Unklare Lage – Tatort 1118 #Crimetime 602 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Lage #unklar

Crimetime 602 - Titelfoto BR / X Filme Creative Pool GmbH, Hagen Keller

Der Lockdown und wie er in die Welt kam

Aufgrund der Tatsache, dass wir den Film drei Monate nach seiner Premiere rezensieren, haben wir ihn sicher mit anderen Augen gesehen. Besser: Die Wahrnehmung hat sich verändert. Das Zucken, als es hieß, der Lockdown in München werde nun aufgehoben, die leeren Straßen, Absperrungen, die unklare Lage als solche – wer hätte gedacht, dass auf eine viel umfassendere Weise all das nicht nur in München, sondern weltweit bald Wirklichkeit werden würde? Aus einem anderen Grund, der ein anderes Gefühl auslöst als eine dramatische Terrorszenerie, die binnen weniger Stunden aufgelöst werden muss. Es ist nicht so brutal, sofern man nicht gerade eine Dokumentation aus einem triagegeschüttelten Krankenhaus anschaut, die Polizei rennt aber auch durch die Gegend und es dauert schon viel länger.

„Unklare Lage“ belegt derzeit einen exzellenten 13. Rang in der Liste des Tatort-Fundus, in der alle bisher gezeigten Tatorte vereint sind. Ist das gerechtfertigt? Darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Mitten am Tag fallen in einem Bus bei einer Fahrkartenkontrolle tödliche Schüsse. Der Täter kann fliehen, wird aber wenig später gestellt und vom SEK erschossen. Ein junger Münchner, noch keine 20 Jahre alt. Im Rucksack des Toten stecken Ersatzmagazine und ein Funkgerät, das auf einen möglichen zweiten Täter hinweist. Aber gibt es diesen zweiten Täter überhaupt?

Droht ein Anschlag? Die Medien berichten. Auf sozialen Plattformen verbreiten sich blitzschnell Gerüchte. Die Lage ist unklar, die Bevölkerung aufgeschreckt. Eine atemlose Hetzjagd durch die Stadt beginnt, bei der die Polizei mit allen Mitteln versucht, die unklare Lage unter Kontrolle zu bekommen.

Rezension

Die Münchner Ermittler Batic und Leitmayr müssen sich wirklich gut verstehen. Sogar ihre Haarfarben haben sich in etwa parallel zu einem leuchtenden Weiß gewandelt. Und sie haben sich nach weit überwiegender Meinung eindrucksvoll zurückgemeldet oder ihre Spitzenstellung bestätigt. Kein anderes Team konnte so viele Tatorte in den Toprängen der oben erwähnten Liste platzieren.

Nun unsere Sichtweise. Beim ersten Anschauen sind wir mittendrin eingeschlafen. Nicht, dass das sonst nie vorkäme, aber es war bereits ein Anzeichen. Beim zweiten Mal – ging es uns genauso, obwohl wir früher am Abend geschaut hatten, wenn Müdigkeit normalerweise noch kein Thema ist. Dieses Mal haben wir aber zurückgespult, um nicht ein drittes Mal neu ansetzen zu müssen. Liegt es wirklich nur an uns und an den mentalen Folgen von Corona? Zu witzig: Leitmayr geht es an einer Stelle genauso. Und so ist der Film auch gemacht: Permanente Anspannung führt zu einem Blackout für kurze Zeit. Durchaus möglich, dass wir das mit einer defensiven Form von körperlicher Abwehr nachempfunden haben.

