Gegenspieler – Tatort 197 #Crimetime 597 #Tatort #München #Muenchen #Lenz #BR #Spieler #Gegenspieler

Crimetime 597 - Titelfoto © BR

Algenkekse gegen Tschernobyl

Der große Atomunfall von Tschernobyl ist nun schon dreißig Jahre her. Unglaublich, aber wahr. Daran erinnert uns Hauptkommissar Lenz, wen er Algenkekse gegen mögliche Folgen radioaktiver Verseuchung in seinen Ernährungsplan integriert hat, der überhaupt recht ausgefeilt zu sein scheint. Für seine Zeit war Lenz geradezu ein Selbstoptimierer, ein vergleichsweise cleaner Typ. Dafür umso humorvoller und wenn man die großen komödiantischen Fähigkeiten seines Darstellers Helmut Fischer nutzte, konnte es zu vergnüglichen Tatorten kommen. Ob „Gegenspieler“ ein solcher ist und einiges mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Jürgen Koch ist eine Frohnatur. Zwar ist er arbeitslos und liegt seiner Freundin, der Kneipenbesitzerin Elli Reisinger, mitunter schwer auf der Tasche; aber, so meint er, das dürfe man nicht so eng sehen, denn schließlich spiele er nur, damit Elli endlich ihr heißersehntes „Ristorante“ aufmachen könne. Im illegal betriebenen Spielclub von Dieter Wenig haut er, nach großen Gewinnen, wieder einmal alles auf den Kopf. Aber wer konnte auch damit rechnen, daß dieser merkwürdig zurückhaltende Herr Hartung am Ende groß aufspielen und dann einfach mit dem gewonnenen Geld verschwinden würde?

Koch sitzt in der Klemme, denn er hat sich aus Ellis Kasse 1.200 Mark „geborgt“, und die muß er zurückgeben. Der Spielclubbesitzer gibt ihm einen Tip, wie er zu Geld kommen kann: durch einen Tankstellenüberfall. Bei diesem Überfall läuft zunächst alles nach Plan: Der Mann in der Tankstelle rückt das Geld heraus, doch als Koch schon in der Tür steht, zückt er seine Pistole. Koch ist schneller; er trifft den Mann am Arm. Da sein Auto verschwunden ist, muß Koch auf einen vorbeifahrenden Bus aufspringen, um zu entkommen.

Elli ist keineswegs glücklich darüber, daß ihr Freund ihr nicht nur die 1.200 Mark zurückzahlt, sondern weitere 28.000 für das Restaurant hinblättert. Was mit dem Auto passiert ist, können sich beide nicht erklären. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt ohnehin nicht; denn schon steht die Polizei vor der Türe und möchte wissen, warum Jürgen Koch einen Gemüsestand umgefahren und anschließend Fahrerflucht begangen habe. Nach kurzem Überlegen gibt Koch an, den Unfall verursacht zu haben. Aber dann wird dem Fahrer seines Wagens der Mord an einem alten Oberst angelastet, der in seiner Grünwalder Villa erschossen wurde. Dort wurden 30.000 Mark entwendet.

Kriminalkommissar Lenz nimmt Koch als dringend Verdächtigen vorläufig fest. Kriminalrat Schubert ist überzeugt, daß der Fall damit gelöst ist. Lenz jedoch bezweifelt das, denn Jürgen Kochs Aussagen sind ziemlich wirr.

Rezension

Selten ist das Humorvolle so gut gelungen wie in Lenzens Abschiedsfilm „Gegenspieler“. Der Tatort Nr. 197 ist nicht nur für die Verhältnisse der 1980er rasant, sehr beweglich bebildert, auch die Dialoge und die Musikuntermalung gehören zum Schönsten, was die Reihe damals zu bieten hatte.

