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Crimetime 625 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Die desolaten Pausenclowns von Dortmund?

Beim Team Faber, das seit vier Jahren immer wieder beweist, dass es kein Team ist, glaubt man kaum, dass es schon neun Fälle überstanden hat. Der Eindruck, dass sich neue Ermittler etabliert haben, die man noch für ziemlich neu im Geschäft hält, zeigt sich immer häufiger.

Die Dortmunder Variante: Dass die sich noch nicht gegenseitig umgebracht haben, nimmt Wunder. Und was unterscheidet die kriminelle Energie eines Faber von der seiner Kontrahenten aus der OK? Alles ist didaktisch und daher sehr wenig praktisch. Aber doch authentisch. Auf seine Art. Wir reden über den Effekt in der -> Rezension.

Handlung

Karambolage mitten in der City: Mit voller Absicht wurde Ralf Nowak umgefahren. Abgesehen haben es die beiden Täter im Geländewagen auf den Rucksack des Motorradfahrers. Doch der Rocker setzt sich zur Wehr. Es kommt zum Schusswechsel. Zwei Tote, eine Schwerverletzte lautet nur wenig später die Bilanz am Tatort. Für die Kommissare Peter Faber, Martina Bönisch, Nora Dalay und Daniel Kossik deutet alles darauf hin, dass es sich hier um einen Konflikt im kriminellen Rocker-Milieu handelt. Der „Miners“-Präsident Thomas Vollmer wurde am gleichen Tag aus der U-Haft entlassen. Während er im Knast war, führte Luan Berisha die Truppe – und er hat nicht die Absicht, sich künftig wieder gehorsam unterzuordnen.

Rezension

Es handelt sich tatsächlich um den neuen Faber-Fall. Wie ist das möglich? Indem es sich um eine Fiktion handelt. In der Wirklichkeit, so schlimm diese auch sein mag, hätte dieses Team längst einen Totalschaden, Kollaps erlitten oder hätte Zahltag gehabt. Die Dominanz der internen Probleme und Ermittlungen über den Kriminalfall und die zusätzliche Einbeziehung des vorletzten Dortmund-Krimis „Kollaps“ (TO 959) schaffen eine Unübersichtlichkeit, die programmatisch und gleichermaßen unzentriert wirkt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es für mich und meine Bewertung gelten lasse, dass dieser Krimi ist wie eben unsere Welt ist: Traurig, bösartig, vermobbt, nicht einzugrenzen. Eines ist sicher: Wer selbst ein hartes Leben hat, wird von dieser Art Krimi irgendwann nicht mehr angesprochen. Etwas mehr Affirmation wäre  dienlich, wenn die Tatortgemeinde nicht so gespalten werden soll …

… wie die Gesellschaft, die in Filmen wie „Zahltag“ gezeigt wird. Wohl wahr. Zufällig oder nicht hatte ich am Wochenende selbst Kontakt zur örtlichen Polizei in Berlin, weil ich auch mal wieder ein Alltagsdelikt zur Anzeige zu bringen hatte und die Gelegenheit, mich fast eine Stunde lang mit einem Beamten zu unterhalten, der unter anderem meinte, die gespaltene Gesellschaft sei eh Fakt. Einer der Effekte dieses Austausches war, dass ich am Sonntagabend nicht ausgerechnet einen Dortmund-Tatort sehen wollte und ihn mir bis zum Montag aufhob. Auch die übliche Vorschau ließ ich dieses Mal unter den Tisch fallen. In meinem Realgespräch war auch davon die Rede, wie an der Oberfläche der OK ein wenig gekratzt wird. Nach dem Tatort dachte ich: So bescheuert die Zustände in diesem Dortmund-Team sein mögen, so sehr deckt sich das, was man darin an Strukturen des Verbrechens sieht mit dem, was man aus erster Hand in Berlin erfährt. Und wäre es dann richtig, immer Tatorte zu machen, die an unserer Realität vorbeigehen? Und in denen nicht die Zustände des Ganzen durch die Charaktere sowohl auf der staatlichen wie auf der Unterweltseite gecovert werden?

