Verbrannt – Tatort 957 #Crimetime 608 #Tatort #Hamburg #Bundespolizei #Falke #Lorenz #NDR #verbrannt

Crimetime 608 - Titelfoto © NDR, Alexander Fischerkoesen

Strange Fruit

In Polizeigewahrsam verbrennt ein Asylbewerber aus Mali und Lorenz und Falke stornieren ihren eigentlichen Auftrag, um diesen Tod auszuermitteln. Die Darstellungen in diesem Tatort sind so brisant, dass einige Recherche notwendig war, damit wir uns ein differenziertes Bild machen konnten.

Kann ein solcher Film produziert werden, ohne dass man auf einen realen Fall verweisen kann? Diese Frage kam beim Anchauen des 957. Tatorts schnell auf, und die nachträgliche Suche im Netz erbrachte in der Tat, dass diesem Film der Tod von Oury Jalloh im Oktober 2005 zugrunde liegt, der in einer Gewahrsamszelle bei der Dessauer Polizei verbrannte. Dass der Film gerade jetzt so den Nerv trifft, war bei seinem Dreh im Oktober 2014 wohl noch nicht abzusehen – und häte man ihn ein Jahr später  angegangen, wo alle Kräfte angespannt werden müssen, um die aktuelle Lage zu bewältigen? Mehr zu all dem ist in der -> Rezension nachzulesen.

Um seiner Sache sicherer zu sein, bedient sich „Verbrannt“ nicht nur bei mindestens zwei anderen Filmen, sondern verwendet am Ende auch Billie Holidays Signature Song „Strange Fruit“, um seine Aussage noch einmal zu verstärken. „Verbrannt“ ist auf Polarisierung angelegt, und das ist unangenehm für den Zuschauer, weil gerade in diesen Tagen tatsächlich das  Zusammenstehen so wichtig ist. Eine andere Form von Gemeinschaft freilich, als die Konspiration, die einen Sumpf des Rassismus nicht nur auf der gezeigten Polizeidienststelle evoziert.

Handlung

In einer niedersächsischen Kleinstadt beschatten die Bundespolizisten Thorsten Falke und Katharina Lorenz einen afrikanischen Asylbewerber, der verdächtigt wird, für eine Schleuserbande mit gefälschten Pässen zu handeln. Bei der darauffolgenden Festnahme kommt es zu einer heftigen körperlichen Auseinandersetzung zwischen Falke und dem Verdächtigen.

Der vermeintliche Schleuser wird über Nacht in Polizeigewahrsam genommen, um am nächsten Tag verhört zu werden. Am Morgen erfahren Falke und Lorenz, dass es nachts zu einem Unglück gekommen ist, bei dem der Mann unter noch ungeklärten Umständen starb. Falke beginnt, gemeinsam mit Lorenz auf eigene Faust zu ermitteln.

Rezension / enthält Angaben zur Auflösung

Um seiner Sache oder seiner Wirkung sicher zu sein, bedient sich „Verbrannt“ nicht nur bei mindestens zwei anderen Filmen, sondern verwendet am Ende auch Billie Holidays Signature Song „Strange Fruit“, um seine Aussage noch einmal zu verstärken. „Verbrannt“ ist auf Polarisierung angelegt, und das ist unangenehm für den Zuschauer, weil gerade in diesen Tagen tatsächlich das  Zusammenstehen so wichtig ist. Eine andere Form von Gemeinschaft freilich, als die Konspiration, die einen Sumpf des Rassismus nicht nur auf der gezeigten Polizeidienststelle evoziert.

2015, 2005 und die Geschichte.  Der Tod von Oury Jalloh fiel tatsächlich in die Zeit, in der die deutsche Einheit fünfzehn Jahre bestand. Ihn zum 25jährigen Jubiläum aufzugreifen und in Zwischentiteln explizit den Einheitsfeiertag mit einem fiktiven Fall zu verknüpfen, der auf diesem realen Ereignis beruht, ist eine sehr interessante Idee. Wenn man Polizisten beim Grillfest am Einheitsfeiertag sieht, wie sie Deutschland hochleben lassen, während in einer Zelle ihrer Dienststelle gerade ein Asylbewerber unter zunächst mysteriös erscheinenden Umständen verbrannt ist und eine Lippenleseri Zoten und konspirative Gespräche hintereinanderweg nachbilden lässt, wenn die gesamte Umgebung, die Häuser, die Dekors, so rückständig, so 1980er-mäßig wirken und in Graubraun gefilmt sind, dann hat man eine Atmosphäre, die gar nicht anders als rassistisch sein kann.

