Rendezvous mit dem Tod – Tatort 791 #Crimetime 598 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Tod #Rendezvous

Titelfoto © MDR / Saxonia Media, Junghans

Hinter jedem Vermögen steht ein Verbrechen …

… und je größer das Vermögen, desto schlimmer das Verbrechen, das zu dessen Entstehung geführt hat. Demgemäß hätte die Art, wie die Männer imTatort 791 getötet werden, immer grausamer werden müssen, mit ansteigendem Kontostand der Opfer. Konsequent andererseits, dass der einzige ärmliche unter den Kandidaten tatsächlich zum Unterstützer in Sachen Mord avanciert und dass der Mittelstand, der bei Mama lebt, nicht infrage kommt. Schon aus technischen Gründen, weil er nicht allein in der Wohnung haust, in der die zur Tat notwendige Badewanne steht.

Der 791. Tatort war als Erstausstrahlung einer der letzten, die wir noch nicht umgehend nach der Premiere rezensiert haben (Start mit Tatort 797), aber das Duo Saalfel-Keppler ist nicht nur für den MDR, sondern auch für uns mittlerweile ein beinahe abgeschlossener Fall, weil deren Filme während der aktiven Zeit (2008-2014) relativ häufig wiederholt wurden. Aber erst jetzt erfahren wir, dass Keppler schon 2011 eine Stelle beim BKA Wiesbaden in Aussicht hatte. Eine bessere noch dazu. Und dann doch in Sachsen blieb, obwohl fachlich so viel für den Wechsel sprach und menschlich nicht so viel dagegen. Was war da los? Wir versuchen, Antworten in der -> Rezension zu finden, auch wenn sie sich nicht vorwiegend auf diesen Aspekt beziehen.

Handlung

Die Hauptkommissare Saalfeld und Keppler werden zu einem scheinbaren Selbstmord in einem Seitenkanal der Elster gerufen. Da die Polizeitaucher die Leiche von Carla Schütz nicht finden können, ordnet Eva Saalfeld eine ausgeweitete Suchaktion an. Sie sieht Anzeichen für ein Gewaltverbrechen – im Gegensatz zu Keppler. Als er darüber informiert wird, dass ein Mann tot und gefesselt in seiner Badewanne aufgefunden wurde, hält ihn an diesem Tatort nichts mehr. Die Kommissare ermitteln ab sofort auf getrennten Wegen.

Eva Saalfeld findet die Wohnung von Carla Schütz penibel aufgeräumt vor. Die 50-Jährige hat im Internet Männerbekanntschaften gesucht. Eva lässt sich ebenfalls auf das gefährliche Spiel ein und versucht so, mögliche Täter zu ermitteln. Keppler stößt in seinem Fall auf die Witwe Birgit Hahn, die von der grausamen Ermordung ihres Exmannes wenig beeindruckt scheint. Als Keppler Jürgen Hahns Geliebte kennenlernt, eine junge Klavierlehrerin, die durchaus von dem wohlhabenden Hahn profitiert hat, wird die Witwe immer verdächtiger. Konnte Birgit Hahn nicht ertragen, dass sie nach einem gemeinsamen arbeitsreichen Leben mit ihrem Mann leer ausgehen sollte?

Erst als ein weiterer Mann gefesselt und ermordet in seiner Badewanne aufgefunden wird, bekommt der Fall eine Dimension, die beide Kommissare dazu bringt, endlich wieder ihre Kräfte zu bündeln. Doch Kepplers Ehrgeiz, den Fall allein zu lösen, bringt ihn dabei in tödliche Gefahr.

