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Creimtime 609 - Titelfoto (c) SWR

Netzjungfrauen, Big Data, Ärger mit dem Ärger-Erkennungsprogramm

Jetzt wissen wir alles, was uns im Bereich der Totalüberwachung und der Künstlichen Intelligenz erwartet. Niki Stein, Thorsten Lannert, Sebastian Bootz und das Stuttgarter Team haben es möglich gemacht. Und dafür mussten wir nur ein einziges Jahr in die Zukunft reisen.

Um einen Tatort zu bewerten, in den so viel reingepackt wurde, muss man, wenn man das ernsthaft und im Stil seines Themas, der IT, machen will, seinen Quellcode auslesen und, aus der literarisch-filmischen Richtung, eine Text-Strukturanalyse drüberlegen. Oder ist das alles Quatsch und im Grunde ganz simpel? Die Rezension wird dieses Mal einzelne Aspekte herausgreifen und daraus eine hoffentlich nicht künstlich intelligente Bewertung kreieren. Aber ein bisschen wollen wir uns doch an HAL und die anderen anpassen. Nur eines werden wir sicher nicht: Bei niedriger Gesamtpunktzahl die Macher des Films aus dem mit Atmosphäre ausgestatteten Teil des Tatort-Universums hinausbefördern. Also schön ruhig bleiben. Es steht nämlich alles Wichtige in der -> Rezension.

Handlung

Im 19. Fall der Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz geht es um den Mord an Elena Stemmle, Schauspielschülerin mit Nebenjobs bei einem Online-Escortservice und bei der Softwarefirma Bluesky. Dort war sie Probandin für das gleichnamige Social-Analysis-Programm, dem ganzen Stolz von Geschäftsführerin Mea Welsch und Entwickler David Bogmann. Bluesky ist ein selbstlernendes Programm, das Big Data nutzt, um zukünftiges Gewaltverhalten zu prognostizieren.

Während damit Verbrechen verhindert werden sollen, vermuten Lannert und Bootz bei David Bogmann vergangene Gewalttätigkeit. Denn auch die Polizei kann Daten korrelieren und die weisen im Fall Stemmle auf David Bogmann als wahrscheinlichen Täter hin. Als ein Video im Netz auftaucht, das von Bogmanns IP-Adresse stammt und Elena Stemmles mutmaßlichen Tod zeigt, zieht sich die Schlinge um den Entwickler zu. Dabei hat der gerade ganz andere Sorgen, denn er fürchtet, dass Bluesky dabei ist, außer Kontrolle zu geraten. Kameras und Sensoren erfassen uns, Daten werden zu Profilen zusammengefügt, Big Data ist nicht zuletzt eine gigantische Möglichkeit der Überwachung. Um die Logik der Datenauswertung bis hin zur Frage, wer eigentlich die Macht über uns und unsere Daten hat, geht es Autor und Regisseur Niki Stein im neuen „Tatort“ aus Stuttgart. Der „Tatort: HAL“ spielt in der nahen Zukunft, die vielleicht schneller Gegenwart ist, als wir erwarten. Und zu der sich nicht nur die Stuttgarter „Tatort“-Kommissare verhalten müssen.

