Ihr größter Fall – Polizeiruf 110 Fall 216 / #Crimetime 626 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schwerin #Groth #Hinrichs #NDR #Fall #groß

Crimetime 626 - Titelfoto © NDR

Noch ist Polen nicht verloren und Hinrichs‘ Ehe auch nicht

Der letzte Fall mit Kurt Groth (Kurt Böwe) hätte der vorletzte sein sollen, doch dann verstarb Böwe kurz nach den Dreharbeiten. Vielleicht war er schon so angeschlagen, dass er gar nicht mehr anders als extrem zurückgenommen spielen konnte. Dafür ist Kollege Hinrichs umso besser in Form und rockt die Autoschieber-Mafia. Warum ist ein Fall, in dem nicht einmal ein Mord geschieht, der größte von Groth und Hinrichs? Vielleicht wegen des doch recht großen Aufwandes, mit dem der 216. Polizeiruf inszeniert wurde, was sich vor allem in den letzten Szenen auswirkt. Darüber und über das, was sonst wichtig ist, schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Jens Hinrichs heiratet an der Ostsee seine große Liebe Nina, die hochschwanger ist. Bevor Nina jedoch ihr Ja-Wort geben kann, setzen die Wehen ein und sie wird ins Krankenhaus gebracht, wo sie kurz darauf eine Tochter zur Welt bringt. Hinrichs wiederum kommt nicht zur Ruhe, wurde seinem Vorgesetzten Dr. Stuber doch während der Eheschließung der Wagen gestohlen. Beim Besuch des örtlichen Polizeireviers trifft Hinrichs auf chronisch unterbesetzte Ermittler, die zudem keine Kenntnis von modernen Ermittlungsmethoden haben. Hinrichs gibt erste Hilfestellungen, muss jedoch immer wieder ins Krankenhaus zu Frau und Kind. Er schickt notgedrungen Groth zur Dienststelle, den der Fall jedoch nur wenig zu interessieren scheint. Groth lernt auf der Dienststelle die Dänin Helga Bergen von INTERPOL kennen, die im Rahmen einer Konferenz zu Internationaler Autohehlerei vor Ort ist. Sie zeigt ihm den Aufenthaltsort eines Residenten, der einen Autohandel betreibt, in dem er immer wieder auch gestohlene Wagen exportiert. Hinrichs geht der Spur nach, stellt sich jedoch zunächst ungeschickt an. Er lässt schließlich zwei Wagen des Händlers überprüfen und findet heraus, dass die Wagen zwar offiziell zugelassen wurden, jedoch nie bei ihrem angegebenen Eigentümer landeten. Diese ließen die Wagen gegen Bezahlung der Autoschieber zulassen. Die Bande wiederum stiehlt gleichartige Wagen und präpariert sie wie den einen, der als Prototyp eine Zulassung hat. So können gestohlene Wagen ohne Probleme in die ganze Welt verschoben werden.

Als ein anonymer Anrufer meldet, dass Dr. Stubers Wagen an der Uferpromenade stehe, kann Hinrichs Groth gerade so in Sicherheit bringen: Groth hatte den Wagen geöffnet, der jedoch mit einer Sprengladung versehen war und kurz darauf explodiert. Groth wird verletzt ins Krankenhaus gebracht. Hinrichs vermutet, dass der vor Ort stattfindende internationale Polizistenkongress Ziel des Anschlags war. Er weiß nicht, dass er selbst von der Autoschiebermafia aus dem Weg geräumt werden sollte.

In Polen haben es Ermittler unterdessen auf Cristof Maslowski, den Kopf der Autoschieberbande, abgesehen. Maslowski kann fliehen und begibt sich zu seinem Bruder, der der Resident an der Ostsee ist. Beim Übertritt nach Deutschland wird er von Grenzpolizisten gesehen, die eine Beschreibung des Geländewagens weitergeben, mit dem Maslowski flieht. Den Wagen hatte Hinrichs zuvor beim Residenten überprüfen lassen. Er wird noch einmal gesehen. Ein Zeuge berichtet, wie er von ihm fast von der Straße abgedrängt worden wäre. Hinrichs folgt der Autorichtung und findet so in einer alten LPG das Hauptlager der Autoschieber. Er informiert Dr. Stuber, der das LKA schickt. Auch INTERPOL ist bei der Umstellung und Festnahme der Bande beteiligt. Am Ende stößt auch der aus dem Krankenhaus entlassene Groth mit zum Team. Dr. Stuber wiederum gelingt es durch einen Zufall, den Flüchtigen Maslowski, genannt „der Pate von Wrocław“, zu stellen.

Der Fall ist gelöst und Hinrichs hat nun Zeit, die Eheschließung mit Nina nachzuholen. Groth wiederum wird von Helga Bergen nach Dänemark eingeladen, das er noch nie besucht hat.

Rezension

Regisseur Hans-Erich Viet hatte immerhin mit Detlev Buck im Filmgeschäft angefangen und es lag nah, dass der NDR ihn mit seiner östlichsten Schiene betraut, die ja doch mehr ein Nordkrimi-Gepräge hatte und immer noch hat, als dass sie speziell ostdeutsch gewirkt hätte – trotz Hinrichs‘ unüberhörbarem sächsischen Akzent. Wobei mit Nordkrimi nicht die düstere skandinavische Variante gemeint ist, sondern eher die Krimikomödie mit skurrilen Figuren – à la Detlev Buck, dessen Wirken das, was beim deutschen Humor als State of the Art gilt, eindeutig nordwärts verschoben hat. „Ihr größter Fall“ zeigt auch eine Menge davon. Die Kritik war dennoch verhalten und befand beispielsweise, für ein ernstes Werk setze der Film zu sehr auf Klischees, für eine Komödie sei er nicht witzig genug. Das stimmt insofern, als der Film keinesfalls ernst genommen werden darf und man trotzdem nicht die ganze Zeit über lachen konnte.

