Um Haus und Hof – Tatort 280 #Crimetime 621 #Tatort #Hamburg #HH #Stoever #Brockmöller #NDR #Haus #Hof

Crimetime 621 - Titelfoto © NDR

In jenen Jahren*

Schön, wie einige Sendeanstalten Traditionspflege betreiben, so auch der Norddeutsche Rundfunk, der Tatort-Folgen mit den Kommissaren Stoever und Brockmöller wiederholt.

So lange ist das ja alles noch nicht her und doch wären Folgen wie diese heute nicht mehr denkbar. Die DNA-Analyse hat dramatischen Einfluss auf die Gestaltung von glaubwürdigen Tatortfällen. Der zweite Mädchenmord mit den vielen Kratzspuren wurde schnell aufgeklärt. Wir erfahren nicht wirklich, warum klar war, dass der Mörder auch frühere Fälle auf dem Gewissen hatte, aber es muss wohl so gewesen sein. Im Grunde wird gehandelt, als hätte es eine eindeutige Analysemöglichkeit für Altfälle wirklich gegeben, in Wirklichkeit kam es aber zu einem Geständnis. Mehr  zum Fall haben wir in der -> Rezension aufgeschrieben.

Doch ein Mädchenmord fällt aus der Serie, er unterfällt auch nicht der Serie, sondern gehört zu einer anderen Tat, und in der geht es um eine alte Dame und um  Haus und Hof.

Ein knackiger Tatort mit knackigen Dorffiguren und einem ebensolchen Ermittlerteam. Das Szenario wirkt ein wenig überzogen, aber man kann es auch als verdichtet bezeichnen. Jedenfalls, das sagt Stoever selbst: Auf dem Land geht es nicht friedlicher zu als in der Stadt. Nur, dass hier ein halbes Dorf beziehungsweise alle, die im Dorf etwas zu sagen haben, in der Sache drinhängen.

Vorstellbar ist das durchaus, wo jeder jeden kennt. „Um Haus und Hof“ ist nicht der einzige Krimi, der um eine solche Annahme gegenseitiger Verstrickung von untereinander vertrauten Leuten herum aufgebaut ist. Da ist ein Touch klassischer englischer Krimiliteratur drin. Jeder hat etwas mit dem Fall zu tun, und man hat sich gemeinsam eines recht einfach gestrickten menschlichen Werkzeuges bedient.

Handlung

Grausamer Fund am Elbufer: Ein Mädchen wurde brutal ermordet. Die ersten Spuren führen in ein vor den Toren Hamburgs gelegenes Dorf. Ihm entstammt nicht nur das Opfer, ein von den Eltern verlassenes Mädchen aus Sachsen, sondern auch der scheinbar Verdächtige, der um Haus und Hof gekommene Bauer Walter Grambek. Doch schon bald erweist auch er sich als Opfer. Mit dem Mord an dem Mädchen soll ein anderes Verbrechen verwischt werden. Hinter der idyllischen Dorffassade wird ein gnadenloser Kampf um Grund und Boden des Grambek-Hofes ausgefochten.

Für die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller ein harter Brocken, der „Dorfmafia“ auf die Schliche zu kommen. Dabei entdecken sie in dem bei ihren Ermittlungen behilflichen jungen Polizisten Lukas Thorwald eindeutig ein kriminalistisches Talent, das in Zukunft das Team der Hamburger Mordkommission verstärken wird.

Rezension

Doch ein Mädchenmord fällt aus der Reihe, er unterfällt auch nicht der Serie, sondern gehört zu einer anderen Tat, und in der geht es um eine alte Dame und um  Haus und Hof.

Ein knackiger Tatort mit knackigen Dorffiguren und einem ebensolchen Ermittlerteam. Das Szenario wirkt ein wenig überzogen, aber man kann es auch als verdichtet bezeichnen. Jedenfalls, das sagt Stoever selbst: Auf dem Land geht es nicht friedlicher zu als in der Stadt. Nur, dass hier ein halbes Dorf beziehungsweise alle, die im Dorf etwas zu sagen haben, in der Sache drinhängen.

Vorstellbar ist das durchaus, wo jeder jeden kennt. „Um Haus und Hof“ ist nicht der einzige Krimi, der um eine solche Annahme gegenseitiger Verstrickung von untereinander vertrauten Leuten herum aufgebaut ist. Da ist ein Touch klassischer englischer Krimiliteratur drin. Jeder hat etwas mit dem Fall zu tun, und man hat sich gemeinsam eines recht einfach gestrickten menschlichen Werkzeuges bedient.

Da ruft also einer, der an dem Mord beteiligt ist, anonym bei der Polizei an und ruft sie sozusagen auf den Plan, natürlich will man den Mord jemand unterschieben – aber trotzdem, das ist schon eine sehr herausfordernde Art zu testen, ob dieses Einschieben eines anders gelagerten Einzelfalles in eine Serie auch funktioniert.