Rezension

  • Mehrfach haben wir geschrieben, die Stuttgarter verdienen bessere, wenn nicht außgerwöhnliche Drehbücher, als sie zuletzt welche hatten. Wenn wir jetzt aber „besser“ und „außergewöhnlich“ schon hier zusammen bewerten würden, wäre der Rest der Rezension witzlos. Daher belasse ich es bei „außergewöhnlich“.
  • Nach den Fotos, die es vorab zu sehen gab, wirkte es, als wenn auch Lannert und Bootz sich von Bluesky analysieren lassen würden, darauf war ich so gespannt. Es waren aber „Stills“, die das nur suggerierten, , dass Bluesky vielleicht nicht mit den Cops zusammenarbeiten will, weil sie zu finster dreinschauen oder was auch immer man in die Fotos hineindeuten kann, kam aber leider nicht vor. Auf dem von uns gewählten Titelfote sieht man Bootz, wie er von Bluesky gescannt wird, mit Familie – aber dass Bluesky in sein Leben und seine Psyche eindringt, erleben wir leider nicht, und das wäre doch eine Vertiefung in jedem Sinn des Wortes gewesen. Warum gibt es die nicht? Darauf komme ich noch.
  • In diesem Tatort wurden zwei grundsätzlich verschiedene Themen miteinander vermengt: Big Data und Künstliche Intelligenz. Sicher kann man sich vorstellen, dass das eine vom anderen ausgewertet wird und die KI zieht dann ihre eigenen Schlüsse daraus. Aber der Aspekt, dass die Technik den Menschen komplett entgleitet, die aus Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ am ähnlichsten beschrieben wurde, ist davon strikt zu trennen.
    • Das Dämonische beider Aspekte, wenn man sie durchdenkt, hebt sich leicht auf, wenn beides auf unrealistische Weise kombiniert wird. Und genau das hat man hier leider getan. Man nimmt am Ende das Ganze nicht ernst, wenn plötzlich der Entwickler David Borgmann ausrastet und auf seine Schöpfung schießt, obwohl er vorher erklärt hat, dass diese sich ohnehin („distributiv“) überall in der Welt selbstständig auf freien Serverkapazitäten tummelt. Da nützt ein physischer Angriff aufs Rechenzentrum wenig, auch wenn er vielleicht nur als Ausdruck von durchgeknallt rüberkommen soll. Es funktioniert ja auch nicht, das Programm bleibt in Betrieb, während sein Schöpfer schon dahingegangen, seinem eigenen Schöpfer entgegengetreten, in die ewigen Jagdgründe der ITler eingetreten ist, in denen es von Ikonen der Computergeschichte wimmelt.
    • Der Big Data-Teil hingegen ist sehr wohl realistisch, auch wenn es eine Sache nie geben wird, und man hätte sie gar nicht herausstellen müssen, so fällt nur auf, dass hier geholzt wird, wo es mit Finesse nicht vorangeht: Ausgeschaltete elektronische Geräte können nicht zur räumlichen Überwachung verwendet werden. Wo kein Signal, da kein Zugriff auf Daten, auch nicht auf Bewegungsdaten. Das wird immer so bleiben. Wenn man diesbezüglich schon aus der aktuellen Realität und der künftigen Realität fällt – dann muss man beispielsweise eine Idee aufgreifen, die aber leider erst nach dem Dreh des Films relevant wurde: Ein Programm verbreitet sich auf iPhones und liest sie komplett aus. Die Weiterentwicklung: Das Programm verhindert, ohne dass das für den Nutzer  sichtbar wird, die völlige Abschaltung. Allerdings, irgendwann wird der Akku ja doch leer und dann fällt es auf. Zumindest bei Leuten, die ab und zu ihr Teil aus der Hand legen und es nicht wegen intensiver Nutzung ziemlich oft nachladen müssen. Aber wenn man schon suggeriert, dass sich ein KI-Programm nicht abschalten lässt, dann ist es andererseits konsequent, dass man das von Geräten, die Bewegungsdaten melden, auch annimmt.
  • Was in „2001“ eine von vier Episoden darstellt, wird also in „HAL“ (der Name steht übrigens für „Heuristic-Algorithmic“) zur Basis gemacht, wobei die Abwandlung darin besteht, dass der HAL des Jahres 2016 eben keinen Fehler macht, nicht neurotisch wird, sondern merkt, dass er deswegen abgeschaltet werden soll, weil er zu gut ist. Aber wir sind ja auch 15 Jahre weiter, gegenüber dem Film von Stanley Kubrick sogar fast 50 Jahre.
  • Solange aber Typen wie HAL nicht die deutsche Sprache korrekt beherrschen und mehrmals von „Sinn machen“ faseln, anstatt die Duden-Redaktion anzuzapfen, weil ihnen diese Sprachverwendung bei dem ihnen unterstellten IQ seltsam vorkommen müsste, ist alles okay. Wir werden als Menschen einen Weg finden, sie weiterhin zu beherrschen und auch diejenigen, welche sich die KI ausdenken. Der Zufall wollte es, dass ich eine der Universitäten ein wenig kennenlernen konnte, an denen auch das DFKI (das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz) angesiedelt ist und dort, wie die gesamte IT, zulasten anderer Intitute und Fachbereiche mächtig gepimpt wurde. Die Ergebnisse sind auch fast 30 Jahre nach dessen Einrichtung bei weitem nicht so, dass man Szenarien wie das im Film gezeigte befürchten muss. Dass die Deutschen auch im Roboterfußball Weltmeister sind, belohnt doch die hohen Forschungsinvestitionen hinreichend, da muss man nicht solche Bedrohungen erfinden wie die durch Judy und die anderen.
