Eine Leiche zuviel – Tatort 582 #Crimetime 592 #Tatort #Münster #Muenster #Thiel #Boerne #WDR #Leiche #zuviel

Crimetime 592 - Titelfoto WDR, Jürgen Thiele

Eine Blumenvase zum Dekantieren

Auf eine Weise ist „Eine Leiche zu viel“ ein sparsamer Tatort. Natürlich nicht, was die Anzahl der Leichen angeht, es gibt im Verlauf deren drei, und das ist über dem Durchschnitt.

Es sind eher die typischen Münster-Zutaten, die ein wenig vernachlässigt werden. Nadeshda Krusenstern (Friedrike Kempter), die Assistentin von Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) hat wenig Spielzeit, ebenso gilt dies für Alberich alias Silke Haller (Christine Urspruch), die Assistentin des Gerichtsmediziners Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers).

Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) kommt gar nicht vor und Herbert Thiel, des Kommissars unkonventioneller Vater (Claus Dieter Clausnitzer) beschränkt sich ausnahmsweise weitgehend aufs Taxi fahren. Kann das ein guter Münster-Tatort sein? Wir klären darüber auf in der -> Rezension.

Handlung

Eine tote Kollegin im Seziersaal der Anatomie: Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne ist schockiert. Die im Präparationskurs von Professor Gregor Härtling entdeckte Leiche ist Amélie Blanc. Noch bis vor einigen Wochen arbeitete die französische Chemikerin als Hospitantin bei einer angesehenen Forschergruppe der Münsteraner Universität. Da die Leiche professionell konserviert wurde, vermutet Frank Thiel, den Täter im Institutsumfeld.

Er veranlasst eine DNA-Analyse für alle wichtigen Mitarbeiter des Instituts von Prof. Härtling einschließlich des Professors selbst. Diese Untersuchung ist Prof. Boerne sehr unangenehm, schließlich sind die Härtlings freundschaftlich mit ihm und seiner Mutter verbunden. Auch die übrigen Kollegen wie Carla Hanke und Dr. Schroth sind anerkannte Wissenschaftler: Was könnte sie zu einem Mord an dem attraktiven Gast von der Pariser Sorbonne veranlasst haben? War Eifersucht im Spiel? Da erscheint der aufgebrachte Ehemann der Toten, Thierry, auf der Bildfläche und sorgt für Unruhe.

Rezension

Selbst der Humor ist zurückhaltend, wenn man ihn mit anderen Folgen vergleicht. Mancher Moment ist wirklich witzig. Zum Beispiel, als Boerne einen Flaschenöffner verlangt (ein Instrument zum Dekantieren) und Thiel ihm eine Blumenvase gibt, in dieser Situation vollkommen sinnfrei, aber eben typisch die Gegensatzwelten des Bonvivants Boerne und von Thiel beleuchtend, der gemäß Boerne „etwas einfach gestrickt ist, aber dafür freiwillig nicht mehr als drei Sätze am Tag spricht“.

Da also dieser Tatort weniger Zeit für teaminterne Komik benötigt als andere in Münster, wäre es logisch, wenn der Fall besonders im Vordergrund stünde. Es geht um Machenschaften im Medizinwissenschaftler-Milieu an der Universität der Stadt, die eine perfide Mordserie auslösen. Doch  „eine Leiche zu viel“ wirkt überraschend langsam und dünn inszeniert. Beinahe so, als ob das Team ursprünglich mehr Szenen haben sollte, diese aber gestrichen wurden, ohne dass man dafür dem Fall mehr Elemente oder mehr Atmosphäre geschenkt hätte.

Vielleicht war es auch so, dass der forsche Franzose Thierry Blanc (Silvain-Pierre Leirich) als Füllmaterial eingefügt wurde, denn wirklich passend wirkt er nicht, in der gezeigten Konstellation, sondern eher wie eine Karikatur. Karikaturen anderer Nationen und ihrer Menschen gibt es normalerweise im Tatort nicht, aber auch hier stellt Münster ja eine Ausnahme dar. Wir erinnern uns an einen abgefahrenen Engländer, der für Boerne ein fundamental modernes Computerprogramm zur Rekonstruktion von Gesichtszügen einer Mumie gebastelt hat und dabei immer auf Droge war.

