Die Verlobung des Monsieur Hire (Monsieur Hire, FR 1989) #Filmfest 145

Filmfest 145 A

2020-08-14 Filmfest AEin Fenster zu einem anderen Hof

Wenn einer der düstersten Romane von Georges Simenon die Handlung für ein Szenario bildet, das wir aus dem herausragenden „Rear Window“ (1954) von Alfred Hitchcock kennen, dann kann das Ergebnis im Jahr 1989 nicht das gleiche sein. Aber wo liegen die Unterschied? Wir klären dies und einiges mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der Schneider Monsieur Hire (eigentlich Hirovitch) ist ein Außenseiter und Sonderling. Er ist weder gesellig noch freundlich und wird im Gegenzug von den Menschen gemieden und von den Kindern gehänselt. Die einzigen sozialen Kontakte in seinem zurückgezogenen Leben sind gelegentliche Besuche bei Prostituierten und ein Bowling Club, in dem sich Hire für Stunden zum bewunderten Star wandelt. In seiner Werkstatt hält er weiße Mäuse, die er beobachtet. Und er beobachtet Menschen. Die junge Verkäuferin Alice steht, seit sie ins Haus gegenüber eingezogen ist, im Mittelpunkt seiner Leidenschaft. Während er sie heimlich betrachtet, hört er immer dieselbe Schallplatte: das knapp zweiminütige wehmütige Mittelstück aus dem vierten Satz des Klavierquartetts Nr. 1 in g-Moll von Johannes Brahms.

Eines Tages geschieht ein Mord an einer jungen Frau in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hire beobachtet, wie Alices Verlobter Emile in ihrer Wohnung das Blut von seinem Mantel wäscht und die Handtasche des Opfers deponiert. Doch Hire selbst gerät ins Visier der polizeilichen Ermittlungen, weil er der groben Beschreibung des Täters ähnelt und weil er ein Sonderling ist. Der Polizeiinspektor beginnt ein Psychospiel mit Hire, bei dem er auch nicht davor zurückschreckt, diesen öffentlich zu brandmarken, indem er ihn etwa bei einem Lokaltermin vor all seinen Nachbarn wieder und wieder zu seinem Haus rennen lässt, um die Aussage eines Augenzeugen zu überprüfen.

Während eines Gewitters entdeckt Alice zum ersten Mal den Mann, der sie heimlich aus seiner dunklen Wohnung beobachtet, als Hire einen Augenblick lang von einem Blitz beleuchtet wird. Sie erschrickt, doch dann begreift sie, dass er ein Mitwisser sein könnte. Im Treppenhaus inszeniert sie ein zufälliges Zusammentreffen. Am nächsten Abend tritt sie ans Fenster und schaut das erste Mal direkt zu ihrem Voyeur zurück. Als sie sich im Bahnhofscafé verabreden, lässt Hire durchblicken, dass nichts, was in Alices Wohnung geschieht, ihm fremd ist. Wenn er Emile ohne Gefahr für Alice denunzieren könnte, würde er es sofort tun. Doch er fürchtet, dass man sie als Komplizin festnehmen könnte, denn er hat sich längst in Alice verliebt. Deswegen bietet er ihr an, mit ihm nach Lausanne zu fliehen, wo er ein kleines Haus besitzt. Zwar erwidert Alice seine Zärtlichkeiten, doch sie liebt bloß ihren Verlobten Emile, einen leichtlebigen Dandy, der sie seinerseits im Stich lässt und sich aus Angst vor der Polizei absetzt.

Hire schreibt einen Brief an den Polizeiinspektor, gibt Alice eine Fahrkarte nach Lausanne und setzt seine Mäuse an den Gleisen aus. Danach wartet er am Bahnhof vergeblich auf ihr Erscheinen. Er kehrt in seine Wohnung zurück, wo der Inspektor bereits auf ihn wartet. Alice hat Hire angezeigt und behauptet, die Handtasche des Opfers in seiner Wohnung gefunden zu haben. Hire kann ihr nicht böse sein und sagt ihr, sie habe ihm die größten Freuden seines Lebens geschenkt. Anschließend versucht er zu fliehen, klettert auf das Dach seines Hauses, stürzt, kann sich noch einen langen Moment an der Regenrinne festhalten, während alle Menschen von der Straße zu ihm aufsehen. Dann fällt Hire. Im Fallen bleibt sein Blick noch einmal am Fenster hängen, hinter dem Alice steht. Er schlägt auf der Straße auf und ist tot.

