gelöst, die sich während der mittlerweile fast eine Generation lang währenden Amtszeit von Kanzlerin Merkel ereignet haben. Die Flüchtlingskrise wurde 2015 eben nicht gelöst, sondern an die Grenzen Europas verlagert, dank Corona interessiert das aber derzeit kaum jemanden. Die Wirtschaftskrise von 2008 schwelt heute noch und es wird sich das zeigen, was wir im WB schon lange beschreiben: Das System ist für eine weitere Krise nicht gerüstet, und Corona wird auch eine weitere heiße Phase der Dauer-Wirtschaftskrise auslösen.

Gegenwärtig hat man den Eindruck, die Bundesregierung ist froh, endlich die Schwarze Null aufgeben zu können, weil es nämlich angesichts der schon vor Corona sichtbaren Wirtschaftsflaute ohnehin so gekommen wäre, aber jetzt gib es wenigstens einen schlichten Grund dafür. Gleichzeitig ist klar, dass die Krise Deutschland besonders stark treffen wird, weil man mehr als alle anderen Länder am neoliberalen Exportmodell festgehalten hat. In der EU herrscht in vielen Fragen Uneinigkeit, auch dank deutscher Politikgestaltung. Europa und die europäische Einigkeit sind unter Kanzlerin Merkel nicht stärker, sondern schwächer geworden. Auf die zunehmenden faschistischen Tendenzen überall in der Welt und natürlich auch in Deutschland hat die Bundesregierung keine Antworten, im Gegenteil, viele Unionspolitiker sind Teil des Problems.

Aber das Krisenmanagement ist gut. Besonders gut ist es übrigens in Bayern. Sagen die Menschen in Bayern. Berlin schneidet hingegen schlecht ab. In Bayern gibt es Ausgangsbeschränkungen, Ministerpräsident Markus Söder ist schon seit Tagen der profilierteste Politiker, wenn es um einen beherzten Umgang mit dem Corona-Virus geht. Und die SPD so, kommt die auch voran, als Teil der Bundesregierung? Kaum. Aus gutem Grund, denn, ganz aktuell:

Saskia Esken wirft Söder demnach vor, sich zu profilieren, um sich selbst zu profilieren, verkennt die Stimmung der Mehrheit, die immer stärker genervt ist von den Freidrehenden, die natürlich in Berlin besonders häufig anzutreffen sind.

Wer es nötig hat, die Freiheitlichkeit unseres Systems daran festzumachen, ob in dieser Lage noch jeder machen darf, was er will, zumindest diejenigen, die nicht gebraucht werden, um den Laden am Laufen zu halten, der hat nicht verstanden, dass die Freiheit vor allem dann noch mehr als durch unser jahrelanges Zuschauen bei der Verschärfung von Durchgriffsrechten in Gefahr gerät, wenn die Krise außer Kontrolle gerät. Und dass diejenigen wieder die Leidtragenden sind, die sich um die Opfer ihrer Dummheit kümmern müssen. Erinnert uns ein wenig an die massiven Einsätze, die bei größeren Festivitäten gefahren werden müssen, um Alkoholleichen zu bergen. Diese erstehen aber auf und sind meist nach einer Nacht entlassungsfähig. Das ist bei den ca. 10 Prozent Corona-Infizierten, die schwerere Symptome zeigen, nicht der Fall.

Vieles deutet darauf hin, dass es hart kommen wird. Wir wissen noch nicht, wie sich an diesem Freitag die Lage in jenen Ländern gestaltet, die erst am Abend zentralisierte Meldungen abgeben werden, aber aus dem föderalen Deutschland tröpfeln alle paar Minuten neue Fälle ein und wir liegen jetzt schon fast auf der Gesamtzahl von gestern (ca. 2.500 / 2.900). Korrektur um 17:14 Uhr, kurz vor der Publikation des Artikels: Wir haben mit 3.268 die bisher höchste tägliche Zahl neuer Fälle und die Zahl der Toten ist von 3 am Mittag auf 8 gestiegen.

Wir können nicht beurteilen, wie die Note für das Krisenmanagement am Ende ausschauen wird, zumal in Deutschland immer noch nach Infektionsketten getestet wird, also sehr defensiv. Wir kennen die wirklichen Fallzahlen also gar nicht. Jedoch, bereits vor Tagen hat Angela Merkel gesagt, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung werden sich anstecken. Sie tendiert also zur Durchseuchungsvariante, weil die Shutdownvariante die heruntergewirtschafteten Systeme überfordern würde. Dies hat aber zur Folge, dass vor allem Angehörige von Risikogruppen stark gefährdet werden. Ist das so gewollt? Natürlich sagt es niemand offen, aber der Verdacht drängt sich auf, aller wohlklingenden, an den Gemeinsinn appellierenden Worte zum Trotz.

Wir haben gestern so viele Nachrichten im Fernsehen geschaut wie lange nicht mehr. Wir haben gesehen, wie der RBB hübsch Didaktik betrieben hat und viele Spinner zu Wort kommen ließ, die sich einen feuchten Dings um die Aufforderung, physische Distanz zu halten, scheren. Nachmittags noch so aufbereitet: Je länger der Beitrag dauerte, desto blöder die Statements und desto weiter weg vom Zentrum die Sprecher, richtig schlimm wurde es irgendwo uffm Lande in Brandenburg (der Typ mit dem schwarzen Ami-Spritfresser und dem Burnout-Start wird uns lange in Erinnerung bleiben; wenn man sowas sieht, könnte man wirklich einen Burnout kriegen). Haben wir schon erwähnt, dass Brandenburg dafür berüchtigt ist, dass sich Autofahrer häufiger als anderswo um die Alleebäume wickeln?

Am Abend dann genau umgekehrt: Potsdamer Mittelschichtler in gepflegter Altstadtcafé-Distance – vielleicht hatten sich Brandenburger*innen beim Sender beschwert – und in Berlin der übliche Ignorantenauflauf. Natürlich ist diese Art von Intervievkaskade manipulativ, die der RBB zu einem Beitrag verdichtet hat, aber die Kameraschwenks über eng- und vollbesetzte Wiesen und Cafés sind nicht gestellt.

Hier die Frühabendversion vom RBB über
„Wie scheiße ich auf die Gesundheit anderer“.

Das hat uns richtig geärgert, obwohl wir auch gene in Parks sind und garantiert niemandem einen Grünflächenbesuch neiden.

Betroffenheit dann beim Umschalten zum ZDF, wo Angehörige von Risikogruppen wie Raul Krauthausen erklärt haben, warum diese Ignoranten eine Gefahr für andere sind. Wir waren heute auch wieder unterwegs im Krisengebiet, aber zu den Eindrücken an anderer Stelle.

Natürlich könnte es eine Form von Krisenmanagment sein, einer so wenig durchdrungenen Spezies wie derjenigen, die sich selbst nicht kennt und daher die Bezeichnung „homo sapiens“ gegeben hat, zeigen, was passiert, wenn man diese Unbedarften sich selbst überlässt.

Das Blöde daran sind die neuen Ungerechtigkeiten: Zum Einkaufen müssen die meisten mal, auch diejenigen, die sich sonst vernünftig verhalten. Und dann sind sie der Gefahr ausgesetzt, die von anderen bedenkenlos gesteigert wird.

Wir werden sehen, was passiert, wenn die Todeszahlen täglich dreistellig werden, wie in Italien. Dann werden genau jene, die jetzt die lockere Krisenbegleitung à la Merkel super finden, nicht etwa sich selbst und ihr Verhalten für die Zuspitzung verantwortlich machen, sondern – natürlich die Bundesregierung. Sie hat auch eine Verantwortung, aber die Vernachlässigung dieser Verantwortung begann lange vor der Corona-Krise und in dieser Krise sehen wir bis jetzt keine herausragenden Ideen zur raschen Bewältigung.

TH

Die Zahl neuer Fälle in Deutschland ist nun die weltweit zweithöchste nach der Italiens, das immer noch um eine Abflachung der Kurve bei ca. 3.500 bestätigten Neuinfektionen pro Tag kämpft – und vor den USA, deren Neuinfektionszahlen nach allem, was bisher für die Ausbreitung der Corona-Pandemie gilt, wiederum die deutschen bald übersteigen dürften.

Dramatisch ist die Zahl der Todesfälle gestiegen, allein in Italien waren es 345, in Deutschland 9, dreimal mehr Menschen, als bisher maximal an einem Tag an den Folgen einer Infektion mit dem Corona-Virus verstarben.

Die Tabelle mit allen Ländern mit mehr als tausend Infizierten haben wir auf Stand 17.03.2020, 23:47 Uhr weiter unten abgebildet. Den Zeitpunkt haben wir gewählt, damit die Fallzahlen in Europa nach MEZ für diesen TAg abschließend sind.

