Eine Landpartie (Partie de campagne, F 1936/1946) #Filmfest 129

Filmfest 129 A

2020-08-14 Filmfest A40 Minuten Erinnerung

Wir hatten zunächst Mühe, den Film zu identifizieren, weil er mit Entstehungjahr 1946 angegeben war – damals wurde er aber bloß fertiggestellt und gezeigt, in Wirklichkeit ist er zehn Jahre älter und das ergibt durchaus einen Bewertungsunterschied, nicht nur Regisseur Jean Renoir betreffend – erst nach „Landpartie“ entstanden demnach seine düsteren, großen Filme „Die große Illusion“ oder „Die Spielregel“, bevor er das besetzte Frankreich verließ und in die USA ging – wo er auch nach Kriegsende zunächst blieb, sodass dieses kurze Werk 1946 ohne seine Mitwirkung vollendet wurde. Der einzige Film von Jean Renoir, den wir bisher für den neuen Wahlberliner rezensiert haben, ist „Die Spielregel“, den wir allerdings, wie schon bei der FilmAnthologie des „ersten“ Wahlberliners, allen anderen Filmen vorangestellt haben.

Grunddaten (1)

Eine Landpartie ist ein französischer Spielfilm von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Als Vorlage diente eine Novelle von Guy de Maupassant. Gleich drei Mitglieder der Familie Renoir wirkten am Film mit. Neben Renoir tritt auch seine Frau Marguerite in einer Nebenrolle auf. Zudem war sie auch am Schnitt beteiligt und der Neffe Claude Renoir fungierte als Kameramann.

Handlung (1)

Anfang der 1880er Jahre unternimmt eine Familie an einem Sommertag einen Ausflug aufs Land. Mit von der sonntäglichen Partie sind Madame und Monsieur Dufour, ihre Tochter Henriette und ihr Verlobter Anatole. Während sich die Männer dem Angeln widmen oder schlafen, lernen die beiden Frauen die beiden jungen Männer Henri und Rodolphe kennen. Diese laden Mutter und Tochter zu einem Bootsausflug ein. Auf einer einsamen Flussinsel kommt es zwischen den jungen Männern und den Damen der Familie zu einem Flirt. Ohne Zögern gibt sich die Mutter ihrem Liebhaber hin. Auch die Tochter empfindet zu ihrem Verehrer große Zuneigung. Zwei Jahre später, als Henriette längst verheiratet ist, kehrt sie an den Ort dieser Romanze zurück und trifft den Verehrer von einst. Sie gesteht ihm, dass sie immer noch an die Romanze von damals zurückdenkt.

Weitere Informationen (1)

Der Film entstand im Juli 1936, kurz nachdem in Frankreich die Volksfront-Regierung gebildet wurde. Die Dreharbeiten wurden häufig unterbrochen, da das Wetter und die Lichtverhältnisse äußerst schwierig waren. Schließlich brach Renoir die Dreharbeiten ab und der Film blieb unvollendet. Erst 1946 entschied der Produzent Pierre Braunberger, das vorhandene Filmmaterial zu einem 40-minütigen Film mit Zwischentiteln zusammenzuschneiden. Als Regieassistenten wirkten die später selbst als Regisseur erfolgreichen Luchino ViscontiJacques Becker und Yves Allégret am Film mit.

Die literarische Vorlage, die 1881 entstandene Novelle „Une Partie de campagne“ von Guy de Maupassant, spielt zu einer Zeit, in der Jean Renoirs Vater, der Maler Pierre-Auguste Renoir, allgemeine Anerkennung fand. Jean Renoir setzte den melancholischen Film „Eine Landpartie“ mit ähnlichen Mitteln der Beleuchtung und Bildgestaltung um, wie sie von Gemälden seines Vaters bekannt ist, der zur Zeit der Entstehung der Novelle häufig Flusslandschaften in der Umgebung von Paris im Stil des Impressionismus malte.

Rezension

Es gibt, man könnte sagen, entsprechend der Kürze des Werks, wenige ausführliche Kritiken dazu, die meisten Rezensenten huldigen dem Regisseur, betonen die Landschaft, die Atmosphäre, die Gleichnishaftigkeit des Geschehens eventuell und das war’s im Wesentlichen. Die deutsche Filmkritik, die hier wiedergegeben ist, hat uns geradezu amüsiert: Anzüglichkeiten von zwei Landburschen gegenüber einer jungen Frau, die sie beobachten und Sex im Gras, und das im Jahr 1936 – kein Problem, solange es sich um Filmkunst von Jean Renoir handelt, wohl aber bei zeitgenössischen Filmen deutscher oder amerikanischer Herkunft.