Erst danach liest der Inspektor seinen Brief. Hire schreibt, Alice und er seien zu diesem Zeitpunkt schon weit weg. Er nennt den wahren Mörder und fügt den Schlüssel zu einem Schließfach bei, in dem er als Beweis Emiles Regenmantel deponiert hat. Und er bittet den Inspektor, Alice und ihn nicht ausfindig zu machen, weil er hoffe, der Inspektor werde ihr beider Glück respektieren.

Rezension

Alles ist weniger in Patrice Lecontes Werk von 1989. Es gibt nur dieses eine Fenster gegenüber, nicht eine  ganzes Panorama. Hinter dem Fenster lebt eine einzige Frau, keine Partygang, kein mörderischer Ehemann bedroht die Frau. Keine Sommerhitze, um die geöffneten Läden und Fenster zu erklären, kein Weltenbummler mit Berufsvoyeuerismus-Tick, keine verschwenderische Jazzatmosphäre auf kleinstem Raum und keine charmante Society-Lady wie Grace Kelly in „Fenter zum Hof“ in Sicht.

Alice, die Frau, die von M. Hire beobachtet wird, lebt allein. Sie hat einen Freund, der hin und wieder vorbeikommt, der ist im Ganzen indolent. Die Frau, meist allein in ihrer kleinen Wohnung, wird beobachtet von einem Einzelgänger namens Monsieur Hire, der nicht einmal mit seiner Identität komplett beisammen ist, denn er hat keinen Vornamen, wir erfahren aber, dass er im Grunde Hirevitch heißt. Er lebt nicht nur zurückgezogen in der Gegenwart, sondern wurde auch von seiner jüdischen Vergangenheit mindestens hälftig abgeschnitten, symbolisiert durch die Verkürzung des Nachnamens.

Musik von Brahms hört er, wenn er die junge Frau gegenüber beobachtet. Das hätte sie möglicherweise viel länger nicht gemerkt, wenn nicht in einer Gewitternacht sein bleiches Gesicht hinter der Scheibe von einem grellen Blitz erleuchtet worden wäre. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Frau und Monsieur Hire lernen einander kennen, für einen Moment glaubt man an ein echtes Interesse von Alice an diesem wenig attraktiven, aber immerhin niveau- und geheimnisvollen Mann. Doch alles ist Lüge, sie will ihn nur benutzen, um ihn bezüglich eines Kapitalverbrechens zu belasten, das ihr Galgenvogel-Freund begangen hat.

Es gibt aus dem Käfig der Einsamkeit kein Entkommen für Monsieur Hire. Als er seine weißen Mäuse freilässt, trügt dieses Symbol. Es drückt mehr seine Hoffnungen aus, mit Alice glücklich werden zu können als die Wirklichkeit. Monsieur Hires Ende ist tragisch, der Film ungeheuer eindringlich und nichts für depressive Stunden – oder vielleicht doch, wenn man sich ganz eincocoont und nur dieses bleiche Gesicht von Michel Blanc beobachtet, der den Monsieur Hire darstellt. Er tut das auf eine Weise, die es beinahe unvorstellbar macht, dass Blanc auch in vielen Komödien mitgespielt hat.

Zunächst hatten wir als Entstehungsdatum des Werkes 1982 im Kopf und dachten beim Anschauen, kann nicht sein, die Ästhetik ist viel zu modern. Das ist sie tatächlich immer noch. Dazu trägt nicht nur die Komposition bei, sondern auch die Tatsache, dass es erst einmal nicht einfach ist, die Zeit zu ermitteln, in welcher der Film spielt, es könnten die 50er Jahre sein, die Kleidung von Monsieur Hire ließe das ohne Weiteres zu, auch Alices Aufmachung ist zunächst so klassisch, dass sie nicht dagegen steht. Erst als deren Freund auftritt, hat man das Gefühl, in den 80ern angekommen zu sein, später dann in Szenen, die außerhalb des engen Kosmos von Monsieur Hire spielen, zum Beispiel im Eislaufstadion.

Moniseur Hire verlobt sich übrigens nicht, der deutsche Verleihtitel spielt auf das französische Buch-Original an, in dem Hire sich mit Alice nach eigener Aussage verlobt hat, um mit ihr ins Ausland zu entweichen. Diese Aussage ist im Film nicht enthalten. Das finden wir gut, angesichts der Tatsache, dass ein Film ein literarisches Werk nur durch gekonnte Verdichtung und Reduktion adäquat aufnehmen kann. Selbst eine solche Bemerkung, sei sie noch so ironisch und als Illusion erkennbar aufzufassen, hätte der ungeheuer drückenden Atmosphäre des Films nichts mehr hinzufügen, sie aber wohl partiell verändern und ihre Einheitlichkeit für einen Moment auflösen können. Insofern ist der deutsche Titel ganz und gar „übersetzt“, die Ironie spielt sich jenseits dessen ab, was der Film zeigt.

