Mauerblümchen – Tatort 725 #Crimetime 614 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Mauer #Blümchen #Blume

Crimetime 614 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Tschechinnen, Russinnen und eine Art Déjà-vu

Wir hatten „Mauerblümchen“ nicht gefunden. Wir wollten ihn in den seinerzeit über 230 veröffentlichten Beiträgen zur TatortAnthologie aufspüren und auch im Archiv der noch zu veröffentlichenden Beiträge. Nirgends war zum Tatort 725 ein Text zu finden. Ganz sicher sind wir uns aber, dass wir „Mauerblümchen“ schon einmal gesehen haben und dass es nicht so lange her ist. In jener Zeit, in der wir für den Wahlberliner schon über jeden gesehenen Tatort geschrieben haben.

Im letzten September wurde er dann wiederholt und wir veröffentlichen die Rezension als „Double Featuer“ in Anschluss an den neuen Leipzig-Tatort „Frühstück für immer“.

Anlässlich einer weiteren Wiederholung veröffentlichen wir die -> Rezension aus dem Jahr 2014 im „zweiten“ oder „neuen“ Wahlberliner in der Rubrik „Crimetime“.

Handlung

Eva Saalfeld und Andreas Keppler werden mit den Auswüchsen des modernen Arbeitsmarktes konfrontiert. Zeitarbeit und illegale Beschäftigung scheinen zum Missbrauch von Menschen aufzufordern. Zum Inhalt: Der junge Amtsleiter Armin Lohmann wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der erste Verdacht fällt auf seine Ehefrau Katrin. Die Hauptkommissare Saalfeld und Keppler finden blutige Fußspuren am Tatort, die auf die Anwesenheit einer fremden Frau in der Tatnacht hinweisen. Hat Katrin ihren Mann aus Eifersucht getötet, weil dieser seine Geliebte mit nach Hause brachte? War die Unbekannte Zeugin dieses Mordes? Oder war sie selbst die Täterin?

Auch der Leipziger Bauunternehmer Stefan Rose, mit dem sich Lohmann noch am Abend zuvor traf, hätte ein Motiv gehabt – machte er den Amtsleiter doch für einen Baustopp verantwortlich, der seine Firma in Bedrängnis gebracht hat. Wollte Rose Lohmanns politisches Ende beschleunigen? Oder versuchte er, ihn mit einer Prostituierten zu bestechen? Ging bei diesem Bestechungsversuch vielleicht etwas schief? Dieser Verdacht drängt sich auf, als wenig später die Leiche der jungen Tschechin Alena Buranek gefunden wird, die an den Folgen einer Misshandlung starb. Offiziell war sie als Leiharbeiterin bei dem Zeitarbeitsunternehmen „Rapid“ angestellt und arbeitete im „Hotel Elster“ als Zimmermädchen. Ulrike Horn, Inhaberin der Firma, behauptet, von Alenas „Nebentätigkeit“ als Prostituierte nichts gewusst zu haben.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung!)

Was „Mauerblümchen“ so sperrig macht, dass wir ihn beim ersten Anschauen nicht bewerten wollten, ist vermutlich seine thematische Vielfalt, die ihn überladen und statisch wirken lässt. Ein einziges Thema wie Menschenhandel, Kinderprostitution, Organhandel, Lohndumping, bauwirtschaftliche Bestechung und Fluglärmbelästigung hätte ausgereicht, um einen guten Krimi zu machen, aber man  hat sich wohl nicht getraut, ein bereit in irgendeiner Form bearbeitetes Thema wieder aufzugreifen, also hat man so ziemlich alles in den Topf geworden, was gerade angesagt war oder stets von latenter Relevanz ist, wie zum Beispiel, dass am Bau geschmiert wird.

Am Ende war es nicht die Bauwirtschaft und nicht der Sumpfvogeljäger, am Ende war es das Ding mit den Mädchen aus Osteuropa. Aber wie sich der Mord am Multi-Amtsvorsteher Lohmann zugetragen hat, das zu erklären halten die Macher von „Mauerblümchen“ nicht für notwendig.

Dabei weiß doch jeder Krimifan, dass ein Whodunnit zwar so heißt, weil danach gesucht wird, wer den Mord begangen hat, dass aber diese Handlungsanlage es auch bedingt, dass das Wie durch die Ermittler oder die Ermittlungen oder durch ein Geständnis zutage tritt oder dass dieses Geständnis das bisherige Wissen ergänzt. Nichts davon in „Mauerblümchen“, dessen Ende eine Schrecksekunde für Keppler- bzw . Wuttke-Fans beinhaltet. Man erfährt nicht einmal, wann und ob der Herr Jörg Stein, Hotelbesitzer, den Lohmann aufsucht. Muss er aber wohl getan haben. Schwamm drüber, Eva durfte um Andreas weinen, das ist auch ganz nett und zeigt eine langsam ansteigende Empathie der Ex-Eheleute füreinander. Außerdem kennt Keppler sich verdächtig gut mit Drogen und Alkohol aus, also den Dingen, die bei Frau Lohmann dafür sorgen, dass der Fluglärm erträglich wird – man wird in einem späteren Tatort noch sehen, woher dieses Expertenwissen stammt.

Allein aus der Fluglärmsache hätte man einen coolen Krimi machen können. Aber der sollte angesichts des gigantischen, traumatischen Pannen-BER und der endlosen Diskussion über die Flugrouten und deren Auswirkungen dann doch Berlin vorbehalten bleiben. Wann endlich kommt der Tatort zum immer weiter anwachsenden Milliardengrab und den teils hysterischen, manchmal auch berechtigten Lärmempfindlichkeiten der Brandenburg-Berliner Anwohner verschiedener Orte und Bezirke?  Lärm macht krank, führt aber nicht zum Mord, jedenfalls nicht in „Mauerblümchen“.