Trotzdem verkündete Kanzleramtsminister Helge Braun noch gestern Abend im Talk von Sandra Maischberger, die Bundesregierung erwäge keine Ausgangssperre. Alles beruht auch in diesem Stadium also wieder einmal auf Freiwilligkeit. Wieso hat man dann die Gastronomie teilweise, viele Geschäfte, den Kulturbetrieb von Amts wegen geschlossen? Offensichtlich, weil das mit der Freiwilligkeit so eine Sache ist. Deutschland verhält sich trotz der hohen Neuinfektionsrate wieder einmal exzeptionalistisch und verspielt dadurch wichtige Zeit. Die Infektionsraten in den Ländern mit „Shutdown“ in Europa fielen gestern deutlich geringer aus als in Deutschland, wenige Tage zuvor lagen sie höher (Frankreich, Spanien). Dass die Lage in Italien nicht unter Kontrolle kommt, obwohl das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand gekommen ist, liegt vor allem daran, dass man anfangs zu zögerlich war und das Gesundheitssystem überlastet ist. Eine Warnung für Deutschland? Nicht vollständig, wenn es nach der Regierungspolitik geht:

Alle gemeinsam sollten jetzt darauf achten, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet und ältere sowie stärker infektionsgefährdete Menschen geschützt würden. Darauf zielten die am Montag verkündeten Maßnahmen ab. „Aber eine Ausgangssperre haben wir nicht erwogen“, sagte Braun. (ZDF)

Deutschland ist weltweit das Land, das den Dreh weg vom Neoliberalismus am wenigsten hinbekommt, das merkt man auch an solchen Aussagen wieder. Die Leute kriegen es nicht einmal hin, in Klassenschlangen oder allgemein im öffentlichen Raum einen Mindestabstand von 1,5 bis 2 Metern einzuhalten, wenn man sie nicht eigens darauf hinweist, und wer will das schon alle paar Minuten tun, wo ebenjene Mitmenschen eh schon so gestresst sind? Und das kaputtgesparte Gesundheitssystem sollen wir trotz dieser Mentalität vieler Mitbürger*innen nun selbst und freiwillig davor bewahren, dass es kollabiert. Das ist doch mal ein Appell an die Eigenverantwortung, wie man ihn von unserer Regierung erwarten durfte. Derweil geistern Irrlichter mit Corona-Partys durchs Netz, ab heute Abend legen die DJs alle per Livestream den Krach direkt in die Wohnungen, haben wir uns sagen lassen.

Wir werden morgen über Änderungen unserer Arbeitsroutine verhandeln, mehr können wir im Moment nicht tun und hoffen auf Einsicht. Fast alles, was bisher in Pflichtanwesenheitszeiten zu tun war, wäre auch im Homeoffice zu erledigen. Inklusive Videobesprechungen, wir haben auf unserem jetzigen Computer z. B. noch nicht Skype installiert. Die aktuelle Situation wäre die Gelegenheit, es zu nutzen.

Vermutlich brauchen wir aber auch diesbezüglich einen staatlichen Durchgriff, damit alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu der Einsicht kommen, dass wirklich nur noch das in den Betriebsstätten ausgeführt wird, was unumgänglich ist, die Arbeitsschritte und Interaktionen, für die zuhause die Logistik und die Technik nicht vorhanden sind. Dahinter taucht die Frage auf, welche Dienstleistungen derzeit nicht komplett eingestellt werden könnten, ohne dass die Welt untergeht. Wir müssen sowieso raus aus der Komfortzone, dafür hat Corona schon gesorgt.

Zumindest gilt das für die arbeitende Bevölkerung, falls sie etwas wie eine Komfortzone hatten, nicht für die Profiteure mit leistungslosem Einkommen. Die Mieten müssen natürlich weiter gezahlt werden, auch von jenen, deren Dienstleistungen jetzt den Bach heruntergehen, jenen angeblich so bewunderten Initiativ-Menschen, jenen, die „Marktwirtschaft“ denken und leben -jene, die aber die ersten sind, die von Krisen in diesem System kalt erwischt werden, während z. B. Staatsangestellte und Beamte sich keinerlei materielle Sorgen machen müssen:

Hoffnung auf Hilfe in wirtschaftlich schwieriger Lage können sich nun möglicherweise auch viele so genannte Solo-Selbstständige machen. In dieser sehr heterogenen Gruppe böten Menschen zum Teil Leistungen an, „die jetzt nicht mehr abgefragt werden“, sagte Braun. Da gebe es große Not. „Wir werden am Donnerstag in unserem Krisenkabinett über diese ganzen Fälle beraten. Das Instrument ist noch nicht fertig, aber wir wollen natürlich zielgenau versuchen, auch solchen Leuten wirtschaftlich durch die Krise zu helfen“, kündigte Braun an. (ZDF, Link siehe oben)

Allein bei dem „möglicherweise“ eines (Adjektive, die eine Diskriminierung aufgrund optischer Merkmale bedeutet hätten, entfernt, siehe auch Kollege Peter Altmaier) Berufspolitikers geht uns der Hut hoch. Diese Menschen haben’s schon in normalen Zeiten oft nicht leicht, angesichts der Prekarisierungstendenzen im kleingewerblichen unteren Mittelstand, der als einzige Gruppe das lebt, was von oben gerne gepredigt wird: Freie Marktwirtschaft. Viele aus dieser Gruppe haben wir übrigens als weitaus solidarischer erlebt, trotz des Konkurrenzdrucks, dem sie ausgesetzt sind, als den Haufen der Profitgierigen, die nur Geld aus Geld machen wollen.

Wir sind schon so gespannt, wie nun schnell und unbürokratisch und ohne 30seitige Prüfanträge Millionen von Menschen geholfen wird. Hoffentlich dauert’s nicht so lange wie z. B. nach Flutkatastrophen bei weit geringeren Opferzahlen. Der elitäre Ärztebund bzw. dessen Vorsitzender mit dem elitär klingenden Namen nimmt’s sportlich:

Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem es spannend wird, ob wir es schaffen. (ZDF, Link siehe oben)

Man werde auch sicher aus der Pandemie lernen. Wir wär’s, wenn man in der Pandemie von den Ländern lernen würde, die schon etwas weiter sind, bei denen die Krise früher ihren Höhepunkt erreicht. Aber Angela Merkel meinte ja kürzlich, 60-70 Prozent der Bevölkerung werden sich eh anstecken. Das würde aber Millionen von notwendigen Krankenhausaufenthalten bedeuten. Den Floh hatte ihr übrigens der Virologe Professor Drosten ins Ohr gesetzt, dessen Wirken wir mittlerweile nicht mehr unkritisch sehen, weil er ebenfalls zum Abwiegeln tendiert. Dazu werden wir uns, wenn unser Zeitbudget es zulässt, in einem gesonderten Beitrag äußern. Auch eine Amtsärztin aus Weimar war eingeladen. Auch sie hofft auf Freiwilligkeit, schließt aber vernünftigerweise eine Ausgangssperre nicht aus, ansonsten:

Hier haben wir noch einen Tweet
von einem bekannten Influencer augeschnappt.

Wo er Recht hat, hat er Recht.

Die Amtsärztin Oberbeck berichtete aus ihrem Arbeitsalltag in Weimar und erzählte, dass es gerade zu Beginn des Ausbruchs Probleme wegen zu geringer Laborkapazitäten gab. „Wir würden gern noch viel mehr testen, haben aber keine ausreichenden Schutzmaßnahmen für unsere Mitarbeiter“, konstatierte sie. Auch fehle es im öffentlichen Gesundheitswesen an Ärzten. Sie forderte die Menschen auf, derzeit nur dann aus dem Haus zu gehen, wenn es wirklich nötig ist.

Nicht, dass uns diese Zustände im öffentlichen Gesundheitswesen neu wären. In Spanien wurden übrigens alle privaten Kliniken unter staatliche Kontrolle gestellt, als sie versuchten, es mit dem Sozialdarwinismus zu übertreiben und die Regierung weist die Wirtschaft zur Umstellung ihrer Produktion auf krisenrelevante Artikel an. In Deutschland kaum denkbar, trotz der bekanntermaßen massiven negativen Auswirkungen der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, in dem Patienten Gewinne abwerfen müssen. Aber mal überlegen, ob dieser falsche Weg endlich verlassen werden könnte? Verstaatlichung ist ja bei uns ein Sakrileg, als ob ungehemmtes Profitstreben gottgewollt sei. In der Bibel gibt es Hinweise darauf, dass er das anders sieht. Wenn unser Wirtschaftsminister Peter Altmaier von der „C“ DU jedoch bloß an die Macht der Lobbys denkt, geht ihm … bekommt er (sexistisches Adjektiv gestrichen) Alpträume. Schauen Sie bei Abgeordnetenwatch nach, wenn Sie’s nicht glauben. Über das alles wollten wir schreiben, im Rahmen der Rubriken „Gefahr / Demokratie“ oder „Economy / Change“, dann kam Corona.

Und dazu werden wir uns weiter äußern. Gerne auch etwas deftiger. Denn wir sind frei darin, die Corona-Krise als das zu benennen, was sie tatsächlich ist: Das hässliche, für manche Menschen tödliche, erneute Drängen der Systemkrise an die Oberfläche. Klar, dass die Länder, die bei der Bewältigung der Transformation am wenigsten Beweglichkeit zeigen, nun auch Schwierigkeiten haben, wenigstens noch eine Ausgangssperre zu verhängen, bevor die Corona-Fallzahlen fünfstellig werden.

Noch ein Satz für diejenigen, die das, was gerade geschieht, als Probe für den Ausnahmestaat ansehen: Kann man so sehen, aber dieser wäre auf die eine oder andere Weise sowieso gekommen, es schleicht schon seit Längerem in diese Richtung. Dagegen hätten wir uns früher wehren müssen, dann müssten wir uns vor Durchgriffen bei diesem einmaligen Ereignis nicht so fürchten. Vielmehr könnten wir beruhigt sein, dass danach wieder alles seinen demokratischen Gang geht. Auch dazu mehr in einem kommenden Beitrag.

TH

Wir schreiben den 16.03.2020 und unseren zehnten Beitrag zur Corona-Pandemie (hier zu #9). In den nächsten Tagen werden wir die Frequenz unserer Berichterstattung erhöhen.