Georges Simenon kennt man natürlich durch seine Bücher über den Kommissar Jules Maigret, der in Jean Gabin seine vermutlich schönste Verkörperung im Film fand. Über einen der Mairget-Film mit Gabin haben wir bereits für den Wahlberliner geschrieben: Maigret et l’affaire Saint-Fiacre.

„Monsieur Hire“ aber ist atmosphärisch und inhaltlich nicht nur kein Sukzessor vom „Fenster zum Hof“, er ist auch nicht mit dem Maigret-Filmen zu vergleichen. Zwar wird die Handlung durch ein Verbrechen vorangetrieben, doch steht kein Ermittler im Zentrum.

Die Polizei wird von einem Inspektor vertreten (André Willms), der noch schlechter dran ist als Monsieur Hire. Er hat nämlich überhaupt keinen Namen. Er steht für eine anonyme Staatsmacht, die dem Außenseiter gegenüber Repression zeigt. Auch wenn der jüdische Hintergrund des Simenon-Buches, das im Jahr von Hitlers Machtübernahme entstand, im Film nur ein einziges Mal angedeutet wird – anlässlich der Erwähnung derNamensverkürzugn von Hirevitch auf Hire -, ist jederzeit spürbar, dass der nicht freundliche, nicht gesellschaftlich involvierte Sonderling ein willkommenes Opfer für die Staatsmacht ist – wie für den Spott der Nachbarn und Kinder, wie für das voyeuristische Interesse der Menge auf der Straße angesichts seines Todeskampfes an der Dachrinne.

Anfangs wirkt Monsieur Hire auf uns wie ein nicht sehr sympathischer Voyeuer, ein kontaktscheuer, von Zwangshandlungen geprägter Mensch, man ist ein wenig abgestoßen davon, wie er die Frau hinter dem Fenster gegenüber ständig aus dem abgedunkelten eigenen Raum heraus beobachtet und dabei dieses melancholische Stück von Brahms spielt. Wir ertappen uns dabei, wie wir den Außenseiter ablehnen,  uns ein wenig vor ihm fürchten, ihm gewiss auch einen Mord zutrauen, so, wie es der Inspektor tut. Simenon und Leconte spielen mit unserer atavistischen Abwehr dem „Anderen“, dem uns fremd und befremdlich Erscheinenden gegenüber, die wir durch Kultivierung und durch Nachdenken über unsere globale Zusammengehörigkeit in einem oft nicht einfachen Prozess der Menschwerdung zu überwinden haben.

Es ist der vierte Satz des Klavierquartettes Nr. 1 in g-Moll, „alla Zingarese“, der den Ton angibt. Der beigestellte Name betrifft die Spielweise für das Stück, bedeutet nach Art der Zigeunermusik. Brahms ist immer für melancholische Momente gut, aber der Begriff „alla Zingarese“ hat möglicherweise sogar eine spezielle Bedeutung im Film, im Buch kam das Stück wohl nicht vor. Zigeuner, sind das nicht auch Außenseiter, wie Monsieur Hire, spiegelt ihre Musik nicht auch die Sehnsucht nach einer Heimat oder Zugehörigkeit, das immerwährende Nicht-Ankommen? Die gewählte Passage jedenfalls tut das auf eine geradezu schmerzlich intensive Art und sie wird intensiver, geradezu klagend durch ihre häufige Wiederholung. Einerseits ist Monsieur Hire damit als kultivierter Klassik-Kenner in einem eher modesten sozialen Umfeld ausgewiesen, zweitens lernt man ihn als Mensch mit genau festgelegten Ritualen kennen, wie sehr auf sich selbst  zurückgeworfene Persönlichkeiten sie entwickeln, – desweiteren ist da aber auch diese Symbolik in der Musik, die man erst gewählt  hat, als der Film schon fertig gedreht war. Was für eine glückliche Wahl; die dichte, elegische Atmosphäre in „Monsieur“ Hire“ verdankt dem Ausschnitt aus dem Klavierquartett von Brahms viel.

