Bedenkzeit – Polizeiruf 110 Fall 105 #Crimetime 595 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Zimmermann #Bedenkzeit

Crimetime 595 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Zwei Brüder und kein Mörder?

„Bedenkzeit“ ist ein typischer Polizeiruf für jene Jahre: Sehr dicht an den Verdächtigen oder Tätern, sehr auf die psychologische und soziale Deutung angelegt. Die Ermittler stehen nicht so im Vordergrund wie in den Filmen der westdeutschen Tatort-Reihe. Wo gibt es Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten mit anderen Polizeiruf-Fällen der Zeit, ist „Bedenkzeit“ ein gutes Drama und ein guter Krimi? Das klären wir alles in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kunsthändler Boltenhagen wird von einem Motorradfahrer in einem Tunnel überrollt und stirbt am Tatort. Sein Koffer mit 30.000 Mark wird gestohlen. Jürgen Seidler, dem das Motorrad gehört, flüchtet vom Tatort und kann wenig später gestellt werden. Er gibt an, den Geldkoffer über die Planken geworfen zu haben und kann auch sonst Einzelheiten des Tathergangs beschreiben. Er kommt in Untersuchungshaft, wo er sich mit dem alten Oswin eine Zelle teilt. Der hat betrunken eine Frau überfahren, die starb. Er gab die Tat zu und ist beinahe erleichtert, dass die Untersuchungshaft bald ein Ende haben wird. Er versteht nicht, dass Jürgen den Ermittlern – Hauptmann Peter Fuchs und Oberleutnant Lutz Zimmermann – nicht die volle Wahrheit sagt. Die Ermittler glauben, dass Jürgen entweder einen Mittäter hatte oder das Geld versteckt hat, da der Koffer nie gefunden wurde. Jürgen jedoch bleibt bei seiner Version der Geschichte.

Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft steht Jürgen kurz vor der Zwangsentlassung, da ihm die Tat nicht endgültig nachgewiesen werden kann. Sein Vater stirbt und er soll auf Bitten von Veronika an der Beerdigung teilnehmen. Veronika ist die ehemalige Freundin von Jürgens kleinem Bruder Peter. Sie ist von Peter schwanger, der das Kind jedoch ablehnt und Veronika deswegen während Jürgens Haftzeit verlassen hat. Jürgen ist empört und geht zur Beerdigung, um Peter zur Rückkehr zu Veronika zu zwingen. Peter lehnt entschieden ab. Es wird deutlich, dass das Verhältnis beider Brüder schlecht ist, da sich Peter von Jürgens Bevormundung lösen will. Zurück im Gefängnis schreibt Jürgen einen Brief an die Staatsanwaltschaft, in dem er mitteilt, dass sein Geständnis von damals falsch ist und er in Wirklichkeit unschuldig ist. Tatsächlich ergeben erneute Nachforschungen, dass Jürgen zur Tatzeit im Kino war und sein Motorrad gestohlen wurde. In den Effekten findet sich Jürgens Zündschlüssel der Maschine, die daher offensichtlich mit einem Ersatzschlüssel gestartet wurde. Oswin berichtet den Ermittlern im Verhör, dass Jürgen seinen Bruder für den Täter hält, da nur er einen Zweitschlüssel zur Maschine hatte. Jürgen wollte Peter decken, dem er seit frühester Kindheit wie ein Vater war; ein Gefängnisaufenthalt hätte seine Zukunft ruiniert, die ihm Jürgen bereitet hatte. Auch Veronika war Jürgens Wahl für Peter, der nun jedoch mit der älteren Claudia zusammenlebt.

Die Ermittler befragen Peter, der den zweiten Schlüssel zum Motorrad vorweisen kann. Er versteht nicht, warum die Ermittler ihn befragen und erfährt erst in der direkten Konfrontation mit Jürgen, dass dieser ihn des Mordes verdächtigt. Die Kluft zwischen den Brüdern wird dadurch noch größer. Jürgen wiederum reagiert nun erschüttert über seinen Verdacht und zieht den Brief an die Staatsanwaltschaft als Falschaussage zurück. Die Ermittler rekonstruieren noch einmal die Tat. Als möglicher Fluchtweg aus dem Tunnel käme neben Ein- und Ausgang auch die Kanalisation infrage, befindet sich im Tunnel doch ein Einstieg. Die Ermittler durchsuchen die Kanalisation und entdecken schließlich einen nicht eingezeichneten Raum, der mit Diebesgut gefüllt ist. Unter anderem findet sich hier auch der Koffer von Kunsthändler Boltenhagen. In der Kanalisation werden Beobachtungsposten eingerichtet. Jürgen wird freigelassen, glaubt jedoch immer noch, dass Peter der Täter ist. Der fährt empört auf seinem Motorrad davon und Jürgen fährt ihm nach. An der Raucherinsel von Peters Betrieb finden die Ermittler ebenfalls einen Einstieg zur Kanalisation. Wenig später können in der Kanalisation die Täter gestellt werden, die ihr Diebeslager aufsuchen wollten. Es handelt sich um Elmar Raude und Reinhold Banner, die mit Peter als Kfz-Schlosser im gleichen Betrieb arbeiteten. Peter und Jürgen treffen wiederum an einer Autobahnbrücke zusammen, auf der sie früher oft gemeinsam standen. Peter bittet Jürgen, aus seinem Leben zu verschwinden. Stets habe er ihn bevormundet und Peter habe lange Zeit zu Jürgen aufgesehen. Jürgen habe Peter nie etwas zugetraut, außer das eine Mal: Den Mord an Kunsthändler Boltenhagen. Das Vertrauen von Peter in Jürgen ist nachhaltig erschüttert und eine Versöhnung nicht mehr möglich.