Trotzdem halten wir den Film nicht gerade deswegen für herausragend. Uns war er zu gleichförmig, z eintönig gemacht. Es gibt kaum Ups and Downs. Mag schon sein, dass dies in der Realität so ist, aber wie oft wird die unklare Lage betont? Sehr oft. Es ist ja kein Echtzeitfilm wie „Zwölf Uhr mittags“, sondern er gibt die Ereignisse eines Tages wieder. Eines Tages, an dem es so aussieht, als wenn Jugendliche zu Terroristen werden könnten. Sind sie es denn? Das bleibt bis zum Ende offen. Warum sie Amok laufen wollen, ebenfalls. Man kann aus einigen Zeichen etwas wie eine Motivation herauslesen, etwa, dass zwei Brüder fast gleichzeitig die Schule schmeißen, dass sie sich ausgegrenzt gefühlt haben, dass außerdem eine Beziehung zu berücksichtigen ist, die wohl etwas wie ein Bonnie-und-Clyde-Syndrom auslöst, whatever, wir werden es nie genau erfahren. Ebensowenig wie man uns mitteilen wird, ob im Rucksack des Mädchens Janja Bombe enthalten ist.

Die Handlungsvorlage ist offensichtlich der rechtsexetremistische Anschlag aufs Münchener Olympiacenter im Jahr 2016, aber es gibt im Film keine politischen  Hintergründe. Unklar ist nicht nur die Lage, bis zum Schluss trifft das auch auf die Täterpersonen zu: Die Tat im Bus scheint eine spontane Kurzschlussreaktion gewesen zu sein, aber in die Schule rennt jemand, als habe er eindeutige Absichten. Die Mitschüler*innen können mit den auf Abwegen Befindlichen nicht viel anfangen, man spürt eine Barriere. Reicht das für weitreichende Anschlagspläne? Man weiß es nicht. Die Konzentration liegt nicht auf der Analyse, sondern auf der Bewältigung der Lage, und dies zieht sich wie Kaugummi. Da der Film eine so gute Reputation hat, ist zu überlegen, ob wir uns nun dafür rechtfertigen, dass wir graduell vom Mainstream abweichen. Da wir dies aber auch in der anderen Richtung immer wieder tun, dann, wenn  Filme etwas mehr wagen, mal mit, mal ohne Anspielung auf die Sicht der anderen, versuchen wir, noch ein wenig zu präzisieren.

Der Aufwand für den Film ist hoch gewesen, das sieht man ihm an. Würde uns interessieren, ob man für ihn mehr Budget bereitgestellt hat als üblich. Vor allem werden mehr Statisten eingesetzt und sicher mussten auch einige Locations abgesperrt werden. Durch das massive Polizeiaufgebot, das wir sehen, wirkt das Szenario in der Tat bedrohlich und bei einer „Großen Lage“ wird wohl tatsächlich so viel Aufwand betrieben. Es wird auch gleich ziemlich kompakt gehandelt: Die Fahrgäste des Busses, in dem der Kontrolleur erschossen wurde, werden zunächst wie Verdächtige behandelt und körperlich angegangen. Lange dreht sich alles um die Frage, ob Tom Scheuer alleine gehandelt hat. Sprich: Ob denn noch Gefahr besteht, nachdem man ihn erschossen hat. Dass man sich dabei immer nur auf einen Mann konzentriert, der an derselben Haltestelle eingestiegen sein müsste wie Tom, erschließt sich nicht wirklich – aber dass es keinen Anschlag in der Schule gab, hätte, nachdem man zu der Überzeugung gekommen war, es gebe eine zweite beteiligte Person, bereits darauf hindeuten können, dass diese ohne ihren Partner in Crime nicht alleine handelt. Ist das so?

Die Entscheidungsschwierigkeiten der Einsatzleitung erinnern uns ebenfalls an die aktuelle Lage, das ist alles nachvollziehbar, aber nicht packend. Ganz sicher war es so gewollt, dass man ein Gespür für das Nervige einer solchen Situation bekommt, dummerweise brauchen wir im April 2020 dafür keinen Tatort mehr. So sind derzeit nämlich alle Tage. Alle Menschen sind im Ausnahmezustand, ständig müssen ungewöhnliche Entscheidungen getroffen werden und viel Entscheidungsfreiheit gibt es gar nicht mehr, also handelt es sich um Entscheidungen in einem viel enger als gewöhnlich begrenzten Rahmen. Der Tatsache, dass man die Motive der Täter nicht kennt, steht der zu vermutenden Motivlosigkeit eines Virus etwa gleich, solange die Lage andauert. Ein Ausbruch, ein Angriff, Panik oder Abwiegeln oder irgendwas dazwischen – und großer Druck bei allen, die Verantwortung tragen und die Furcht, einen entscheidenden Fehler zu begehen.