Rezension

Gut, dass Keppler erst einmal in Leipzig blieb. Denn das Gezicke zwischen ihm und seiner Eva, das in „Rendezvous mit dem Tod“ einen Höhepunkt erreicht und sogar die Ermittlung der Straftaten beeinflusst, ist nichts im Vergleich mit dem, was ein Dienststellenleiter im Westen auszuhalten hat. Nicht einfach im Westen, nein, in Hessen. Wie dort die Leute drauf sind, darf man anhand vieler Tatorte studieren, in denen es immer ums Geld geht. Sein eigenbrötlerischer, hoch sensibler Charakter hätte dem Keppler dort ganz schnell Mobbing von oben und unten und zudem ein ständiges Rumoren des Gewissens eingebracht. Nein, dann lieber das nervige Genöle von der Frau Kollegin, die wieder ihren Mädchennamen Saalfeld angenommen hat (falls sie ihn je ablegte und zwischenzeitlich Keppler hieß).

Unter der Voraussetzung, dass das Tem nicht so richtig funktioniert, konnte es auch dazu kommen, dass Keppler mit dem Taxi allein und ohne jemandem Rückmeldung darüber zu geben, zum vermutlichen Täter oder der Täterin fährt und dort prompt in einen Hinterhalt gerät. Da endet er vorerst als Hase in der Grube und starrt entsetzt in tote Augen. Aber bald kommt Eva, natürlich auch allein, immer dem Instinkt folgend, und richtet alles wieder. Anders als der wohl noch Geliebte sie sagt vorher auf der Dienststelle Bescheid.

„Rendevouz mit dem Tod“ zeigt Vieles von dem, was die Leipziger Tatorte der Ära Keppler-Saalfeld so schwierig macht. Das sind diese Dinge, wegen denen es entweder ein „ja, aber“ oder ein „nein, aber“ gibt. Speziell beim Tatort 791 hat man das Gefühl, Szenen und Dialoge sind nicht von einer Person, sondern von recht unterschiedlich talentierten Kräften geschrieben worden – während die Regie eher einheitlich wirkt und dieses Mal, was wiederum nicht unbedingt Leipzig-typisch ist, ein über dem Tatort-Durchschnitt liegendes Gefühl von Thrill und Grusel erzeugt. Reißerisch oder exzentrisch wird’s aber nie.

Der Fall ist so schlecht nicht. Ein Whodunit und trotzdem ein Thriller, recht gute Figuren und trotzdem lange Zeit kein klarer Hinweis auf die Täterperson und wie oder warum alles geschah und wie die beiden anfänglichen Fälle, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, doch zusammenhängen. Das ist soweit gut ausgefuchst. Aber dann kommen einzelne Dialoge schwach und Szenen unglaubwürdig daher und in diese Problematik werden die Entwickler hineingezogen, weil das Verhältnis untereinander zum Haare raufen ineffiziente Vorgehensweisen mit sich bringt.

Im Grunde ist das konsequent, und wir haben auch bei anderen Ermittlerteams schon gesehen, dass durch persönliche Probleme die Lösung des Falls verzögert wird, aber hier nimmt es doch überhand. Eine der schlimmsten Szenen ist diejenige, in der Keppler zu Fuß weitermachen darf. Nicht mal Menzel nimmt ihn mit, nachdem Eva ihn freigesetzt hat. Vorher geschah Folgendes:

Die beiden waren ausnahmsweise zusammen in ihrem Dienstmercedes unterwegs und das Navi sagt etwas anderes als Keppler, der Karte liest, wie man am schnellsten zu einem Verdächtigen kommt. Eva will nach Navi fahren, lässt sich dann aber von Keppler breitschlagen und man gerät an die Schranke eines Privatweges, Eva setzt den Wagen zurück und kommt mit den Hinterrädern über einen Abgrund, sodass der Hecktriebler nicht mehr bewegt werden kann. Keppler wirft Eva nicht nur vor, dass sie nicht Auto fahren kann, er sagt auch noch, er habe nur gesagt, da sei eine Abkürzung, nicht aber, dass man sie auch befahren kann. Wir hätten Keppler nicht ins Freie, sondern vom Polizeipsychologen untersuchen lassen, nachdem glücklicherweise ein Abschleppwagen die Situation zeitnah aufgelöst hat.

