Im Fadenkreuz – Tatort 130 #Crimetime 593 #Tatort #München #Muenchen #Lenz #BR #Faden #Kreuz

Crimetime 593 - Titelfoto © BR, Foto Sessner

Die erste Zeitenwende in München

Nachdem schon einige Tatorte mit Helmut Fischer als Kommissar Lenz für den Wahlberliner besprochen wurden – nun der erste, der Wechsel vom ersten Ermittler des BR, Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) zu seinem ehemaligen Assistenten, gespielt von Helmut Fischer. Rückwirkend, mit einem Abstand von fast 40 Jahren, erscheint der Sprung vom Urbayern mit Dackel hin zu einem vergleichweise modern wirkenden Nachfolger nicht mehr so gewaltig, wir versuchen aber in der -> Rezension, ihn nachzuzeichnen.

Handlung

Kriminalkommissar Ludwig Lenz, bis zur Pensionierung von Kriminalhauptkommissar Veigl als Kriminalhauptmeister dessen rechte Hand, hat Veigls Nachfolge in der Hierarchie der Mordkommission übernommen. Natürlich liegt ihm viel daran, seinem Vorgesetzten, Kriminalrat Schubert, zu beweisen, daß er der richtige Mann am richtigen Platz ist.

Ein Polizeibeamter hat einen Flüchtigen angeschossen. Das betrifft Lenz und seine Mannschaft. Denn wenn ein Polizeibeamter von seiner Dienstwaffe Gebrauch gemacht hat und dabei jemand verletzt wurde – ob tödlich oder nicht -, rückt die Mordkommission aus. Das erfolgt zum Schutz des Beamten, für den Fall, daß die Rechtmäßigkeit seines Schußwaffengebrauchs in Zweifel gezogen wird.

Der verletzte Flüchtige, Theo Scholz, ist der Polizei kein Unbekannter. Um einer Routinekontrolle zu entgehen, hatte er einen Taxifahrer mit vorgehaltener Pistole gezwungen, ihn aus der Reichweite der Polizei zu bringen. Etwa gleichzeitig mit der herbeigerufenen Funkstreife hatten auch drei Kollegen des Taxifahrers das Fluchttaxi gestellt. Als Scholz dann trotz Warnung der Polizisten zu Fuß weiterfliehen wollte, wurde er angeschossen. Lenz fragt sich, ob eine noch zu verbüßende Haftstrafe, der Scholz sich durch eine frühere Flucht entzogen hat, das Motiv für diesen riskanten Fluchtversuch ist. Die auffällige Besorgtheit des Anwalts von Scholz, der immer wieder im Krankenhaus erscheint, noch ehe sein Klient vernehmungsfähig ist, bestärkt die Zweifel des Hauptkommissars.

Als die Leiche des Taxifahrers, der den Fluchtwagen fuhr, in einer Kiesgrube am Stadtrand gefunden wird, ist klar, daß mehr hinter diesem Fall steckt. Der Körper des Toten weist Spuren von Mißhandlungen, ja Folter auf. Schließlich zahlt an einem Stehausschank am Bahnhof ein Betrunkener mit einem Tausendmarkschein, der aus der Beute eines Überfalls auf einen Geldtransport stammt. Gibt es eine Verbindung zwischen den Transporträubern, Scholz und dem Mord an dem Taxifahrer? Es stellt sich heraus, daß das Leben mehrerer Personen bedroht ist.

Kriminalkommissar Lenz muß sehr eigenwillige Methoden anwenden, und er muß sich selbst in höchste Gefahr begeben, um die eigentlichen Verbrecher aus dem Versteck locken und dingfest machen zu können.

Rezension

Nachdem schon einige Tatorte mit Helmut Fischer als Kommissar Lenz für den Wahlberliner besprochen wurden – nun der erste, der Wechsel vom ersten Ermittler des BR, Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) zu seinem ehemaligen Assistenten, gespielt von Helmut Fischer. Rückwirkend kann man den Sprun vielleicht nicht mehr so gut nachvollziehen, den der vom Urbayern hin zu einem vergleichweise modern wirkenden Nachfolger führte, wir versuchen aber in der -> Rezension, dies nachzuzeichnen.

Schon wegen dieses realistisch wirkenden Übergangs hat der Film eine schöne Authentizität, und wenn man das Spiel von Helmut Fischer mit seinen früheren Auftritten in der zweiten Reihe und seinen letzten Tatorten als Leitender Ermittler vergleicht, passt ebenfalls alles: Er spielt deutlich dominanter als zuvor, aber seine Figur wirkt noch nicht in jeder Situation sicher und überlegen. Am besten merkt man das, als er sich von dem Anwalt, der erpresst wird, emotional in den Fall hineinziehen lässt und sich tatsächlich als Taxifahrer verdingt, um an die Verbrecherbande heranzukommen. Da sein Gesicht damals in der Szene noch nicht bekannt gewesen sein dürfte, wirkt auch das stimmig. Da kommt er also so bieder rüber, dass sich das weibliche Bandenmitglied sicher ist, dieser Mann kann kein U-Boot sein. Na bitte.

