Ein verhängnisvoller Verdacht – Polizeiruf 110 Fall 152 #Crimetime 594 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Dillinger #Lehnert #Verdacht #Verhängnis

Crimetime 594 - Foto © DFF / ARD

Eine Femme fatale endet fatal

Der 152. Polizeiruf dreht sich um eine junge Frau, der eine kaum überschaubare Anzahl von Männern stark zugetan ist und das hat fatale Folgen. Eine zu große Unausgeglichenheit ist bei keiner Sache gut, schon gar nicht, wenn es um die emotionale Machtbalance geht. Gibt es sowas? Es gibt halbwegs symmetrische und sehr asymmetrische Beziehungen. Und wer war dem verhängnisvollen Verdacht ausgesetzt? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Rita Köhler streitet sich mit ihrem Mann Heinz, von dem sie seit langem getrennt lebt, will sie doch entgegen der Absprachen nun ihr Kind zu sich holen. Der ehemalige Boxer Heinz verprügelt Rita, bis sie aus dem Haus flieht. Draußen wartet überraschend ihr früherer Freund Rolf auf sie und lädt sie auf einen Kurztrip in die Niederlande ein. Rita kann nicht freinehmen, wird sie doch in der Bar von Herbert Pohl gebraucht. Hier ist Rita nicht nur als Kellnerin aktiv, sondern schläft gegen Bezahlung auch mit den Kunden, wobei ihr Chef an dem Geschäft mitverdient. Rita und Rolf verbringen die Zeit zusammen, bis er in die Niederlande reist. Bei seiner Rückkehr erwischt er Rita in einem Hinterzimmer der Bar in flagranti mit Norbert, seinem besten Freund und Sohn von Herbert. Wie alle anderen Freier muss auch er Geld für Sex bezahlen. Rita findet ihr Verhalten normal, zumal auch Herbert einer Affäre mit ihr nicht abgeneigt gegenübersteht.

Als es mal wieder zu einem Streit zwischen Herbert und seiner eifersüchtigen Frau Ellen kommt, fährt Herbert davon. Nach einiger Zeit kommt er zurück und Ellen beobachtet heimlich, wie Norbert mit Herberts Wagen davonfährt. Vor Ritas Haus beobachtet unterdessen ein Taxifahrer, wie Heinz seine Noch-Frau Rita schlägt und dann flieht, als er ihr zu Hilfe kommt. Ritas Nachbarn Meier hören wenig später kommende und gehende Schritte im Hausflur, kurzes Gerangel und danach nur noch untypische Stille. Dies veranlasst Opa Meier, bei seiner Untermieterin Rita nach dem Rechten zu sehen. Er findet Rita tot vor. Neben ihr sitzt unter Schock Rolf.

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Dillinger und Kriminaloberkommissar Lehnert werden zum Tatort gerufen. Beide können sich nicht ausstehen und so ist es Lehnert ein besonderer Genuss, Dillinger von der Ermittlungsarbeit auszuschließen: Da Rolf der Sohn seiner langjährigen Lebensgefährtin ist, gilt Dillinger nun als befangen. Dillinger lässt sich Urlaub geben und beginnt gegen den Willen Lehnerts mit Ermittlungen. Stets ist er Lehnert dabei einen Schritt voraus und wird schließlich wegen Verdunkelungsgefahr für mehrere Stunden inhaftiert. Als Täter in Frage kommen mehrere Personen. Ihr Mann wurde von Zeugen gesehen, als er Rita zusammenschlug. Beim Verhör sagt er aus, dass Rita es verdient habe, wollte sie trotz ihres Lebenswandels doch den gemeinsamen Sohn für sich beanspruchen. Herbert gilt als verdächtig, war er doch zur ungefähren Tatzeit mit dem Auto unterwegs.

Er gibt an, nur herumgefahren zu sein. Zwar wollte er zu Rita, kehrte jedoch an ihrer Haustür um. Sein Sohn Norbert war anschließend heimlich mit Herberts Wagen unterwegs, was Ellen den Ermittlern gesteht. Er sagt aus, er habe Rita bereits tot vorgefunden und sei wieder gegangen. Dies deckt sich mit der Aussage der Nachbarn, dass an dem Abend mehrere Personen zu Ritas Wohnung gingen. Dennoch glaubt Dillinger, in Norbert den Mörder Ritas gefunden zu haben. Da Rolf seine Unschuld beteuert, wird er auf freien Fuß gesetzt, argwöhnt jedoch, dass dies nur geschah, weil Dillinger mit seiner Mutter zusammen ist. Zu dritt unternehmen sie kurz nach der Haftentlassung einen Ausflug an einen See. Die scheinbare Familienidylle zerbricht, als Rolf dem Druck nicht mehr standhält. Er gesteht, dass er der Mörder Ritas war, habe er es doch nicht ausgehalten, sie mit zahlreichen Männern teilen zu müssen. Die Versuche seiner Mutter, ihn zum Schweigen zu bringen, wehrt er ab. Wenig später erscheint Lehnert, und Rolf lässt sich bereitwillig abführen.