Schematatorte. Kein anderer Tatort folgt so sehr einem bestimmten Schema wie der aus Münster. Da die Folge „Eine Leiche zu viel“ auf manches Beiwerk weitgehend verzichtet, wird das besonders deutlich, er ist sozusagen ein Proto- oder Archetyp der Thiel-und-Boerne-Serie von Kriminalkomödien.

Jedes Mal fährt Boerne ein anderes, auch angesichts von C4 ein wenig überdimensioniert wirkendes Auto, vornehmlich eines mit Klappverdeck. Anders nur bei Münster-Fällen, die sich eindeutig im Winter ereignen. In „Eine Leiche zu viel“ ist es ein Porsche Carrera 4 S-Cabrio, möglicherweise auch ein Turbo, so genau haben wir nun auch wieder nicht aufgepasst, zumal wir diese Folge während einer Dienstreise angeschaut haben, mit einem kleinen Fernseher auf dem Hotelzimmer, und nicht zuhause.

Das wirkt schon ein wenig seltsam, dass so ein Mensch im Öffentlichen Dienst wirkt, als habe er ein Journalisten-Abo auf Testwagen aller deutschen Premiummarken und auch mancher ausländischen (Jaguar, Maserati). Aber es scheint zum System, mithin zum Schema zu gehören. Noch kurioser wirkt es, dass Thiel und Boerne zwar generell unter einem Dach leben, nämlich als Mieter und Hauseigentümer, aber das Dach beinahe in jedem Fall ein anderes ist. Offenbar wird immer jeweils eines der sicher nicht sehr zahlreichen Häuser in der Münsteraner Altstadt genommen, in dem zur Drehzeit gerade zwei Wohnungen frei sind. Zwei oder drei Wohnungen dauerhaft zu belegen, kann sich der WDR angesichts zweier Tatort-Standorte (Köln und eben Münster) offenbar nicht leisten. Wie ja überhaupt manche Lokalität, die in Münster situiert sein soll, in Wirklichkeit in der Sender-Heimatstadt Köln zu finden ist.

Wichtiger als die beiden genannten Schemata, die auf den ersten Blick ja gerade nicht schematisch, sondern wie inszenierte Abwechslung daherkommen – die allerdings auf Dauer ermüdend wirkt – ist ein anderes, das man sofort als solches erkennen kann.

Milieustudien. Gibt es überhaupt einen Münster-Fall, der nicht im akademischen Milieu spielt, und zwar in dem Segment, in dem Prof. Dr. Karl Friedrich Boerne mehr Leute kennt als nicht kennt? Doch, manchmal ist es auch die Geschäftswelt, zuweilen eine Kombination aus beiden Welten, die einander so fremd ja nicht sind. Aber natürlich geht Boerne auch bei den Unternehmern ein und aus, irgendeine Verbindung in die gehobenen Kreise gibt’s bei ihm immer. Thiel, der nicht nur aus Hamburg eingewandert ist, sondern aus Sankt Pauli, kennt keine Sau und ist schon deshalb im Grunde die arme Sau. Wie schön passt auch dies ins Schema von Gesellschaftslöwe kontra Einzelgänger.

