Leben gegen Leben – Tatort 792 #Crimetime 620 #Tatort #Hamburg #HH #Batu #NDR #Leben

Crimetime 620 - Titelfoto © NDR, Georges Pauly

Die spannende Welt der verdeckten Ermittler und die grausame Welt des Organhandels

Die Handlung in einem Satz: Der türkische V-Mann Cenk Batu wird als Serbe Batucek in eine Organhändlermafia eingeschleust, rettet dort ein Mädchen, baut einen Unfall, rettet wieder das Mädchen, wodurch ein anderes Mädchen keine Spenderniere erhält.

Nur sechs Mal hat Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) in Hamburg ermittelt und war Protagonist in einem ganz neuen Konzept. Der verdeckte Ermittler ist an sich keine Neuheit, der in Thrillerform dargebotene Howcatchem auch nicht, aber in Kombination und vor allem als Ersatz für einen „normalen“ Tatortkommissar hatte sich Hamburg nach den am Ende sehr gemütlichen Stoever-Brockmöller-Jahren und dem moderneren, aber nicht innovativen Casttorff-Intermezzo etwas ausgedacht, was wir noch heute sehr bemerkenswert finden, eine Figur geschaffen, die uns zwingt, sie nicht so lala, sondern echt gut oder krass misslungen zu finden. Dass dies so eindeutig sein muss, dachten wir bis zu „Leben gegen Leben“, einem der letzten Tatorte, über die wir nicht schon bei ihrer Premiere für den Wahlberliner geschrieben haben (ab Tatort 797 „Jagdzeit„). Über ihn berichten wir nun in der -> Rezension.

Handlung

Das Hamburger LKA verfolgt seit einiger Zeit die Spuren einer Organhändler-Bande. Cenk Batu ist als Fahrer eingeschleust, hat aber bisher nur einfache Botengänge absolviert und keine Hintermänner identifizieren können.

Das ändert sich schlagartig, als er den Auftrag bekommt, die 14-jährige Amelie abzuholen. Doch das Mädchen flieht. Der Druck auf Cenk wächst: Einerseits wollen die Organhändler das Mädchen von ihm, andererseits ist er verantwortlich für einen Fehlschlag des LKA, der möglicherweise weitere Opfer der Organmafia zur Folge haben könnte.

Rezension

Das Seltsame an diesem Film ist, dass man zwar die Figur grundsätzlich gelungen findet und auch das Spiel von Kurtulus als diesem coolen, aber nicht gefühllosen Charakter angemessen einschätzt, aber ein Türke als Serbe bei einer deutsch dominierten Organmafia? Da fanden wir den Einsatz von Batu bei den eigenen Landsleuten in „Der Weg ins Paradies“ wesentlich logischer. Was wäre, wenn es in der Mafia nur einen echten Serben gegeben hätte? Der hätte sofort festgestellt, dass dieser Landsmann keiner ist.

Das ist ein Aspekt der Logik, manchmal geht es in „Leben gegen Leben“ auch mit der Physik darnieder, wie bei dem Unfall, den Batu baut, als er das Mädchen Amelie (Michelle Barthel) zu seinem entsetzlichen Bestimmungsort, einem geheimen, transportablen OP-Center, bringen soll, wo sie eine Niere für ein reiches Kind abgeben soll. Da greift sie ihn an und er fährt ins Feld, wie ein Anfänger. Dort erleiden er und das Mädchen Verletzungen genau derart, dass sie dekorativ in den Gesichtern zu sehen sind, aber keine ernsthaften Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit erzeugen, weiterhin wird das Auto, ein alter BMW, genau so beschädigt, dass dekorativ die Heckscheibe platzt und einiges Gemüse wie die Frontschürze abfällt, aber natürlich ist das Auto noch fahrtüchtig, sonst hätte man richtig Action machen müssen, etwa in der Form, dass Batu zur Straße zurückläuft und dort von einem ahnungslosen Vorbeifahrer dessen Wagen requiriert.

Warum die Organ-OK überhaupt einen Fahrer verwendete, der nicht durch lange Zugehörigkeit zur Gruppe seine Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt hat, warum sie Batu weitermachen lassen, ohne ihn genauer zu überwachen, nachdem er schon beim ersten Auftrag Mist gebaut hat, das bleibt im Dunklen und mit diesen und weiteren Seltsamkeiten weist der Plot schon auf eine Tendenz hin, die in 2013 ganz neue Dimensionen erreicht hat: Stil ist wichtiger als Logik (1). Dass das Thema wichtiger ist als der Krimi ist hingegen eine Erscheinung, die viele Tatorte schon seit längerem aufweisen und die wir bis zu einem gewissen Grad billigen. Dass die Organmafia in „Leben gegen Leben“ aber eher exemplarisch und holzschnittartig gezeigt wird als in ihrer realistischen, gewiss viel komplexeren Ausprägung, darf vermutet werden.