Ein Tatort zum Frösteln, und wenn man eine Wut hat, wie am Ende gegen den idiotischen Jungpolizisten, wird sogar die eiskalt. Das, was dem Möhring gegenüber dem jungen Afrikaner passiert ist, wäre uns wohl nicht durchgerutscht, obwohl die Manipulation klasse war. Und entlarvend. Wie leicht kann man Aggressionen mobilisieren, vor allem gegen jemanden, der in ein Schema passt, in ein Feindbild.

Was der NDR sich aber nicht getraut hat, bei diesem sehr eindeutig positionierten Film: Ihn tatsächlich im Osten spielen zu lassen. Immerhin gehört doch Mecklenburg-Vorpommern zum Sendegebiet, und dass es dort keinen Rassismus gibt, kann nun wirklich niemand behaupten. Aber wäre das nicht doch diskriminerend gewesen? Kontraproduktiv?

Die Niedersachsen hingegen, bei denen „Verbrannt“ gefilmt wurde, können wohl einiges aushalten, denn regelmäßig werden die dortigen Ortschaften schon seit Jahren von Charlotte Lindholm heimgesucht, durch deren Ansichten und Einsichten vermittelt, ist uns die überhaupt nicht diskriminierende Sicht des NDR auf die ländliche Bevölkerung im eigenen Sendegebiet bekannt. Aber wir kennen die Stadt, in welcher sich der Realfall zugetragen hat, von einigen dienstlichen Terminen. Das Bauhausarchiv ausgenommen, gibt’s dort nicht viel Sehenswertes. Und nirgendwo haben wir bisher so wenige junge Leute und so anteilig viele Menschen mit Gehhilfen wahrgenommen. Wer in dieser Tristesse verbleibt, so das Gefühl, ist zu alt, um abzuhauen – oder zu dumpf und immobil, um anderswo eine Chance zu suchen. Dessau liegt allerdings nicht im Zuständigkeitsgebiet des NDR, sondern des MDR. Und der hat es bekanntlich nicht so mit dem Finger in die Rassismus-Wunde legen wie die Sendeanstalt aus Hamburg.

Rassismus hat im Osten besondere Wurzeln, die über das traditionelle Neonazi-Milieu, das auch im Westen vorhanden ist, hinausweisen. Erzwungene Freundschaft gegenüber den sozialistischen Brüdern in der DDR bei gleichzeitiger Herausbildung starker Feindbilder und Förderung von Aggressionen gegenüber dem Westen, ohne, wie im Fall umgekehrt, gegen Feindbilder demonstrieren und seine Meinung frei äußern zu können, ohne das Ventil, ab und zu die Staatsmacht herausfordern zu dürfen, ohne dass es gleich ans Leben geht; dazu eine Wende, die eine Vielzahl von Menschen als Verlierer zurückgelassen hat und das mittlerweile jahrzehnte überdauernde Versagen der Politik, integrativ in jeder Richtung zu wirken, das alles verdichtet der Film, ohne es auszusprechen und eine Interpretation zu verlangen, zu einer Art Verlierermentalität, die Hass gebiert.

An der zweifellos etwas dran ist, und die auch rechte Gesinnungen fördert. Die Vorführung des Polizistenkollegen von Lorenz, seine eigene Erklärung, die greift natürlich zu kurz und kann nicht als Rechtfertigung für den Hass auf die Fremden dienen. Und das is gut so, denn eine soziologisch fundiertere Abhandlung der Ursachen hätte womöglich relativierend gewirkt, und sie anzugehen, das ist eine Sache für engagierte Sozialarbeiter, welche die Wirklichkeit in ihrer Gänze und nicht nur nach Gusto an sich heranlassen können und deren Job es ist, sie in kleinen Schritten zu verändern.

Der Film aber widmet sich der Bestandsaufnahme. Und das mit jedem Recht, angesichts der Tatsache, dass keine Woche vergeht, ohne dass Flüchtlingsunterkünfte brennen. Zusammenhalt in schwierigen Zeiten heißt nicht, Missstände unter den Teppich kehren zu dürfen.