Beim Zuschauen meinten wir, Martin Wuttke anzumerken, dass ihm Szenen wie diese nicht leichtgefallen sind –er hat in anderen Tatorten wesentlich akzentuiertere Darstellungen geliefert. Hier muss er seinen Typ spielen, der in seiner dummdreisten Art nicht der echte Keppler sein kann, während Eva im Wesentlichen ihrer Linie treu ist. Kein Wunder, dass „Rendevouz mit dem Tod“ einer der Tatorte ist, in denen Simone Thomalla und Martin Wuttke schauspielerisch am dichtesten beieinander sind. Wir erinnern auch noch einmal daran, wie Keppler allein und wie ein Anfänger mit dem Mörderpärchen umgeht, das sich gerade als solches erwiesen hat und stellen uns dann noch einmal vor, wie er mit dieser unstrukturierten Persönlichkeit eine große Dienststelle in einer Großstadt in den Griff bekommen will.

Gleichwohl ist aber „Rendezvous mit dem Tod“ detailreicher als andere der manchmal etwas sparsam oder spartanisch wirkenden Leipzig-Tatorte der Generation Ex-Ehepaar, denn auch daran, dass sie rech steril daherkommen, kranken nicht wenige Filme aus der Zeit von 2007 bis 2014.

Der Thriller mit seinen vielen Typen, die bei der Agentur „50+“ zugange sind und für eine mit Fotos gut gefüllte Schautafel auf dem Präsidium sorgen, zeigt doch etwas vom Leben und von den Sehnsüchten und Begrenzungen vieler einsamer Menschen – ohne allerdings die Datingszene und die Disposition der Suchenden konsequent zu erfassen, das wäre ein anderer Film geworden. Immerhin kann man ankreuzen, ob man ein Abenteuer möchte oder eine Partnerschaft, bei der betreffenden Plattform. Und die Besonderheit bei richtigen Großstadt-Singles, dass es Wochen dauert, bis deren Ableben entdeckt wird, ist nicht abwegig.

Fazit

Uns fällt im Moment kein besserer Thriller ums Thema „Liebe oder Mord aus dem Internet“ ein, die anderen Filme, die sich mit dem Thema Partnersuche befassen, sind entweder noch klassisch auf Briefe ausgerichtet, wie „Borowski und die einsamen Herzen“, oder eher ins Schräge driftend.

Damit wollen wir nicht andeuten, dass es a.) im Internet gefährlicher zugeht als bei der Partnersuche auf anderen Wegen, lediglich die Anonymität ist anfänglich besser zu wahren, was in einem Fall wie dem vorliegenden die Ermittlungen erschwert; noch, dass b.) beim Dating generell mehr gefährliche Situationen entstehen als irgendwo sonst im täglichen Leben. Aus Erfahrungen in der Großstadtszene erinnern wir nur eine Begegnung, bei der uns nach kurzer Zeit ein wenig mulmig war, angesichts einer etwas exzentrischen Persönlichkeit des Gegenübers und bis heute sind wir nicht ganz sicher, ob die Person eine ausgeprägte PS hatte, oder ob unsere Definition von Normalität damals die Vielfalt einer Millionenstadt noch nicht so berücksichtigte, wie wir das heute für uns beanspruchen möchten.

Weit überwiegend sind keine Serienmörder unterwegs und das Risiko, von jemandem in nicht zielführende Diskussionen vewickelt zu werden, der sich etwas auf sein ergaunertes Vermögen einbildet, ist um ein sehr hohes Vielfaches höher, als dass ein spannendes Date tödlich endet.

7/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Gerichtsmediziner Dr. Johannes Reichau – Kai Schumann
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Birgit Hahn – Renate Krößner
Schmitz [Pensionswirt] – Dieter Jasslauk
Carla Schütz – Franziska Walser
Marion Schubert – Nadeshda Brennicke
Herr Müller – Michael Pan
Peter Munz – André M. Hennicke
Taucher – Jan Baake
Richard Hagemann – Hilmar Eichhorn
Nachbar – Thomas Kornack

Regie – Buddy Giovinazzo
Buch – Clemens Schönborn, Maike Hauck

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