Vieles in dem Film ist witzig, aber manches auch derb, bayerisch eben, aus der Zeit, bevor die erste Sozialpädagogen-Generation am Tatort nach München kam, mit Leitmayr und insbesondere mit Batic. Die Ironie, die sich mit Fischers Spiel trefflich unterstützen ließ, wurde bis heute nicht wieder erreicht und liegt auch in dieser Form nicht mehr im Trand. Man merkt schon, dass damals aus der ziemlich großen Sicherheit der 1980er auf alles geblickt wurde und Bewertungen noch ziemlich festgefügt daherkamen. Für Klischees wie trickreiche Italiener, die tatsächlich den Rollen- und gleichzeitig den Realnamen Luigi tragen, und, zum Ausgleich, gastarbeitende Italiener, die auf Bayerisch ihre weniger fleißigen Landsleute als Preußen beschimpfen, gilt das allerdings auch. Dafür ist einer der Taxifahrer schon dunkelhäutig, gespielt von Charles Huber, der von 1986 bis 1997 den Kommissar Johnson in „Der Alte“, zweite Staffel, verkörpert hat und heute Bundestagsabgeordneter ist – der erste Darsteller mit afroamerikanischen Wurzeln, der sich im hiesigen Fernsehen etablieren konnte.

Allein wegen seiner Funktion als Zeitspiegel ist das Tatort-Format ungeheuer spannend, aber natürlich nicht nur deswegen. Wohl aber hat es wegen dieses Unterschiedes zu anderen Krimireihen eine eigene Anthologie beim Wahlberliner bekommen.

Der Fall ist, sagen wir mal, eine gute, aber nicht überragende Mischung. Die Beute von mehr als zwei Millionen DM stammt aus einem Geldtransporter-Überfall. Nachdem schon in den 1970ern besonders der HR sich um die Anleitung zu solchen Überfällen durch detailliertes Zeigen des Coups verdient gemacht hatte und diese Art von Caper-Movie nun ein alter Hut war, setzt die Handlung erst danach ein und es geht um die Beutesicherung. Wenn man etwas genauer hinschaut, knirscht es schon bei der Ausgangsposition erheblich. Ein gesuchter Verbrecher als Koffer-Kurier ist eine äußerst unglückliche Wahl, unabhängig von seiner Beteiligung am Ausgangscoup. Und kann er denn wirklich davon ausgehen, dass er den Schließfach-Schlüssel unter dem Automaten im Bahnhof wiederfindet? Was, wenn dort etwas gründlicher saubergemacht wird? Die Firma Mercedes hätte sich darüber beschweren müssen, dass ihr Flotte von W123-Taxis mit ständig quietschenden Reifen gezeigt wird. Vielleicht doch ein Seitenhieb von einer Subtitlität, die man nicht vermutet, weil die BR-Tatorte sonst auch nicht so sind bzw. damals waren: Mit den Fünfern von BMW, wie Lenz einen als Dienstwagen fährt bzw. darin gefahren wird, wie er einst Veigl gefahren hat, wäre das nicht passiert. Auch weist das Ende mit der inszenierten Lastwagen-Blockade die Transportknackerbande als letztlich eher skrupulös aus. Schließlich hatten sie ja den Anwalt als Geisel, es bestand kein Grund, panisch aus dem Auto zu fliehen und diese Geisel nicht mehr zu verwenden, als die Bullen ihnen auf beinahe erwartete Weise eine Falle stellen.

Man muss sich mehr an das Zusammenspiel des Kommissars und des Anwalts halten und an viele kleine Gags und stimmungsbildende Elemente, wenn man die Qualitäten des Films herausarbeiten will. In der Tat ist das Psychospielchen überzeugend und wirkt in sich stimmig, immer unter der Maßgabe, dass man sich auf den Anwalt und den Kommissar beschränkt und das Handeln der Erpresser-Diebesband nicht einbezieht. Und natürlich ist die Spur zu Luigi, der sich des Geldkoffers bemächtigt hat, schon sehr auf einem Zufall aufgebaut. Plotseitig ist der erste Lenz kein Meisterwerk, auch wenn er als traditionelle Räuberpistole für Vergnügen sorgt. Weil man sich nicht sorgt. Vielleicht ein wenig um Lenz oder den Rechtsanwalt, das soll ja auch Spannung bringen. Aber solange richtige, klar als solche definierte Verbrecher im Spiel sind und keine Täter-Opfer, deren Biografie, deren Milieu und damit die Schwächen des Sytems nichts anderes zulassen als die Kriminalisierung, sorgt man sich weniger um den Zustand der Welt.

Etwas spritziger gefilmt wurde mit Lenz dann auch, wenn man Veigls Tatorte als Vergleich heranzieht, besonders aufgrund der Taxi-Verfolgungsjagd. Aber die größere Veränderung kam mit den Nachfolgern Batic und Leitmayr, und mit ihnen wurde auch nicht die ganze Strecke bis zu den heute üblichen Filmen in einem Sprung überwunden.

Finale

Ein sehr schöner Film, wenn man sich einige Figuren herausgreift, weniger gelungen der Plot, auch wenn er viele Wendungen und Elemente hat. Die kommen teilweise nur dadurch zustande, dass es viele Umwege gibt, die sich logisch nicht so recht erschließen wollen.

7/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalkommissar Lenz – Helmut Fischer
Kriminalassistent Faltermayer – Henner Quest
Kriminalobermeister Brettschneider – Willy Harlander
Kriminalrat Schubert – Rolf Castell
Gloria – Hannelore Gray
Frau Overdiek – Almut Eggert
Theo Scholz – Ralph Schicha
Kurt Gebele – Herbert Stass
Amann – Peter Moland
Harry Klönne – Hubert Münster
Luigi Spagnola – Luigi Torotora
Grabfelder – Max Griesser
Rechtsanwalt Overdiek – Peter Fricke

Drehbuch – Peter HemmerMusik – Klaus Doldinger
Regie – Thomas Engel

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