Um die Bestandsaufnahme besonders drastisch und plastisch zu inszenieren, haben sich die Macher von „Verbrannt“ eine Anleihe bei „Eine Frage der Ehre“ genommen und den „Code Red“ mit „Hagen“ gleichgesetzt. Der „Code Red“ war eine unzulässige Repression innerhalb des Militärs, die zum Tod eines jungen Soldaten geführt hat, also eine interne Verletzung der Rechtsstaatlichkeit, vom Kommandanten der Einheit gedeckt, ja sogar personifziert, ähnlich wie hier vom Dienststellenleiter Werl, und auch dort fällt der von Jack Nicholson gespielte Offizier am Ende aus der Rolle, weil sein Inneres sich von den forschen internen Ermittlern herausgefordert fühlt. Zudem greift „Verbrannt“ auf die Nibelungensage zurück, um die Nibelungentraue innerhalb der Polizei zu demonstrieren – wir folgen alle dem Chef, wenn schon nicht in den Tod, dann doch in die rassistisch motivierte Illegalität und halten dicht, egal, was passiert. Wer letztlich den Tod des Afrikaners Jibril verursacht hat, spielt da schon keine Rolle mehr, und als Krimi ist „Verbrannt“ denn auch konsequent einfach gestrickt. Keine zu komplexe Handlung soll von der Mission ablenken. Der Jungpolizist, der sowieso rechts denkt und seine „Feuertaufe“ im allzu wörtlichen Sinn besteht, die diensthabenden Kollegen von der Nachtschicht, die sich mächtig Zeit lassen, bis sie nach dem Feueralarm eingreifen, alle zusammen haben den Mord aktiv oder durch Unterlassen begangen, und der geistige Brandstifter und mindestens Anstifter ist Dienststellenleiter Werl, der von Beginn an so verdächtig jovial gegenüber den Bundespolizisten wirkt.

Aber was ist mit Falke, dessen sich hier ebenfalls der Furor Teutonicus bemächtigt und der dem Jibril mächtig zusetzt, nachdem dieser der Kollegin Lorenz in den Magen geboxt hat? Leider ist dies eine Schwachstelle des Films, denn die Rechtfertigung der Gewalthandlung von Jibril, die sich Lorenz und Falke im Anschluss selbst zurechtlegen, nämlich, dass dieser eine Frau, die sich als Polizistin zu erkennen gibt, für eine offenbar außerordentlich aggressivw Neonazi halten könnte, ist idiotisch. Dass er sich aus Panik der Festnahme widersetzt hat, ist hingegen nicht unnatürlich, wie auch sein späteres, panikgesteuertes Verhalten in der Zelle belegt. Dass Lorenz und Falke einzeln den Flüchtenden hinterherlaufen, ist, das klingt auch an, unprofessionell. Diese Erwähnung macht es bei hochtrainierten Bundespolizisten nicht besser, eher im Gegenteil, weil es auf die Schwachstelle hinweist. Und natürlich hätte sich dieser Top-Polizist Falke nicht so gehen lassen dürfen. Eine Entschuldigung für die überschießende Nothilfe kann es, wenn sie denn überhaupt zulässig ist, aus einem ganz anderen Aspekt heraus geben, und dieser hat nichts damit zu tun, dass der von ihm angegriffene Jibril afrikanischer Herkunft ist: Dass mit Falke die Gefühle für seine Kollegin durchgehen, die er zweifelsohne hegt und die er immer unterdrückt.

Dabei hätte alles nicht so kommen müssen. Wenn Falke nicht unbedingt am Dienstweg vorbei und unrealistischerweise selbst ermitteln wollte, weil er der Internen vor Ort nicht traut, weil er sich schuldig fühlt aufgrund seines Ausrasters, dann hätte er sich die Kollegin vielleicht erhalten können. Oder doch nicht? Petra Schmidt-Schaller wollte aussteigen, aber wie schon in Frankfurt bei Conny Mey (Nina Kunzendorf), war der Abschied wenigstens nicht so abrupt, dass man ihn nicht hätte in den Film integrieren und damit trefflich die ohnehin elegische Grundstimmung hätte unterstreichen können.

Deswegen darf er ihr am Ende des Films auch etwas ins Ohr flüstern. Da ist längst klar, dass die starke, aber empfindsame junge Frau den Job schmeißt. Ob da auch Enttäuschung über Falke drin ist? Sie sagt, nein. Eine Liebe im Dienst, die sich nie erfüllen konnte, nicht einmal so ausgesprochen werden durfte, dass wir es mitbekamen. Der schöne Abschied trägt zur Steigerung der melancholischen Grundstimmung bei. Auch diese Szene bzw. die Tatsache, dass wir als Zuschauer nicht verstehen, was die beiden sich da, aus der Fentfernung in einer Totalen gefilmt, sagen, es uns also ausmalen dürfen, ist aus einem Film übernommen, dessen Name wir leider in diesem Moment nicht präsent haben.