  • Wie schnell müsste die Staatsmacht reagieren, wenn im öffentlichen Raum jemand mit Ärger im Gesicht rumläuft, der darauf schließen lässt, dass der Mensch bald einen Terroranschlag verüben wird? Und was, wenn er nur Blähungen hatte wegen zu viel Bohnen gegessen? Oder wenn er einen dichten Bart trägt und dann noch eine Brille und dann aussieht wie alle anderen (O-Ton KT Banovic, womit sie Recht hat). Dann müssen mangels verwertbarer Gesichtszüge grimmig zusammengezogene Augenbrauen ausreichen, um Menschen mit bösen Absichten zu identifizieren, und dann sind wir wieder bei den Klischees. Und warum muss ein Programm, das gewaltpräventiv sein soll, überhaupt in so viele Richtungen entwickelt werden wie Bluesky? Ah ja, wegen der Kostenzwänge. Es soll ja Menschen ersetzen. Das KI-SAP mit allen denkbaren Branchenlösungen.
  • Das Unrealistischste am Film ist aber nicht HAL-Bluesky, sondern, dass ein Kind heute noch ein Lied – ja, nicht nur singen, sondern sogar pfeifen kann. Absurd, zumal alle traditionellen Kinderlieder irgendwelche Elemente beinhalten, die entweder a.) nicht PoC sind oder b.) psychische Deformationen verursachen könnten, wie eben „Hänschen klein“. Die heutige Jugend ist schon ängstlich genug und will nur beim Staat arbeiten, da bedarf es nicht solcher Abnabelungs-Verweigerungstexte, um sie auch noch länger ans Hotel Mama und dessen Verlängerung, die staatlich garantierte Wohlfühlzone, zu binden (es gibt eine längere Textvariante, die ist etwas differenzierter, aber die dürften die meisten nicht kennen). Dass Bluesky das Lied dann auch pfeift, als es David nicht mehr reinlässt, ist aber eine nette Idee.
  • Einen schönen Neologismus (zumindest war mir der Begriff neu) gibt es aber auch: Netzjungfrau. So eine will ich auch haben, wenn es schon sonst keine mehr gibt. Ehrlich? Nein. Auch diese gesellschaftliche Gruppe dürfte mittlerweile beinahe ausgestorben sein.
  • Auch der Krimi im Tatort ist beinahe ausgestorben und wird durch Mansplaining ersetzt. Einen gewaltigen Unterschied gibt es zu „2001“ und den meisten anderen in Bezug genommenen Filmen / Serien („Planet der Affen“, „Daktari“, „Matrix“, „Robocop“, „Minority Report“ usw.), und besonders deutlich wird er, wenn Stein den Kubrick machen will: Was bei Kubrick alles interpretationsfähig ist und mit wenigen Worten auskommt, was man philosophisch ausdeuten kann, wird im Tatort wieder einmal zu einer Erklärungs-Endlosschleife, die das durchaus aufwendige und schöne Filming kontert. Man erkennt die Anspielungen, vom fliegenden Holzstock („2001“: Knochen) zur zerstörten Tonscheibe oder zum Handy („2001“: Raumschiff) über HAl natürlich bis zum intensiven Atmen des gestressten Entwicklers („2001“: Raumfahrers). Und erinnert der Tisch im Besprechungsraum von „Bluesky“ nicht an die Monolithen aus „2001“? Die haben allerdings nie Fingerabdrücke angenommen.
  • Die typisch deutsche, fantasielose Erklärungskaskade dominiert leider zu sehr und greift so das Flair an, die faszinierende, dichte Atmosphäre, die guter SF und gute Krimis aufweisen. Und da die Macher schon genug damit zu tun hatten, mit diesem Infodropping die IT zu erklären, bleibt für den Krimi nichts mehr übrig und der Täter wird nebenbei geliefert, praktischerweise ohne Ermittlung, nur mit Handy-Aufzeichnungen, die dann auch noch vom unverwüstlichen „Bluesky“ zur Verfügung gestellt werden – schöne Ironie, keine Frage. Ist ja egal, mir war der Täter ohne Zuhilfenahme von KI bei seinem ersten Auftritt klar. Außer ihm und David B. gab es keine Verdächtigungen. Und David konnte es einfach nicht sein, das wäre gegen alle Plotmuster gewesen. Und Bluesky kommt nicht infrage, der kann zwar Handyfilme manipulieren, aber nicht selbst zur Tat schreiten. Dafür hätte es doch einer robotischen Komponente bedurft. Die Handyfilm-Manipulation an sich gehört übrigens wieder zu den realistischen Aspekten des Films. Bei Standbildern ist das ja ganz problemlos möglich. Es ist nicht billig, aber es geht natürlich auch in Filmen, die CGI-getützten Hollywood-Produktionen der letzten 20 Jahre sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache.

