„Die Spitzenanwälte des Bundestags“ (Abgeordnetenwatch) + Kommentar von uns zu juristischen Traditionen in Deutschland #Demokratie #Gefahr #GG #Verfassung #Recht #Juristen #Abgeordnetenwatch #Transparenz

Am 13. April erreichte uns die unten abgebildete Nachricht von „Abgeordnetenwatch“ und im Rahmen unserer politischen Nachpublikum veröffentlichen wir sie zum 14.04.2020.

Damals war wegen der ausführlichen Corona-Berichterstattung manches nicht möglich, aber einige Vorfälle wollen wir trotzdem nachzeichnen oder zumindest erwähnen. Dazu gehört, wie der Deutsche Bundestag versucht, Transparenz in Lobbyangelegenheiten zu verunmöglichen. Hier zunächst die Nachricht von „Abgeordnetentwatch“, wir kommentieren unterhalb.

Mail von „Abgeordnetenwatch“ vom 13.04.2020:

Schon wieder setzt der Bundestag alles daran, um kritische Informationen vor uns Bürger:innen geheim zu halten. Es geht um neue Entwicklungen im Zusammenhang mit unserer Parteispendenklage. Wie wir jetzt erfahren haben, hat der Bundestag eine externe Großkanzlei beauftragt, um vor Gericht doch noch zu verhindern, dass die geheime Prüfung von verdächtigen Parteispenden in Zukunft öffentlich ablaufen muss.

Das ist skandalös, denn nur, wenn diese Prüfung öffentlich geschieht, können wir als Gesellschaft unfairen Lobbyeinfluss erkennen und gemeinsam auf Konsequenzen drängen. Die nun vom Bundestag beauftragte Kanzlei Redeker Sellner Dahs gehört in Deutschland zu den juristischen Top-Adressen: In der Vergangenheit vertrat sie u. a. Altkanzler Helmut Kohl im Zusammenhang mit der Flick-Parteispendenaffäre oder Bundespräsident a. D. Christian Wulff in der Affäre um seinen Privatkredit. Der Tagesspiegel schrieb über Redeker Sellner Dahs: „Wo immer sich in Deutschland ein Polit- oder Wirtschaftskrimi abspielt, die Bonner Kanzlei ist dabei.“

Helfen Sie uns jetzt, dem Bundestag und seinen Spitzenanwälten in diesem wichtigen Rechtsstreit die Stirn zu bieten – geben Sie uns als Förder:in die nötige Ausdauer um gefährlichen Lobbyeinfluss öffentlich zu machen (los geht es mit nur 5 Euro im Monat).

Wir sind den Spitzenanwälten schon einmal begegnet.

Auch als abgeordnetenwatch.de 2015 vor Gericht eine Liste von Lobbyist:innen mit geheimem Zugang in den Bundestag erstreiten wollte, engagierte der Bundestag die Redeker-Anwälte, um die Lobbyliste unter Verschluss zu halten. Letztlich halfen die teuren Spezialanwälte jedoch auch nichts: Der Bundestag musste die geheime Lobbyliste schließlich herausrücken.

Anders als abgeordnetenwatch.de verfügt der Bundestag auch bei der laufenden Parteispendenklage über ein nahezu unbegrenztes Budget: Bezahlt werden die Honorare der Topanwälte von Redeker Sellner Dahs nämlich aus Steuergeldern (2015 beliefen sich die Honorare der Anwälte übrigens auf mehr als 20.000 Euro). Am Ende drängt sich der Verdacht auf, dass der Bundestag in den Gerichtsverfahren auch darauf setzt, dass den Kläger:innen irgendwann das Geld ausgeht. Denn anders als der Bundestag können diese sich in einem langjährigen Prozess nicht aus der Steuerkasse bedienen. Eine Großkanzlei können wir uns bei abgeordnetenwatch.de nicht leisten.