Das Hashtag „Tag 1“ trendet. Warum? Weil die Corona-Krise in eine neue Phase eingetreten ist: Das öffentliche Leben in unserer Stadt Berlin und anderswo ist heute weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Schulen und Kitas sind zu, viele Geschäfte auch. Das Kulturleben wurde komplett gecancelt, Clubs und Kneipen mussten schließen. Blicken wir auf Nachbarländer, sehen wir bereits, wie es weitergehen könnte. Zum Beispiel mit Ausgangssperren, mit dem Verbot aller Gänge und Fahrten, die nicht unbedingt notwendig sind.

Letzteres wäre sehr schlecht für die Solidarität, die sich zwischen Menschen der Stadtgesellschaft immer mehr zeigt und die auf tätiger Nachbarschaftshilfe fußt: A.) Wer kann b.) was c.) für wen tun? In den letzten Tagen hat sich eine beeindruckende Bereitschaft gezeigt, einander zu unterstützen, deswegen starten wir unsere heutige Berichterstattung mit etwas Positivem, das uns sehr beeindruckt.

Viele Menschen melden sich in den sozialen Netzwerken und bieten Hilfe an, auch die Bildung von regionalen Gruppen läuft weitgehend übers Internet („In diesen Zeiten ist die Vernetzung ein Segen“). Berlin ist mit jedem Bezirk vertreten. In Neuköllen haben sich in vielen Kiezen Untergruppen gebildet. So lernt man einander besser kennen. Auch „Nachbarn.de“ boomt dank der Corona-Krise. Auch ältere Menschen, die nicht Twitter und Telegram können, werden nicht vergessen: Aushänge mit Telefonnummern sind eine weitere Variante, Hilfeangebote bekannt zu machen.

Hier gibt es eine Liste der Telegram-Solidaritätsgruppen, die sich bisher organisiert haben. Sie ist aber nicht vollständig, auch in Frankfurt am Main gibt es beispielsweise zusätzliche stadtteilorientierte Gruppen. Deshalb: Wer immer an einer Gruppe teilnimmt oder Gruppen in seiner Umgebung kennt, bitte nachschauen, ob sie in der Liste stehen und eintragen lassen, falls nicht.

Leider gibt es auch andere Erscheinungen. Mittlerweile sind in unsere Kiezladen immer mehr Produktgruppen ausverkauft, nicht mehr nur die Klassiker der Corona-Idiotie, Nudeln und Klopapier. DIe Menschen kaufen total einseitig. Klar, dass deshalb keine Probleme mit den Frischwarenregalen bestehen – oder doch nur wenige, denn sie kann man nicht bunkern.

Wir haben uns bisher zurückgehalten mit Fotos von leeren Regalen, aber heute waren wir schon ein wenig schockiert. Außerdem war die Hälfte des Kassenbereichs bereits abgesperrt, entsprechend lang die Schlangen an den verbliebenen Kassen. Es wirkte, als ob weniger Angestellte im Einsatz waren als üblich. Jetzt fragen wir uns, ob es wirklich bei manchen Warengruppen Versorgungsengpässe gibt, oder ob die verbliebenen Mitarbeitenden mit dem Verräumen nicht mehr nachkommen, weil sie fast permanent die Kassen besetzen müssen.

Leider gibt es auch noch das, was wir nebenstehend abgebildet haben.

In anderen Zeiten werden andere Dinge gestohlen, wird eingebrochen, unterschlagen, Alltagsstraftaten eben. Daran hat man sich gewöhnt, auch, wenn man selbst schon betroffen war. Aber zu sehen, dass zur Bewältigung einer für viele Menschen lebensbedrohenden Krise notwendige Gegenstände zu entwendet werden, löst noch einmal andere Gefühle aus.

Man nennt so etwas auch Plünderung. Wir bleiben optimistisch und freuen uns über die vielen erfreulichen Zeichen von Zugewandtheit, die wir derzeit sehen.

TH

An diesem Sonntag, in unserem neunten Beitrag zur Corona-Epidemie (hier zu #8) ist es an der Zeit, den Blick auf diejenigen zu richten, die in den Zeiten der Pandemie uns alle über Wasser halten – das tun sie eigentlich immer, aber es fällt nicht so auf und wird als selbstverständlich hingenommen. Es gibt also in diesem Beitrag keine „Lage“, nach dem angekündigten Shutdown gestern.

Es sind die Mitarbeitenden einiger wichtiger Branchen, die jetzt nicht zuhause bleiben können, sondern sich weiterhin dem Risiko aussetzen müssen, in der Öffentlichkeit angesteckt zu werden. Wir haben heute den Thread einer Angestellten im Einzelhandel entdeckt, den wir hier vorstellen möchten. @brohaska schreibt auf Twitter:

„Ich arbeite im Einzelhandel und was da gerade wegen Corona abgeht ist eine Schande für unsere Gesellschaft.🤦‍♀️ Meine Kolleginnen und ich können uns gerade nicht vor einer Ansteckung schützen und in home office gehen.

Ein Thread 👇👇#Covid19de#COVIDー19#CoronaVirusDE 

Im Gegenteil, da wir mit dem Auffüllen der Regale nicht mehr nachkommen, müssen wir wie verrückt Überstunden kloppen. Wenn ich in der Kasse bin, kann ich auch nicht die empfohlenen 2 Meter Abstand halten, geschweige denn einen halben Meter. Immer noch gibt es genug Kunden, die mir ins Gesicht husten oder ihre Finger ablecken um mir dann den 5-Euro-Schein zu geben.🤢 Das war auch schon vor dem Ausbruch von Corona scheiße. Don´t do it!👈

Dann das Thema Hamstern. BITTE👏 LASST👏 ES👏! Die Versorgung mit Waren wird nicht zusammenbrechen. Es läuft alles wie gewohnt weiter. Es liegt gerade nur an den Hamsterkäufern das die Regale leer sind. Würde jeder einfach seine normalen Besorgungen weiter machen, wie gehabt, gäbe es kein Problem.🤷‍♀️

Alle hätten genug, die Regale wären voll und die Verkäuferinnen nicht überarbeitet. Deswegen fragt euch: „Bin ich gerade das unsolidarische Arschloch, das 3 Packungen Klopapier kauft, obwohl auch eine Packung reichen würde?“ 🤔 Ach ja, auch wenn es vllt. der ein oder andere witzig findet, die Verkäuferin nach Desinfektionsmittel zu fragen. Es ist nicht lustig, wenn man die Frage drölftausendmal am Tag hört!

🤯 Und noch eine Bitte: Entspannt euch, seid nett zu dem Personal, das gerade arbeiten MUSS, egal ob im Einzelhandel oder im medizinischen Bereich oder wo anders. Und hustet verdammt noch mal in eure Armbeuge.“

*THREAD Ende*

Es gibt sicher ähnliche Darstellungen, dieser hier wird aber besonders häufig gelikt und retweetet und fiel daher in unserer Timeline auf.  

In den nächsten Wochen werden viele von uns im Wesentlichen, jenseits des engeren persönlichen Umfelds oder denen, die wir am eigenen Arbeitsplatz treffen, mit den Menschen zu tun haben, die im Einzelhandel arbeiten. Es war immer schon ein wichtiger, aber harter, schlecht bezahlter Job, Menschen mit allem zu versorgen, was sie brauchen.

Ein Job, in dem man intrinsisch motiviert sein muss, um trotz mieser Bezahlung und viel Zeitstress freundlich zu Kunden zu sein, die in der Regel bestenfalls ignorant sind – und die jetzt noch deutlicher ihre unsoziale Einstellung raushängen lassen. In #8 hatten wir kurz erwähnt, wie es mit den Klorollen bei uns im Kiez am Freitag war. Und mit den Nudeln. Hätten wir so nicht vermutet, bei uns, wo so viele Menschen wohnen, die von Berufs wegen zum Denken verpflichtet und zur Differenzierung befähigt sein sollten. Aber auch hier macht sich eine Großkotzigkeit und Rücksichtslosigkeit breit, die kaum zu bemerken war, als wir vor zwölf Jahren hierher zogen.

Unsere ersten Held*innen des Krisen-Alltags sind also die Menschen, die nun die Läden offen und die gereizten Kunden aushalten müssen. Die einen super Job in Supermärkten und vielen anderen Geschäften machen. Das sind übrigens echte Austauschmärkte, keine neoliberalen Marktchimären.

Selbstverständlich werden wir in den nächsten Tagen etwas über die Gesundheitsberufe schreiben.

TH

Unser achter Beitrag zur Corona-Pandemie (hier zu #7) befasst sich mit dem vorläufigen Ende des Berliner Nachtlebens ab 17.03.2020, mit der aktuellen Lage weltweit und mit möglichen nächsten Schritten, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren.

Die Schulen in Berlin werden also tatsächlich am Dienstag vollständig geschlossen. Spät – hoffentlich nicht zu spät. Offensichtlich ist es in der Politik schwer zu vermitteln, wie groß der Unterschied ist, den ein Tag ausmachen kann. Angesichts einer Verbreitungsrate von derzeit etwa 1,2:1 (jeden Tag steigt die Zahl der Fälle in Deutschland und anderswo in westlichen Ländern um etwa 20 Prozent) kann man nicht schnell genug handeln, um die Ansteckungsgefahr zu verringern.

Seltsamerweise schließen auch die Berliner Clubs und Kneipen erst am Dienstag. Wieso nicht gestern schon, wieso nicht wenigstens heute? Hier die Kritik eines Berliner Amtsarztes am Senat. Jeder Tag … aber das hatten wir oben schon. Glücklicherweise sind viele Betreiber und Besitzer und Gastronomie-Einrichtungen so verantwortungsbewusst und schließen bereit jetzt, weil ihnen Menschen wichtiger sind als der maximale Profit. Deshalb ist es wichtig, dass sie unbürokratisch und schnell Hilfe erhalten. Die Lage prinzipiell ist keine andere als bei Naturkatastrophen wie Hochwasser etc.