Es ist überdies klar, dass auch im Kampf der medizinischen Wissenschaftler um neue Verfahren zur Krebsbekämpfung, also einem im Grunde sehr hohen Ziel, sich die Elite nicht entblödet, alles zu einem Egotrip auf niedrigstem ethischen Niveau werden zu lassen. Das ist das nächste Schema. Die Sozialkritik wird in Münster nicht in Form eines „Thesenkrimis“ vorgetragen, wie bei den Kollegen aus Köln (siehe bei Falk Schreiber), die jene These dialektisch auf- und abarbeiten, sondern durch das Zeigen entgleister Charaktere, die sämtliche edlen Dinge pervertieren, an welche sie die Finger legen. Hinzu kommt, dass die ARD es sich offenbar auf die Fahnen geschrieben hat, zur Primetime die Götter in Weiß zu demolieren, die sie in Vorabendserien so kitschig hofiert und sich auf diese Weise selbst Absolution zu erteilen – anders kann man die gruselige Darstellung von Ärzten in vielen Tatortfolgen kaum deuten. Nur Rechtsanwälte kommen noch schlechter weg, aber die haben’s sowieso verdient.

Weitere Schemata sind: Thiel und Boerne streiten sich und finden sich, die Ermittlungsarbeit hält mit dem Humor manchmal Schritt, aber die Logik knirscht fast immer in den Fugen, weil sie auch nicht so wichtig genommen wird. Dass der offzielle Ermittler Thiel und / oder der heimliche Intuitions-Star Boerne, der auf diese Weise die Ärzteschaft doch noch auf subtile Weise rettet, selbst in Gefahr geraten, kommt hingegen nicht immer vor, wohl aber in „Eine Leiche zu viel“. Beinahe hätte es Boerne erwischt, im eigenen Institut und auf eine Art, die von ihm selbst hätte stammen können.

Vom Schema zum Einzelfall. Die Praxis der Schemata könnte ein Vorteil sein, wenn man bedenkt, um wie viele Dinge sich die Tatortschreiber in Münster keine Gedanken machen müssen, weil sie vorgegeben sind. Konsistente und sehr tragfähige Figuren, für die es sicher Charaktertableaus gibt, von denen die Regisseure und Autoren nicht abweichen dürfen, was ja auch sinnvoll ist. Sozialmilieus, in denen der Zündstoff offenbar offenbar in jedem Aktenschrank steht. Skurrile Gags, für die sicher ein eigener Stab oder doch wenigstens ein professioneller Gagschreiber zuständig ist. Münster-Tatorte schreiben scheint also einfach.

Warum aber sind dann Fälle wie „Eine Leiche zu viel“ so wenig funktional? Wieso hat man das Gefühl, da passt nichts wirklich zusammen? Was zum Teufel hat den unnötigen Mord an Professor Härtling (Jürgen Hentsch), Boernes einstigen Examensprüfer, ausgelöst; was war es, was Dr. Carla Hank (Nele Müller-Stöfen) dazu getrieben hat? War er hinter ihre Manipulation der Datenreihen des Forschungsteam-Mitglieds Amélie Blanc gekommen? Oder war es doch Selbstmord? Nein, nein, obwohl die Methode mit dem Leiten von Abgasen ins Auto so von Frau Dr. Hanks Schema des Injizierens von toxischen Mitteln, die zur Leichenfixierung in der Rechtsmedizin eingesetzt werden (wir hoffen, wir haben das jetzt einigermaßen richtig wiedergegeben, als Nichtmediziner). Bei dem Franzosen Thierry Blanc ist schon eher klar, warum sie gehandelt hat: eben deswegen. Dafür ist dessen Agieren kompletter Unsinn. Was will er mit seinen Nachforschungen bezwecken, wenn er nicht die deutschen Behörden kontaktiert, die als einzige den Mord an seiner Frau sanktionieren können?

Dass diese Frau offensichtlich untreu war, stört den heißblütigen Südfranzosen, der ein wenig wie ein Frosschenkelfresser-Abziehbild wirkt, nicht im Geringsten. So, wie er gestrickt ist, hätte er sich vor allem den Professor Härtling vorknöpfen müssen. Oder tat er das etwa? Nein, wenn wir die Handlung richtig im Kopf behalten haben, war’s anders und auch nicht so, dass der Professor nicht verschmerzen konnte, dass ihm seine Geliebte abhanden gekommen war. Hingegen verschmerzt es Professor Boerne recht leicht, dass ihm sein früherer Doyen vergiftet wurde. Da muss sogar Silke Haller zugeben, dass ihr Chef etwas Unheimliches hat, wie er damit rein professionell umgeht.