Aber wir haben eine ebenso kompetente wie hartnäckige Anwältin, die gegen Redeker Sellner Dahs schon zwei Mal erfolgreich war: Einmal half sie uns, die oben erwähnte Lobbyliste zu erstreiten, das andere Mal klagte sie die Gästeliste der berüchtigten Geburtstagsfeier vom damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Bundeskanzleramt ein. In unserer laufenden Parteispendenklage werden wir uns weder von der Hinhaltetaktik des Bundestags – die Klage läuft nun bereits seit mehr als 3 Jahren – noch von den nun engagierten Spitzenanwälten abschrecken lassen.

Weil wir Bürger:innen ein Recht haben, zu erfahren, wie mit dubiosen Lobbyspenden verfahren wird, werden wir standhaft bleiben! Doch dafür brauchen wir dieser Tage alle Unterstützung, die wir bekommen können. Diesen langwierigen Rechtsstreit können wir nur durchhalten, wenn uns Menschen mit kleineren monatlichen Beträgen unterstützen. Schon 5 Euro im Monat helfen uns weiter! Unterstützen auch Sie uns bitte mit einer monatlichen Förderung! So senden wir gemeinsam ein starkes Signal an den Bundestag: Ihr mögt die teuren Spitzenanwälte haben – wir aber haben die Unterstützung sehr vieler Menschen, die sich nicht mit Geheimniskrämerei und Hinhaltetaktik abfinden wollen! Bleiben Sie gesund.

***ENDE der Mitteilung von „Abgeordnetenwatch***

Kommentar

Sicher ein etwas ungewöhnlicher Ansatz: Uns hat die Erwähnung der Kanzlei „Redeker Sellner Dahs“ nachdenklich gemacht. Der Verfassungsrechtler Konrad Redeker dürfte den meisten Jurist*innen ein Begriff sein, sie werden schon während des Studiums mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten konfrontiert gewesen sein. Redeker ist 2013 verstorben und wir können nicht eruieren, wie er sich heute dazu stellen würde, dass seine frühere Kanzlei dabei hilft, die Demokratie in Gefahr zu bringen, indem sie sich dazu hergibt, Lobbyeinflüsse zu verschleiern. Zunächst zur Kanzlei:

Die Sozietät geht auf die durch Hans Dahs sen. 1929 in Bonn gegründete Kanzlei zurück. 1954 schlossen sich Hans Dahs sen., der als Strafverteidiger bundesweites Renommee erlangt hatte, und Konrad Redeker zu einer Sozietät zusammen. Daraus ergab sich als weiterer Schwerpunkt Verfassungs- und Verwaltungsrecht. Mit Kurt Schön trat 1958 der dritte Sozius hinzu. Er baute den zivil- und gesellschaftsrechtlichen Bereich aus. 1964 erweiterten der Strafrechtler Hans Dahs jun., Sohn des Gründers, und 1968 der Verwaltungsrechtler Dieter Sellner die Sozietät. Von 1989 bis 2000 bestand auch ein Büro in Hamburg, von 2001 bis 2010 eines in Karlsruhe. Vorübergehend bestand auch ein Büro in Köln, das jedoch mit dem Wegfall verfahrenstechnischer Erfordernisse 2002 aufgelöst wurde.

Die Sozietät gründete weitere Standorte in Leipzig (1990), in London (1991), in Berlin (1997), in Brüssel (2003) und 2013 in München.

Aber schauen Sie mal bitte weiter in der Wikipedia, wen diese Kanzlei auch zu Lebzeiten Redekers vertreten hat und auf welcher Position: Sie stand häufig an der Seite derjenigen, der sich wegen im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit ausgeübter Handlungen, auch „Affären“ genannt, vor Gericht zu verantworten hatten.

Redeker veröffentlichte zahlreiche Urteilsbesprechungen, Fachaufsätze in Fachzeitschriften und Festschriften, Rezensionen zu Fachbüchern. Besonders nennenswert ist indessen der von ihm zusammen mit Hans-Joachim von Oertzen verfasste und herausgegebene Gesetzeskommentar zur Verwaltungsgerichtsordnung, der als Standardkommentar auf dem Gebiet gilt.[2] Redeker hat sich neben der Auseinandersetzung mit dem Verwaltungsrecht auch mit der moralischen Verantwortung der Juristenschaft, insbesondere zur Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. So ging der Rücktritt von Theodor Maunz vom Amt des bayerischen Kultusministers auf eine Veröffentlichung Redekers in der Neuen Juristischen Wochenschrift[3] zurück, in der Redeker die Äußerungen von Maunz während des Nationalsozialismus darstellte.[4] Diese Veröffentlichung war eine der ersten kritischen Veröffentlichungen zur NS-Verstrickung deutscher Juristen.