Allerdings haben wir hier schon ein Update, das wir nachreichen und das vor etwa einer Stunde kam: „Nun sollen bereits am Samstag auch alle Clubs und Kneipen geschlossen werden, einige sind der Aufforderung schon jetzt gefolgt. Verboten werden jetzt alle nicht-öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen. Zunächst war die Rede von Dienstag gewesen.

Es muss heißen: Alle öffentlichen und nichtöffentlichen Veranstaltungen, Anmerkung 3. Ergänzung am 14.03.2019, 19:21 Uhr.

Wir verstehen trotzdem nicht, warum nicht gleich so, als klar war, dass die Pandemie sich nicht mit „kann man machen, muss man nicht, muss jeder selbst wissen etc.“ eindämmen lässt.

Noch eine Ergänzung: Die aktuellen Fallzahlen in Berlin und Brandenburg. Für uns sieht das so aus, als ob Brandenburg für heute noch nicht gemeldet hatte, als die Grafik erstellt wurde.

Es wird mal wieder Zeit für einen Credit an unsere Freunde von der @HeimatNeue, die uns die Grafik zugeschickt haben – wenn wir uns derzeit schon so wenig mit Artikeln über den Mietenwahnsinn hervortun.

Von ihnen auch eine weitere Ergänzung: Die heutige Senatsverordnung zur Eindämmung des Corona-Virus in Berlin.

Aber jeder Tag zählt und wir sind froh, dass allmählich Vernunft einkehrt. Man darf es auch leider nicht den Menschen selbst überlassen. Gerade Jüngere, die mehr Risiko eingehen und die aufgrund der niedrigen Letalitätsrate bei unter 40-Jährigen (ca. 0,2 Prozent) glauben, bei ihnen könne Corona kaum größeren Schaden anrichten, sind die perfekten Virusboten, die dann Ältere anstecken, wenn sie weiterhin überall unterwegs sind, sich in größeren Gruppen treffen und selbst zunächst kaum Symptome zeigen. Wenn sich in der Woche, etwa am Arbeitsplatz, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen, die Altersgruppen wieder mehr vermischen, werden sich die Folgen dieser Sorglosigkeit zeigen.

Wir sehen aber auch mit Anteilnahme vor allem auf kleinere Selbstständige und auf Kulturschaffende, die nicht gut abgesichert sind und die Einnahmeausfälle, die nun zu beklagen sein werden, nicht lange durchstehen können, ohne zum Beispiel ihre Mietzahlungen aussetzen zu müssen. Es ist zwar idiotisch, ausgerechnet die Klopapierregale leerzukaufen (gestern nachmittag konnten wir in unserem Kiezladen noch eine Kleinpackung mit zwei Rollen ergattern), aber die eine oder andere Bevorratung kann nicht schaden. Wenn sich die Menschen dabei nicht auf wenige Produkte konzentrieren, sondern sich so vielfältig ernähren, wie sie es anderen gegenüber gerne darstellen, dürfte es vorerst auch nicht zu Lieferengpässen kommen.

Welche Maßnahme wird die nächste sein, wenn ohnehin alle Kultur- und Vergnügungseinrichtungen, alle Sportveranstaltungen abgesagt sind? In Italien besteht bereits eine Ausgangssperre, in Spanien wird sie nun ebenfalls kommen. Spanien ist derzeit einer der weltweiten Pandemie-Hotspots, die Zahl der Fälle steigt drastisch an.

Und dmit zum Überblick:

  • Vor wenigen Minuten hat Italien seine heutigen Zahlen gemeldet. Wir dachten zuvor: Alles unter 2.500 Neuansteckungen wäre bereits ein großer Erfolg, weil dann die Zahlen zwar etwas höher wären als gestern, (2.362), aber die Rate leicht sinken würde. Es sind aber 3.497 neue Fälle. Lediglich die Zahl der Todesfälle sank leicht von über 200 auf 175. Das ist fast exakt die Rate, die wir oben beschrieben haben (1,198:1). Italien bleibt damit weltweit bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit an der Spitze und zählt nun über 21.000 Fälle.
  • Spanien, das nun auch eine Ausgangssperre verhängen wird, meldet über 6.000 Fälle und 58 Tote,
  • in Deutschland stehen wir bei 4.181 bestätigten Infektionen, die Zahlen ändern sich aber häufig, weil hierzulande offenbar föderalismuskonform dezentral gemeldet wird. Neue Todesfälle wurden heute bisher nicht bekannt. Damit zeigt Deutschland weiterhin eine auffällig geringe Letalitätsrate (8 Todesfälle auf über 4.000 Infizierte = ca. 0,5 Prozent).
  • Iran und Südkorea sind weiterhin kritisch (12.000 / 8.000 Fälle), aber vor allem in Südkorea breitet sich das Virus nun deutlich langsamer aus. China hingegen wirkt beinahe sicher, die Zahl neuer Ansteckungen und Todesfälle liegt im niedrigen zweistelligen Bereich. Derweil wird darüber spekuliert, ob das Virus wirklich dort freigesetzt wurde – oder ein US-Import ist.
  • Auffällig weiterhin: Die niedrigen Zahlen der USA (nur halb so viele Fälle wie in Deutschland bei 4-facher Bevölkerung) und die hohen Zahlen kleiner europäischer Länder wie der Schweiz. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass dort vor allem intensiver getestet und daher besser erfasst wird als bei uns.

Die Zahl der Länder, aus denen noch keine Krankheitsfälle gemeldet wurden, nimmt rapide ab, wie diese Karte illustriert. Die Zahld er Fälle liegt schon um 10.000 höher als oberhalb der Karte verzeichnet (154.000 / 144.000, Stand 14.03., 18:30 Uhr).

Corona wird uns noch viel beschäftigen, es gibt immer mehr Experten, die sagen, dass es die Welt politisch und wirtschaftlich verändern wird. Ersteres sehen wir mit großer Sorge, Letzteres könnte auch eine Chance sein. Freilich nur dann, wenn nicht Ersteres diese Chance zunichte macht.

TH

Unser siebter Beitrag (hier zu #6) zum Corona-Virus beinhaltet das Neueste zum Thema Schulschließungen als Service.

Mittlerweile hat auch die „Nordschiene“ Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen Schulschließungen ab Montag, 16.03.2020, angekündigt. Rheinland-Pfalz, auf der unten abgebildeten Karte noch grau einzeichnet, wird folgen. Hamburg macht bisher nicht mit. Das Saarland und Bayern waren die ersten Bundesländer, die sich entschlossen hatten, dem Beispiel fast aller europäischen Länder zu folgen. Berlin will erst ab Dienstag schrittweise vorgehen, Hessen nur Abiturient*innen zuhause lassen, Mecklenburg-Vorpommern nur in zwei Landkreisen die Schulen schließen. Immer noch keine vernünftige Reaktion von der Politik kommt aus dem besonders stark betroffenen Nordrhein-Westfalen. Dort, in Hamburg und weiteren Bundesländern wird aber noch für heute eine Entscheidung erwartet.

Klar gegen Schließungen sind gegenwärtig nur Thüringen und Sachsen positioniert.

Genaue Angaben: Tagesschau. Eine Ergänzung nehmen wir aufgrund dieses Beitrgs ebenfalls vor:

Familienministerin Franziska Giffey verteidigte die Praxis regionaler Schulschließungen in Deutschland. „Natürlich hat die Gesundheit Priorität. Und da, wo es konkrete Krankheits- oder Verdachtsfälle gibt, sind temporäre Schließungen auch nötig. Das muss entsprechend der jeweiligen Lage vor Ort bewertet und entschieden werden“, sagte die SPD-Politikerin der „Rhein-Neckar-Zeitung“.

Giffey wies darauf hin, dass eine flächendeckende Schließung voraussichtlich zu einem Problem bei der Kinderbetreuung führen würde. Das beträfe Eltern, die dann in Kliniken, in der Pflege oder Arztpraxen fehlen würden. „Häufig springen die Großeltern bei der Betreuung ein. Damit würden die Älteren gerade aber umso mehr gefährdet.“

Letzteres gilt aber nur dann, wenn Kinder bereits infiziert sind. Damit es nicht so weit kommt, sind aber gerade flächendeckende Schulschließungen notwendig. Frau Giffey von der SPD will in der nächsten Legislaturperiode vermutlich Berlin regieren, verhindern können das nach gegenwärtigen Umfrageergebnissen nur die Grünen.

Daher gilt unser Appell aus #6 weiterhin: Die Eltern müssen nun handeln und ihre Kinder zuhause behalten.

Wir nutzen diesen Service-Beitrag, um die Lage zu aktualisieren:

  • Die Zahl der weltweiten Infektionen beträgt derzeit 138.240.
  • Aus dem Iran, einem der am stärksten betroffenen Länder, wurden 1.189 neue Fälle und 85 Todesopfer gemeldet.
  • In Deutschland steht die Zahl bei 3.118 (372 neue Fälle wurden bis 13:00 Uhr gemeldet),
  • in Spanien bei fast 4.000, auch die in #6 erwähnten kleineren europäischen Länder melden weiterhin hohe Zuwachsraten.
  • Aus Italien liegen noch keine aktuellen Zahlen vor, ebenfalls nicht aus Frankreich, wo sich die Zahl der Neuerkrankungen weitgehend parallel zur deutschen Situation entwickelt.