Rezension

Auf den Regisseur Peter Vogel wurden wir erstmals durch den 1981 gedrehten Polizeiruf „Vergeltung?“ aufmerksam, der ausgesprochen schöne Sets aufwies, unter anderem auf Rügen und auch sonst überdurchschnittlich gefilmt war. Ähnliches konnte man von „Bitte zahlen“ sagen, den nächsten von ihm inszenierten Polizeiruf, den wir angeschaut und rezensiert haben. Und dann „Im Kreis“ von 1987, der auf eine sehr spezielle Weise hinreißend und lebendig gefilmt war, auch hier wieder sehr schön in Szene gesetzte Locations und vor allem wunderbar aufgelegte Schauspieler.

Ein leichter Hang zum Theaterhaften war da sicher schon drin aber bei Weitem nicht so ausgeprägt wie in „Ein verhängnisvoller Verdacht“, der außerdem einen anderen Ton hat. Der 152. Polizeiruf ist ein Bühnenstück, bereits im typischen Tatort-90-Minuten-Format gefilmt. Stellenweise dreht das Ganze in eine Richtung, bei dir wir nichts sicher waren, ob gelacht werden durfte ode sollte – unser Verdacht: so war es nicht gedacht. Die Polizeirufe, die  unmittelbar nach der Wende Premiere hatten, waren  geprägt durch die unsichere Situation und dann durch eine Spielweise, die aus heutiger Sicht manchmal grenzwertig ist. Die Grenze zum Gefühlskitsch mit Krimi-Elementen wurde mal überschritten, mal nicht. Aber es ist auch faszinierend,  zuzuschauen, wie sich einiges mittlerweile zu wiederholen scheint und anderes nicht. Auch heute wird wieder mehr emotionaler Wums inszeniert, aber man wahrt meistens den Abstand zur ungewollten Lächerlichkeit. Logisch: Die Filme folgen dem Zeitgeist und der ändert sich. 

Das bedeutet aber auch, dass nur wenige „Klassiker“ entstehen können, die heute noch genauso beeindrucken wie zur  Zeit ihrer Entstehung und wenn man sich einen Film wie „Ein verhängnisvoller Verdacht“ anschaut, kann man nachvollziehen, dass die Reihe „Polizeiruf 110“ auf der Kippe stand und tatsächlich eine etwa eineinhalbjährige Pause machte, bis sie 1993 doch weitergeführt wurde. Freilich dürfte es dafür noch andere Gründe geben, wie das Ende des DFF und den Übergang zu den Sendeanstalten der ARD mit dem MDR als Neugründung, der später eine Schiene des Polizeirufs übernahm – der dann so aufgeteilt wurde wie die Tatorte: Feste Teams für bestimmte Städte, während früher wenige, sehr bekannte Ermittler*innen DDR-weit im Einsatz waren.

Ein Problem für uns war auch, dass keiner der bekannten Ermittler aus der DDR-Zeit mehr dabei ist, aber noch keiner von jenen, welche die nächste Generation des Polizeirufs geprägt hat und die Kontinuität einleitete, die bis heute im Wesentlichen herrscht. Diese ist beachtlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie bei einigen Tatort-Teams, die seit mehr als 20 Jahren ermitteln. 

Hauptkommissar Dillinger, der auch als Privatmann in „Ein verhängnisvoller Verdacht“ eine wichtige Rolle spielt, haben wir in seinem ersten Einsatz mit Lutz Zimmermann („Die alte Frau im Lehnstuhl“) gesehen, der Film entstand aber vier Jahr vor „Ein verhängnisvoller Verdacht“, danach diese lange Pause. Während Dillinger mit Zimmermann zwar durchaus ein spannungsreiches Ermittlerduo bildete, weil die beiden so unterschiedlch sind, stellt man ihn im Verhältnis zu Lehnert bzw. Lehnerts Auftreten überzeichnet dar, der KLamauk ist aber nicht so sämig wie bei den Zirkusartisten von Münster.

Allerdings stammt das Drehbuch zum Polizeiruf Nr. 152 von Dillinger-Darsteller Wolfgang Dehler, der sein Verhältnis zum Kollegen, dargestellt vom bis heute vielbeschäftigten Hansjürgen Hürrig, demnach selbst so krass gestaltet hat. Inklusive dem Dreh, dass der Untergebene plötzlich dem Vorgesetzten ansagt, wer im Fall Femme-fatale-Mord noch ermitteln darf. Wir wollen nicht dahingehend lästern, dass der Fachwechsel eine schwierige Veranstaltung ist, aber manchmal ist es eben so.