Wenn ein Werk von Guy de Maupassant verfilmt wird, dann sollte der Film die Distanz zur herkömmlichen Moral haben, die man allgemein auch dem Autor und seinem Werk zuschreibt, und das ist in „Eine Landpartie“ der Fall. Was wir sehen, ist kein Ehebruch, das Mädchen ist mit dem ulkigen Typ, den sie später heiraten wird, schon unterwegs, es wirkt aber nicht, als seien sie ein Paar. Dafür lernt sie einen jungen Mann kennen, der mehr wie ein Franzose aus 1936 aussieht denn wie einer aus 1860 oder auch 1946, und man kann nicht recht sagen, ob mehr Lust oder Verliebtheit im Spiel ist, als sie sich ihm hingibt. Offensichtlich hat auch die Mutter mit dem Kumpel dieses Lovers par Occassion die gleiche Glückserfahrung gemacht, und sie ist eine verheiratete Frau, die bestimmte Gefühle noch immer hat, welche die Tochter ihr im zentralen Gespräch über das Leben in der Natur und das allumfassende Eingebundensein in selbige referiert. Das deutet schon darauf hin, was passieren könnte. Der blonde Kumpel mit dem längeren Schnurrbart ist ein Pragmatiker: Als er merkt, dass nicht beide das Mädchen haben können und sein Freund bei ihr bessere Chancen hat, schnappt er sich lieber die Mutter für eine Bootspartie, anstatt zu schmollen und leer auszugehen oder es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen.

Der Zurückhaltende, der nicht so aufschneidet, gewinnt also den Hauptpreis. Dieses Männerduo, das man in seiner Bedeutung und Interaktion nicht unterschätzen sollte, funktioniert also nach dem durchaus üblichen Muster, zumindest nach demjenigen, das Künstler gerne als das erfolgreichere darstellen: Wer zu viel angibt, zieht gegenüber den sensibleren Typen den Kürzeren. Das ist auch schön romantisch, aber vielleicht ist es von dem Freund auch ein wenig gespielt, damit der andere und zunächst auch der Zuschauer nicht erkennt, dass er durchaus starke Absichten hat. Das Bild der jungen Frau auf der Schaukel, wie sie erst steht, dann sitzt und man mehr sieht, ganz, wie die Herren es sich gewünscht haben, und vielleicht war dieses Sichtbarwerden der Schenkel von ihr gar nicht so unabsichtlich gestaltet, ist ganz sicher an Vater Renoir (Pierre-Auguste Renoir) angelehnt. Die gesamte Szenerie ist sehr impressionistisch und für das Jahr 1936 exzellent gefilmt – sogar mit einer Kamera im Boot, die das Ufer nach einem schönen Versteck für den Moment der Liebe absucht.

Am Ende ist der Film aber doch melancholisch. Einige Jahre später: Das Mädchen hat tatsächlich diesen Ladenschwengel geheiratet, beide werden wohl die Geschäftstradition ihres Vaters fortführen, Kinder sind dabei offensichtlich noch nicht da und am einstigen Liebesort treffen sich die Geliebten von damals noch einmal und gestehen einander, jene verzauberte Stunde am Nachtmittag ist unvergessen, unverblichen und das Mädchen ist nun viel dunkler angezogen als in den Szenen zuvor, in denen sie ein blumengemustertes Sommerkleid trägt. Die Konventionen waren eben sehr stark und irgendwie passierte es, dass die meisten Menschen, besonders aber Frauen, sich ihnen beugten. Das empfindet man als sehr bedauerlich, wenn man einen solchen Film heute anschaut, zumal kein Zweifel daran besteht, dass der nunmehr gewählte Ehegatte die emotionalen Bedürfnisse der jungen Frau nicht ansatzweise befriedigen kann. Wie es mit den sexuellen aussieht? Man ist geneigt zu denken, wer das eine nicht kann – nun gut, das entspricht eben nicht der Wirklichkeit, aber gemeint ist es von Renoir vermutlich so.

Dass an dem Film Größen der 1950er wie Luchino Visconti, Yves Allegret und der großartige Jacques Becker mitwirkten, der in der Tat ein Lehrling von Jean Renoir war und dessen Tradition mit „Goldhelm“ (1950) nahtlos fortsetzen konnte, ist filmhistorisch besonders interessant und belegt den fortwirkenden Einfluss des poetischen Realismus, welcher die Hauptrichtung des französischen künstlerischen Films in den 1930ern bildete. Seine dunkle Seite fand sich im amerikanischen Film noir wieder, wo sich diese Tradition und der deutsche Expressionismus zu einem äußerst packenden Genre verbanden.

„Eine Landpartie“ ist nicht Renoirs längster und auch nicht sein größter Film, weil es ihm unweigerlich an Vollständigkeit und Ausgewogenheit fehlt. Die Schlussszene wirkt im Vergleich zur ersten Landpartie zu kurz und eher wie ein Fragment, aber man kann sich alles hinzudenken, was fehlt, als die Dreharbeiten abgebrochen wurden: Zum Beispiel, wie es kam, dass sich Henriette ins bürgerliche Leben eingefunden hat. Dann hätte der Film aber nicht nur aus der Landparteie und dem plötzlichen Wechsel in die Szene zwei Jahre später bestanden – dessen Abruptheit man mit einem 1946 eingefügten Zwischentitel minderte. Man hatte also diese große, zentrale Szene schon im Kasten und das einsetzende schlechte Wetter als ein Zwischenspiel eingebaut – denn auf dem Fluss regnet es mit einem Mal heftig, davon merkt man aber nichts mehr, als das Boot mit Henritte und Rodolphe angelegt hat und die beiden sich finden.

