National feminin – Tatort 1130 #Crimetime Vorschau DAS ERSTE 26.04.2020, 20:15 Uhr #Tatort #NDR #Göttingen #Goettingen #Lindholm #Schmitz #NDR #national #feminin

Crimetime Vorschau – Titelfoto © NDR, Frizzi Kurkhaus

Wiedersehen nach nur vier Wochen

„Es geht Schlag auf Schlag. Gerade vier Wochen ist es her, dass Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) ihren zweiten gemeinsamen Fall „Krieg im Kopf“ (Tatort-Folge 1126) lösten, nun geht es im Jagdgalopp weiter:

„National feminin“ ist im neuesten NDR-Tatort der Titel eines Blogs, in dem eine Studentin der Rechtswissenschaft den modernen Feminismus hinterfragt und die „Aufgabe der deutschen Frau“ mit rechtsradikalem Gedankengut mixt. Als Marie mit aufgeschnittener Kehle im Wald gefunden wird, kommen gleich mehrere Täter in Frage“. So leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum 1130. Tatort ein. Leider haben wir „Krieg im Kopf“ noch nicht angeschaut. Durch den sehr kurzen Zeitraum zwischen zwei neuen Filmen desselben Teams könnte es erstmals vorkommen, dass wir über einen aktuellen Tatort schreiben, aber den vorausgehenden noch nicht gesehen haben. Aber das gilt für die nachträgliche Rezension sehr vieler älterer Filme ebenfalls – dass die Chronologie nicht gewahrt ist.

Die beiden Redaktionsmeinungen zu diesem Film gehen auseinander: überinszeniert, viel zu dicke Moralkeule vs. Thema ist notwendig und es ist gut, es in der vorliegenden Form zu zeigen. Wir haben die Tendenz des NDR schon häufiger kritisiert, ausgerechnet mit einer so problematischen Figur wie Lindholm ebenjene Moralkeule zu schwingen, aber wir sind in einem neuen Zeitalter und freuen uns, dass Florence Kasumba es geschafft hat, als Anais Schmitz neben sie gestellt zu werden. Vielleicht wirkt das Moral predigen jetzt authentischer, vor allem, wenn es gegen Rechts geht.

Filmstarts.de“ sind zwar bei der Punktevergabe allgemein recht sparsam, aber 2/5 sind auch dort eher selten. Insgesamt wird fast alles bemängelt, von der Synchronisierung des Falls mit dem Rassismus-Thema bis hin zum Überzogenen, das offenbar mal wieder der Lindholm-Figur ins Drehbuch geschrieben wird, so sehr, dass es den Drehbuchschreibern selbst auffiel und sie ausgerechnet die dunkelhäutige Kollegin, die wirklich rassistischen Angriffen ausgesetzt ist, muss etwas auf die Bremse treten. Eine Huldigung der Diversität wird nach Ansicht von Filmstarts.de mit aus der Zeit gefallen Elementen vermischt und am Ende das Thema doch stark simplifiziert und inkohärent dargeboten.

Der Autor des SWR3-Tatortech ist offenbar schon von zweimal Furtwängler innerhalb von vier Wochen genervt: „Und schon wieder Maria Furtwängler. Der letzte Tatort mit ihr ist gerade mal vier Wochen her. Da hatten Charlotte Lindholm und ihre Kollegin Anaïs Schmitz es noch mit Geheimdienst, Bundeswehr und der Rüstungsindustrie zu tun. Diesmal geht es um eine fiktive rechtsextreme Gruppierung. Doch leider ist der Krimi etwas einseitig geraten, und dazu noch leicht vorhersehbar, sagt SWR3-Redakteur Michael Haas.“

Man muss aber auch daran erinnern, dass die Hannover- bzw. Göttingen-Tatorte bis zur. Nr. 1126 („Krieg im Kopf“) in eher langen Abständen Premiere feierten – in den letzten Jahren, zu Beginn der Lindholm-Ära war die Frequenz der Neuerscheinungen höher. „Gegen Rechts, für weibliche Selbstbestimmung: gute Themen, aber alles glasklar, schwarz-weiß und ohne Selbstzweifel, und dazu sehr von oben herab erzählt.“ Mit dem „von oben herab“ beim NDR und auch bei Radio Bremen haben wir uns ebenfalls schon auseinandergesetzt und haben bereits eine ziemlich gute Vorstellung, wie die Dialoge sein werden. SWR 3 gibt nur zwei von fünf Elchen den Weg frei.

Als problematisch sehen wir dabei nicht nur an, dass ab einem gewissen Punkte auch der Verstand selbstständig denkender Menschen beleidigt wird und Tatorte bei allem, was sie sind, für uns nicht im Stil politischer Brandreden gehalten sein, dass sie ihr Thema zeigen und nicht verkünden sollen. Es geht auch um etwas anderes: Solche Darstellungen überzeugen nur die ohnehin Überzeugten. Die aber brauchen keine Gardinenpredigten und bei den anderen nützen sie nicht. Bisher hat noch keine Fernsehautorität in Person einer Tatort-Kommissarin es geschafft, den Rechtsruck zu verhindern. Obwohl schon in den 1980ern und 1990ern der Hamburg-Kommissar Paul Stoever politisch oft recht deutlich wurde. Schon damals nahm sich der NDR schwierigen Themen an – mit dem Vorteil, dass es  keine AfD gab, die das verfestigte Rechts in den politischen und gesellschaftlichen Raum hätte tragen können. Die Deutungshoheit war noch mehr bei den Öffentlichrechtlichen angesiedelt, als das heute der Fall ist.