Rezension

Immer wieder passiert es, dass wir denken: Wenn Wolf-Dieter Lingk mitspielt, muss er auch Täter sein. Die Zuschauer in der DDR werden das damals wohl gar nicht so empfunden haben, denn wir haben ja noch einen ziemlich Gap zwischen den Polizeirufen aus den frühen und mittigen 1970ern und aus der Zeit ab 1984. Immer mehr stellt sich heraus, das Lingks Rollenprofile sehr gut die Entwicklung der Polizeirufe nachzeichnen, während Fuchs und die anderen Ermittler doch eher statisch sind; ihre Persona verändert sich über die Jahre nicht wesentlich.

Lingk spielte in den 1970ern Typen, die manipulativ und egoistisch waren und etwas auf dem Kerbholz hatten, in „Traum des Vergessens“ (1985) hingegen einen Arzt, der seine Lebenswelt ohne größere Rücksicht auf die Gefühle seiner Frau organisiert, aber kein Verbrechen begangen hat, in „Der zerbrochene Spiegel“ wiederum einen Arzt, der sehr arrogant wirkt, aber ebenfalls kein Verbrechen begangen hat – und nun einen Mann, der wirklich eine sehr gute Figur geworden ist: Bis zum Ende ist man nicht darüber im Klaren, ob er wirklich ein bösartiger Mensch ist, der andere manipuliert, oder ob er für seinen Bruder wirklich nur das Beste wollte. Das liegt am Spiel von Lingk, der wunderbar unberechenbar wirkt, aber auch an den Rollen, die man im Kopf hat und weswegen man ihm viel zutraut – anders als er seinem „kleinen, also jüngeren Bruder.

Auffällig ist, dass bei den oben genannten und auch bei „Bedenkzeit“ Hans-Werner Honert Regie geführt hat. Von allen in der DDR schon tätigen Fachkräften hat er nach der Wende die wohl beeindruckendste Karriere gemacht. Vom Regisseur zum Produzenten und Gründer der Saxonia Media, die bis heute für den MDR die Polizeirufe und die Tatorte herstellt. Sein Gespür für Charaktere, das seine Filme auszeichnet, hat ihn offenbar in der Realität sicher durch die wilden Wendezeiten gebracht.

Aber diese Filme sind auch sehr typische Vertreter des Stimmungsfernsehens, das damals die Polizeirufe geprägt hat. Da ist eine sehr greifbare Melancholie zu spüren, die uns viel über die Stimmung im Land sagt. Im Westen: Ende des Aufbruchs der 1970er, konservativer Rollback. Im Osten: Das Ende des sozialistischen Traums war absehbar. Aber in der DDR ist man nicht den Weg gegangen, Krimis zu infantilisieren, wie im Westen etwa mit der Figur Schimanski, die ja auch damals schon etwas Retrospektives hatte, sondern man nahm sich mehr Freiheiten und mehr Zeit und schaute sehr genau hin. Als ob man schon für später dokumentieren wollte, woran es lag, dass niemand mehr so recht kämpferisch drauf war – anders als noch in den 1970ern, als die Reihe Polizeiruf startete. Immer häufiger sehen wir nicht asoziale Elemente als Täter, sondern Menschen, deren Träume platzen und die man im Westen als Verlierertypen bezeichnet hätte.

So auch hier: Am Ende hat niemand etwas davon, dass der eine Bruder sich – vermeintlich für den anderen – einsperren lässt. Die Beziehung zwischen den jungen Männern ist zerrüttet, die Beziehungen zu Frauen ungeklärt oder nicht vorhanden, bezeichnenderweise hat Jürgen ein Holzbein, das er sich in Ausübung seines Jobs als Motorrad-Profi zugezogen hat. Das Holzbein hätte uns sagen müssen, dass der Mann eine gebrochene Seele hat, die Symbolik haben wir beim Anschauen zu wenig beachtet.