Finale

Der Überwachungsstaat und die privaten Unternehmen, die intensives Big Data betreiben, kommen bei all dem hippen 2001-Revival leider viel zu kurz, und das ist es, was in letzter Zeit sehr häufig beobachte: Die Tatorte wollen zu viel. Am liebsten alles. Und konzentrieren sich daher nicht auf ein einziges Thema. Ein Thema allein, selbst ein so großes und wichtiges wie der Kampf zwischen Freiheitsverteidigung und Sicherheitsbedürfnis reicht anscheinend dem ambitionierten zeitgenössischen Filmemacher nicht mehr. Man geht nicht in die Tiefe, weil man Angst vor der Tiefe hat und der Kenntlichkeit, die man damit dem Publikum offenbart, sondern verbreitert sich und verzettelt sich und verwechselt das mit einer Art von Metaverständnis unserer Zeit und ihres Geistes.

Keine Frage, dass „HAL“ kunstfertig inszeniert ist, und ich weiß gelungenes Design gewiss zu schätzen, aber die Kombination von Big Data als bereits sehr relevanter IT-Folge und einer Form von KI, die nicht einmal im Ansatz erkennbar ist und sicher auch 2017 nicht zum Bestand der praxisbezogenen Anwendungen von KI gehören wird, tut dem Film nicht gut. Nicht, weil Überspitzung schlecht wäre und man nicht ein wenig dahingehend spinnen darf, wie es werden könnte, Big Data meets eigenständig arbeitende KI, sondern, weil es an Tiefe und Schärfe fehlt. Ich fand den Film amüsant, interessant, er war auch etwas fürs Auge, aber eine Bedrohung habe ich während des Anschauens viel weniger verspürt als bei manchen Vorgängen in der realen Welt, obwohl ich durchaus für Stimmungen empfänglich bin, die vom Bildschirm kommen.

Dass die Ermittler in diesem techniküberladenen Werk etwas zu kurz kommen, ist leider auch schade – sie wirken in der Tat wie Fremdkörper in dieser Welt, auch deswegen, weil sie die Position des Laien einnehmen müssen, der vor dem Fernseher sitzt und vielleicht noch in der Analogwelt des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist. Ihnen muss alles erlärt werden, damit es dem Publikum klar wird, und das bedingt eine Asymmetrie und einen Mangel an Möglichkeiten für die Cops, Szenen zu beherrschen und uns emotional mitzunehmen. Man hätte das z. B. dadurch bewirken können, ganz dem coolen Konzept folgend, indem sie selbst von HAL-Bluesky manipuliert werden. Siehe Anmerkung weiter oben zum Titelfoto. In diese Richtung dachte ich angesichts der Fotos, die ich mir vorher angeschaut habe. Aber dafür war in diesem wieder einmal überladenen Film kein Raum. Wenn die IT wirklich als Mindforming-Instrument wirkt, dann eher so: Wir neigen dazu, nicht mehr strukturieren zu können und auf die Filmemacher prasselt alles ebenso ein und will sich nicht zu einem dynamischen, spannenden Plot fügen lassen wie die Informationsvielfalt im Netz auf dessen Nutzer, der nur noch am Aufnehmen ist und nicht mehr zur Analyse und zum Exzerpt kommt.

Wegen des zweifelsohne vorhandenen und oft auf interessanten Abwandlungen vorhandener Elemente aus SF-Filmen fußenden Ideenreichtum des Films aber trotzdem

7/10.

© 2016 Der Wahlberliner, Alexander Platz

Richy Müller (Hauptkommissar Thorsten Lannert), Felix Klare (Hauptkommissar Sebastian Bootz), Ken Duken (David Bogmann), Karoline Eichhorn (Mea Welsch), Carolina Vera (Emilia Alvarez), Sophie Pfennigstorf (Elena Laiskis), Jürgen Hartmann (Dr. Vogt), David Liske (Bernhard), Natalia Bobyleva (Sonja), Saskia Huppert (Belinda).

Regie: Niki Stein, Drehbuch: Niki Stein, Musik: Jacki Engelken

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