Nicht alles in „Um Haus und Hof“ ist komplett logisch, dennoch finden wir, dass dies ein guter, klassischer Tatort ist, der schauspielerische Leistungen und eine verzwickte, aber nachvollziehbare Handlung gut miteinander kombiniert. Dieses Dorf irgendwo auf dem nordisch-platten Land wird trist und gewalttätig dargestellt, man reißt sich in der Einöde um das Land für ein Bauprojekt, und alle hängen mit drin.

Auf dem platten Land. Mit der Zeit werden weit draußen, wo jeder jeden kennt, immer weitere Verstrickungen aufgebaut, da steht dann auch jeder in jedermanns Schuld, auf irgendeine Weise, und dadurch kommt es  zu Kettenreaktionen. In Wirklichkeit geht das, wenn auch milieugebunden, in der Stadt genausogut und in Wirklichkeit kann man in einem kleinen Dorf auch gut miteinander auskommen.

Aber diese Landtatorte haben den Charme der Konzentration und der verdichteten Atmosphäre. Dieser Atmosphäre kann man sich nur schwer entziehen und die Figuren sind zum Beispiel in „Um  Haus und Hof“ um einiges interessanter gestaltet als die oft stereotypen Typen aus der Oberschicht des heutigen Berlin – nur, um zwei Milieus zu vergleichen, die auf eine Weise Gegenpole des Tatortglobus darstellen. Immerhin gibt es in der gezeigten Landgemeinde eine Bauunternehmung und eine Großschlachterei, trotzdem wirkt die Szenerie, als ob der Ort nur ein paar Häuser hätte und um eines davon, das einmal ein großer Hof war, dreht sich die Geschichte.

Die alte Bäuerin wird umgebracht, weil sie den  Hof nicht räumen will, der schon der Bank gehört, aber auf dem sie ein Wohnrecht hat. Auch das gehört zu den wenig logischen Momenten. Ein Wohnrecht, das in diesem Fall nicht einmal eingetragen scheint, ist zwar an den Ort gebunden, aber natürlich kann man damit nicht die Verwertung einer großen Liegenschaft blockieren und sie damit komplett entwerten. Vielmehr hätte die ältere Dame, die sich querstellt und dafür umgebracht wird, in einem auf dem Gelände zu erstellenden neuen Objekt eine angemessene Wohnung mietfrei nutzen dürfen.

Dass ein kleiner oder mittelständischer Bauunternehmer seine Existenz an ein einzelnes, größeres Neubauprojekt koppelt, ist hingegen nicht unrealistisch, wenn auch nicht die Regel. Dass ein Großschlachter Immobiliengeschäfte betreibt, ist schön symbolisch und kommt sogar im wirklichen Leben vor.  Ein Hotelier hängt auch mit drin, vielleicht nicht so  zwingend, aber aus persönlichen Gründen. Er hat die Tochter des Bauunternehmers geheiratet, nachdem er einen Unfall verursacht hat, durch den sie gelähmt wurde. Er ist triebhaft, stellt anderen Frauen nach und macht sich dadurch verdächtig.

Kernige Typen. Die Dorfmafia, wie die Ansammlung von Männern von den Ermittlern berechtigterweise bezeichnet wird, ist gut herausgearbeitet. Die Schauspieler, die in „Um Haus und Hof“ mitwirken  sind, von Manfred Krug alias Kommissar Stoever und seinem Pendant Brockmöller, gespielt von Charles Brauer abgesehen, nicht sehr bekannt. Umso größer ist die Leistung der Regie zu bewerten, die dafür gesorgt hat, dass dieses Ensemble eine glaubwürdige und geschlossene  Leistung abliefert. Die Figuren sind nicht übertrieben herausgestrichen, wirken auf ihre Art aber allesamt stimmig und lebendig.

Das passt gut zu den Ermittlern, die am Ende einen schönen Showdown veranstalten. Alle Beteiligten sind versammelt, das ausführende Instrument wird in einem anderen Zimmer verhört und bricht unter Stoevers sonorer und erhobener Stimme zusammen. Er habe das Mädchen umgebracht, weil es den Mord an der alten Frau leider zufällig mitbekommen habe, aber ein Kinderschänder sei er ja nun nicht. Das wirkt ein wenig over the top. Man hätte ihm vielleicht gar nichts nachweisen können, ein fehlendes Alibi ist ein Indiz, mehr nicht. Immerhin, er wird im Gefängnis nicht, wie von Stoever angedroht, in der Hierarchie ganz unten sein, dort, wo die ganz Ehrlosen von den anderen gequält werden, sondern nur auf der zweituntersten Stufe, bei den Kindermördern, bei denen keine sexuellen Handlungen im Spiel waren.