Musikalisch wird das Ende zudem von Billie Holidays „Strange Fruit“ begleitet, dem vielleicht düstersten Lied der Mustikgeschichte, das bereits 1939 entstand und während der Bürgerrechtsbewegung der 1950er weltbekannt wurde. Es kündet davon, wie von den Bäumen „seltsame Früchte“ herabhängen: Wir sind in den Südstaaten der USA, und die seltsamen Früchte sind Afroamerikaner, die von weißen Mobs gelyncht wurden.

Finale

Das mächtige Statement, mit dem „Verbrannt“ zu Ende geht, überlagert die zuweilen kolportagehafte Darstellung des Polizeimilieus und dass man den Plot getrost als Mittel zum Zweck ansehen darf, mehr nicht. Weil das so ist, hätte man auch diesen Seitenstrang mit der Tochter des Gerichtsmediziners und ihrer Beziehung zu Jibril weglassen können, die so rudimentär behandelt wird, dass sie zur Emotionalisierung des Zuschauers nichts beitragen kann. Einen Einblick ins Leben der Flüchtlinge erhalten wir nur am Rande, aber wir dürfen uns immerhin vorstellen, wie es ist, jahrelang in Anfangsunterkünften zu verbringen, zur Langeweile und Perspektivlosigkeit verurteilt mangels Arbeitserlaubnis und aufgrund Ortszwangs. Genau dies wird jetzt zu einem millionenhaften Schicksal werden, da die zuständigen Stellen vor Ort im Bereich der Integration nicht werden umsetzen können, was die große Politik verspricht oder suggeriert.

Warum das so ist und dass es nicht einmal so nicht sein müsste, wenn man weniger bürokratisch und mehr am Ganzen und notstandsorientiert als an Rechtsvorgaben, die für eine solche Situation nicht geschaffen wurden und an Gruppeninteressen orientiert an diese Herausforderung heranginge, das ist ein anderes Thema. Es wird sich gewiss ein Sender finden, der aus den vorhersehbaren Folgen einen Tatort macht, den wir dann u. a. unter Zuhilfenahme unserer Kenntnisse über die hiesige Verwaltung und die Bedingungen vor Ort kommentieren werden.

Nur der Tatort hat in unserer fragmentierten Medienwelt noch eine Breitenwirkung, die ausreicht, um Botschaften für zehn oder mehr Millionen Menschen so auszusenden, dass sie eine gesellschaftliche Diskussion beeinflussen können. Daraus erwächst eine große Verantwortung, und wenn dabei das eine oder andere Klischee zu stark befördert wird, ist dies besser, als wenn Gefahren für die Zivilgesellschaft nicht thematisiert werden. Die Tatorte behandeln ja nicht nur den Rassismus, sondern auch die Organisierte Kriminalität mittlerweile sehr offensiv, und sie benennen auch Ethnien, die daran beteiligt sind. Nicht kriminelle Angehörige dieser Ethnien könnten sich dadurch ebenso diskriminiert fühlen wie sich korrekt verhaltende Polizisten von „Verbrannt“. Es ist nicht der einzelne Tatort, der für maximale Ausgewogenheit zu sorgen hat, denn dann würde er zu akademisch und distanziert daherkommen. Es ist die gesamte Reihe, der man sicher nicht vorwerfen kann, sie beleuchte nicht alle Seiten des Verbrechens und nicht alle seine Ursachen.

Unsere Wertung: 8,5/10

(c) 2002, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Kommissarin Katharina Lorenz – Petra Schmidt-Schaller
Becker – Stephan Schad
Dr. Arnold – Peter Jordan
Frau Berger – Dorothee Sturz
Harry Seidel – Piet Fuchs
Kohler – Julius Feldmeier
Komparsin – Jana Kirchhoff
Refugee – Thelma Buabeng
Sombert – Annika Kuhl
Tina Arnold – Anna Schimrigk
Verkäuferin – Katharina Behrens
Werl – Werner Wölbern

Drehbuch – Stefan Kolditz
Regie – Thomas Stuber
Kamera – Alexander Fischerkoesen
Schnitt – Max Mittelbach

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