Im Hintergrund, aber geradezu bedrohlich nah – die Familienverhältnisse. Einige andere Polizeirufe jener Zeit trauen sich, erschreckende Verhältnisse von Verwahrlosung oder emotionaler Kälte zu zeigen, dieser deutet nur an, dass der Vater der beiden Brüder jedem von ihnen ein schweres Trauma zugefügt hat. Man spürt es aber jederzeit darin, dass die beiden keinen rechten Zugang zu sich, zu anderen, zur Realität finden. Im Grunde unmöglich, dass es nicht einmal zu einer Aussprache zwischen beiden kommt, die klärt, was denn wirklich passiert ist. Ein solches, spannungsreiches Treffen muss erst die Polizei arrangieren, um ein besseres Bild von den beiden Typen zu bekommen.

Die Polizeirufe jener Phase sind nicht spektakulär, sondern in kleinen Räumen zuhause. In Beziehungs- und Seelenräumen. Ideologisch betrachtet, ist dies eine Rückentwicklung, wir bezeichnen es aber eher als bewussten Rückbau, der gleichzeitig verbunden ist mit einer Weiterentwicklung hin zum Drama und zu einer Mischung von Realismus und Tiefgründigkeit, die viele Tatorte aus jener Zeit bei weitem nicht erreichen. Es ist ziemlich schade, dass die Polizeirufe von heute sich dieser Tradition weitgehend entledigt haben und wie Tatorte mit immer mal wieder etwas abweichenden Handlungsverläufen angelegt sind und mit ihren atemlosen Plots auch zeigen, dass da etwas aufzuarbeiten ist. Etwas, das ausnahmsweise gar nicht aufzuarbeiten ist, denn wir haben bis jetzt keinen schlechten Polizeiruf aus der Mitte der 1980er gesehen.

Finale

Einen interessanten Spin gibt es aber auch hier: Die Ermittler werden als ziemlich kompakt dargestellt und während alle Episodenfiguren auf schwankendem Grund unterwegs sind, genehmigen sie sich mal ein Bierchen. Fuchs und Riemann sind in diesem Film hervorragende Anker für den Zuschauer, damit er nicht in den Sog dieser unseligen Bruderschaft gerät. Und der Kanal! Sowas haben wir kürzlich schon einmal gesehen, aber da wurde die Unterwelt verwendet, um direkt in ein Gebäude zu gelangen, in dem ständig geklaut wurde, in „Bedenkzeit“ herrscht in den letzten Minuten etwas wie „Der dritte Mann-Feeling.

Gut gefilmt ist das und der Auftrieb im Abwassersystem entspricht dem Aufruhr der Gefühle ein paar Meter höher. Die beiden Kollegen des jungen Peter sind aber auch direkt so unsympathisch gewesen. Wieder mal ein Arbeitskollektiv, das nicht gerade eine Freude ist, das vertrauensvolle Teamwork betreffend. Auch die Suggestion einer gar nicht so solidarischen Arbeitswelt wird in Polizeirufen so gerne inszeniert, dass man kaum den Gedanken vermeiden kann, dass da wohl etwas dran war. Es gab ja auch nicht den Feind im eigenen Haus, die andere Tarifpartei, gegen die man sich vereinen konnte.

„Bedenkzeit“ ist wieder kein schlechter Film, vor allem die Figuren sind gelungen – aber in der Handlung haben wir auch keine größeren Fehler entdeckt. Sehr gut wird die Balance gehalten: Viele Polizeirufe sind Howcatchems, dieser hier ist ein ausgezeichneter Whodunit, in dem am Täter präsentiert werden, die vorher nur einmal zu sehen waren – und doch wirken sie nicht unglaubwürdig oder an den Haaren herbeigezogen.

7,5/10

 Regie Hans-Werner Honert
Drehbuch Hans-Werner Honert
Produktion Uwe Herpich
Musik Jürgen Wilbrandt
Kamera Kurt Bobek
Schnitt Margrit Schulz

Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Lutz Riemann: Oberleutnant Lutz Zimmermann
Wolf-Dieter Lingk: Jürgen Seidler
Peter-René Lüdicke: Peter Seidler
Frauke Poolman: Veronika
Cornelia Lippert: Claudia
Hannelore Koch: Staatsanwältin
Fred Delmare: Oswin
Gerd Klotzek: Zeuge
Michael Telloke: Elmar Raude
Olaf Stannek: Reinhold Banner
Kurt Belicke: Kunsthändler Boltenhagen

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