Das Schicksal der jungen Mädchen oder Frauen aus Osteuropa bleibt immer ein bewegendes, nicht einmal eine Inszenierung, welche Dramatik anzielt, aber nicht herstellen kann, ändert dies. Durch die schwache Fokussierung dieses Films relativieren sich diese Schicksale nicht, aber man hat den Eindruck, dass z. B. Leiharbeit und Prostitution in ein ungünstiges gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis mit stufenweiser Schuld der Vermittler und der Armuts-Ausnutzer gebracht wird.

Wobei die Vermittlerinnen Frauen sind und diejenigen, welche die Lage der Mädchen ausnutzen, Männer.  Durch die Addition negativer Faktoren, die sich für zwei russische Beinahe-Kinder zu einer gewaltigen Lebenshypothek schon in jungen Jahren aufbauen, wird die Brisanz eher gemindert als gesteigert. Selbst der von uns nicht sehr hoch gehandelte „Willkommen in Hamburg“ aus 2013 hat sich da entschiedener und dezidierter gezeigt.

Ausgleichsweise wird die Saalfeld-Figur ungewöhnlich stark an Lürsen oder Lindholm angelehnt, also dem geneigten Zuschauer haargenau  zeigen, wie man zu den Männer zu stehen hat, die es „nur gut meinen“  oder „nur helfen wollen“. Ungewöhnlich, dass Eva so deutlich wird – und damit geht leider etwas verloren, was wir gerade an dieser eher auf easy going angelegten Figur schätzen. Nämlich ihr nicht gleichgültiger, aber kaum kommentierender Umgang mit den Motiven, die hinter Verbrechen auszumachen sind.

Die andere Hälfte des Ermittlerduos, Andreas Keppler, ist eigentlich derjenige, der für die deutlichen, manchmal auch verletzenden und überheblichen Aussagen gegenüber Verdächtigen verantwortlich zeichnet. Dieses Mal belässt er es aber überwiegend bei einem süffisanten Grinsen hinter dem interessanten Schnurrbart, den er jetzt trägt, und belegt damit, dass man die Geschlechtskollegen und Freunde des schnellen und erzwungenen Bezahl-Geschlechtsverkehrs gut enttarnen kann, wenn man sowieso misanthropisch veranlagt ist und von den Menschen das Schlechte erwartet. Zu Recht, wie sich zumindest im Fall Nr. 725 schrittweise herausstellt.

Die unaufgeregte, eher konventionelle Bildsprache der Leizpig-Krimis, die wir zuweilen als angenehm empfinden, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängt, ist dieses Mal kein Plus. Sie unterstreicht die reißbrettartig wirkende Plotanlage mit wenig inspirierter Kamera-Arbeit. Natürlich abgesehen von der Eingangszene Badewanne. Die ersten Bilder in Tatorten sind ja mittlerweile auch erstklassige Teaser und versprechen leider sehr oft mehr, als die Filme im Verlauf halten können.

Fazit

Dem Tatort „Mauerblümchen“ ist leider ein ebensolches Dasein beschieden. Trotz der Häufung von Themen, von denen jedes einzelne eine drastische Schilderung verdienen würde, kommt es nicht zu einem kraftvollen Statement und zu einem geschlossenen Konzept. Kleine, nette Momente wie die Rettung des Hundewelpen werden zudem wenig intuitiv, sondern sehr deutlich nach einem Schema gefilmt. Ein so komplex angelegter Krimi braucht ein Schema, um nicht aus dem Ruder zu laufen, aber erstens muss dieses nicht so offensichtlich sein, zum anderen führt es hier nicht zu durchgehender Logik und zu einer befriedigenden Auflösung. Die Vielzahl der Figuren macht es den einzelnen Schauspielern zudem schwer, Akzente zu setzen – in Maßen Eindruck hinterlässt nur Sophie von Kessel als Frau Lohmann.

Das ist schon positiv zu werten, denn sie kommt im Verlauf von „Mauerblümchen“ immer seltener zum Einsatz. Für uns ist der Fall 725 lediglich eine 6,0/10. Vor einem halben Jahr wäre das noch beinahe ein Verriss gewesen, da hätten wir lange drüber nachgedacht, ob dir nicht doch einen halben Punkt höher gehen sollen, weil wir ja doch die beiden asymmetrischen Leipzig-Kommissare ganz sympathisch finden – aber mittlerweile haben sich die Relationen verschoben und das Gefühl, keinem großen Tatort-Ereignis beigewohnt zu haben, bleibt auch nach dem zweiten Anschauen und der nun endlich folgenden Rezension.

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Armin Lohmann – Peter Atanassow
Jörg Stein – Helmut Zierl
Stefan Rose – Arved Birnbaum
Ulrike Horn – Cornelia Lippert
Oxana alias Alena Buranek – Natalia Belitski
Duscha – Silvie Strunová
Taxifahrer – Christoph Jungmann
Rechtsmediziner Dr. Reichau – Kai Schumann
Nachtportier Schmitz – Dieter Jasslauk
Christian Scharper – Stefan Rudolf
Katrin Lohmann – Sophie von Kessel
Sabine Teichert – Steffi Kühnert
Alena Gärtner – Iza Czyz-Kala
Kriminaltechniker Menzel – Maxim Mehmet

Stab
Regie – Johannes Fabrick
Kamera – Matthias Tschiedel
Buch – Simone Schneider
Musik – Andreas Schäfer, Stefan Döring

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