Selbst Tilmann Gangloff von Tittelbach.TV, die normalerweise sehr hohe Wertungen vergeben, schreibt: „Der dritte Krimi mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba als „Tatort“-Duo aus Göttingen, „National Feminin“ (NDR / Nordfilm), scheitert an den hohen Ansprüchen, die er selbst stellt. Das Thema – Nationalismus unter Jugendlichen ist brisant und aktuell, aber bei der Umsetzung wird die Botschaft mehrfach allzu sehr in den Vordergrund gestellt (…)“ Bemängelt wird weiterhin u. a. eine Unausgewogenheit zwischen sehr starken und sehr schwachen Szenen und auch hier wieder die außerst didaktische und podiumsidkussionshafte Darstellung, des Themas. Dies wollen wir aber an unsere Leser*innen weitergeben:

„Eine Polizistin soll überprüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Mord und früheren Gewaltdelikten gegen Frauen im Großraum Göttingen geben könnte. Das seien aber ganz schön viele, wendet die Kollegin ein, woraufhin Lindholm einen Kurzvortrag über den „Femizid“ hält: „Wir wissen, dass in Deutschland alle 24 Stunden ein Mann versucht, eine Frau umzubringen; und an jedem dritten Tag gelingt es einem. 2018 waren es 147 Frauen.“ Diese Sätze könnten auch aus einer Podiumsdiskussion mit Maria Furtwängler stammen. Die Schauspielerin engagiert sich für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, macht sich für gesellschaftliche Vielfalt sowie die Überwindung einschränkender Rollenbilder stark und finanziert eine eigene Stiftung, die sich für eine „freie, gleichberechtigte Gesellschaft“ einsetzt. Das ist selbstverständlich aller Ehren wert, und es wird kein Zufall sein, dass sich „National Feminin“ dieses Themas annimmt; trotzdem lässt sich eine Botschaft eleganter verpacken.“

Sorry für die Übernahme der relativ langen Textstelle, aber Tittelbach.TV zeichnet sich dadurch aus, dass dort am intensivsten die Hintergründe zu Filmen besprochen werden. Wir wollen auf etwas hinaus: Natürlich hat Furtwängler Einfluss auf die Themen und Drehbücher, sie erhält auch die mit Abstand höchsten Gagen alle Tatort-Ermittler*innen

(Stand 2016, jetzt mglw. eingeholt oder übertroffen doch von den Münsteranern, die lange Zeit keine höheren Saläre haben wollten, damit mehr Geld fürs gesamte Team da ist, also für die hervorragenden Nebenrollendarsteller*innnen.)

Trotz dieses Engagements hat die Lindholm-Figur einen sehr starken Drall genau in die umgekehrte Richtung: Sie wirkt elitär, klassistisch, autoritär, auf eine ganz eigene Weise alles andere als tolerant oder weltoffen. Auch TittelbachTV rekurriert darauf, dass man für Schmitz eine Riposte auf Lindholms Ausführungen ins Drehbuch geschrieben hat. Das, wandeln wir diesen Dialogsatz ab, ändert nichts daran, dass sehr viel Zeit fürs Deklamieren verbraucht wurde, wo man hätte zeigen können. Nach den bisherigen Kritiken, die fast einheitlich dieselben Fehler ansprechen, gehen wir davon aus, dass wir das bei unserer Abneigung gegen allzu volkspädagogische Ansätze im Tatort die besprochenen Szenen ähnlich aufnehmen werden.

Christian Buß vom SPIEGEL kommt immerhin auf 7/10, beschreibt zwar einige Schwächen des Films, sieht sie aber offenbar nicht als so gravierend an. Wie wir tendieren, können wir natürlich noch nicht wissen, aber es wird bald hier zu lesen sein.

Handlung

Im Göttinger Stadtwald wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Identität der Toten setzt das Team um Charlotte Lindholm und Anaïs Schmitz unter großen Druck: Marie Jäger, eine kluge und attraktive Jura-Studentin, war mit ihrem erfolgreichen Blog „National feminin“ ein Star der jungen, rechten Szene und Aushängeschild der „Jungen Bewegung“. In den sozialen Netzwerken beginnt eine unkontrollierbare Stimmungsmache gegen die Polizei, gegen den Staat, gegen die Demokratie. Wurde Marie von einem unbekannten Stalker getötet, war es eine politisch motivierte Tat – oder hat der Mord doch etwas mit ihrem engsten Freundeskreis zu tun?

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Hauptkommissarin Anaïs Schmitz – Florence Kasumba
Generaldirektor Gerd Liebig – Luc Feit
Rechtsmediziner Nick Schmitz, Mann von Anaïs – Daniel Donskoy
Kriminaltechniker Jochen Kunkel – Roland Wolf
Polizist Leon Ciaballa – Jonas Minthe
Verfassungsrichterin Dr. Sophie Behrens – Jenny Schilly
Dr. Behrens‘ Lebensgefährtin Eva – Heike Trinker
WG-Mitglied Marie Jäger, Assistentin von Dr. Behrens – Emilia Schüle
WG-Mitglied Felix Raue, Leiter der „Jungen Bewegung Göttingen“ – Samuel Schneider
seine Freundin Pauline Gebhardt – Stephanie Amarell
WG-Mitglied Sven Ulbrich – Leonard Proxauf
Tom Rebeck – Jascha Baum
Charlottes Sohn David Lindholm – Oskar Netzel
Student Jonas mit Farbattacke – Zio Tristan Mundry
Prof. Bernhard Noll – Stephan Bissmeier
Polizeibeamtin – Melanie Adler
Ärztin – Elmira Bahrami
Elloglu – Alexa Benkert
u.a.

Drehbuch – Florian Oeller, nach einer Vorlage von Daniela Baumgärtl
Regie – Franziska Buch
Kamera – Bella Halben
Szenenbild – Iris Trescher
Schnitt – Benjamin Hembus
Ton – Tim Stephan
Musik – Johannes Kobilke

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