TH

#6 war vor allem einem Appell gewidmet:

Liebe Eltern und alle, die Kinder und Jugendliche betreuen! Lasst sie bitte zuhause! Lasst sie krankschreiben oder geht ganz offen in den Protest, wendet euch an die verantwortungslosen Politiker, wendet euch an die Schulen und Elternvertretungen – so geht es nicht! Liebe Student*innen und alle, die ausgebildet werden: Bleibt zuhause! Seid solidarisch miteinander und mit allen anderen!

Macht es wie FFF, aber an jedem Tag: Geht in den Streik!

Heute morgen haben wenigstens zwei Bundesländer angeordnet, dass sie die Schulen komplett schließen werden, Bayern und das Saarland. Danke an die Politik u. a. in unserer alten Heimat für ihre Vernunft, auch wenn sie ziemlich spät Einzug gehalten hat.

Interessanterweise sind es zwei von der Union geführte Länder, die das einzig richtige tun, um die rasche Ausbreitung des Corona-Virus wenigstens etwas zu verlangsamen. „#FlattenTheRate“ oder „FlattenTheCurve“ sind die internationalen Hashtag dazu. Wir müssen aber aufgrund aktueller Nachrichtenlage ergänzen:

Eilmeldung (Tagesspiegel): Die Zahl der Coronavirus-Fälle in Berlin steigt deutlich an. Die Gesundheitsverwaltung meldete am Freitag 158 bestätigte Infizierte.

Angesichts der steigenden Zahlen von Infizierten stellen Schulen und Kitas in Berlin von nächster Woche an stufenweise ihren Betrieb ein. Das teilte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Freitag mit. Die Schließung soll am Montag mit den Oberstufenzentren beginnen.

Schrittweise. Das haben wir verstanden. Bloß nichts überstürzen. Vielleicht können aber auch manche Menschen, vor allem Politiker*innen, zwischen Panik und sinnvollen Maßnahmen zur Verhinderung einer Katastrophe nicht unterscheiden.

Gerade Schulen und Universitäten sind mit ihren zwangsläufig engen und über Stunden andauernden sozialen Kontakten ideale Orte für die Verbreitung von Viren. Dass Angela Merkel gestern empfohlen hat, soziale Kontakte zu vermeiden, aber nicht klar dafür gesprochen hat, Menschen ihre Pflichtbesuche in Bildungseinrichtungen zu ersparen, ohne dass sie deswegen illegal handeln oder Nachteile befürchten müssen, ist – vorsichtig ausgedrückt – paradox.

Dass im besonders stark betroffenen Nordrhein-Westfalen noch keine generelle Schließung aller Bildungseinrichtungen angeordnet wurde, kann nur noch Kopfschütteln auslösen.

In Berlin hingegen wird die Schuld für mangelnde Koordination dem Bund zugeschoben, wie es sich aus der Presseerklärung des Regierenden Bürgermeisters von vorgestern (#5) erschließt. Jedes Bundesland kann aber die wichtigsten Maßnahmen alleine anordnen und es ist unfassbar, dass angesichts des Verlaufs der Corona-Epidemie in Italien und anderen Ländern, aber auch den neuesten Zahlen aus Deutschland nicht das Leben von Menschen generell Vorrang vor allen anderen Erwägungen erhält.

Expertenmeinungen werden in den Wind geschlagen, dabei hat das förderalistische deutsche System in Situationen wie diesen ohnehin den Nachteil, dass eine gewisse Langsamkeit und Uneinheitlichkeit kaum vermeidbar ist und dass vor allem keine Gleichheit der Lebensbedingungen bei der Versorgung mit medizinischer Hilfe herrscht.

Nun zu den aktuellen, wenig erfreulichen Zahlen:

  • In China, wo Covid 19 ausgebrochen ist, entstehen nach offizieller Lesart kaum noch neue Fälle. Unsere Zweifel daran haben wir bereits in vorherigen Artikeln ausgedrückt. Aber dass bei uns Schulen nicht geschlossen werden, wird man dort als Überlegenheit eines politischen Zwangssystems deuten und das ärgert uns noch einmal besonders.
  • Wir trauern mit Italien und allen andern Ländern, in denen sich Todesfälle häufen. Gestern hatte sich die Zahl der Ansteckungsfälle in Italien auf 15.113 erhöht und die Zahl der Todesopfer 1.000 überstiegen.
  • Die größeren westeuropäischen Länder haben ähnliche Ausbreitungskoeffizienten und derzeit ca. 3.000 Fälle (Deutschland, Frankreich, Spanien), die Zahl der Todesopfer hat sich in Deutschland gestern von 3 auf 6 erhöht.
  • Ausgerechnet gut aufgestellte Länder wie Norwegen, die Schweiz und Schweden weisen in Relation zu ihrer Bevölkerungszahl sehr hohe offizielle Infektionsraten auf. Wir gehen davon aus, dass dies an der besseren Erfassung der Fälle durch intensivere Testung liegt.
  • Den Zahlen vieler Länder ist nicht zu trauen. Auch wenn Donald Trump reklamiert hat, frühzeitig keine Menschen aus China mehr ins Land gelassen und dadurch die Ansteckungsgefahr minimiert zu haben: Die niedrige Zahl von nur ca. 1.700 registrierten Fällen in den USA halten wir für eine statistische Beruhigungspille, auch Großbritannien zählt derzeit nur 590 Fälle. Ähnliches gilt für weite Teile der Welt, in denen die medizinische Versorgung nicht den höchsten Standards entspricht.
  • Das Geschehen an den Börsen spiegelt die Erwartung der wirtschaftlichen Folgen von Corona: Gestern verlor der deutsche Leitindex DAX über 12 Prozent an Wert, der zweithöchste Verlust seiner Geschichte. Auch der insgesamt in den letzten Jahren besser gelaufene Dow Jones brach um fast 10 Prozent ein. Wir werden uns in weiteren Beiträgen zur Krise dazu äußern, warum wir Corona nur für ein Symptom und den Auslöser, nicht für die hauptsächliche Ursache dieser rasanten Talfahrt halten.

TH

  • Italien hat als erstes Land außerhalb von „Mainland China“ die Zahl von 10.000 Infizierten erreicht. Gerade sind die neuen Zahlen für heute eingetroffen: über 2.300 neue Fälle, fast 200 weitere Todesfälle.
  • In Deutschland kam es heute zum dritten Todesfall – wieder in Heinsberg, wie schon vor zwei Tagen.
  • Das Gesundheitsministerium empfiehlt, Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen abzusagen, immer mehr Bundesländer folgen dieser Empfehlung, nun auch Berlin, wo man zunächst gezögert hatte. Schulschließungen wird es in Berlin vorerst aber nicht geben. Die heutige Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters zur Lage:

Wir wollen nun einen Artikel kommentieren und empfehlen, den Alexander Unzicker heute in Telepolis veröffentlicht hat. Unzicker empfiehlt einen Shutdown in Europa, legt die Gründe für seine Ansicht dar und verweist auch auf Gegenmeinungen. Was er schreibt, klingt sehr plausibel.

Auch die Technik, Fragen zuzulassen und Diskussionen anzuregen, haben wir als sehr angenehm empfunden.

Bereits vor vier Tagen, angeregt durch eine Meldung auf Twitter, haben wir darauf hingewiesen, dass der Ausbreitungsverlauf der Epidemie in Deutschland bisher dem in Italien entsprach – zeitversetzt um etwas mehr als eine Woche. Bis heute hat sich diese Parallelität bestätigt. Nach unserer Ansicht lassen sich fünfstellige Fallzahlen nun ohnehin kaum noch vermeiden, aber was danach kommt, ist noch stark beeinflussbar. Kürzlich war in einem SPIEGEL-Artikel davon die Rede, dass 60 bis 70 Prozent der Menschen hierzulande sich infiziere werden. Offenbar geht diese Zahl auf eine Aussage von Angela Merkel zurück. Wir hoffen, das war ein Versprecher und 60 bis 70 Promille waren gemeint. Das wären immer noch mindestens 500.000 Menschen. Und damit achtmal so viele wie in China derzeit offiziell registriert sind (knapp über 80.000).

Unzicker empfiehlt wesentlich striktere Maßnahmen, als die gegenwärtig getroffen werden oder absehbar sind, ein „Shutdown“ sind sie allerdings ebenfalls nicht:

Keine Versammlungen mehr (auch keine unter 1000 Personen), Schließen von Universitäten, Schulen und Kindergärten, ausreichender Personenabstand am Arbeitsplatz, etablieren von Gesichtsmasken als soziale Norm, ebensolcher Personenabstand in Restaurants. Vermeidung aller Ansteckungswege durch Händeschütteln, Aufzugsknöpfe, Türgriffe, PIN-pads etc. Desinfektion. Sehr viel lässt sich aber realisieren, wie Telearbeit, Videounterricht etc. Man stelle sich vor, die Welt müsste die Situation ohne Internet bewältigen.

Vieles davon wurde kürzlich im erwähnten Internet noch belächelt, aber bis auf Atemschutzmasken hätten wir mit diesen Maßnahmen kein Problem. In manchen Weltgegenden zählen sie auch ohne Corona-Virus zu den Alltags-Utensilien, auch wegen der schlechten Luft, bei uns eher nicht. Nur: Wenn es nicht anders geht, geht es nicht anders, der eigenen Gesundheit und der anderer Menschen zuliebe.

Der Artikel befasst sich mit Ausbreitungskoeffizienten, mit Paradoxien der Gefahrenwahrnehmung, mit falschem Krisenmanagement, sehr interessant sind auch die Kommentare, die dazu geschrieben wurden. Telepolis hat eine der am besten strukturierten Kommentarzonen aller Medien, wird nur gering zensiert und man merkt durchaus, dass die Leser*innen überdurchschnittlich gebildet sind. Es handelt sich um eine Fundgrube für interessante Überlegungen.