Wenig gelungen ist beispielsweise die unmotivierte Annäherung der dänischen Ermittlerin Bergen an den mehr als eine Generation älteren Groth und das Beziehungsleben von Hinrichs schwankt zwischen ganz nett und mehr als albern inszeniert. Für Julia Richter hätte man gewitztere Dialoge schreiben können. Ob man die Verschiebung von Autos via Polen nach Skandinavien und bis nach Asien nun politisch unkorrekt oder klischeehaft findet: Kürzlich sagte Matthias Brandt in seiner Rolle als Hanns von Meuffels (Polizeiruf München) in dem grandiosen Film „Kreise“, das Teuflische an Klischees sei, dass sie oft etwas an ihnen dran ist. Sinngemäß wiedergegeben, vermutlich hat er keine so starke Bewertung ausgedrückt. Und es stimmt. Klischees entstehen nicht ohne Grund, man muss eben in einer konkreten Situation die Offenheit bewahren, ein Klischeebild, das sich automatisch einstellt, korrigieren zu können, wenn Angehörige von Gruppen eben nicht dem Klischee entsprechen, das man von diesen Gruppen hat. In einem neueren Brandenburg-Polizeiruf mit Raczek und Lenski wird dann schon so getan, als sei das Autoverschiebungs-Klischee mehr oder weniger absurd. Vielleicht ist das mittlerweile auch nicht mehr so ein großes Thema wie wenige Jahre nach dem Fall der Blockgrenzen.

Aber warum spielt ein schon damals recht betagter Audi 100 eine wichtige Rolle? Weil man es sich nicht leisten konnte, einen neuen A6 explodieren zu lassen, selbstverständlich. Neben den etwas unausgewogenen Verhältnissen der Figuren zueinander leidet der Film auch darunter, dass man das Geschäftsmodell der Autoschieber mit den „Doublettengebern“ und den baugleichen geklauten Typen so umständlich erläutern und überhaupt sehr viel Infodropping vornehmen musste. Das wirkt selbst dann umständlich, wenn es auf Hinrichs‘ kauzige Art präsentiert wird. Insofern liegt es gar nicht fern, dass die gut organisierte Dänin den deutschen Kollegen etwas Infomaterial in Wort und Bewegtbildern über das Erstellen von Lagebildern mitbringt, damit diese sich in moderne, grenzübergreifende Ermittungstechnik einlesen können. Immerhin ist auch der Zuschauer am Ende schlauer und kann es auch mal als Autoschieber versuchen, wenn er keinen Bock mehr auf ungerechte Bezahlung oder Diskriminierungen durch das Jobcenter hat.

Die Schlussszene, sogar mit Hubschraubereinsatz, ist recht lebendig und aktionsreich gefilmt, die Szene wird zwar klischeehaft, aber auch recht unterhaltsam dargestellt, an Hinrichs‘ Art müssen wir uns aber erst gewöhnen, das ist uns nach drei Filmen noch nicht vollständig gelungen. Diese Mischung aus trotteligem Ausdruck und versierter Polizeiarbeit hat etwas ziemlich Verschobenes – obwohl man es sich beim Tatort Münster offenbar ein bisschen zum Vorbild genommen hat, denn dort lösen ebenfalls ziemliche Chaoten die schwierigsten Fälle und niemand findet etwas dabei – im Gegenteil, keine andere Tatort-Schiene ist nach Zuschauerzahlen beliebter.

Der Film wirkt trotz seiner vielen Handlungselemente und der teilweise exzentrischen Figuren erstaunlich ruhig – Einsatzfinale ausgenommen. Vermutlich, weil er nicht sehr viel physische Gewalt beinhaltet. Heute würde man das Blut mehr spritzen lassen, in „Ihr größter Fall“ kommt niemand anderes als ausgerechnet der arme Groth ein wenig zu Schaden. Außerdem nimmt auch das viele Menscheln viel Zeit in Anspruch, am meisten dadurch, dass Hinrichs‘ Ehemannwerdung recht ausführlich dargestellt wird.

Finale

„Ihr größter Fall“ ist sicher nicht der größte Polizeiruf und er verliert sich immer wieder im Klamaukigen, die Einzelszenen sind den Machern eindeutig wichtiger gewesen als das Ganze, aber einige dieser Szenen und die Figuren, die jene Szenen bevölkern, kann man sich anschauen, ohne einzuschlafen oder allzu genervt zu sein.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Erich Viet
Drehbuch Edmund Grote, 
Hans-Erich Viet
Produktion Doris J. Heinze
Musik Kambiz Giahi
Kamera Udo Franz
Schnitt Angelika Strelczyk

Kurt BöweKurt Groth
Uwe SteimleJens Hinrichs
Birte Berg: Helga Bergen
Julia Richter: Nina
Marek Włodarczyk: Cristofs Bruder
Mark Zak: Cristof Maslowski
H. H. Müller: Oberkriminalrat Dr. Stuber
Gabriele Völsch: Juliane
Joana Adu-Gyamfi: Sonja
Janusz Cichocki: polnischer Ermittler
Ulrich Faulhaber: Mofafahrer
Marek Gierszal: Zivilfahnder
Natascha Graf:
Frank Jordan: Polizist
Harald Maack: Polizist
Gerhard Olschewski: Leiter Polizeidienststelle
Sven Pippig: Autoschieber
Zacharias Preen: Arzt
Jurij Schrader: Dealer im Fitnessstudio
Stefan Schreck: Mann im Fitnessstudio
Wolf-Dietrich Sprenger:
Jochen Horst: Grenzpolizist 

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