Damit sind wir bei einer weiteren, noch bekannteren Größe, Theodor Maunz. Wirklich jeder Student oder jede Studentin des Rechts oder der Rechte kennt den „Maunz / Dürig“ und kommt nicht umhin, ihn zu zitieren. Heute heißt er „Maunz / Dürig / Herzog / Scholz“. Richtig, auch letztere Namen kennt man, es handelt sich  um den Verfassungsrechtler und Bundespräsidenten Roman Herzog sowie um den früheren Verteidigungsminister Rupert Scholz. Maunz musste aufgrund der Schrift von Redeker 1964 von seinem Amt als bayerischer Kultusminister zurücktreten, seiner juristischen Reputation tat das jedoch kaum Abbruch. Er veröffentlichte unter Pseudonym auch in der National-Zeitung eines gewissen Gerhard Frey, der, wie Redeker, 2013 verstarb und als DVU-Vorsitzender Bekanntheit erlangte. Wer aber war Theoder Maunz?

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten trat er 1933 der NSDAP und der SA bei.[2] 1934 wurde seine Lehrbefugnis in Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Staatslehre geändert.

1935 erfolgte Maunz’ Berufung zum außerordentlichen Professor an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Als Professor in Freiburg (bis 1945) beschäftigte er sich hauptsächlich mit der rechtlichen Stellung der Polizei im NS-Staat. Man zählt ihn, wie etwa auch Carl Schmitt, Ernst Rudolf Huber, Karl Larenz, Otto Koellreutter, Herbert Krüger und Ernst Forsthoff, zu den akademischen Juristen, die durch ihre Arbeiten dem NS-Regime juristische Legitimität zu verschaffen bestrebt waren.

In diesem Zusammenhang muss auch die Kieler Schule erwähnt werden. Karl August Eckhardt organisierte die Dozentenakademie im Kitzeberger Lager. In diesem Gemeinschaftslager an der Kieler Bucht kamen nationalsozialistische Juristen zusammen, um über die völkische Rechtserneuerung zu referieren. Die im Kitzeberger Lager gehaltenen Referate wurden ein Jahr später im ersten Band der neu erschienenen Zeitschrift Deutsche Rechtswissenschaft veröffentlicht. Neben den Kieler Rechtswissenschaftlern nahm auch Theodor Maunz aus Freiburg teil.

Maunz stellte sich dem Regime zur Verfügung und versuchte, es zu legitimieren und rechtlich zu erfassen. So schrieb er schon als junger Privatdozent in seiner 1934 erschienenen Schrift Neue Grundlagen des Verwaltungsrechts (S. 48 und S. 55):

„Die Vorstellung, der Zweck der Verwaltungsrechtspflege bestehe im Schutz der Freiheitssphäre des Individuums gegen Maßnahmen der staatlichen Verwaltung, mochte im liberalen Staat eine Berechtigung gehabt haben, im nationalsozialistischen Staat muß sie ausgeschaltet werden. […] Das zentrale Rechtsgebilde, hinter dem alle anderen Rechtsgebilde zurückzutreten haben, ist der politische Führer. Soweit es der Bedeutung dieses Gebildes widerspricht, ist jede richterliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Verwaltung unmöglich. Daraus folgt, dass die Verwaltungsrechtspflege niemals die politischen Entscheidungen des Führers hemmen oder erschweren kann.“

Mochte man diese frühen Ausführungen des Privatdozenten Maunz eventuell noch als einer erstrebten Karriere als Hochschullehrer geschuldete „Jugendsünden“ abtun, so kann dies für spätere Schriften nicht mehr gelten. 1937 schrieb der inzwischen zum Professor der Rechte in Freiburg ernannte Maunz in seinem Werk Verwaltung (S. 42):