Da geht es um den Effizienzwahn in Deutschland, der verhindert, dass Schulen und Produktionsstätten geschlossen werden können, darum, dass alles so eng getaktet ist, dass es nur noch funktioniert, wenn nicht die kleinste Störung eintritt, es geht aber auch um die Systemfragen, die wir immer wieder ansprechen: Was sagt es über eine westliche Gesellschaft aus, wenn sie es trotz immer noch hoher technischer Standards nicht schafft, ähnlich ernsthaft auf die Krise zu reagieren wie die asiatischen Länder. Wir müssen aber auch diesen Gedanken relativieren und steigen damit in einen SPIEGEL-Artikel ein, in dem sich China nun als das wohl sicherste Land darstellt, obwohl bisher immer noch davon auszugehen ist, dass das Corona-Virus tatsächlich dort erstmals von Tieren auf Menschen übertragen wurde.

Vor allem haben wir Probleme damit, die dortigen Zahlen nicht zu hinterfragen. Auch in China wurde nämlich im Januar verspätet reagiert, die Lage mit Verzögerung eingestanden und vor allem haben wir, wenn wir Wirtschaftsdaten studieren, das Gefühl, dass die chinesische Regierung genau die Zahlen an die Weltöffentlichkeit weitergibt, die gewünscht sind. Jahrelang bewegte sich das Wirtschaftswachstum fast bis auf die dritte Kommastelle auf Höhe der Planung. Ein solchermaßen schwankungsfreies Wachstum ist normalerweise aber nicht möglich. Der Verdacht vieler Ökonomen: In den Heydays des chinesischen Aufschwungs wurden die Zahlen kleingerechnet, um die Welt nicht zu erschrecken – und um eine Reserve aufzubauen, statistisch gesehen. Diese Reserve wird nach dieser Ansicht derzeit aufgezehrt. Abgesehen von der Reserve könnte es im Fall Corona-Infektionen ähnlich sein: Die Regierung in China setzt sich sehr unter Erfolgsdruck, um die rigiden Maßnahmen, die dort ergriffen wurden, zu rechtfertigen. Da käme ein erneutes Ansteigen der Fälle in rascherem Tempo, vielleicht außerhalb von Wuhan, äußerst ungelegen. Es kam ohnehin zu Kritik aus der Bevölkerung, als die Fallzahlen stark anschwollen.

Ein extremes Gegenbeispiel für die chinesische Methode aus rigoroser Bekämpfung und gesteuerter Informationspolitik ist Berlin. Normalerweise schätzen wir das ja auch, aber gestern haben wir uns doch gefragt, ob nicht etwas dran ist, dass die Stadt für dysfuntional gehalten wird. Es ging darum, dass der Fußballverein Union, seit dieser Saison der höchsten Spielklasse in Deutschland zugehörig, tatsächlich am Wochenende „im engsten aller Bundesliga-Stadien“ ein Spiel gegen den FC Bayern München stattfinden lassen will – nicht als eines der vielzitierten Geisterspiele, sondern vor ausverkauften Rängen. Natürlich: Bayern! Topsiel-Zuschlag! Vermutlich. Ein kleiner Verein, der immer Geld braucht. Ernsthaft jetzt? Das gesamte föderale System in Deutschland gerät wieder mal in Zweifel, weil der Gesundheitsminister ein Veranstaltungsverbot nicht anordnen, sondern nur empfehlen kann. Auch dieser Artikel erschien im SPIEGEL. Trotzdem müssen wir den Vereinspräsidenten des FC Union zitieren, wie er im SPIEGEL wiedergegeben wird:

„Herr Spahn hat ja auch nicht empfohlen, dass BMW in Berlin die Produktion einstellt. Deshalb kann er auch nicht empfehlen, dass wir unseren Betrieb einstellen.“

Und hier der Kommentar dazu:

Das ist schon eine bemerkenswert selbstbewusste Reaktion auf die Coronakrise und die explizite Empfehlung des Bundes. Man könnte auch sagen: eine bemerkenswert naive Reaktion. Aber in Deutschland entscheiden eben Treptow-Köpenick und ein Vereinspräsident und nicht der Gesundheitsminister.

Kein Wunder, dass Länder, in denen Gemeinsinn abrufbar ist, wenn er benötigt wird, die vom Neoliberalismus, vom uneingeschränkten Ich-Denken zerfressene europäische Konstitution mittlerweile lächerlich finden. Die Rechnung werden wir vermutlich bald bekommen. In Italien wird sie schon präsentiert und es bricht uns das Herz – denn es ist wohl gerade nicht die Lebenseinstellung, normalerweise ist sie viel gesünder als bei uns, Italiener*innen werden im Durchschnitt auch älter, sondern das noch mehr als bei uns austeritätsbedingt kaputtgesparte Gesundheitssystem, das derzeit für die höchsten Todesraten weltweit sorgt.

Das dezentrale deutsche politische System wird aber im Artikel nicht als ausschließlich negativ angesehen, das sei fairerweise beigefügt.

Zumindest wird bei uns aufgrund der noch immer niedrigen Todesrate noch nicht solcher Klamauk wie vom serbischen „Kurier“, offenbar die dortige BILD-Zeitung, geschrieben, auch wieder auf Kosten Italiens (und Spaniens, wo die Zahl der Infizierten derzeit besonders schnell wächst): Die Angehörigen der eigenen Nation haben einfach bessere Gene und sind nun mal resistenter. Nicht, dass manche bei uns uns nicht anfällig für solches Gedankengut wären, aber zumindest offiziell gibt es derlei Einlassungen noch nicht. Wir wünschen niemandem den Tod, aber es gibt Momente, da ruft schon irgendetwas in uns nach „Quittung, bitte!“. Dieser Gedanke wird aber bald wieder in den Hintergrund gedrängt. Immer nämlich, wenn wir daran denken, dass wir es zugelassen haben, dass der Neoliberalismus, nicht der Föderalismus, in Deutschland für eine Haltung anderen gegenüber sorgt, welche die Ausbreitung des Coronavirus beschleunigt und dass die meisten nicht die Sinnbildhaftigkeit darin erkennen, dass ein ohnehin morsches System von einem echten Virus angegriffen wird und dass die Zerfallserscheinungen in Politik und Gesellschaft eine angemessene Reaktion darauf erschweren.

TH

Wir müssen leider heute noch einmal updaten, weil sich die Ereignisse überschlagen.

  • In Deutschland wurden nun doch die beiden ersten Todesfälle gemeldet, die Bestätigung gab es gegen 13 Uhr, als wir #3 verfassten, noch nicht.
  • Die bestätigten Fallzahlen steigen explosionsartig an. Sie haben seit 13 Uhr weltweit um ca. 3.000 zugenommen, weit überwiegend registriert in Westeuropa, auch in Deutschland.
  • Die Börsen reagieren auf die Situation mit dem „BlackMonday“. Der Handel an der Wallstreet wurde zwischenzeitlich ausgesetzt, der DAX verlor fast acht Prozent. Auch dies ereignete sich erst am Nachmittag.

Hier der Überblick speziell über die Entwicklung in den am meisten betroffenen Ländern nach Gesamtfallzahlen:

Trotz der Abriegelung von 14 Provinzen im Norden Italiens scheint die Situation dort außer Kontrolle zu sein und nichts spricht dagegen, dass es in Deutschland in den nächsten Tagen zu einer ähnlichen Entwicklung kommt – diese Möglichkeit haben wir bereits in #3 am frühen Nachmittag erwähnt.

Dass nun doch die ersten Todesfälle in Deutschland zu beklagen sind, ist leider zu erwarten gewesen. Alles andere wäre ziemlich seltsam und hätte auf Manipulation hingedeutet. Die Zahl von 2 ist aber immer noch sehr gering, verglichen mit ähnlich stark betroffenen Ländern. In Italien ist hingegen die Mortalitätsrate schon dreimal höher als in China. Wenn man bedenkt, welch ein Aufwand in China nötig war und immer noch ist, um die Epidemie einzudämmen und wie weit wir in Europa von dieser Rigorosität entfernt sind, ergibt sich geradezu zwangsläufig, dass es hier vorerst zu keiner Beruhigung kommen wird.

Die beiden Todesfälle sind aus Heinsberg und Essen in NRW gemeldet worden. Auch das klingt leider logisch, denn NRW ist das am stärksten betroffene Bundesland (die Fallzahl liegt weit höher, als es seinem Anteil an der Bevölkerung in Deutschland entspricht), dort kam es zum ersten größeren „Cluster“, die Entwicklung läuft also der in anderen Regionen um ein paar Tage voraus.

Auch eine gesunde Weltwirtschaft hätte auf das, was sich pandemieseitig gerade abspielt, möglicherweise mit einer Korrektur an der Börse reagiert, aber derzeit kommen eine Menge negative Faktoren zusammen. Noch immer Krisenbewältigungsmanagement als Folge von „2008“ vor allem in Europa, Handelsstreitigkeiten, Akkumulationsprobleme in immer mehr Bereichen der Wirtschaft, die Verunsicherung durch die nicht bewältigten Herausforderungen, die der Klimawandel stellt, neuerdings auch der Ölkrieg mit einhergehendem Preisverfall, eine sich allgemein verschärfende politische Lage.

