Sanders und das Schiff des Todes (Coast of Skeletons, DE / GB 1965) #Filmfest 137 #EdgarWallace

Filmfest 137 A "Special Edgar Wallace" (25)

Fortsetzung in Afrika

Der Auftrag für eine Versicherungsgesellschaft führt Sanders nach Afrika, wo er den Fall eines untergegangenen Schiffes prüfen soll. Dort stößt er bald auf einige Merkwürdigkeiten und den Taucher Johnny von Karsten, der auf der Suche nach einer versunkenen Goldladung ist.

Produktionsnotizen

Nach Todestrommeln am großen Fluß war dies der zweite von insgesamt drei Edgar-Wallace-Filmen, die der britische Produzent Harry Alan Towers herstellte. Unter seinem Pseudonym Peter Welbeck wirkte er abermals am Drehbuch mit. Die Außenaufnahmen des Films drehte man an Originalschauplätzen in Südafrika, in Windhoek und an der Skelettküste. Bei dem im Film als Celdon Star bezeichneten Wrack handelt es sich um die 1909 gesunkene Eduard Bohlen. Die Innenaufnahmen fanden in den Bray Studios in London statt.

Rezension

Obwohl „Sanders und das Schiff des Todes“ in die deutsche oder überwiegend deutsche Filmreihe nach Büchern oder Motiven von Edgar Wallace als Nr. 22 (von 38) eingereiht wird, rezensieren wir ihn nicht nach dem Muster, das wir für „Der Frosch mit der Maske“ festgelegt haben – weil er, ebenso wie sein Vorgänger „Todestrommeln am großen Fluss“-  zu viele Abweichungen von der Hauptlinie aufweist.

Trotzdem ist es unser Jubiläumsbeitrag für das „Special Edgar Wallace“, das auf dem Filmfest des Wahlberliners in Form von Rezensionen gezeigt wird (1).

Die wichtigste ist, dass der Film im Grunde eine englische Produktion ist und weder den berühmten Vorspann der Rialto-Filme hat (1965 schon mit „Hier spricht Edgar Wallace“), noch im Stil ein typischer Wallace-Film ist. Auch die Rialto-Filme, vor allem die späteren, zeigen Abweichungen zum erfolgreichen Muster der Schwarz-Weiß-Filme, aber es gibt auch Kontinuität, wie die erwähnte Produktionsfirma und den Produzenten Horst Wendtandt. Die IMDb weist hingegen Deutschland nicht einmal als Produktionsland aus (sondern neben dem Vereinigten Königreich nur Südafrika).

Wie aber kommen dann die deutschen Schauspieler Heinz Drache, Dietmar Schönherr und Marianne Koch in den Film? Sicher nicht, weil sie in Großbritannien Stars waren – sondern, weil der Film eben doch von der deutschen Constantin mitfinanziert wurde, ohne dass diese irgendwo auftaucht. Damit gibt es natürlich eine Verbindung zu den „echten“ Wallaces, in denen insbesondere Heinz Drache einer der tragenden Schauspieler war. Allerdings hat man ihn dort einen Kommissar oder Anwalt spielen lassen und nicht einen deutschen Schiffskapitän, der im  Zweiten Weltkrieg ein U-Boot kommandiert hatte und in dieser Funktion nach dem Krieg abkömmlich war. An dem Verlust trägt er auch recht schwer und die seltsame Verbrüderung von ehemaligen Feinden, die der Film impliziert,  indem er den britischen Versicherungsagenten Sanders und den Ex-U-Boot-Mann paart und letztlich zusammenarbeiten lässt, ist für die Deutschen, die sich den Film angeschaut haben, sicher nicht ganz unattraktiv, aber auch für die britischen?

Wenn man von Heinz Drache absieht, assoziiert man den Film nicht mit Edgar Wallace, weshalb angesichts des Bösewichts, der auf dem Baggerschiff sein Unwesen treibt, auch der Satz fällig wird: „Der Schurke könnte von Edgar Wallace sein“. Ein netter kleiner Gag, der aber dazu beiträgt, dass man diesen Film ganz anders sieht. Auch „echte“ Edgar Wallace-Filme waren  spätestens seit „Der Hexer“ immer mal wieder selbstreflexiv, aber das verstärkte den Effekt, „zu Hause“ zu sein und machte nicht die Abwesenheit des üblichen Stils noch deutlicher, wie in „Sanders und das Schiff des Todes“.