Etwa so viel wie sie dem konzentrierten visuellen Stil und der Kammerspielanlage geschuldet ist. Im Wesentlichen gibt es nur vier Sprechrollen. Dass „Monsieur Hire“ kein normaler Krimi ist, sondern dass das Verbrechen bei Simenon und besonders bei Leconte dieses Mal als Vehikel für die plotmäßige Unterlegung einer psychologischen Studie gut ist, unterstützt diesen genauen Blick auf wenige Figuren und besonders auf Monsieur Hire, den wir im Verlauf immer mehr mögen lernen und mit dem wir leiden, als er spektakulär und doch auf eine Weise still den Tod findet. Wie am Ende ein wenig Blut aus diesem vielleicht ein wenig blutarmen Mensch rinnt, wie das Leben, das es gewagt hat zu hoffen und sich aus der Agonie einer jahrzehntelangen Zurücksetzung vom Leben zu befreien, wie es versiegt, das ist die unausweichliche, schicksalhafte Konsequenz einer Tragödie.

Diese Tragödie entwickelt sich ebenso leise wie unaufhaltsam, die Dramaturgie des Films ist ebenfalls ein kongenialer Teil vom hervorragenden Ganzen, funktioniert wie eines von vielen Rädern im großen Werk, mit hoher Genauigkeit. Sie hat also keine Brüche. Sie ist auch nicht spektakulär, aber es gibt einen merklichen Wendepunkt, als Alice ins Haus gegenüber geht und bei Monsieur Hire auftaucht, das ist der erste Plotpoint.

Man hat in der Szene nicht das Gefühl einer neuen Intimität, sondern einer solchen, die verletzt wurde. Nicht die Begegnung zweier im Grunde Einsamer, sondern die Risse im Kokon des Monsieur Hire stehen im Vordergrund. Bevor er seinen Gefühlen gegenüber Alice freien Lauf lässt, spürt dieser sensible Mann das selbst und wehrt Alice ab. Wir könne nicht ermitteln, ob es die natürliche Abwehrreaktion eines Menschen ist, der mit einem Mal ein Element der Unsicherheit in seinem abgezirkelten Leben verspürt, oder eine Vorahnung, dass mit Alice etwas Fatales in ebenjenes Leben tritt. In diesem Sinn ist sie eine femme fatale, diese unprätentiöse Verkäuferin, die ihrerseits einem jungen Typ hörig ist, der so gar nicht viel  mit ihr anfangen kann. Den zweiten Plotpoint stellt die Szene dar, in der wir entsetzt feststellen, dass Alice diesen kleinen Monsieur, mit dem wir schon längst fühlen, dazu benutzt hat, um ihm Indizien unterzujubeln, welche ihn als Mörder dastehen lassen könnten, wo doch in Wahrheit ihr Schluri-Gspusi Emile die betreffende Frau umgebracht hat.

Wie kalt und berechnend diese Alice wirkt, hinter dem netten Lächeln, der warmen Ausstrahlung, das treibt es auf die Spitze. Einmal nach vielen langen Jahren wagt Monsieur Hire sich aus der Ecke des Lebens, in welcher er immer stand und zusah, wie andere ihr Leben mit großer Geste in die Hand nahmen und dafür von aller Welt bewundert wurden, einmal will er frei sein von seiner Angst und seinen Zwängen und da gerät er an jemanden, der Böses mit ihm vorhat. Das ist die Apotheose der Tragik dieses Opfertypus, den Monsieur so verkörpert wie kaum eine andere Filmfigur. So, wie Hire für einen Typ steht, ohne stereotyp zu wirken, ist es aber mit Alice. Auch sie, die kleine Verkäuferin (im Buchoriginal der Zeit gemäß noch Dienstmädchen) versucht nur, ein wenig Glück zu erhaschen, mit einem Typ, mit dem, das spüren wir deutlich, gar kein Glück, keine tiefe emotionale Bindung möglich ist. Auch sie ist nur ein Werkzeug grausamen Schicksals, das alle jederzeit ereilen kann, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Die klaren, beinahe eleganten und erlesenen Bildkompositionen mit wenigen Dekorelementen und Farben verstärken die Einsamkeit, die Konzentration, den Blick auf die Figur Hire. Die Kamera lässt nichts aus, bis auf den direkten Aufprall beim finalen Sturz, der ein wirklich billiger Effekt gewesen wäre, wie ihn auch aktionsreichere Filme kaum zeigen. Aber noch die Flucht über die Dächer von Paris, die hier nichts Romantisches haben wie etwa in René Clairs ikonischem „Sous les tôits de Paris“ (1930) wird präzise und so gefilmt, dass man ahnt, es ist zu Ende, weil ein solch waghalsiges Unternehmen bei einem Mann, der schon beim Eislaufen so fällt, dass er der Länge nach aufschlägt und aus der Nase blutet, nicht zum Erfolg führen kann. Er könnte doch auch nicht allein nach Lausanne fliehen, wo er ein Haus hat. Nur mit Alice hätte er das getan, in sie hat er etwas hineingelegt, ein Gefühl, das stark genug war, um ihn zum Verlassen seines Kokons zu bewegen. Sie hat ihn verändert, plötzlich kann er mit Menschen reden, auch außerhalb der Bowlingbahn, wo er ein Star ist – ein stiller, versteht sich, der nur durch sein Können besticht und dabei beinahe theatralisch-pantomimische Fähigkeiten entwickelt.