Finale

Das Konzept ist zu würdigen. Man wollte einen „anderen“ Tatort machen, der aber nicht in den Geruch kommen soll, ein Experiment, gar kein künstlerisches, zu sein. Damit hatte man zuletzt, nicht nur in München, schlechte Erfahrungen gemacht. Schlechte Erfahrungen heißt: Das Publikumm lehnte die Filme überwiegend ab. Diesen Film umzusetzen, finden wir richtig, aber das heißt nicht, dass keine Wünsche offenbleiben: Ansätze zu „Lage“-Filmen mit Lagezentrum gibt es schon länger, man hat die Situation  hier nur etwas auf die Spitze getrieben. Und dabei die Spannungsspitzen abgesägt. Auf jeden Fall gelungen: Das Ermüdende an dem Dauerstress aufzuzeigen, unter dem die beiden wackeren älteren Herren stehen, die in München seit nunmehr 29 Jahren unterwegs sind, um das Verbrechen zu bekämpfen, das bereits geschehen ist. Manchmal geht es auch darum, ein weiteres zu verhindern – beides wird im Tatort 1118 zusammengeführt. Wahrscheinlich wäre die Rezension vom Tenor etwas anders ausgefallen, wenn wir nicht so viele überaus positive Kritiken gelesen haben. In Relation zu dem, was wir gesehen haben, gab es dann doch so etwas wie eine Fallhöhe. Den Absturz von 8,36/10, dem aktuellen Durchschnitt der Tatort-Fundus-Nutzer und unserer Wertung kann man aber lebend überstehen. Apropos: Gutes Klettern, Leiti. Pass auf deine Knochen auf.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Die Lage spitzt sich zu

Es ist ihr 83. Fall – und der hat es in sich. An den am 22. Juli 2016 verübten Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München erinnernd, geraten die Hauptkommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Tatort „Unklare Lage“ in eine Hetzjagd auf einen – oder doch mehrere? – flüchtige Attentäter. Steht das städtische Ernst-Liebig-Gymnasium im Fokus?, schreibt die Redaktion von Tatort Fans.

Weiter unten wird vermerkt, dass zu erwarten war, dass aus dem Anschlag aufs Olympiazentrum irgendwann ein Krimi wird. Ist das so? Einen Tatort, der den Anschlag von 1972 auf die israelische Olympiamannschaft oder etwa den Berliner Breitscheidtplatz-Anschlag als Handlungsvorlage verwendet, gibt es bisher jedenfalls nicht. Dafür gibt es viele „Lagen“ aller Art – Verdachtsmomente auf terroristische Anschläge, terroristische Anschläge, rechte Gewalt in immer größerem Umfang, Polizeigewalt bei Veranstaltungen, Vorgehensweisen vor Ort, Einsatzbefehle und Hintergründe, die große Fragen aufwerfen.

Was nach unserer Ansicht gegenwärtig am meisten fehlt, ist ein Tatort, der den Rechtsdrall in der Polizei mutig aufarbeitet. Es reicht nicht mehr, dass die Ermittler*innen in der Regel eher mitte-links stehen und mit ihren hohen Sympathiewerten Werbung für eine tolerante Gesellschaft machen, dass die ARD immer wieder sozialpolitische Themen mit entsprechender Tendenz aufgreift. Auch auf die Gefahr hin, dass mal wieder ein Tatort im Giftschrank landet, weil sich jemand auf die Füße getreten fühlt, die Gefahr für die Demokratie, die von Organen ausgeht, welche die Demokratie schützen sollen, kann kein Format so gut wie der Tatort an ein großes Publikum vermitteln. Diese Reichweite muss nun genutzt werden.