Die Polizei spielt keine Rolle, das nebelige England spielt keine Rolle, es handelt sich um einen typischen, Mitte der 1960er natürlich schon in Farbe gedrehten Abenteuer-Krimi. Eher als an die Edgar Wallace-Adaptionen der Hauptlinie fühlt man einen Zusammenhang mit den Bond-Filmen, die gerade gestartet waren. Freilich ohne deren großartiges Produktionsdesign und die aberwitzigen Übertreibungen – und ohne die heute legendären Schauspieler und Schauspielerinnen, welche die weltumspannenden Dimensionen der Bond-Abenteuerhandlungen mit entsprechend signifikanten Charakteren vielleicht nicht glaubwürdiger, aber adäquat wirken ließen.

Richard Todd, den in Deutschland kaum jemand namentlich kennt, insofern gleicht sich der nationale Star-Status der deutschen und britischen Mitwirkenden in etwa aus, sollte tatsächlich und ursprünglich James Bond verkörpern – aber der Unterschied zu dem maskulinen und hünenhaften Schotten ist so deutlich, dass man sich fragen darf, ob die Reihe mit Todd ein solcher Erfolg geworden wäre – sicher hätte man ihn zurückhaltender, klassisch-britischer agieren lassen müssen als Connery.

Ob er angesichts des Erfolgs der Bond-Filme enttäuscht war, wissen wir nicht, aber er strahlt etwas leicht Angekratztes, Melancholisches aus, das man in „Sanders und das Schiff des Todes“ so einführt: Er war in Kolonial-Afrika im Einsatz gegen Elfenbeindiebe unterwegs, bis die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten seinen Einsatz beendete. Ein wenig wird auch gegen die neuen Herren nachgetreten, die sich nicht des überragenden Sachverstandes der britischen Administration bedienen wollen, um ihre Länder in Ordnung zu halten. Und da gibt es auch eine mentale Verbindung zum deutschen U-Boot-Kommandanten. In der Hochphase der Unabhängigkeitswelle zu Beginn der 1960er hatten die Briten selbstverständlich ein Verlustgefühl, angesichts des schrumpfenden Empire, auch wenn es sich aus heutiger Sicht nicht als so fundamental herausgestellt hat wie der Eindruck, den das Ende des Zweiten Weltkrieges bei den Deutschen hinterlassen hat.

Man kann aber diese kleinen Spuren gut finden, die in den James-Bond-Filmen souverän vernachlässigt wurden, welche sich ganz auf die Gegenwart des Kalten Krieges konzentrierten und zudem aus der Vergangenheit schräge Typen mit Weltbeherrscher-Attitüde herausdestillierten.

Fazit

In „Sanders und das Totenschiff“ ist alles etwas kleiner als bei Bond, und bei weitem nicht so spannend, und die Unmöglichkeit, ihn auch stilistisch innerhalb der Wallace-Reihe einzuordnen sind es nicht, die uns zu einer Wertung greifen lassen, die unterhalb der bisherigen Untergrenze für die Wallace-Filme liegt (Ergänzung 2020: Von dem rassistischen „Der Fluch der gelben Schlange“ abgesehen, den wir jetzt erst gesichtet haben).

Trotz einiger interessanter Fahrszenen hat der Film zu wenig Greifbares und Besonderes.

56/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Alle weiteren Artikel im Zusammenhang mit dem „Special Edgar Wallace“

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
Filmfest News 1 (beinhaltet das 2. Update zum „Special Edgar Wallace“ – vorliegender Artikel)
Filmfest News 2 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weiterer Vortellungsrhythmus)
Filmfest News 3 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weitere Neuigkeiten)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens
FFA 85 Der Zinker
FFA 88 Der schwarze Abt
FFA 91 Das indische Tuch
FFA 94 Der Hexer
FFA 97 Neues vom Hexer
FFA 102 Der Fälscher von London
FFA 107 Der unheimliche Mönch
FFA 112 Zimmer 13
FFA 117 Die Gruft mit dem Rätselschloss
FFA 122 Das Verrätertor
FFA 127 Der Fluch der gelben Schlange
FFA 132 Todestrommeln am großen Fluss
FFA 137 Sanders und das Schiff des Todes (dieser Beitrag)

Regie Robert Lynn
Drehbuch Anthony Scott Veitch
Peter Welbeck
Produktion Harry Alan Towers
Musik Christopher Whelen
Kamera Stephen Dade
Schnitt John Trumper
Besetzung

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