Das Virus Covid-2019 ist geradezu ein symbolischer Auslöser, ein Sinnbild dafür, dass die Welt sich aufgrund des fehlgeleiteten Handelns von uns Menschen in einem schlechten Zustand befindet. Viele spüren die Problemanhäufung oder nehmen sie jetzt erst richtig wahr – und dies verstärkt den negativen psychologischen Effekt von Corona. Dass es vielerorts kein Klopapier mehr gibt, verstehen wir. Aber man kann die braune Scheiße, die man viele Jahre lang angerührt oder geduldet hat, nicht dadurch beseitigen, dass man sich den Keller mit Papierrollen vollstellt: Das alles ist viel zu kurz gegriffen.

TH

Dass wir innerhalb weniger Tage drei Artikel zum Corona-Virus schreiben würden – geplant war’s sicher nicht. (hier zu Nr. 2 am 05.03. und Nr. 1 am 03.03.). Neue Alltagsbeobachtungen und etwas Statistik. Wir erklären unter anderem, wo Deutschland aktuell eine Weltbestmarke in Sachen Corona-Virus hält.

Die Zahl der bekannten Infektionsfälle in Deutschland hat heute die Vierstelligkeit erreicht. Die Zahlen steigen schneller an und es werden schiere Horrorszenarien an die Wand gemalt oder in die sozialen Netzwerke gestellt, die wir heute nicht besprechen wollen – denn es herrscht in der Realität schon genug Panik. Wir wollen aber den Ton durchaus anpassen. Jenseits aller Extremdarstellungen hätte man erwarten müssen, was gerade geschieht, denn in Westeuropa verläuft die Entwicklung im Wesentlichen parallel – die Zahl der Infizierten pro Einwohner ist in den größeren Ländern ähnlich hoch.

Im folgend links abgebildeten Tweet wird es mit der Entwicklung in Italien verglichen, ein sogenanntes Geisterspiel, das auf der Annahme basiert, dass die Entwicklung zeitversetzt hierzulande so laufen wird wie in Italien.

Wir sind bereits einen Tag weiter und die inden Zahlen implizierte Vermutung geht bereits jetzt auf, obwohl der Tag noch lange nicht zu Ende ist: Auch in Deutschland gibt es aktuell 1.151 bestätigte Fälle.

Angesichts der wenig ambitionierten Schutzmaßnahmen hierzulande wäre es vermessen, zu glauben, dass die weitere Zunahme an Fällen wesentlich hinter der Entwicklung in Italien zurückbleiben würde.

Eine seltsame Ausnahme stellt Deutschland im Wettrennen um die meisten Corona-Fälle außerhalb von China immer noch dar: Es gab offiziell noch keinen einzigen Todesfall. Wir haben schon in unserem vorausgehende Artikel darauf hingewiesen. Hier gibt es eine genauere Ausarbeitung dazu. Wir verweisen ungern auf „Science Files“, wegen seiner politischen Ausrichtung, aber die Darstellung zu dieser Auffälligkeit ist sicher eine der besten, die derzeit erhältlich sind. Die Gründe für die Abweichung von allen anderen Ländern? Drei Möglichkeiten werden in dieser Ausarbeitung genannt.

Besorgniserregend ist der Wiederanstieg der Neuinfektionen weltweit. Nachdem in China die Lage mehr und mehr im Griff zu sein scheint, kam es erst einmal zu einer Beruhigung, aber da das Virus nun auf immer mehr Länder übergreift, zeigt sich eine zweite Welle. Die Zahl der weltweiten Neuinfektionen ist jetzt wieder so hoch wie während des Höhepunkts der China-Corona-Krise (Quelle: Bloomberg):

Die heutigen Zahlen sind logischerweise noch nicht komplett und werden am Abend vermutlich einen neuen Höchststand an neuen Infektionen erbringen.

Derzeit ist uns gar nicht danach zumute, uns über ausverkauftes Klopapier lustig zu machen und wir halten auch den Vergleich mit Grippetoten, die es jedes Jahr zu beklagen gibt, heute nicht für die beste Idee. Covid-19 ist in vieler Hinsicht noch nicht erforscht und hat eine auffällig höhere Letalitätsrate als übliche Grippevieren (außer in Deutschland, siehe oben).

Wir trauen übrigens auch den chinesischen Zahlen nicht: Sie zeigen mittlerweile auffällige Ähnlichkeiten mit den Wirtschaftsdaten, die von der KPCh aus dem Reich der Mitte geliefert werden. Der langsame, sichere Rückgang, jeden Tag ein paar Todesfälle weniger, kommt uns „geroutet“ vor, ebenso wie die Wachstumsraten, die über Jahre hinweg fast aufs Zehntel genau den Planvorgaben entsprachen.

In unserem Umfeld erstellen Arbeitgeber nun auch Pandemiepläne, die uns nach dem, was wir bis jetzt wissen, direkt betreffen werden, sollte in diesem Bereich ein Mensch als infiziert gemeldet werden. Wir halten das für richtig, denn hier geht es um viel Verantwortung – wiederum für andere Menschen, die teilweise besonders schutzbedürftig sind. Wir können uns leider auch vorstellen, dass die Fallzahlen in Berlin schneller steigen werden als in dünn besiedelten und weniger von Reisenden frequentierten Gegenden. Hier abschließend die Zahlen für Bundesländer.

TH

Heute nun unser zweiter Artikel zum #COVID-19 (hier zum ersten vom Dienstag). Neue Alltagsbeobachtungen und etwas Statistik. Wir erklären unter anderem, wo Deutschland aktuell eine Weltbestmarke in Sachen Corona-Virus hält.

Wir hatten es gestern geschafft, zwei Packungen Nudeln zu organisieren. Doppelt so viele, wie wir unter normalen Umständen gekauft haben: Die Panik greift nun doch langsam um sich. Klopapier war hingegen komplett aus. Und einige weitere Hygieneartikel. Beim Einkauf Kollegin mit Freund getroffen: Beware, günstiges stilles Wasser in umweltfreundlichen Plastikflaschen könnte auch bald – wir wussten noch gar nicht, dass das Virus durch die Leitung kommt. Vielleicht sollen wir uns in einem Reinraum 100.000 einschließen.

Der Informationsstand nimmt zu. Die weltweiten Todeszahlen leider auch. China hat „das Gröbste hinter sich“, heißt es oft. Die Maßnahmen gegen das Virus sind in der Tat drakonisch und eine ebenso überwachungswillige wie pragmatische Mentalität plus Einsatz neuester Technologien hilft sicher – aber trotzdem kommt es zu ca. 40 weiteren Todesfällen pro Tag, die Covid-19 zugeordnet werden.

Sowas kann in Deutschland offenbar nicht passieren. Wir haben derzeit die höchsten bestätigten Fallzahlen in Europa, wenn man von Italien absieht. Aber niemand stirbt. Das fällt uns seit Tagen auf: Deutschland hält aktuell einen Weltrekord. Es ist das Land mit den meisten Infizierten, in dem noch niemand an Covid-19 gestorben ist. Welch ein Gesundheitssystem. Prävention ist nicht so wichtig, denn die Behandlung ist nach wie vor Sonderklasse – seit ca. 125 Jahren. Daran konnten auch unzählige neoliberale Gesundheitsminister*innen, die versucht haben, das Gesundheitssystem krank zu sparen und zur Profitmaschine zu degradieren, nichts ändern. Oder stimmt vielleicht etwas mit der Statistik nicht?

Auch andere Länder sind auffällig: In den USA scheint jede*r Elfte zu sterben, der an Corona erkrankt, da liegt eher die Vermutung nahe, dass die Fallzahlen insgesamt viel zu niedrig angegeben werden. Es ist Wahljahr. In Russland geht sogar die Zahl der diagnostizierten Fälle zurück. Vor ein paar Tagen waren es fünf, jetzt sind es nur noch vier. Echt jetzt?

Derweil wird auch darüber gerätselt, warum innerhalb Deutschlands die Verbreitung so unterschiedlich verläuft. Und wieder mal ein Ost-West-Ding. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Abgesehen von der auffälligen Abwesenheit von Todesfällen in Deutschland läuft die Welle in Westeuropa „parallel“, das heißt, die Fallzahlen stehen in den meisten Ländern etwa in der gleichen Relation zur Bevölkerungsgröße. Es gilt nach wie vor: Die Zahlen umfassen nur einen Bruchteil der üblichen jährlichen Grippeerkrankungen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hingegen sind schon jetzt zu spüren (nicht nur wegen des sonderbaren Einkaufsverhaltens einiger Berliner*innen).

Seltsam ist diese Panik schon und wirkt langsam, als ob der kränkelnde Kapitalismus ein Ventil sucht, einen Anlass für einen Krisenausbruch. Denn immer noch steht das, was Corona tatsächlich bewirkt, in keiner Relation zu den Reaktionen und zu anderen Ereignissen, die mit ziemlicher Gleichmut hingenommen werden. In Europa, wieder abgesehen von Italien, gibt es aber weiterhin keine Reisebeschränkungen. Nicht offiziell zumindest, viele Flüge nach Südostasien wurden schon gecancelt. Klimaschützer haben bereits das Gute amVirus entdeckt: Die Emissionen lassen nach.

Verschwörungstheoretiker stricken derweil an Geschichten wie derjenigen, das Virus sei eine Erfindung westlicher Biokriegsführung, um China endlich einzubremsen. Wir hätten da wohl eher Peking oder Schanghai als Wuhan ins Visier genommen, aber was wissen wir schon von Geostrategie. Vielleicht wollte man erstmal warnen und testen. Der jährliche Volkskongress mit fast 3000 Delegierten wurde bereits verschoben, das ist ja auch ein Erfolg. Ob er für das West-Imperium eine Atempause im Kampf gegen das neue Konkurrenz-Imperium bedeutet, wird sich zeigen. Das Blöde sind die nicht zu unterschätzenden Rückwirkungen der Probleme in China auf die westlichen Ökonomien. It’s Globalisierung, folks. Hätte man vor der Freisetzung des rotweißen Dingens vielleicht dran denken sollen, das aussieht wie eine wieder mal neue Bürstenaufsatz-Variante unseres Mundraumquadrantenreinigungsherstellers.