Innenszenen hätte man aber später problemlos weiterdrehen können, sofern die Landpartie abgeschlossen war. Jedenfalls hat die Einstellung der Dreharbeiten nichts mit der Besetzung Frankreichs zu tun, wie einige ausländische Kritiker es gerne etwas komprimieren, denn die fand erst vier Jahre später statt, da hatte Renoir sich längst anderen Projekten zugewendet, die in der Tat zu Meilensteinen der Filmgeschichte wurden. Wir vermuten eher, dass Renoir ein Problem damit hatte, die großangelegte Szene in einen Langspielfilm vernünftig einzubetten, ohne dass ihr Reiz, ihre Alleinstellung verloren gegangen wäre. Denn fast 40 Minuten für eine einzige Sequenz, dazu eine nur von den kurzen Momenten im Gasthaus unterbrochene Außenaufnahme in der malerischen und von der Kamera artistisch bearbeiteten Landschaft, das war damals sehr ungewöhnlich und wirkt autorenfilmmäßig in dem Sinn, wie der Begriff ab der Nouvelle Vague gebraucht wurde. Alles ist eine künstlerische Einheit, niemand greift ein oder gar durch.

Finale

Wir wissen nicht, ob ein fertiges Drehbuch für einen längeren Film vorlag – jedenfalls aber ist „Eine Landpartie“ mehr als ein Fragment und Renoir selbst hat sich an sie erinnert, als er 1959 „Frühstück im Gras“ filmte und die Kamera noch einmal freiließ, um Menschen in der Natur abzulichten. Wir fanden diesen idyllischen und am Ende doch etwas deprimierenden Blick auf ebenjene Natur und wie wir uns nur kurz mit ihr im Einklang befinden und dann wird alles wieder sehr alltäglich, reizend und er regt doch sehr zum Nachdenken an.

82/100

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Aus der Wikipedia

Regie Jean Renoir
Drehbuch Jean Renoir
Produktion Pierre Braunberger
Musik Joseph Kosma
Kamera Claude Renoir
Schnitt Marguerite Renoir
Marinette Cadix
Besetzung

2 Kommentare

  1. „Ich habe die Rezension grade im Café in der Sonne sitzend gelesen und würde Dich dazu gern etwas fragen, es ist etwas, was mir häufiger auffällt und ich weiß nicht, ob es von Dir quasi als Bruch“ so beabsichtigt ist, ein Stilmittel sozusagen, ich nehme es an, aber es würde mich interessieren, ob es tatsächlich so ist.
    Ich glaube, es liegt an einer typisch männlich-flapsigen und einer typisch weiblich-empfindsamen Denk- und Ausdrucksweise. Wir alle haben ja beides in mehr oder weniger starker Ausprägung in uns, aber mir als Frau gefällt, gerade wenn es um.einen Film wie „Landpartie“ geht, deine empfindsam-zugewandt sich annähernde Sprache sehr und ich finde, du bist damit sehr nah am Film und sehr nah an der Zuschauerin. Und wenn du dann abrupt etwas ins Flapsige fällst, ist das für mich ein bisschen irritierend. Aber ich denke, es ist von dir so intendiert, oder?

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe einen Kommentar, den mir eine Leserin auf anderem Weg zukommen ließ, an dieser Stelle sichtbar gemacht. Ich habe mir die Kritik noch einmal durchgelesen – als so bedeutend empfand ich den Stilwechsel in diesem Fall gar nicht, aber ich habe beim Überarbeiten für die Veröffentlichung selbst gespürt, dass ich einen ziemlich robusten Drive drauf hatte, als ich den Entwurf schrieb. Das ist es wohl, was die Leserin gespürt hat. Dass ich beide Stimmen in mir zu Wort kommen lasse, geschieht in der Tat (und bis zu einem gewissen Grad) bewusst – und unterscheidet meine Texte ein wenig von denen anderer, die sich um einen möglichst einheitlichen Duktus bemühen. Ich kann zum Beispiel nicht politische Artikel in einer ganz und gar empathischen Weise verfassen, wenn es um die Benennung von Problemen und Gegnern geht und ich lasse in die Rezensionen auch die männliche Sicht hin und wieder so einfließen, dass man Widersprüche wahrnehmen darf. Diese Widersprüche gibt es tatsächlich und es ist mir wichtig, sie nicht vollkommen zu verbergen, sonder sie so einfließen zu lassen, dass eine Rezension nicht vollkommen inkonsistent wirkt, aber auch nicht zu hermetisch. Das geht m. E. am besten mit einem variablen Stil, ohne dass die inhaltlichen Aussagen einander deutlich widersprechen. Das Auktoriale versuche ich nicht zu sehr hervortreten zu lassen und habe mich, übrigens auch aufgrund des Dialoges mit jener Leserin, entschlossen, die neuen (nicht die bereits als Entwürfe vorhanden) Rezensionen deshalb vermehrt im „Ich“ zu schreiben. Dies ermöglicht auch einen Wechsel zwischen der allgemeinen Zuschauerperspektive oder einer stellvertretenden Meinung und der persönlichen.

      TH

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