Georges Simenons Maigret wirkt eher konservativ, soweit wir ihn bisher kennengelernt haben, aber mehr Anspruch als in dieser Serie dokumentierte Georges Simenon in Einzelwerken wie „Les Fiançailles de M. Hire“, das von großer Sympathie für die wenig Beachteten dieser Gesellschaft geprägt ist. Das ist wundervolle sozialkritische Literatur in der französischen Tradition etwa eines Victor Hugo. Die Stilmittel wandeln sich, aber die Aussage bleibt. Großes Gesellschaftspanorama oder intime Studie, die Botschaft ist wichtig und gehört dazu, wenn aus einem Buch Literatur, aus einem Film ein Kunstwerk werden soll. Umso besser, wenn auch die formalen Kriterien nach 20 Jahren noch jeder genauen Betrachtung standhalten,  man den Film also im Kontext des heutigen Kinos bewerten kann. Wir sind davon überzeugt, dass er auch in zwanzig Jahren noch genauso viel ausdrücken wird, wie er es heute  tut. In welcher Stimmung werden ihn die Menschen dann aufnehmen? Momentan kann man nur konstatieren, seit 1989, dem Entstehungsjahr des Films, hat die Vereinsamung und ist sozialer Rückzug der Benachteiligten eher zugenommen. Wir denken an die vielen Schicksale, die von der Wende 1990 geschaffen wurden, an Menschen, die nie heimisch in unserem Land wurden und werden konnten, die allen möglichen Vorurteilen ausgesetzt waren und sind.

Finale

Im Jahr 1933, das nicht nur für die Romanfigur Hire ein schicksalhaftes war, als sie das Licht der literarischen Welt erblickte, sondern für Europa, wirkt dieser Roman als klare Position gegen Intoleranz und Ausgrenzung, wie es sie nicht nur in Deutschland gab. Ob Simenon auch mit Blick auf Deutschland und die einsetzende Diktatur geschrieben hat oder nur die ebenfalls nicht in jeder Hinsicht zufriedenstellenden französischen Gesellschaftsverhältnisse anprangern wollte, wissen Literaturanlaytiker besser als wir, aber selbst das möglicherweise nicht Gemeinte kommt uns beim Anschauen dieses Films ganz unausweichlich in den Sinn.

Dass dieser Film sogar etwas Sinnliches hat, in den Szenen, in denen Hire Alice beobachtet, etwas subtil Erotisches, wirkt beinahe ein wenig obszön und man merkt schön, wie Regisseur Patrice Leconte in der Lage ist, jedwede Manipulation ans Publikum zu bringen. Wie er dieses Können einsetzt, ist aber fraglos aller Ehren wert.

Einen Film, in dem alles so zusammenpasst und sich zu einer perfekten Kammerspieltragödie formt, bekommt man nicht alle Tage zu sehen, er ist nicht Mainstream. Er biedert sich nicht an. Er ist aufs Maximale reduziert und wird seine Wirkung bei allen Kinoliebhabern, deren Sinn für Nuancen nicht im blubbernden Actionsumpf Hollywoods untergegangen ist, nicht verfehlen. „Monsieur Hire“ ist bestes Autorenkino. Er trägt die starke Handschrift eines unabhängig denkenden Regisseurs und gleichermaßen die von Georges Simenon, der den Antihelden mit dem kleinen, weißen Gesicht und den dunklen Anzügen erschaffen hat.

Wir ehren diesen Mann und, seine Welt, seinen Darsteller und diejenigen, die ihn für uns so lebendig werden ließen mit

84/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Patrice Leconte
Drehbuch Patrice Leconte und Patrick Dewolf
Produktion Philippe Carcassonne,
René Cleitman
Musik Michael Nyman
Kamera Denis Lenoir
Schnitt Joëlle Hache
Besetzung

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