Raue Details. Manches an diesem Tatort ist etwas rau, aber auf eine ganz eigene Art passt das gut zu den Figuren und zu den Ermittlern, die dieses Mal keine Dialoge führen, in denen Brockmöller den Linken und Stoever den Konservativen gibt. Sie arbeiten nicht komplett harmonisch, einmal staucht Stoever seinen Brocki auch zusammen, weil diesem ein Detail in Vergessenheit geraten ist. Das ist aber gar nicht Brockis Schuld, sondern ein Drehbuchkniff, um die Auflösung zu verzögern. Aber bei aller Scharfsinnigkeit, das hat Stoever nicht erkannt und Brocki muss dafür büßen, dass seinem Kollegen die Sache mit der Zeitung mit dem Kreuzworträtsel zwischenzeitlich entfallen war.

Es geht um das Papier, das er beim Herumstöbern auf dem Dachboden gefunden hat, von dem die alte Bäuerin heruntergefallen war. Dabei spielt der Hotelier eine Rolle, der immer die Kreuzworträsel in diesen Zeitungen löst, ein alter Fisch, der in der Zeitung eingewickelt war und der Mörder, der den Fisch und die Zeitung mitgenommen hatte. Offenbar hat er den Fisch auf dem Dachboden verzehrt, wo der auf die alte Frau wartete. Auch dieses Detail ist ein wenig verwunderlich. Wer setzt sich schon auf einen Dachboden und isst einen ganzen Fisch, in so einer Situation. Das würde nicht einmal ein Berufsmörder tun, schon gar nicht ein Amateur, der allerdings dafür, dass er später so tumb wirkt, beträchtliche kriminelle Energie entwickelt. Dieser Mensch ist beinahe eine literarische Figur und könnte gleichzeitig aus einem juristischen Lehrfall stammen, in dem es um Täterschaft und Teilnahme geht. Ist dieser Mann Täter oder nur Werkzeug?

Während also an den Ausführungsdetails des Falles einige Fragwürdigkeiten und Mängel zu entdecken sind, stimmt das Konzept der persönlichen Verstrickungen insofern, als es eine ungünstige Form der Entwicklung einer Dorfgemeinschaft zeigt – und die Figuren, wie sie gespielt werden, tragen dieses Konzept, weil sie auf ihre Art archaisch, verschlagen, brutal und in einer unseligen Kumpanei verstrickt sind. Symbolisiert wird dies dadurch, dass sie alle zusammen auf die Jagd gehen. So sind sie auch hinter dem Geld her und dabei fällt der eine oder andere menschliche Kollateralschaden an.

Finale

Lange Zeit hielt Kommissar Stoever mit 41 Fällen den Rekord unter allen Tatortermittlern. Diese Leistung ist dem erstklassigen Schauspieler Manfred Krug zu verdanken, der diese Stoever-Figur mit Kraft und Individualität versehen hat. Später kam  Charles Brauer hinzu und damit war eines der ersten großen Ermittlerteams gefunden – in der weitgehend symmetrisch angelegten Variante. Ein Muster, das auch heute noch bei den Teams aus Köln, aus München, aus  Stuttgart hervorragend funktionier und das besonders bezüglich der Glaubwürdigkeit einige Vorzüge gegenüber den tendenziell immer häufigeren asymmetrischen Varianten hat. Alle Frau-Mann-Kombinationen sind entweder asymmetrisch oder hierarchisch. Auf ein weibliches Team, in dem beide Ermittlerinnen absolut gleichberechtigt und gleich stark gezeigt werden, warten wir noch.

„Um Haus und Hof“ ist Fall Nummer 20 für Stoever und zeigt das Team schon sehr routiniert, aber nicht etwa in Routine erstarrt, sondern spielfreudig und konsequent in seiner Arbeit – auch wenn am Ende ein etwas gequetschtes Geständnis für die Auflösung des Hauptfalles sorgt. Die Mordserie des Kinderschänders ist ja hier nur ein Nebenprodukt. Auch über diese Konstellation kann man etwas die Nase rümpfen, aber, wie schon geschrieben, dieser Tatort ist aus recht rauem Holz gezimmert.

Aber dadurch hat er einen urwüchsigen Charme und auch einen hintergründigen Humor, der ihn auch beinahe 20 Jahre nach seiner Entstehung noch ansehnlich wirken lässt und uns eine überdurchschnittliche Bewertung abringt. 

7,5/10

*Alle Angaben in der Rezension beziehen sich auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung im September 2011 im „ersten“ Wahlberliner als TatortAnthologie Nr. 90.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Hauptkommissar Brockmöller – Charles Brauer
Thorwald – Mark Keller
Uwe Schlüter – Florian Mertens
Julia – Martina Schiesser
Frau Schlüter – Gerda Gmelin
Walter Grambeck – Rainer Heise
Wohlers – Götz Schubert
Werner Büscher – Ulrich Faulhaber
Klaus Pünjer – Jürgen Janza
Bankdirektor Treibmann – Edgar Bessen
Dr. Schöps – Franz-Josef Steffens
Janine – Victoria Pawlowski
Brückenwärter – Charlie Rinn
Gerichtsmediziner – Ingo Feder
Gutjahr – Volker Bogdon
Frau Jacke – Marie Bäumer
und andere

Regie – Werner Masten
Buch – Raimund Weber

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