Diese Anmerkung repariert aber nicht den Drehbuch-Schaden, denn in Wirklichkeit ist Boerne eben nicht indolent, sondern die Seele des Ganzen und von allem, was Münster-Tatorte so reizend und manchmal charmant macht. Das steht auch gewiss so in seinem vorgegebenen Charaktermodell. Wie sagt seine Mutter dazu, die in dieser Folge überraschend auftritt? Wir haben leider den Begriff vergessen und weil wir diesen Tatort nicht aufgezeichnet haben, können wir ihm auch nicht mehr nachspüren. Jedenfalls hat sie unrecht. Eltern verkennen an Kindern ja manchmal gerade das, was diese auszeichnet, jenseits dessen, was sie erreicht haben oder haben könnten.

Klar, alles ist wieder überzeichnet, auch die Täterin Dr. Hank, die für die Forschung über Leichen geht. Nicht die Hilfe der Medizin für Menschen, sondern die eigene Karriere steht im Vordergrund. Eifersüchteleien gibt es deshalb auch im Forschungsteam – und, wenn man von dem übertriebenen Handeln Dr. Hanks absieht, ist das überraschend realistisch gezeichnet und nicht auf eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern beschränkt, die sich einer bestimmten Arbeit verschrieben hat. Strömungen gibt es in jedem Team, besonders dann, wenn dieses weitgehend abgeschottet vor sich hin tüftelt. Die schwierige soziale Balance ist schnell zerstört und kaum je zu reparieren.

Finale

Trotz des auch diesmal gut aufspielenden Teams Thiel / Boerne und einer damit zwangsläufig verbundenen Anzahl an Szenen, die respektabel humoristisch ausgearbeitet sind, fehlt bei „Eine Leiche zu viel“ etwas von allem, und all dieses Fehlen zusammen führt für uns dazu, dass wir den Tatort 582 für Münsteraner Verhältnisse als unterdurchschnittlich bewerten. Er ist nicht wirklich schlecht, aber langsam müssen wir auch die Mängel an Logik und dramaturgischer Konsequenz ein wenig in den Vordergrund rücken, insofern also hinter die Kulisse der bunten T & B-Welt blicken. Dazu eignet sich „Eine Leiche zu viel“ deshalb so gut, weil er mangels Feuerwerk an grandiosen Dialogen mit Klemm, Alberich und den anderen Schwächen offener zeigt als andere Münster-Folgen.

Der Community gilt er als einer der besseren von Thiel und Boerne. Er stammt aber auch aus 2004, als das Team sich bereits einen enormen Sympathiewert aufgebaut hatte und die kritischen Seiten der Konstruktion noch nicht so deutlich erkannt oder benannt wurden wie heute. Auch für diese beiden Stars unter den Tatort-Ermittlern muss man gute Fälle schreiben, damit es Top-Bewertungen geben kann. Dennoch, auch bei uns wirkt zugegebenermaßen der Bonus dieses Duos, und der macht mindestens einen halben Bewertungspunkt aus, so dass wir auf 7,0/10 kommen.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Frank Thiel – Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Silke Haller – ChrisTine Urspruch
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Professor Gregor Härtling – Jürgen Hentsch
Marlis Härtling – Petra Hinze
Dr. Carla Hank – Nele Mueller-Stöfen
Dr. Schroth – Stefan Gebelhoff
Dr. Kehl – Lars Gärtner
Erika Boerne – Carola Regnier
Thierry Blanc – Silvan-Pierre Leirich
Staatsanwältin Dorn – Ute Willing
und andere

Musik – Arno Steffen
Kamera – Clemens Messow
Buch – Dorothee Schön
Buch – Georg Schott
Regie – Kaspar Heidelbach

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