Und dann noch die interne Ermittlung: „Ich mache nur meine Arbeit“ (Interner Ermittler Pröll) „Das haben sie im Dritten Reich auch gesagt“ (Faber). Das Problem ist die Diversität der Wahrnehmung. Hier ein dummer, da ein cooler Spruch. Hier ein Arschloch, da ein hinterfotziger Manipulator. Da ein vermeintlich politisch korrekter Spruch, dort Aussagen wie „Wir sind nur noch die Pausenclowns für die Politik, die den Leuten vormacht, der Staat sei im Griff“ (sinngemäß wiedergegeben). Alles ist richtig und alles so viel von allem. Aber ist Intensität wirklich mit maximaler Einwirkung gleichzusetzen? Dann lassen sich weitere Steigerungen denken. Da aber Dosierung ohnehin nicht das angemessene Mittel  unserer Zeit ist, muss man diesem Trend zur Entgrenzung, Überfrachtung, Ausfaserung von allem und jedem folgen. Das tut auch ein Tatort-Routinier wie Regisseur Thomas Jauch in diesem Fall und bleibt damit auf der Höhe der Zeit. Es fehlt freilich das extravagante Outfit manch anderen neuzeitlichen Tatorts, filmisch bleiben die Macher eher konservativ. Visuell, besser gesagt. Denn inhaltlich ist dieser Zerfall von allem eine ganz neuzeitliche Tendenz, die auch in Hamburg gespielt wird – auf eine schon wieder altertümliche Weise, weil nur der Einzelrächer noch was ausrichten kann. Mad Max lässt grüßen. Oder in Berlin, das Konzept des hiesigen, noch neueren Teams ist erkennbar dem Dortmunder nachempfunden. Inklusive filmübergreifender Handlungen, die mit der Zeit die Unübersichtlichkeit des Ganzen noch erheblich steigern, inklusiver weit suboptimaler Teamstruktur, inklusive Verstrickung von Ermittlern in Verbrecherkreise.

Die Gefahr ist, dass die Autoren denken, es fällt eh nicht mehr auf, ob die  Krimihandlung noch einigermaßen Hand und Fuß hat. Hatte sie zum Beispiel in „Zahltag“ nicht wirklich. Dünn und zudem wenig plausibel, was sich da im Rocker-Mafia-Milieu abspielt. Ich bin gerade halbwegs hinter die Story gestiegen und empfinde sie psychologisch als ebenso fragwürdig, wie ich das Teaminterne bei den Cops trotz aller Überzogenheit für spannend, mitreißend gespielt und immer für Überraschungen gut halte.

Faber ist aber doch nicht tragbar, oder? Sein Team kann nicht funktionieren, weil er als dessen Chef nicht sozial funktioniert – das ist so glaubhaft wie nur irgendetwas. Wie er sich selbst strukturell den Verbrechern annähert, um gegen sie zu kämpfen, das ist gar nicht so neu, aber in Deutschland ist es noch relativ neu, es zu zeigen. In den USA hat man in den frühen 1970ern schon stilprägende Krimis gemacht, in denen Cops und Bad Guys in vielen Dingen kaum zu unterscheiden waren. Im Gegenteil, Faber ist beinahe noch zu knuffig, um von den Typen, mit denen er Auge in Auge seine meist nur verbalen Duelle ausführt, ernst genommen zu werden. Bei aller Frechheit von Faber, sein Typ hat Grenzen, ein echter Macho-Actionheld kann er nicht werden. Er ist eben ein Psycho, der auf seine Weise dafür sorgt, dass er in einer unkontrollierbaren Welt die Kontrolle behält, indem er sich ständig abgrenzt. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht ist es gut, dass nicht darauf insistiert wird, die Welt, in der die Cops und ihre Opponenten leben, habe mit unserer viel gemein, und wir wissen, dass kurze Berührungen mit dem Staatsapparat nur dann Einblicke bieten, wenn wir gezielt nachfragen – einfühlen können wir uns aber kaum.

