Ein Fall für Ehrlicher – Tatort 253 #Crimetime 599 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Fall

Crimetime 599 - Titelfoto © MDR / HA Kommunikation

Der erste Tatort aus dem Osten

„Ein Fall für Ehrlicher“ wurde im Januar 1992 erstausgestrahlt, aber natürlich schon 1991 gedreht. Das ist insofern wichtig, als sich 1992 das zunächst boomende Nach-Wende-Ostdeutschland in atemberaubendem Tempo veränderte und 1993 eine Zwischenrezession erlebte, die auch der Westen zu spüren bekam. Der Film nimmt die Ernüchterungsstimmung aber schon vorweg und belegt gleichzeitig, warum es gar nicht anders kommen konnte, als es dann kam und bis heute nachwirkt.

Die Rezension wurde bereits 2016 verfasst, aber wir zeigen sie jetzt erstmalig. Anlass ist nicht eine Wiederholung des ersten Ehrlicher-Kain-Falles, sondern die Premiere des neuen Dresden-Tatorts „Die Zeit ist gekommen“, die heute Abend stattfindet.Mehr zu einem Film, der vor 29 Jahren gedreht wurde und mit dem das Tatort-Format in den Neuen Bundesländern startete, steht in der -> Rezension.

Handlung

Die Vermisstensache Katja Beck will nicht so richtig in die Serie von Sexualverbrechen passen, die Hauptkommissar Ehrlicher zur Zeit bearbeitet. Zu widersprüchlich sind die Begleitumstände.

Die Überführung des Sexualtäters lassen seine Zweifel zur Gewissheit werden. Daniel Tuskiewitsch, Katjas zukünftiger Stiefvater, scheint der Tat dringend verdächtig. Der durch die Untersuchungshaft in der kleinen sächsischen Stadt bekannt gewordene Tatverdacht löst eine Kette menschlichen Fehlverhaltens aus und läßt die Fremdenfeindlichkeit offen zutage treten, die das Leben dreier Menschen zerstört.

Hauptkommissar Ehrlicher kann die Eigendynamik dieses Prozesses nicht mehr stoppen. So kommt es am Ende zu einem Suizid und einer schweren Körperverletzung mit Todesfolge im Affekt.

Zusatzinfo zu Peter Sodann (Figur: Bruno Ehrlicher)

Peter Sodann, geb. am 1. Juni 1936 in Meißen, wechselte nach dem Jurastudium ins Theaterfach und trat 1964 in das Berliner Ensemble ein. Über die Stationen Erfurt und Chemnitz gelangte er nach Magdeburg, deren Spielstätte er 1974 als Intendant übernahm. Zu seinen Lieblingsrollen gehören u. a. die Titelrolle in ?Ein Yankee an König Artus Hof? von Claus Hammel, Brechts Galilei, der Franz in Schillers ?Räubern? und der Möbius in Dürrenmatts ?Die Physiker?. Auch als Regisseur hat sich Peter Sodann eine Namen gemacht und brachte sogar in Moskau Stücke zur Aufführung. Seit 1980 ist er Intendant des neuen Theaters Halle und ist unermüdlich darum bestrebt, dieses Haus zu einer Kulturinsel auszubauen.

Peter Sodann hatte auf der Bühne bereits große Erfolge erspielt, als man ihm 1991 die Rolle des neuen Tatortkommissars Ehrlicher anbot. Dem neuen Ostdeutschen in der Riege der bereits etablierten Westkollegen gab Sodann in 43 Tatorten ein eigenes Profil. In seinem ersten Tatort „Ein Fall für Ehrlicher“ hat er nicht nur ein Verbrechen aufzulösen, sondern muss sich auch noch mit seiner widerspenstigen Familie – Frau Lore und Sohn Tommy – herumschlagen, da beide ihre beruflichen Chancen wahrnehmen möchten.

