Die Macht des Schicksals – Tatort 189 #Crimetime 601 #Tatort #München #Muenchen #Lenz #BR #Schicksal #Macht

Crimetime 601 - Titelfoto © BR

Faust, Fellini und Leberkäs Hawaii

In seinem vorletzten von sieben Tatorten als Chefermittler taucht Ludwig Lenz in die Welt der Münchner Softporno-Produzenten ein und muss sich damit auseinandersetzen, dass ein falscher Kommissar ihm Konkurrenz macht.

Lange Jahre musste Lenz (Helmut Fischer) als Assistent von Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) so einiges ertragen, das hat ihn geprägt. Seine hintersinnig-ironische Art ist typisch für jemanden, der lange Zeit im Schatten eines anderen stand und sich nur mit dieser Art von Humor innerlich über Wasser halten konnte. Warum soll er diesen Zug ablegen, der ihm Konfrontationen meist erspart und gleichzeitig sicherstellt, dass die anderen oft etwas dumm wirken, nicht man selbst. Und wie geht man dann mit einem Milieu wie dem des Filmproduzenten Fink um, der sich für einen halben Fellini hält? Wir klären dies und mehr in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Lenz und sein Team haben diesmal eine besonders harte Nuß zu knacken. Ein vermeintlicher Kommissar, Eckhoff mit Namen, hat ganz eigene Vorstellungen darüber entwickelt, wie verängstigte, ordnungsliebende Bürger zu besänftigen sind. Und im Gegensatz zu Lenz läßt er sich für seine „Dienste“ fürstlich bezahlen. Eckhoff, in Wahrheit ein glückloser Kleindarsteller, wirkt fatalerweise sehr vertrauenswürdig, wenn er zusammen mit seinen Gehilfen erscheint, um erpreßten Bürgern Lösegeldsummen abzunehmen – natürlich mit dem Versprechen, die Erpresser gleich bei der Übergabe der Gelder festzunehmen und hinter Gitter zu bringen. Die Düpierten, ältere Witwen und Rentiers, sehen ihn und ihr Geld nie wieder.

Diesmal hat es Herrn Lange getroffen, einen distinguierten alten Herrn. Nach dem Besuch des „Kommissars“ ist er um 150.000 Mark ärmer und eine halbe Stunde später tot. Aber auch Eckhoffs „Mitarbeiter“ Kleppinger muß dran glauben. Zwei Leichen und ein gerüttelt Maß an Verwirrung für den echten Kommissar. Lenz tappt im dunkeln. Was hat Hawratil, der Beislwirt, mit der Sache zu tun? Auch der finanziell angeschlagene Filmproduzent Fink und seine pralinensüchtige Frau, die Schauspielerin Liane, passen nicht recht ins Bild. Aber daß er Verdi liebt und sie den Kameramann Heinz Stolle, scheint nur auf den ersten Blick ohne Belang zu sein: Denn das Beziehungsgeflecht von Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgten erweist sich in diesem Fall als ein schier unentwirrbares Knäuel.

Rezension

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen
Gefällt mir die Welt.

5                             Ich blick in die Ferne,
Ich seh in der Näh,
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh ich in allen
10                           Die ewige Zier
Und wie mir’s gefallen
Gefall ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
15                           Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!

So das Gedicht im Ganzen, dessen erste beide Zeilen an der Eingangstür des Fink‘schen Filmateliers prangen. Es stammt von Goethe und ist aus Faust II. Es gibt auch einige Originalsprüche in diesem Film, die wirklich gelungen sind, wie der von der Dramaturgie, die auf der Frau aufbaut, womit ein Sexfilm sicher gut umschrieben ist.

Der Kitsch, der daraus entstand, dass man in München immer schon gerne das Banale und eine provinzielle Form von Promi-Korso zum berüchtigten Schicki-Micki verknallt hat, echot auch durch diesen Tatort, und wer sollte den ironischen Kommissar Lenz besser spielen als der ewige Stenz Helmut Fischer. Allein seinetwegen sind diese 1980er-Tatorte sehenswert. Er gehörte zu den wenigen deutschen Schauspielern, die eine Situation herunterticken lassen konnten, ohne etwas zu sagen – und ohne dass es dadurch langweilig wurde. Gerade diese Art von Humor ist hierzulande sehr selten und umso mehr hervorzuheben. Diese vielen Nuancen von Mimik, die er drauf hatte, die zwischen ganz minimalistisch, aber erkennbar mit einer inneren Haltung verbunden und einem ausgesprochen deutlichen Feixen lag, sind köstlich anzuschauen.

Im Tatort-Fundus ist die Lenz-Persona, die Fischer darstellt, recht ausführlich beschrieben, und da einige Beobachtungen zu seinem Charakter aus „Die Macht des Schicksals“ stammen, zitieren wir sie hier mal: 

Weil er einen nervösen Magen hat, legt Lenz großen Wert auf eine gesunde Ernährung, mischt sich sein Müsli im Kommissariat selbst zusammen, isst nur ungespritzte Äpfel, bevorzugt Kürbiskerne und knabbert Algenkekse, weil die „vor Radioaktivität schützen“. Er trinkt Milch, mag allerdings auch auf ein Bier nicht verzichten; für eine anständige Brotzeit im Biergarten oder in der Dienststelle muss immer Zeit sein. Mit den Angeboten der Polizeikantine fremdelt er: ‚Schweinebraten portugiesisch‘ hält er für eine Zumutung und als er in einem Landgasthof ‚Leberkäs‘ Hawai‘ auf der Speisekarte findet, da fällt ihm gar nichts mehr ein. 