Nadja Puls, welche die im Verlauf des Films für sich selbst fatale Rita Köhler spielt, hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag, das hat uns überrascht. Ihr Spiel zu beurteilen, ist etwas schwierig, weil alle Darsteller in diesem Film ein bisschen verschoben agieren – am wenigsten tut dies noch Torsten Michaelis, der den unglücklich verliebten Rolf darstellt. Seine Handlungsweise lässt sich auch am besten nachvollziehen. Inklusive der Tat, auch wenn es nicht gerade menschenfreundlich klingt. Michaelis ist auch bis heute ein beliebter Episodendarsteller, vor allem in der Reihe „Tatort“ und dort vorwiegend in Filmen des NDR. Hürrig hingegen hat sichtlich Spaß an dieser überzogenen Sause, auch so kann man gut aus der Unglaubwürdigkeit eines Personentableaus herausfinden. Ob das, was wir sehen, schon eine Art Polizeiruf-Endzeitstimmung, die letzte Party mit freakigem Touch, darstellt, können wir ohne tiefergehende Befassung mit den Produktionsjahren 1989 bis 1991 nicht beurteilen, deshalb bleiben wir einfach bei dem, was wir beschrieben haben.

Zu diesen Darstellungen passt, dass der Film recht exploitativ gestaltet ist. Wir sehen zwei Frauen mehr oder weniger unbekleidet und einen misslungenen Akt, der sicher zu den Höhe- oder Tiefpunkten, je nachdem, ob man das Ganze von der humorvollen Seite betrachtet oder nicht, des kurzen Ausschnitts aus eine kurzen Frauenleben zählt, den wir hier gezeigt bekommen. Der an diesem Akt beteiligte Gastwirtsohn Norbert (Frank Matthus) ist vermutlich zusammen mit seiner Mutter das krasseste Figurenpaar unter vielen krassen Figuren – vor allem wegen seines herzhaft monotonen Klavierspiels. Er soll mit Rolf in eine Klasse gegangen sein. Wir wollten schon schreiben, Quatsch, sieht jeder, dass die beiden altersmäßig viel zu unterschiedlich sind. Stimmt aber nur bedingt, denn Michaelis ist 1961, Matthus 1964 geboren. Aber dass vor allem Michaelis deutlich älter ist als im Rollenprofil angegeben (30, nicht 20), das ist in der Tat sichtbar, während Matthus wesentlich jünger wirkt. Aber bei so vielen Seltsamkeiten wie in diesem Film muss man aufpassen, dass man sich nicht jede Abweichung vom Realismus zu breit auswalzt, denn solche kommen in vielen Filmen vor, die man deshalb nicht gleich als misslungen ansieht.

Finale

Gesellschaftspolitisch gibt der Film nicht viel her – diesbezüglich war man sehr vorsichtig. Kritik an der DDR wäre verspätet gewesen, kalter Kaffee sozusagen und kam höchstens mal in Form von Menschen, die auffällig gut durch die Wendezeit kamen, obwohl sie vorher irgendwie im „Apparat“ dienten – und anders als bald darauf in den Ehrlicher-Tatorten traute man sich in der zum Drehzeitpunkt noch vorhandenen Wende-Euphorie nicht, schon auf Missstände in der BRD und speziell auf Fehler einzugehen, die im Umgang mit dem neuen Teil der BRD gemacht wurden. Der Film spielt auch in Berlin und ein Satz belegt, dass offenbar einige der Figuren einen Westhintergrund haben. Allerdings ist die Femme fatale auch Teil eines Ehepaares, das sich trennte, weil der andere Teil in den Westen ging. Das ist aber so unklar dargestellt, dass man nicht weiß, ob damit „Republikflucht“ gemeint ist oder lediglich nach der Maueröffnung eine räumliche Trennung, denn Köhler war ja wegen irgendwas inhaftiert (er ist vorbestraft) – in der DDR, angenommenermaßen.

Lange Zeit kamen wir übrigens nicht dahinter, ob Dillinger nun der formal nicht einmal Stiefvater oder der echte Vater von Rolf ist. Die Lösung: Die Eltern haben nie geheiratet und Dillinger war lange Zeit  aushäusig, deswegen redet er auch davon, wie schön es ist, von seiner Frau eine  Wurstplatte zum Abendessen serviert zu bekommen. Aber auch an Frau Clausen (Christine Schorn, die auch szenenweise richtig überdreht spielen darf) rächt sich das Schicksal aufgrund dieses ernährungspolitischen Fauxpas: Sie verliert am Ende im Wald ihre Contenance ebenso wie ihre Schuhe. Die Wahrheit steht über allem, auch über der Mutterliebe, Madame!

5,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Vogel
Drehbuch Wolfgang Dehler
Produktion Heinz-Jürgen Jeserigk
Musik Bernd Wefelmeyer
Kamera Uwe Reuter
Schnitt Brigitte Hujer
 
Wolfgang Dehler: Kriminalhauptkommissar Wolfgang Dillinger
Hansjürgen Hürrig: Kriminaloberkommissar Lehnert
Christine Schorn: Irene Clausen
Torsten Michaelis: Rolf Clausen
Nadja Puls: Rita Köhler
Michael Schweighöfer: Heinz Köhler
Petra Gorr: Ellen Pohl
Volkmar Kleinert: Herbert Pohl
Frank Matthus: Norbert Pohl
Gisela Morgen: Oma Meier
Gerry Wolff: Opa Meier
Joachim Lätsch: Chef
Jörg Kleinau: Kriminaltechniker
Detlef Neuhaus: Kriminalist
Michael Gerber: Polizist
Jutta Deutschland: Tänzerin
Torsten Händler: Tänzer 

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