Rezension

Das ist alles schon so lange her und wirkt so nach. Der Grund für die Zurückhaltung des Entwurfs, den wir wenig verändert, sondern im Wesentlichen ergänzt haben, unter anderem um diesen Absatz, ist sicher auch die schwache Bewertung des allerersten „Zonen-Tatorts“. Wichtig ist, dass sich unser Wissen über die Krimis, die damals entstanden, gegenüber 2016 um einiges erweitert hat. Zum Beispiel: Der Start von Ehrlicher war zeitlich kein Zufall. Vielmehr war zunächst geplant, die traditionelle DDR-Krimireihe „Polizeiruf 110“ nicht fortzuführen und das Westformat zu übernehmen. Warum man ab 1993 doch wieder Polizeirufe gedreht hat, lässt sich leicht denken: Es war eine der wenigen Möglichkeiten, ein Ostprodukt zu erhalten und sicher gab es viele Zuschauer in den Neuen Bundesländern, die sich dafür eingesetzt haben, dass „ihre“ Reihe nicht eingestellt wird.

Das war gut so, denn der Polizeiruf 110 ist heute fest etabliert, auch wenn einige Westsender wie der WDR und der HR sich daran versucht hatten und es wieder aufgaben. Mit vier Schienen, davon drei in den „NBL“ (Rostock, Brandenburg / Polen, Magdeburg) und eine in München, die manchmal bessere Filme hervorbringen als das Parallelformat, ist der Polizeiruf sogar unverzichtbar für die Weiterentwicklung des Premium-Krimis in Deutschland. Die gesellschaftspolitischen Aussagen im unteren Teil entsprechen unserem Kenntnisstand von 2016 und wir hatten inzwischen viele weitere politische Ereignisse und viele Möglichkeiten, uns über Demokratieprobleme Gedanken zu machen, wir wissen also, dass diese Darstellung verkürzt ist. Im November 2016, als der Entwurf entstand, begann gerade erst die spezielle und durch neue parteipolitische Möglichkeiten beförderte Auseinandersetzung mit dem, was heute gesichert als „Rechtsruck“ bezeichnet werden darf.

Und der Kommissar? So sehr Bruno Ehrlicher auch das ist, was man sich im Westen in manchen Belangen unter einem prototypischen Ossi vorstellt und obwohl man weitere bekannte Gesichter aus der DDR-Zeit in der ersten Dresden-Tatort-Ära einsetzte, stiftete dieser eine Tatort nicht genug Identität, als dass man von einem geglückten Übergang in die Nachwendezeit hätte sprechen können. Auch der Polizeiruf musste sich allerdings erst finden. Im Jahr 2000 wechselte der MDR-Tatort von Dresden nach Leipzig, 2015 kehrte er mit den Kommissarinnen Sieland und Gorniak zurück.

Wir haben also einen historischen Film vor uns und natürlich ein Zeitdokument und manchmal verraten diese fiktionalen Formate mehr über das, was war, als tatsächliche dokumentarische Darstellungen. Die Analyse historischer Dokumente folgt zudem keinem anderen Muster als die Betrachtung alter Filme – prinzipiell. Entwicklungen werden anhand von Zeitdokumenen nachgezeichnet und sind heute besser zu verstehen als von Zeitzeugen, die den Überblick und den Abstand eben nicht hatten. Tatorte haben aus naheliegenden Gründen oft eine triste Stimmung, auch heute ist es wieder sehr in, auf Grau in Grau zu machen, unterstützt von einer Bildfarbgebung, die man 1991 gar nicht mehr kannte: Das ausgemergelte Beinahe-Schwarz-Weiß.

1991 mussten eher die kargen Sets, die Typen und die Musik herhalten. Die Musik ist auf jeden Fall nichts für jemanden, der Flötentöne nicht mag und ein einsames Piano-Geklimper, das sich mit den Flötentönen so abwechselt, dass man immer erkennen kann, wie der Film gerade tickt, auch nicht. Die Flöte steht zunächst für die Disharmonie von Anne und dem Auseinanderbrechen ihres ohnehin schon gekitteten Lebens, das Piano ist eher für die Momente zuständig, in denen es ruhiger in der Seele ist und vielleicht hoffnungsvoll. Als die Flötentöne plötzlich in einer Szene mit Daniel eingesetzt werden, ahnt man schon, das kann nicht gutgehen, die Depressivität, die Anne ausstrahlt, hat auf ihn abgefärbt. In welcher Form, zeigt sich im Anschluss.