„Eine derartige Schwächung ist auch das Ziel des Gedankens der Gewaltentrennung gewesen; die Gewaltentrennung erschien als der beste Garant des bürgerlichen Freiheitsgedankens. Mit der Gewinnung eines einzigen Willens- und Handlungsträgers der Volksordnung ist die Trennung und Hemmung der Gewalten überwunden. […] Innerhalb der Volksordnung aber sind die Gewalten vereinigt in der Person des Führers; sie sind damit zu einer echten Gesamtgewalt, der Führergewalt geworden.“

Auch in dem 1943 erschienenen Werk Gestalt und Recht der Polizei propagierte Maunz den faschistischen bzw. nationalsozialistischen Führerstaat:

„Es ist die Gründung des polizeilichen Wirkens auf den Willen der im Rahmen der völkischen Ordnung handelnden Reichsführung. […] Was mit anderen Worten der Führer […] in Form von Rechtsgeboten der Polizei an Aufträgen zuweist, bildet die Rechtsgrundlage der Polizei. Die Zuweisung kann im förmlichen Gesetzgebungsverfahren erfolgen. Sie kann ferner erfolgen im sonstigen Normenschöpfungsverfahren. Sie kann aber auch ergehen im Wege der Einzelweisung oder auch der Einzelbilligung. Dieses System hat […] den alten Gesetzmäßigkeitsgrundsatz ersetzt, seitdem an die Stelle des alten Gesetzes der Wille des Führers getreten ist.“

1948 nahm Maunz für Südbaden am Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee teil.

Von 1952 bis zu seiner Emeritierung hatte Maunz eine Professur für Öffentliches Recht, insbesondere Deutsches und Bayerisches Staats- und Verwaltungsrecht, an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität inne. Er etablierte sich durch seine Veröffentlichungen als ein führender Verfassungsrechtler der Bundesrepublik. 1958 begründete er mit Günter Dürig einen der führenden Kommentare zum Grundgesetz, der bis heute als Maunz/Dürig/Herzog/Scholz u. a. von Roman Herzog und Rupert Scholz fortgeschrieben wird. Herzog, der selbst zu seinen Schülern gehörte, erklärte 1993: „Maunz war nach 1948/49 mit Sicherheit einer der beherrschenden Verfassungsrechtler der Bundesrepublik Deutschland, man kann auch sagen, er hat das demokratische Verfassungsrecht der Bundesrepublik mitgeprägt.“ Neben dem späteren Verfassungsrichter, Grundgesetz-Mitkommentator und Bundespräsidenten Roman Herzog gehörten unter anderem auch die Universitätsprofessoren Peter Lerche und Klaus Obermayer zu Maunz’ Schülern.

Was nun war der Konvent von Herrenchiemsee? Nun, nicht weniger als eine Vorbereitungsversammlung für den parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz erarbeitete. Wir könnten nun die Verästelungen immer weiterverfolgen und das Ganze vertiefen, bis wir dann in den Bereich der juristischen Literatur müssten, der im Netz nicht öffentlich verfügbar ist.

Wir wollen aber auf etwas anderes heraus. Maunz ist nur ein typisches Beispiel eines NS-Juristen, der später einfach weitermachen konnte, obwohl er durch seine Versuche, die NS-Herrschaft rechtlich zu legitimieren, sich mitschuldig an deren Verbrechen gemacht hat. War er nur einer jener furchtbaren Juristen, die in jedem System funktionieren, weil sie komplett opportunistisch sind? Seine Tätigkeit für die National-Zeitung lässt keinerlei spätere Reue erkennen, also war er sogar ein überzeugter Nazi. Und davon gab es viele, einer der bekanntesten war Karl Larenz, an dem man nicht vorbeikam, wenn man die Grundlagen des Zivilrechts erarbeitete.