Dass es sich hier um eine Film mit stark komödiantischem Einschlag handelt, erfährt man schon in der Eingangszene, als eine alte Musikbox den „Kriminaltango“ spielen darf, also eine Musik, die damals auch schon fast 30 Jahre alt war, aber sehr gekonnt eingesetzt wird, ebenso wie später Ronnys „Morgen“ aus ca. 1959/60. Mit der Musik werden unter anderem die beiden Hauptmilieus des Films gegeneinander aufgestellt. Während es auf dem Kommissariat keine Anspielungen und Einspielungen musikalischer Art gibt, wird so das Leben des Luftikus und Gelegenheitskriminellen Jürgen Koch und seiner Geliebten illustriert, das sehr von der Naivität und fetzigen Lebenslust(igkeit) der 1950er bestimmt ist, sentimental und an Rollenspielen orientiert – wie die Szene belegt, in der Koch dann selbst noch einmal den Kriminaltango auf eine wirklich gelungene Weise interpretiert. Wie man einen Gauner sympathisch machen kann, das sieht man hier beispielhaft, und vor allem ab dem Moment, in dem er unter Mordverdacht gerät.

Das Gegenmilieu ist die adelig-altdeutsche Welt des Oberst von Bredow und seiner zwei Frauen und seines Fahrers, treu bis in den Tod, auch wenn man ihn selbst herbeiführen muss, damit es ein paar Monate schneller geht, als der Exitus angesichts der schweren Erkrankung des Ex-Militärs ohnehin eingetreten wäre. Da wird dräuende Musikuntermalung, hin und wieder auch Klassisches geboten, als eine Art freundlicheres Sub-Milieu wird die Lebenswelt der Hartung-Geliebten Hannelore (sicher nach Hannelore Kohl benannt) dargestellt. Die alten Kameraden sind eine auf unheilvolle Weise verschworene Gemeinschaft, dieses erzkonservative Milieu, das den Nazis so dienlich war, wird gerade durch das meisterhaft gezeichnet, was nicht gesagt wird: Die Menschen dieser Generation hatten Schicksale und charakterliche Deformationen, die beklemmend wirken.

Nachdem schnell klar ist, wer den Oberst umgebracht hat und sich damit ein Howcatchem entwickelt, war ich im Verlauf immer mehr davon überzeugt, dass es ein dunkles Geheimnis aus dem Krieg ist, welches den Oberst und seinen einstigen Fahrer verbindet und es Letzterem unmöglich macht, ein eigenständiges Leben zu entwickeln; sich von den dominanten Adeligen zu lösen. Heute würde man das wohl so konstruieren – wenn man es noch könnte, denn die letzte Kriegsgeneration, diejenigen, die aktiv beteiligt waren, ist nunmehr weitgehend abgetreten. Schade eigentlich, denn sie war doch sehr spannend, wie man auch diesem Film entnehmen kann. Jüngeren und in heutigen Filmen, die in der Gegenwart spielen, gezeigten Figuren kann man keine so prgnanten Biografien mehr unterlegen, die Menschen sind vor dem Werden der BRD geprägt worden. Man könnte es mit Personen aus den nicht mehr so neuen Bundesländern wiederholen, und manchmal wird diese Möglichkeit auch für Tatorte genutzt, aber dann eher auf eine sehr ernste, melancholische, traurige Art, die „Gegenspieler“ ganz frem ist. Eine gewisse gesellschaftliche Verfestigung zeigt auch dieser Tatort, eine Art von unterschiedlich ausgerichteter Rückwärtsgewandtheit in die 1950er oder in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, aber die Bundesrepublik von 1987 wirkt eher so, wie ich sie selbst wahrgenommen habe, nämlich als eine Zeit relativer Sicherheit, die den ironischen Rückblick durchaus erlaubt, und nicht, wie in vielen anderen Tatorten der Zeit, eher langweilig und so, als würde man auf eine große Veränderung warten – die auch bald kam.

In de Film gibt es viele Dialogsätze, die ich hätte aufschreiben müssen, weil sie auf eine manchmal kauzige, manchmal auf Sketch-Niveau angesiedelte Weise viel zum Kolorit des Films beitragen. Es ist schon einige Zeit her, dass ich beim Anschauen eines Tatorts so unvermittelt loslachen musste – in Münster z. B. geht das schon lange nicht mehr, weil das dazu notwendige Überraschungsmoment abhandengekommen ist.