Dresden passt hervorragend zu diesen Figuren. Da stehen zwar schon viele Baukräne, aber die Seelen sind eher im Abbruch begriffen. Wer heute das Ost-West-Verhältnis nach der Wende begreifen will, muss verstehen, dass die Menschen dort schon nach fünf Jahren von den blühendsten Landschaften hätten umgeben sein können, sie hätten trotzdem alles Scheiße gefunden. Sie wollten die Freiheit, wie jeder Mensch, aber die wenigsten konnten etwas mit dieser starkwindartigen Form von Freiheit anfangen, die ihnen vom Westen überbracht worden war. Denn die Wohnungen und die Autos waren noch aus der DDR und wenn die Kamera mit Anne durch ihre düstere Behausung jagt, spüren wir, das ist auch ein Seelengefängnis voller Ängste. Und dann kommt noch ein Vorgesetzter aus dem Westen, in Person des ersten Bayernkommissars Melchior Veigl.  Der ist zwar „ausnahmsweise“ nicht so schlimm, aber schon die Konstellation ist gefährlich. Dass sie damals auch unabdingbar war, steht auf einem anderen Blatt, weil im Osten nun eben ein anderes System implementiert werden musste.

Aber warum ist Ehrlicher ein Wendehals? Das ist eine der Verschlagwortungen, die in den Ost-Tatorten der ersten WV-Dekade häufig anzutreffen sind und in falschen Zusammenhängen ziemlich sinnfrei eingebaut wurden. In der Justiz und bei der Armee und in der Politik mag es Wendehälse gegeben haben, die erst das eine, dann das andere System mit felsenfester Überzeugung vertreten haben, aber bei der Kripo? Das ist doch kein politischer Job – es sei denn, man ist Tatortkommissar, diese Ermittlergattung hat häufig etwas auszusagen. Warum also sollte ein Verbrecherjäger diesen Job nicht nach der Wende weiter ausüben können, ohne sich dabei zu verrenken?

Aber insgesamt ist das Zeitbild gelungen? Wie immer nachher die Wertung für den Fall aussehen wird, mir hat dieser Tatort wieder viel über das gezeigt, was noch immer nicht überwunden ist.  Ein ganz wichtiger Tatort für die Bestimmung der Reihe als Sammlung von großartigen Zeitdokumenten.

Wir reisten 1990 erstmalig in den Osten und haben alles etwas anders wahrgenommen – nämlich durchaus in Form einer Aufbruchstimmung. Aber wir hatten aufgrund des kleinen Kreises von Personen, mit denen wir zusammentrafen, auch eine besonders subjektive Wahrnehmung, und außerdem waren wir alle sehr jung, eine andere Generation als Bruno Ehrlicher, eine, die mehr die Chancen der Wiedervereinigung gesehen hat.

Und der Rassismus? Damals sind wir kaum „Ausländern“ begegnet, im Osten. Aber es ist geradezu makaber, dass hier eine Horde Bauarbeiter einen Polen mobbt, weil Dresden mittlerweile mit Abermilliarden saniert wurde, vielleicht auch mit „solider Schwarzarbeit“, dabei haben sicher viele polnische Facharbeiter mitgeholfen. Und was ist 2016? Pegida. Da mussten wir doch darüber nachdenken, wie das eigentlich war, mit 40 Jahren Antifaschismus und Völkerfreundschaft. Wir ahnen es: Sicher war sie kein Fake, erreichte aber nie die Herzen der gesamten Bevölkerung. Das einzige, was von dieser verordneten Toleranz blieb, ist eine unkritische Betrachtung Russlands unter Präsident Putin. Bei so viel Schräglage nach 25 Jahren mit freier Meinungsäußerung und freier Presse und der jederzeitigen Möglichkeit, zu diffferenzierteren Ansichten zu kommen, könnte man  angesichts der Ergebnisse und eines gravierenden Mangels an Veränderungsbereitschaft im Osten depressiv werden.