Brettschneiders Nachfolger, Franz-Josef Schneider, mag er nicht. Der ist ihm zu sehr aufgesetzte Frohnatur, vorlaut, gibt Informationen an die Presse, die die Ermittlungen erschweren und seine Sprüche („Brett verloren“), kommentiert er erst gar nicht mehr. 

Leider haben wir den Brettschneider gerade nicht so vor Augen, weil wir vor diesem erst einen Lenz-Tatort rezensiert haben, und das ist schon einige Zeit her („Schicki-Micki“ -> zum Schicki-Micki siehe die Anmerkung oben). Aber der Schneider ist schon okay, weil er als mehr allgemeinbayuwarisch inszeniert wurde, während Lenz‘ Humor doch eher norddeutsch-trocken ist.

Der 189. Tatort lebt sehr von Helmut Fischers Präsenz und es verwundert nicht, dass nach seinem Abgang 1987 eine Art Suchphase eintrat, die bis zur Inthronisierung des heutigen Tatort-Rekordhalterduos Batic und Leitmayr reichte. Es gab keinen fließenden Übergang nach Lenz, anders als zwischen Veigel und ihm im Jahr 1982. Wenn man die ersten Tatorte von Batic und Leitmayr ab 1991 mit denen von Lenz vergleicht, ist sehr klar, dass das Konzept erheblich modernisiert wurde, die Kommissare physisch und mental wesentlich mehr in ihre Fälle investieren – aber schauspielerisch hatten sie einiges zu lernen, bis sie auch nur annähernd Fischers Niveau erreichten. Die Art von  Humor, die sie im Verlauf ihrer Karriere entwickelten, wirkt in der Tat wie ein Update der Lenzschen Ironie, angereichert mit jener rau-herzlichen Kumpelhaftigkeit unter gleichrangigen oder nahezu gleichrangig wirkenden Ermittlern, die stilbildend für kommende Tatort-Teams der 1990er und bis heute wurde.

Bei den Fällen war es aber von Beginn an umgekehrt. Die Plots der neuen Generation ab 1991 waren fast ausnahmslos den früheren überlegen, dramatischer, realistischer, besser ausgefuchst. Auch ein Helmut Fischer kann nicht überspielen, dass „Die Macht des Schicksals“, dessen Titel schon ein wenig am Thema vorbeizielt, eine Klamotte darstellt, ähnlich wie die schwächeren Münster-Tatorte, auch Hans Clarin, der wieder einmal superb spielt und den Möchtegern-Fellini mit kriminellem Einschlag gibt, kann diesen Mangel nicht vollständig ausgleichen. Die Story ist einfach zu abstrus, um mehr zu sein als Komödienstadl im Tatortformat. Das Lässige daran macht allerdings dennoch Spaß. Wenn schon 1980er, dann lieber so als in der sehr traditionellen Form, wie sie an anderen Tatort-Standorten noch gepflegt wurde. Der Langfrist-Doppelmörder, der falsche Kommissar, der ihm in die Quere kommt, die deftige Pornodarstellerin, das krude Filmbusiness mit angeschlossener Protzvilla, oder sagen wir, einem protzigen Wohnzimmer, denn alles ist ja ein einziges Studiogelände, die Schauspieler, die falsche Kommissare und Polizisten darstellen, der Wiener Beisl-Betreiber in München, der Leberkäs Hawaii als seine Spezialität benennt, die beiden betagten Münchnerinnen aus Grünwald, alles witzige Ideen, die flockig, aber ohne größere kriminalistische Ambitionen miteinander auf eine Weise verbunden werden, die jederzeit klarmacht, dass es hier nicht um Stringenz und Wahrscheinlichkeit geht.

Finale

Hat Spaß gemacht, den überwiegend sehr spielfreudigen Akteuren zuzuschauen – wobei Fischer so agiert, dass man nicht einmal weiß, welche Einstellung er wirklich zu dem hat, was er hier spielen und an Dialogen aufsagen musste, so sehr wirkt er wie jemand, der gerade da, wo er eindeutig scheint, doppelbödig ist. Als Erinnerung an einen ganz besonderen Schauspieler sind seine Filme absolut sehenswert, als Tatorte kann  man sie genießen und hin und wieder schmunzeln oder lachen, ohne dass man den Eindruck hat, Autoren und Regisseure wollten Hamlet mit Leberkäs bringen. Wenn schon ein verstiegener Filmmensch, dann ist er wenigstens als solcher zu erkennen. Dass es in „Die Macht des Schicksals“ auch einen Mord gibt, nimmt man eher beiläufig wahr.

6,5/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Georg Einerdinger (Obermeister Schneider) · Henner Quest (Assistent Faltermayer) · Uschi Wolff (Assistentin Kern) · Rolf Castell (Kriminalrat Schubert) · Hans Clarin (Rudi Fink) · Elfi Eschke (Liane Fink) · Sebastian Koch (Heinz Stolle) · Gunnar Möller (Heinz Eckhoff) · Karl Merkatz (Berti Hawrati) · Marius Aicher · Ulrich Beiger · Claudia Bethge · Paula Braendt · Marianne Brandt · Mathias Eysen · Angela Hillebrecht · Winfried Hübner · Gabriele Kastner · Margot Mahler · Georg Morasch · Else Quecke · Charly Rabanser · Willy Schultes · Frank Schuster · Nate Seids · Hans Stadlbauer · Gerda Steiner · Harry Täschner

Drehbuch – Ulf Miehe, Klaus Richter
Regie – Reinhard Schwabenitzky
Kamera – Tommy Erhart, Gernot Roll
Schnitt – Ingrid Endres, Ursula Möllinger
Musik – Peer Raben

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