„Gegenspieler“ belegt wieder einmal, dass der Howcatchem gegenüber dem „Whodunit“, dem Rätselkrimi, viele Vorteile bietet. Nicht nur, dass der Howcatchem einer Thrillerstruktur eher zugänglich ist, man kann mit ihm auch super Charaktere basteln. Die Tatsache des dem Publikum rasch bekannten Täters sorgt für freie Bahn bezüglich dessen Ausstattung mit einer sehr individuellen Persönlichkeit. Da nicht bis fast zum Ende eine Reihe von Verdächtigen gibt, die sich natürlich im Lauf der Ermittlungsarbeit lichtet, weil man keinen dieser Verdächtigen so herausheben darf, dass seine Täterschaft gegen die Absicht der Filmemacher gleich sichtbar wird, ist eine ausführliche Inszenierung dieser Figur nicht möglich.

In „Gegenspieler“ aber sind beide möglichen Täter, und es gibt ja nur die zwei, die von Beginn an eine Rolle spielen, richtig gut herausgearbeitet und in ihrer Gegensätzlichkeit, ihren Charakteren und Lebenswelten, toll gezeichnet. Sie sind in gewisser Weise Gegenspieler, aber natürlich ist Schmidtke / Hartung auch Gegenspieler von Hauptkommissar Lenz. Er leistet sich sogar die Koketterie, den Kommissar selbst auf sich hinzuweisen, weil er davon ausgeht, dass man ihm den Mord am Oberst nie wird nachweisen können.

Hartung ist ein Pokerspieler und der Royal Flash, mit dem er Koch beim Spiel aussticht, ist das Symbol für die ganz große Chance, den Oberst zu beseitigen, die Gelegenheit, die der Spieler spätestens erkennt, als er kurz darauf zufällig mit anhört, wie der Besitzer der Spielhölle dem Koch den Tipp gibt, eine kleine, schlecht gesicherte Tankstelle zu überfallen.

Finale

Auch der Besitzer eines illegalen Spielclubs, in dem alles gezinkt und manipuliert ist, der Herr Wenig, ist noch eine herrliche Figur, besonders, als man auch sein Auto zu Gesicht bekommt bzw. erst einmal zu schauen bekommt, wie Ventilklappen sich öffnen und Auspuffrohre röhren, wie es startet, zudem gibt es drei Frauen, die alle anstandslos bereit sind, Männern Alibis zu verschaffen und damit auch eine eigenwillige Interpretation der weiblichen Unbedingtheit liefern – in einem Fall allerdings steckt dahinter rigides Besitzdenken und es geht auch um Erpressung. Offenbar konnte Hartung nicht mehr abwarten, bis der Oberst von selbst stirbt, um die kleine Erbschaft zu machen und damit ein neues Leben mit Hannelore beginnen zu können, zahlt ihm jahrzehntelange Demütigung noch gewaltsam heim. Damit gerät das Motiv dieses ausgesucht beherrschten Menschen doch etwas ins Schlingern. Auch die Zufälligkeit, dass sowohl aus der Tankstelle wie aus dem Safe von Oberst Bredow die gleiche Summe von 30.000 DM geraubt wurde, ist schon sehr zufällig – aber wenn der Humor gut ist, kann man immer noch sagen: passt schon.

8/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Lenz – Helmut Fischer
Schneider – Georg Einerdinger
Kern – Uschi Wolff
Jürgen Koch – Horst Kummeth
Hartung – Karl Michael Vogler
Irmgard – Ellen Umlauf
Bracke – Alois-Maria Giani
Dieter Wenig – Max Tidof
Frau von Bredow – Ellen Frank
Oberst von Bredow – Richard Lauffen
Elli Reisinger – Elfi Eschke
Hannelore – Johanna von Koczian
Faltermayer – Henner Quest

Drehbuch – Ulf Miehe, Klaus Richter
Regie – Reinhard Schwabenitzky

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