Der Fensterstecher – Polizeiruf 110 Fall 39 #Crimetime 622 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Sachsen #Leipzig #Hübner #Arndt #Subras #DDR #Fenster #Stecher

Crimetime 622 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Einbrecher mit Hieb und Stich?

Ein Mann, der Hunger kriegt, wenn er aufgeregt ist, dürfte eher eine Seltenheit sein, aber so erschließt sich doch immerhin, warum der Fensterstecher sich die Mühe macht, Kühlschränke leerzuräumen. Darunter ist sogar eine verschließbare Version in einem Landgasthof. Aber dort ist noch mehr zu finden. Der letzte Schwarzweißfilm der Reihe Polizeiruf 110 ist nur 61 Minuten lang und in dieser Zeit passiert ganz schön viel, was man in diese Zeit hineinpacken musste. Wie gut das gelang und vieles mehr besprechen wir in der -> Rezension.

Handlung

Die junge Sabine Kroll wacht nachts auf und sieht einen fremden Mann vor ihrem Bett. Ihr Schrei verjagt den Mann, der das Fensterglas aufgestochen und eingedrückt hatte und so die Fenster öffnen konnte. Augenscheinlich hat der Einbrecher nichts gestohlen. Das Tatmuster stimmt daher mit zwölf weiteren Einbrüchen überein, die stets am Stadtrand geschahen. Immer flüchtete der Täter mit einem gestohlenen Fahrrad, das die Ermittler wenig später abgestellt fanden. Oberleutnant Jürgen Hübner, Leutnant Vera Arndt und Meister Lutz Subras tappen im Dunkeln. Auch die Aussage von Sabines Nachbarin Frau Könnern, dass sie einen großen Mann in hellem Mantel habe flüchten sehen, hilft den Ermittlern nicht weiter.

Es folgen neue Einbrüche. Die resolute Rentnerin Sidonie Berlepsch aus Ruppenwalde verfolgt den Täter bis zum Fenster und versucht ihn mit der Jalousie einzuklemmen, doch entkommt der Einbrecher. Anhand ihrer Täterbeschreibung wird ein Phantombild angefertigt. Frau Kuntze, zu der ebenfalls die Polizei gerufen wird, kann den Mann auf dem Phantombild nicht erkennen und auch ihr Sohn, der auf der Toilette von dem Mann überrascht wurde, meint, ein anderer wäre bei ihnen eingebrochen. Später gibt Frau Kuntze zu, dass der Flüchtige ihr Liebhaber war, was sie ihrem Sohn jedoch nicht sagen wollte. Ein dritter Einbruch findet in Erlenbach statt. In einem Landwarenhaus werden 80.000 Mark gestohlen. Vor Ort finden die Ermittler auch eine angebissene Wurst – die Gelder wurden in einem abgeschlossenen Kühlschrank neben den Lebensmitteln verwahrt. Der Täter flüchtete mit einem Auto.

In Erlenbach lernt Sabine Kroll den Bratwurstverkäufer Herbert Lohmann kennen. Er lädt sie zum Essen ein, sie treffen sich einige Zeit später erneut, und er verbringt die Nacht mit ihr. Wenig später unternehmen sie einen Ausflug und übernachten vor Ort – in jener Nacht, in der auch die Einbrüche bei Frau Berlepsch und im Landwarenhaus geschehen. Am nächsten Morgen sieht Sabine ihn bei einem Ausflug aus dem Wald kommen und mit dem Auto davonfahren. Die Mitarbeiter von Lohmann glauben schließlich, ihn auf dem Phantombild zu erkennen. Bei der Gegenüberstellung ist sich Frau Berlepsch sicher, dass Lohmann der Täter war. Lohmann gesteht schließlich die Einbrüche. In der Zelle erhält er einen Apfel, den er kurz vor einer neuen Vernehmung anbeißt. Sein Bissabdruck wird unbemerkt von den Ermittlern mit dem Abdruck auf der Wurst verglichen und erweist sich als identisch. Sabine Kroll kann schließlich den Hinweis geben, wo Lohmann die 80.000 Mark versteckt hat: in dem Waldgebiet, in dem sie ihn auf ihrem Ausflug gesehen hatte.

Rezension

Der Fall Nr. 39 ist sozusagen ein Missing Link. Wir haben mittlerweile eine ununterbrochene Kette von Fall 24 bis 46 rezensiert, abzüglich des Falls 33 „Der Spezialist“, der nicht gezeigt wird, weil nach wie vor die Tonspur verschwunden ist. Nur die 39 fehlte. Das kann im Grunde nur daran liegen, dass sie nicht innerhalb der Chronologie ausgestrahlt wurde, die im Moment vom HR und vom MDR für die ersten Jahrgänge der Reihe wieder ins Fernsehen gebracht wird.