Die Redaktion von Tatort Fans ist einhellig positiv gestimmt, auch der Spiegel hält „Unklare Lage“ für ein Krimi-Highlight und geht mit 9/10 sehr hoch. Filmstarts.de, die uns immer wieder mit sehr kritischer Haltung zu den Polizeirufen und Tatorten auffallen, tendiert exakt gleich und vergibt 4,5/5 Sternen und schreibt: „Der spannendste Sonntagskrimi seit Jahren!“. Die SWR3-Kritik lässt mit fünf von fünf Elchen keinen Raum nach oben.

Der „Tatort – Unklare Lage“ zeigt, wie nach einem Tötungsdelikt, bei dem ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen ist, der Polizeiapparat in Gang gesetzt wird und sich viele Stunden in höchster Alarmbereitschaft befindet, beschreibt Tittelbach-TV die Situation und gibt 5,5/6.

Wenn die Form der Kriminalität in einer Gesellschaft immer auch deren Probleme widerspiegelt, könnte man die These aufstellen, dass es eine solche Tat befördern kann, wenn sich junge Menschen in einer Gesellschaft, die von Schaulust und Selbstinszenierung geprägt ist, nicht ausreichend wahrgenommen fühlen. Wo Empathie fehlt und soziale Einbindung nicht gelingt, entsteht das Gefühl von Ausgrenzung, von Zurücksetzung und damit Wut und im schlimmsten Fall eine öffentliche Gewalt, die darauf zielt, etwas in die Welt zu setzen, das maximales Aufsehen erregt. (BR-Redakteurin Stephanie Heckner, zitiert nach Tittelbach-TV).

Ein zweiter Aspekt: Hysterie, gepaart mit Fake News. Gerade dabei werde wir genau hinschauen, wie derFilm tendiert und wer an den Pranger gestellt wird. Denn auch diese Auswüchse in den sozialen Netzwerken sind ein Teil der gesellschaftlichen Realität, die durch die Förderung der falschen menschlichen Eigenschaften so geworden ist, wie sie sich heute zeigt.

Wir haben bei der Schnellsuche keine negative Kritik zum 1118. Tatort gefunden und sind sehr gespannt auf den heutigen Abend. Wenn der Tatort wirklich so gut ist, wird unsere Kritik dazu möglicherweise noch heute Abend erscheinen.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kommissar Karl-Heinz „Kalli“ Hammermann – Ferdinand Hofer
SEK-Leiterin Karola Saalmüller – Corinna Kirchhoff
Stefan Scheuer – Martin Lindow
seine Ehefrau Maria Scheuer – Isabella Bartdorff
der Sohn Maik Scheuer – Max Krause
der Sohn Tom Scheuer – Manuel Steitz
Toms Freund Dennis Köster – Leonard Proxauf
Toms Freundin Janja Rembeck – Pauline Werner
Janjas Vater Ludwig Rembeck – Peter Sikorski
Polizeiseelsorgerin – Katja Lechthaler
Polizist Lechner – Max Wagner
Polizist Martin – Raphael Rubino
Polizeibeamter Walter Ohnsorg – Axel Pape
Spurensicherer Pfeifer – Christian Heiner Wolf
Busgast mit Handy – Daniel Holzberg
Mutter mit Säugling – Vanessa Jeker
Rektorin des Gymnasiums – Angelika Fink
Lehrer Unger – Nikolaus Frei
Schüler – Jonas Holdenrieder
junger Journalist – Lion Leuker
Journalisten des BR – Ursula Heller, Till Nassif, Martin Breitkopf, Oliver Bendixen, Eva Frisch, Vera Cornette, Anna Tillack, Julian von Löwis
u.a.

Drehbuch – Holger Joos
Regie – Pia Strietmann
Kamera – Florian Emmerich
Musik – Sebastian Pille

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