Ab Mai 1933 lehrte Larenz an der Universität Kiel, zunächst in Vertretung und ab 1935 als Inhaber des Lehrstuhls des Rechtsphilosophen Gerhart Husserl, der wegen seiner jüdischen Herkunft aus diesem Amt entfernt worden war. Larenz gehörte dort neben Franz Wieacker, Karl Michaelis, Wolfgang Siebert, Ernst Rudolf Huber, Georg Dahm und Friedrich Schaffstein zu einer Gruppe jüngerer Professoren, die als Kieler Schule bezeichnet wird und die sich als Kreis von Vordenkern der nationalsozialistischen Rechtserneuerung verstand. Laut Ernst Klee war Larenz „einer der wichtigsten NS-Theoretiker im Zivilrecht“.[1]

Seit 1934 war Larenz zusammen mit Hermann Glockner Redakteur der Zeitschrift für Deutsche Kulturphilosophie. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 5.041.008) bei. Im NS-Juristenbund war er ebenfalls Mitglied.[2]

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Larenz beim NS-Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften mit.[3] 1942 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse.[2]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lehrte Larenz, der wegen seines Wirkens zwischen 1933 und 1945 zunächst Lehrverbot hatte, ab Dezember 1949 wieder an der Universität Kiel. Im Jahre 1960 wurde er an die Universität München berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb.

Seit langem wird das Verhältnis von Larenz zum Nationalsozialismus kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite gibt es Larenz’ Verteidigung, er sei bereits zu Beginn seiner Kieler Zeit im Mai 1933 ein Gegner des Nationalsozialismus und Teil des sogenannten Ahlmann-Plans zur intellektuellen Einhegung des Nationalsozialismus gewesen.[4] Dieser Linie hat sich insbesondere Claus-Wilhelm Canaris angeschlossen.[5] Auf der anderen Seite wurde seit den 1960er Jahren die Verstrickung Larenz’ in den Nationalsozialismus verstärkt aufgearbeitet.[6] Von dieser Seite wurde Larenz insbesondere von Bernd Rüthers[7] und Uwe Wesel[8] als Kronjurist des Dritten Reiches eingestuft, der dem mörderischen Antisemitismus den Weg bereitet habe. Dem ist Ernst Klee gefolgt, Larenz sei „einer der wichtigsten NS-Theoretiker im Zivilrecht“[9], und Wolfgang Benz, Larenz sei einer „der wichtigsten nationalsozialistischen Theoretiker im Zivilrecht und in der Rechtsphilosophie“.[10]

Zu Larenz gibt es heute auch eine „vermittelnde Position“, die zu „meiner Zeit“ noch nicht existierte, aber grundsätzlich ändert sich nichts daran, dass beide Juristen einer einzigen „Schule“ angehörten, die dem NS-Staat wissenschaftlich sehr zu Diensten war.

Mindestens noch in den 1990ern war die Ausbidlung junger Jurist*innen komplett frei von Reflexion über das, was die Lehrgrößen, auf denen die damals aktuellen Professor*innen wissenschaftlich aufbauten, in der NS-Zeit gemacht haben, wie viele rechte Einflüsse es in ihrem Gedankengut gab und wie sich das heute im Rechtsneoliberalismus spiegelt, dem bedenkenlos viele jüngere Jurist*innen folgen. Auch das Bundesverfassungsgericht ist deswegen kein sicherer Kandidat für eine menschenfreundlichere, sozialere Auslegung des Grundgesetzes. Es hat in den letzten Jahrzehnten Dinge durchgelassen, die mit dazu beigetragen haben, dass wir es mit einer zunehmenden Spaltung und Prekarisierung, mit einer Militarisierung und letztlich mit einer Destabilisierung des demokratischen Systems zu tun haben.

Es gibt kein Staunen. Wen zum Beispiel die Frage nicht loslässt, woher Rechtstendenzen in der Exekutive und auch in der Judikative kommen, der muss sich anschauen, in welcher Tradition viele Jurist*innen augebildet wurden. Selbstverständlich wird das Verfassungsrecht allen Studierenden beigebracht, aber meist auf eine affirmative Weise dem aktuellen Status Quo gegenüber, so, dass es sich fürs Examen leicht pauken lässt. Zu hinterfragen, wie man es progressiver interpretieren könnte, ist jener kleinen Minderheit vorbehalten, die nicht verpflichtende Kurse in Rechtsphilosophie und Rechtstheorie belegen. Für einen schnellen Durchmarsch durch das mittlerweile durch Verschulung geprägte Ausbildungssystem, das kaum noch Luft für die ethische Auseinandersetzung mit der Rechtsordnung lässt nützt die Befassung mit diesen Interessen wenig.