Die Crux, dass die Mehrfach-Traumatisierung eine innere Freiheit wohl nicht zulässt. So wirken die Figuren, die wir im Film sehen, nach. Genau. Der vorherige Absatz ist auch selbstironisch gemeint. Wir haben alle eine gemeinsame Verantwortung und wir beginnen erst damit, uns dem zu stellen, auch durch ein aktiveres politisches Verhalten.

Darf man überhaupt bei einem solchen Film fragen, wie er als Krimi wirkt? Bei einem Tatort darf man das nach unserer Ansicht immer. Besonders der zweite Todesfall ist überzogen, der erste keine Tötungshandlung. Im zweiten Fall bestand keine Tötungsabsicht. Dass Tatorte nicht zu Beginn einen Tatort im Sinn einer Leichen-Fundstelle aufweisen müssen, ist besonders in älteren Filmen der Reihe häufig zu beobachten. Aber wie die Ost-Befindlichkeit wirkt auch der Fall unglaublich zäh und noch langsamer gefilmt als spätere Ehrlicher-Werke. Besonders die Fälle aus seiner zweiten, der Leipziger Karrierephase, sind deutlich flüssiger und auch nicht mehr so depressionsfördernd. Was soll ermittelt werden, wenn es nur eine Vermisste gibt? Man kann sie suchen und das war’s. Für die Mordkommission irgendwie unergiebig und Vermisstenfälle werden von ihr normalerweise auch nicht bearbeitet.

Es war eben administrativ alles noch im Aufbau. Das leere Büro von Kain und Ehrlicher zeigt es überdeutlich, und der Hall darin zeigt an, dass das Neue ganz schön hohl klingt. Schon möglich, dass damals noch keine klare Trennung zwischen Tötungsdelikten und anderen Verbrechen vorlag, was den Einsatz der Ermittlerpersonen angeht. Wenn man die vielen Wende-Momente abzieht, handelt es sich um einen Eifersuchtsfall mit falschen Verdächtigungen, die in einem Suizid und dann abrupt in eine fahrlässige Tötung münden. Der Fall lebt wirklich mehr von seinen Typen als von sich selbst. Und natürlich von der Edukation, die ja auch in den DDR-Polizeiruf-Filmen nie vergessen wurde.

Finale

Wenn die Authentizität der Bettszene mit Bruno Ehrlicher ein Beleg für die aller Charaktere ist, vielleicht ergänzt durch die Momente, in denen er Stress mit seinem Sohn hat, kann man sagen: Hier ist nichts verstellt. Der erste Ehrlicher-Tatort gehört selbstverständlich zu denen, die man gesehen haben muss, weil eben Ehrlicher einer der erfolgreichsten Tatort-Kommissare wurde, und wir wollen auch Kain nicht vergessen, der von Beginn an dabei war, aber an vieles aus jenen Tagen erinnert man sich nicht mehr gerne – wenn die Erinnerung so aufgefrischt wird, dass man denkt, irgendetwas ist hier seltsam verschoben.

5,5/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Leiter der Dienststelle Veigl – Gustl Bayrhammer
Assistent Kain – Bernd-Michael Lade
Anne – Rita Feldmeier
Daniel Tuskiewitsch – Aleksander Trabczynski
Katja – Claudia Stanislau
Lore Ehrlicher – Monika Pietsch
Katjas Vater – Detlev Heintze
Karl – Bert Franzke
Sexualtäter – Axel Reinshagen
Angler – Werner Godemann

Buch – Hans-Werner Honert
Regie – Hans-Werner Honert

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