Einen Grund dafür sehen wir nicht auf den ersten Blick und wollen auch nicht darüber rätseln. Eines ist aber doch zu erkennen: Der letzte Schwarzweiß-Film der Reihe bringt nicht das Schwarzweißdenken zum Abschluss, das für bestimmte Spielarten des Genres geradezu konstitutiv ist, doch mit nur 61 Minuten Länge liegt er sogar unterhalb dem Durchschnitt der Filme der ersten Jahre und er ist von der Machart sehr traditionell. Die Unterschiede zu Filmen aus den Jahren 1971, 1972, als die Reihe begründet wurde, sind marginal und vor allem einer leicht veränderten Mode und Technik geschuldet, nicht aber der Machart – und die Machart der ganz frühen Polizeirufe ist noch in den 1960ern verhaftet.

Das Drehbuch ist eigentlich zu füllig für die kurze Spielzeit, aber beachtenswerterweise schafft man es doch, mit „Sexy Sabine“ eine Episodenfigur recht gut auszuleuchten. Die Männer um sie herum, auch der Fensterstecher-Kühlschrankräuber, bleiben hingegen eher blass. Wir hätten Michael Gwisdek in der Titelrolle gar nicht erkannt, weil wir ihn bisher nur in jüngeren Filmen gesehen haben und bei ihm inzwischen eine bemerkenswerte Veränderung der Physiognomie eingetreten ist. Er spielt den Fensterstecher auch nicht so, dass man sofort aufmerken würde. Bis auf Uta Schorn, die aus ihrer Rolle als Sabine das Meiste herausholt, gilt das aber für alle, die an diesem Film mitgewirkt haben.

Oberleutnant Hübner wirkt zu dröge, der Einsatzleiter schrecklich linienhaft. Jürgen Frohriep ist offenbar ziemlich flexibel in seiner Darstellungsweise, und zwar in der Form, dass er zu karg wirkt, wenn man ihn nicht dezidiert anders führt. Alfred Rücker als Meister Subras und Sigrid Göhler als Leutnant Arndt spielen von sich aus etwas flüssiger, müssen sich hier aber auch strikt an eine sehr schlichte Sprache und Interpretation halten. Nur Subras werden mit Bemerkungen wie „Sexy Sabinchen“ seltene Ausflüge ins Unsachliche zugestanden, sein Vorgesetzter Hübner kann damit auch nicht viel anfangen. Zugleich wird strikt auf die komplette Anrede „Genosse Oberleutnant“ etc. gedachtet. Diesbezüglich hatten sich andere Produktionen auch damals schon mehr Freiheiten genommen. Nur eine alte Frau, eine Zeugin, die ein wenig bösartig gezeigt wird, darf den Hübner noch Kommissar nennen. Sie ist noch in der Zeit vor der DDR-Gründung verhaftet, wie man auch an ihrem grindigen Charakter bemerkt. Besonders beim Auffinden der Beute nach intensiver Suche im Wald erhalten die fortgesetzten Genoss*in+Dienstgrad-Nennungen aus heutiger Sicht einen satirischen Charakter, weil sie die ohnehin etwas hölzernen Dialoge noch statischer wirken lassen.

Allerdings sehen wir dem Film einiges nach, weil er Sabine versteht und sie nicht dafür verurteilt, dass sie sich ihre Unabhängigkeit bewahren kann. Angesichts des Angebots an Männern, das sich ihr zur Auswahl stellt, eine verständliche Haltung. Der einzige, der etwas beschlagener wirkt, ist der Chef, und der ist natürlich verheiratet. Diejenigen Frauen, die aus begrenztem Angebot zu früh wählten, hatten oftmals viel weniger Spaß als sie. Sabine hilft am Ende sogar aktiv, weil die Polizei durch ihre Angaben das Versteck der Beute lokalisieren konnte. Der große Kühlschrank-Coup endet glücklicherweise in der Sicherstellung des geraubten sozialistischen Eigentums. Aber 80.000 Mark als Einnahmen aus einem oder zwei Tagen, das muss ja ein fulminant laufender Landgasthof gewesen sein. Und das dann im Kühlschrank lagern. Dieser Sicherheits-Fail wird aber in „Der Fensterstecher“ nicht so an die große Glocke gehängt wie in einigen anderen Polizeirufen jener Zeit, die sich mit Einbruchsdiebstählen befassen. Man konzentriert sich ganz auf Sabine und auf den Fensterstecher, der offenbar fast jede Nacht unterwegs ist.