Quotenmäßig waren die Batu-Krimis ein Reinfall, aber schließlich konnten die Zuschauer vorher nicht wissen, ob ein Fall gut konstruiert sein würde (wie etwa der genannte „Der Weg ins Paradies“) und packend und stimmig inszeniert, oder ob, wie in „Leben gegen Leben“, einige Mängel den Spaß am Krimi oder das Mitfühlen mit den Opfern des Organhandels in Grenzen halten würde. Es ist nicht der einzelne Film, die meisten Ermittler haben gute und weniger gute Filme zu Buche stehen. Es ist offenbar eine zu geringe Akzeptanz dieses besonderen Konzeptes gewesen, die dazu geführt hat, dass 2013 ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde und man Mehmet Kurtulus durch Till Schweiger ersetzt hat. Quotenmäßig die richtige Entscheidung, die Zuschauerzahlen haben sich vom letzten Batu hin zum ersten Tschiller beinahe verdoppelt.

Und genau dies wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, warum wir ein öffentlich-rechtliches Fernsehen haben, das nicht so auf die Quoten schielen muss wie die Privaten, weil ja während der Primetime, in der die Tatort-Premieren laufen, keine Werbung gesendet wird. Wir zahlen ja Gebühren für bessere Qualität, oder etwa nicht? Außerdem war Batu kein Role Model und schon gar kein Epigone, es war gewiss von Beginn an klar, dass diese Sonderschiene der Hamburger nicht zum Vorbild für andere Tatortstädte werden würde. Und ein oder zwei Mal im Jahr ein Batu, das war doch eine Abwechslung, die der Serie gut tat. Sei’s drum, wir müssen vermutlich mit weiteren Schweigeriaden leben, Cenk wird nicht zurückkehren.

So halten wir fest, dass selbst ein eher schwach konstruierter Fall wie „Leben gegen Leben“ einem Actionreißer wie „Willkommen in Hamburg“ überlegen ist, weil immerhin das Thema ernstgenommen und nicht als Vehikel für einen Film-Promi missbraucht wird, weil Atmosphäre vorhanden und die Figuren ansehnlich gezeichnet sind. Der Stil überzeugt in „Leben gegen Leben“ nicht immer. Erkennbar weniger aufgemöbelt, weniger stilistisch ausgefeilt als andere Batu-Filme, aber dafür auch weniger konsequent und zu Beginn unnötig verschachtelt. Wenn man den Mann als geschmeidigen, geheimnisvollen Agent der nächtlichen Großstadt inszeniert, dann am besten so, dass eine formale Geschlossenheit entsteht, die erkennen lässt, dass man dem Konzept zu 100 Prozent vertraut, dass man die Figur Batu auch dann für tragfähig hält, wenn sie nicht die üblichen kleinen emotionalen Aufhänger bietet, die man in „Leben gegen Leben“ auf zweierlei Weise eingebaut hat.

Da ist zum einen die Bindung an eine türkische Familie, die im Verlauf des Films die Amelie versteckt, zum anderen das Mitleid für Amelie selbst, das auch zu Auseinandersetzungen mit Kohnau (Peter Jordan), Batus Chef beim BKA führt, denn Batus Auftrag ist es zunächst nicht, dieses eine Kind zu befreien, sondern sich durch dieses Kind zu den Tätern führen zu lassen. Auch da gerät der Plot irgendwie in die Sackgasse und man merkt, dass es schwierig war, emotionale, mithin unprofessionelle Entscheidungen zu verwenden, um da wieder rauszukommen. Auch dies lässt die Batu-Figur in „Leben gegen Leben“ ein wenig disharmonischer wirk

Finale

„Leben gegen Leben“ ist nicht der beste Tatort mit Cenk Batu, Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Auf der Habenseite stehen das Thema, das Spiel der Darsteller und das Konzept des V-Manns im Dienst des BKA; weniger überzeugend sind der Plot und die Inszenierung, die bestenfalls Mittelmaß erreichen. Wir hingegen bleiben konsequent und geben für einen insgesamt mittleren Tatort die bei unseren bisherigen Rezensionen in etwa mittlere Punktzahl

7/10.

Alle Angaben mit Zeitbezug beziehen sich ihrerseits auf das Jahr 2016.

(1) Der Beitrag ist zwar die Tandem-Rezension zum neuen HH-Tatort „Der große Schmerz„, der Entwurf der Rezension wurde aber bereits nach der Premiere des ersten Tschiller-Tatort „Willkommen in Hamburg“ verfasst und bezieht sich auch in der veröffentlichten Fassung auf den Stand im Spätsommer 2013, der die weitere Entwicklung des HH-Tatortes nicht berücksichtigt. Das Bedauern über Cenk Batus Abgang wäre sonst noch deutlicher ausgefallen.

© 2020, 2016, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Cenk Batu – Mehmet Kurtulus
Martin Tremmel – Godehard Giese
Uwe Kohnau [Batus Vorgesetzter] – Peter Jordan
Amelie Hellmann – Michelle Barthel
Robert Feldmann – Stephan Bissmeier
Hannah – Bibiana Beglau
Günther Hellmann – Mario Irrek
Krieger – Maike Bollow
Alexander – Arnd Klawitter
Sarah – Rosa Lenz

Drehbuch – Nils Willbrandt
Regie – Nils Willbrandt

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