Falls nichts dazwischenkommt, werden wir uns im nächsten Artikel etwas näher mit den wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 befassen und natürlich mit seinen soziokulturellen Implikationen. Mit etwas Glück kommen wir dabei zu einer Betrachtung, die über den nächsten Supermarkt hinausgehen, Ansatz: Vielleicht sollen wir uns in einem Reinraum 100.000 einschließen. Wir sind ja gestern auch zu Fuß ins Büro gewandert (und zurück). Hat etwas gedauert, aber diese überfüllten Verkehrsmittel in Berlin … Begegnung mit asiatischem Paar. Sie mit Mundschutz, er ohne. Kaum kommen die Menschen in diesem Individualismus-Egozentrismus an, der hierzulande herrscht, können selbst zwei einander nahestehende und dicht nebeneinander gehende Personen sich nicht mehr darüber einigen, ob man das rotweiße Ding, das aussieht wie eine Rotationszahnbürste, ernst nehmen soll.

TH

Corona #1 vom 03.03.2020

Wir wollten ja nicht über dieses blöde Virus (ugs.: diesen Virus) schreiben, aber heute Nachmittag gegen 16 Uhr ist es passiert. Wir standen vor einem gähnend leeren Nudelregal.

Wir hatten so gehofft, diese Fotos in den sozialen Netzwerken seien irgendwie Fakes oder wenigstens nicht aus Berlin. Okay, es war nicht unser Kiezladen, sondern ein Discounter in der Nähe unseres Arbeitsplatzes, an einer Hauptstraße, und jeder weiß, je weiter man von dort in die Kieze vordringt, desto ruhiger und elaborierter wird es. Wir wollten heute gar keine Nudeln kaufen. Sondern nur den O-Saft von einer bestimmten Marke abstauben, der im Angebot war. Nudeln sind erst nächste Woche wieder dran. Wird es dann wieder Nudeln geben? Der O-Saft war übrigens auch schon aus.

Nun ist uns aber auch ein Licht dahingehend aufgegangen, warum am vergangenen Samstag gegen 14 Uhr so viele Mitarbeitende im erwähnten Kiezladen, in dem wir heute nicht einkauften, so heftig am Verräumen waren. Damit es nicht aussieht, als ob mittendrin in einer sonst ruhigen Seitenstraßenlage die Bewohner*innen ebenfalls am Durchdrehen seien. Wir haben übrigens vorhin vergessen, ein Foto vom leeren Nudelregal zu machen, so groß war der Schock. Klopapier ist auch alle, liest oder sieht man allerorten.

Tweet!

Berlin ist also nicht mehr so cool, wie es mal war, das ist unsere hauptsächliche Erkenntnis des Tages.

Schon gar nicht, nachdem es hier nun auch den ersten … oh nein, es sind schon sechs Fälle! Bisher ist in Deutschland zumindest offiziell noch niemand im COVID-19 gestorben, aber wenn es passiert, dann – ja, wo eigentlich? Könnte ja nun auch in Berlin sein, sozusagen um die Ecke.

Hoffen wir alle, dass es nicht so weit kommt. Denken wir an die Menschen in den vielen Regionen der Welt, die es schon getroffen hat, in China, besonders in der Provinz Wuhan, wo es ausbrach, in Italien, im Iran, Südkorea und anderen Ländern, in denen schon etliche Todesfälle zu beklagen sind. Wir haben hier einen grafisch sehr instruktiven Artikel, der sich immer wieder updated. Wir setzen den ersten Markstein in dieser Timeline. 2020-03-03, ca. 20 h MEZ: 92.130 Fälle weltweit, 3.130 Tote. Vor ein paar Tagen überlegten wir schon, ob wir über COVID-19 schreiben, als absehbar war, dass die Zahl der durch das Virus Getöteten die Opferzahlen von 9/11 übersteigen würde (offiziell 2.977). Über 9/11 haben wir im „ersten“ Wahlberliner schließlich auch geschrieben. Allerdings für den Nachnachfolger die Policy geändert: Keine Katastrophenmeldungen mehr und schon gar keine Kommentare dazu. Für das Corona-Virus durchbrechen wir dieses Prinzip erstmals.

Wir versprechen an der Stelle aber, dass dieser etwas launige Einstieg nicht typisch für die weiteren Beiträge sein wird, denn die Sache ist ernst, auch, wenn zum Framing geraten wird. Zum Beispiel so: Jedes Jahr sterben in Deutschland über 3.000 Menschen durch Autounfälle und man möge doch bitte hervorheben, dass es tendenziell immer weniger werden. Also könnte man das Corona-Virus in Relation zu anderen Gefahren setzen und feststellen: So schlimm wie der Krebs wird es wohl kaum wüten. Und es gibt so viele andere Themen, zum Beispiel die Situation an der griechischen Grenze. Vielleicht verfassen wir dazu auch noch etwas, aber wer erwartet, dass wir hier alles aufgreifen, was wirklich schlimm ist, der versteht die Situation und das Mindset von Menschen nicht, die ein nichtkommerzielles Freizeitprojekt wie den Wahlberliner betreiben.

Die müssen sich immer wieder auch distanzieren zu jenen Katastrophen, die eher Dauerzustände sind, zu dem, was jeden Tag geschieht und depressiv machen würde, wenn man darüber auch jeden Tag texten würde. Zum Abstand halten eignet sich das Virus der Saison. 188 Erkrankte in Deutschland zeigt die oben verlinkte Seite gerade, aber die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen – als bereits 57 Fälle bestätigt waren, zeigte die Seite immer noch die Zahl 17 an. Drüben in Frankreich sind es übrigens 191. In den USA werden derzeit nur 100 Fälle bestätigt, aber schon sechs Menschen sind am COVID-19 gestorben. In Italien derweil über 50.

Wir sind gegen Whataboutismen mit Todesopferzahlen, daher: Es ist schlimm, traurig, entsetzlich, wenn Menschen es so empfinden. Man kann nicht jemandem, der gerade sein Augenlicht verloren hat, damit kommen, dass er ein Dankgebet dafür sprechen soll, dass er noch immer zwei Arme und zwei Beine hat. Deswegen werden wir den einen oder anderen Beitrag über die sich abzeichnenden Folgen der Epidemie oder Pandemie schreiben, auch wenn ihre Auswirkungen auf die Weltbevölkerung wohl kaum an die der alltäglichen Kriege und die vielen Hungertoten usw. heranreichen werden – die allesamt Ergebnisse der Tatsache sind, dass Menschen mit anderen Menschen nicht menschlich umgehen können. So ein Virus ist wenigstens irgendwie ein Ding für sich, es wurde, Verschwörungstheoretiker*innen bitte kurz ausblenden, wenigstens nicht absichtlich in die Welt gesetzt. Es wirkt nicht wie unser ursächliches Versagen, was man von fast allen anderen üblen Vorgängen sehr wohl behaupten kann.

Apokalyptische Szenarien sind häufig beschrieben und auch in Bewegtbilder umgesetzt worden – am beliebesten waren dabei die Varianten, in denen die Menschheit vom Unheimlichen, vom Unfassbaren, von außen angegriffen wurden und sich mehr oder weniger erfindungs- und erfolgreich zur Wehr setzten. Die Wahrheit ist aber: Wenn eine Dystopie näherkommt, dann mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit, weil wir sie selbst verursachen. Aus Mordlust, aus Gier, aus Dummheit – whatever.

Warum sollte übrigens ein Virus freundlicher zu uns sein als wir selbst, ein mikroskopisch kleines Etwas, das sich nicht einmal in uns hineinversetzen kann und gar nicht weiß, welche Panik es anrichtet? Eine biologische Einheit, die eigentlich nicht mal zu den Lebewesen gerechnet wird, weil z. B., weil sie sich nicht selbstständig vermehren kann, sondern dafür eine Wirtzelle braucht. Aber es gibt ja auch viele Menschen, die Wirtshäuser benötigen, um in eine vermehrungsfördernde Stimmung zu gelangen.

Wir werden uns über Ansichten und Aussichten Gedanken machen, denn eines ist schon sicher: COVID-19 wird wesentlich bedeutendere Folgen haben als Ereignisse, die viel mehr Menschenleben kosten. Das kommt schlicht daher, weil es so viel Aufmerksamkeit genießt und so viele Maßnahmen auslöst, die den wenig erfreulichen, aber allgemein so hingenommenen Normalzustand der Welt aussetzen, weil es ökonomisch und auch politisch entweder nur kurzfristig oder gar dauerhaft Veränderungen nach sich ziehen wird – und wir werden dem nachspüren, was beide Varianten uns sagen, wovon sie künden. Das Corona-Virus und wie darauf reagiert wird, meinen wir, ist ein guter Gradmesser für den Stand der Dinge.

Zum Beispiel dafür, ob Menschen in der Lage sind, von den Nudeln hin zur Betrachtung unserer Mentalität und zum großen Ganzen hin zu abstrahieren, das uns nicht erst seit dem heutigen Regalerlebnis den Eindruck vermittelt, viele von uns sind ziemlich durchgenudelt.

Noch eine kleine Endnotiz: Das Beitragslogo für diese Reihe konnten wir unter dem Namen „Corona_Virus“ nicht in die WordPress-Mediathek hochladen, wir mussten stattdessen eine Tarnbezeichnung nehmen. Hoffentlich lässt sich wenigstens der Beitrag publizieren.

TH

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