Was heute wie einst gefordert und gefördert wird, ist eine unkritische Juristenkaste, die sich gut bewegen kann, um die Entwicklungen des Systems in ihre Praxis aufzunehmen, vielleicht sogar hier und da mitzugestalten, aber nur die wenigsten von ihnen würden die Demokratie verteidigen. Nach unseren Beobachtungen sind 90 bis 95 Prozent aller Jura-Student*innen unkritisch und unter denjenigen, die über ein politisches Bewusstsein verfügen, gibt es mehr Rechte als Linke. Hauptsächlich jedoch erklärt die Art, wie Jurist*innen geschult werden, aus welchen Traditionen die Rechtsauffassungen sich speisen, die ihnen nahegebracht werden, dass sie bedenkenlos klassistisch und antidemokratisch handeln, sofern es Lobby- und Kapitalinteressen nützt, denen sie wiederum dienen. Von diesem Stand ist keine vehemente Verteidigung der Demokratie zu erwarten und die Demokratie gegen weite Teile dieses Standes zu verteidigen, ist eine immens schwierige Aufgabe, weil dieser Stand an den Schaltstellen der politischen und teilweise auch der wirtschaftlichen Macht sitz; dies trifft auf alle drei Gewalten zu. Eine weitere Rolle spielen die Wirtschaftswissenschaftler, die ebenso weit überwiegend rechtskonservativ-neoliberale Ansichten vertreten; viele Jurist*dinnen haben eine Doppelausbildung oder wurden während des Studiums doch mit Grundzügen der Wirtschaftslehre konfrontiert.

Von ebenjenen Jurist*innen ist der Bundestag so stark durchsetzt wie von keiner anderen Profession und deswegen überrascht es nicht, dass der Bundestag nicht die Erfordernisse der Demokratie im Vordergrund sieht, sondern dass seine Mitglieder ihre juristischen Kenntnisse verwenden, um persönlich voranzukommen und so gut wie möglich ihre Verbindungen in die Wirtschaft zu verschleiern. Wir sind überzeugt davon, dass viele Abgeordnete ihre Bzüge nicht korrekt angeben, weil man „sekundäre Dienste“, die nicht direkt auf die Übernahme von Mandaten, sondern z. B. nur auf Kontaktvermittlung hinauslaufen, auf vielfältige Weise honorieren kann, ohne dass dies irgendwo an verdächtiger Stelle auftaucht. Und wer weiß besser als fachlich versierte, aber ethisch vollkommen unbeleckte Jurist*innen, wie man sowas auf eine Weise konstruiert, dass es eben nicht auffällt?

Von den Heerscharen von Jurist*innen in Steuer- und Wirtschaftskanzleien, die nichts anderes tun, als im Auftrag ihrer Mandant*innen daran zu arbeiten, wie man die Gemeinschaft möglichst gut behumpsen und den Staat schröpfen kann, reden wir lieber gar nicht erst. Viele davon sind keine Demokraten und waren nie welche. Sie nutzen die Freiheit des Systems aus und würden in jedem anderen ein Auskommen finden. Und sei es dadurch, dass sie wieder Rassegesetze zu formulieren, auszuführen oder in ihre Praxis einzubeziehen hätten. Nicht wenige haben die Struktur, die es ermöglichen würde, sie an einem „Volksgerichtshof“ einzusetzen.

Was sollen, was können wir als Zivilgesellschaft dagegensetzen, wenn die Demorkatie immer mehr gefärdet ist, nicht nur durch freidrehende offen Rechte, sondern auch vom „Apparat“ und durchaus versierte Theoretiker*innen? „Wo Recht zu Unrecht wird, ist Widlerstand zur Pficht?“ Wohl den Mutigen, die das in einem nicht zuletzt von eiskalten Juristen gesteuerten autokratischen oder totalitären System noch wagen.

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s