Und er arbeitet allein, anders, als Hübner vermutet – verwendet allerdings ein Auto und täuscht die Polizei mit geklauten und nach der Tat irgendwo in der Nähe des Tatorts entsorgten Fahrrädern. Logisch ist das schon deshalb nicht, weil er von den Stellen aus, an denen er die Zweiräder abstellte, weiterkommen musste. Klar, das Auto war dort geparkt, aber das weiß die Polizei zunächst nicht. Ein bisschen krass ist auch die Falschaussage einer Frau, bei der eingebrochen wurde und deren Junge nicht den Einbrecher sah, sondern den Liebhaber, den die Frau aber nicht offenbaren wollte, weshalb sie trotz bereits vorhandenen Phantombilds des Fensterstechers auf das Bild des Liebhabers verwies. Der Junge sollte glauben, der Liebhaber, den er in jener Nacht zum ersten Mal sah, sei der Einbrecher.

Welcher Einbrecher geht schon in einer Wohnung aufs Klo, in der sich die Bewohner aufhalten? Es gibt weitere Handlungselemente, die wir lieber nicht so genau auf Glaubwürdigkeit untersuchen wollen, wie die alte Frau, die den fliehenden Einbrecher an den Füßen mit einem Stromkabel fesselt, während der zu Dreivierteln aus der Wohnung ist, aber zwischen Fensterrahmen und schnell heruntergelassenem Rollladen festhängt. Er entkommt ja dann trotzdem, was realistisch wirkt. Nett hingegen, wie sich die resolute alte Dame im Revier nicht an die Vorgaben hält und bei der Gegenüberstellung den richtigen Fensterstecher geradezu angreifen will, was dann auch zu dessen Verhaftung führt. Die Art, wie diese Sichtung von Verdächtigen durchgeführt wird, weist darauf hin, dass die Zeit für diese Aktion recht knapp bemessen war.

Finale

Ideologisch ist der Film nicht sehr stark aufgeladen bzw. ausgleichend: Die junge Frau mit der libertären Lebensweise wird eher als Suchende dargestellt, der Künstler jedoch, der sich mit niederen Arbeiten durchschlägt, ist ein verdächtiges Subjekt, welches sein Potenzial nicht in den Dienst der Gemeinschaft stellt, sondern sich einen Teil des Lebensunterhalts mit Fensterstechereien verdient. Er hat keinerlei Hintergrund, das ist selbst für die damalige Zeit bemerkenswert. Normalerweise fängt der ABV an, über jemanden zu referieren, der ins Fadenkreuz der Kripo gerät. Über Herbert Lohmann weiß man nur: Dass er selbst sagt, er habe einen altmodischen Namen und dass er im Heim aufgewachsen ist, das verrät uns die Polizei. Das muss als Systemkritik genügen. Sein Geburtsjahr wir mit 1940 benannt, damals war Herbert noch ein recht gängiger Vorname, meist in oder in der Nähe der Top 20 der beliebtesten männlichen Vornamen angesiedelt.

Das Bemühen, immer neue Varianten der Ausführung von Vermögensdelikten zu zeigen, führt hier wieder zum klassischen Einzeltäter, dessen Wirken zwar ins Gemeingut eingreift, aber nicht die Gesellschaft so gefährdet, wie wir es auch in Polizeirufen der 1970er schon auf verblüffende Weise feststellen konnten, wenn erst das verwerfliche Zusammenwirken einer Vielheit von Personen bestimmte Begehungsweisen möglich machte. Aber wie soll einer Vielheit eine solche Standpauke gehalten werden, wie am Ende Oberleutnant Hübner der armen Frau, die ihren Liebhaber tarnen wollte.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Hans Knötzsch
Gerhard Stübe Produktion
Ralf Siebenhörl
Musik Rolf Zimmermann
Kamera Helmut Borkmann
Schnitt Renate Müller, Brigitte Wolfram

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Sigrid Göhler: Leutnant Vera Arndt
Alfred Rücker: Meister Lutz Subras
Uta Schorn: Sabine Kroll
Michael Gwisdek: Herbert Lohmann
Hans-Joachim Leschnitz: Olaf Kähler
Friedhelm Eberle: Elmar Lange
Liselott Baumgarten: Sidonie Berlepsch
Gisela Morgen: Frau Könnern
Friederike Aust: Frau Kuntze
Gert Hänsch: Herr Felgendreher
Rudolf Seiß: Herr Mischalla
Rudolf Donath: Hauptmann Bechler
Siegfried Pappelbaum: Kriminalist
Georg Helge: Nachbar
Dagmar Dempe: Laborantin
Gisela Graupner: Objektleiterin
Jutta Liebster: Reni
Hanna Mönig: Laborantin

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