Aber wenn wir aus unserer ein paar Meter aus unserer Normalwelt heraustreten müssen, wie mir das am Wochenende zuteil wurde, spüren wir sofort, dass dem nichts entgegenstünde, wenn die Ordnungshüter so wären wie Faber, wenn sie dafür nur irgendwie zu Ermittlungsergebnissen und zur einen oder anderen Festnahme wirklicher Täter kämen. Es wäre uns egal, ob die Leute, die uns beschützen sollen, genau so fies sind wie die von der OK: Hauptsache Erfolg. Und das ist eben Faber, gar nicht so unstrategisch, auch im Umgang mit den eigenen Defiziten: Er ordnet dem Erfolg alles unter. Manches ist auch ironisch, das kann sogar auf die Pausenclown-Sentenz zutreffen. Aber es ist nie so ironisch, dass eine Interpretation in Richtung ernsthaftes Statement über unsere Gesellshaft nicht denkbar wäre.

Das heißt, es wird ein Ausweg aus der Tristesse angeboten. Jedem auch hier das seine, und wenigstens die Faber-Fans unter den Tatortguckern werden auf diese Weise zusammengehalten: Je desolater, desto besser, gegenseitige Dekonstruktion ist das neue Teamwork. Die grimmige Zerstörungswut, die in diesen Film von allen Seiten zelebriert wird, hat auch etwas Befreiendes. Man spürt, dass da etwas drinsteckt, was uns alle betrifft und beschäftigt und dass dieser Tatort es spiegelt. Das Büro, die Arbeit, ist kein Rückzugsraum mehr, sondern Teil des Schlachtfeldes, die Mitstreiter sind keine verschworene Gemeinschaft mehr, sondern treten sich gegenseitig ans Bein und erstmalig stehen sie nicht gegen eine interne Ermittlung zusammen. Grundsätzlich gab es solche Fälle im Tatort schon öfter, aber dieses Mal kommt erstmalig die interne Ermittlung durch eine Illoyalität innerhalb des Teams zustande. Am Ende nur Verweis für Faber, ein wenig überraschend, der Interne ist doch ein Kumpel. Aber darin liegt kein Trost. Ein Ende des Zoffs ist nicht abzusehen.

Finale

Soll man die Dortmund-Tatorte nur Zusehern mit starken Nerven empfehlen? Nicht wegen ihrer exzessiven Gewaltdarstellung, da gibt es Städte mit mehr Drang zur Spitzenstellung, sondern wegen des desolaten Zustandes des Zwischenmenschlichen? Dortmund und die Menschen, die wir hier sehen, haben etwas von einer Dystopie. Wenn ich Brennpunktviertel in großen Städten realistisch anschaue, weiß ich, es handelt sich nicht um eine Chimäre. Habe ich die Nerven, dieser Tatsache ins Auge zu sehen? Das muss sich eben jeder Tatortzuschauer fragen und dann, ob er es zulassen will, dass ein dysfunktionales, im Grunde unrealistisches Team als Ausdruck all dessen fungiert, was uns anfixt, triggert, den Schlaf rauben, unser privates Idyll plötzlich angreifen könnte. Man sollte aber nicht den Fehler machen, ein Alltags-Faber werden zu wollen, denn genau da unterscheidet sich die Realität von den Dortmund-Tatorten.

Sie verzeiht solches Verhalten nicht, weil all dem zivilisatorischen Niedergang ja eine heuchlerische PoC gegenübersteht, die so tut, als könne man mit ein paar Begrifflichkeitsänderungen die Realität maßgeblich beeinflussen. Punktuell kann man das sogar, aber unter dem Boden der verbalen Wohlanständigkeit, der mit immer mehr Fanatismus festgetreten wird und auf dem die Fabers dieser Welt ganz offensichtlich nicht stehen mögen, ist es hohl. Da kann man auch gleich in den Abgrund schauen. Ohne zu viel Furcht, aber auch ohne den naiven Leitgedanken, dass die Wirklichkeit durch Worte, und nicht durch Taten verbessert werden kann. Zum Beispiel dadurch, dass man irgendwann doch mal ernsthaft eine Gesllschaftsordnung in Betracht zieht, welche der Ausbreitung der OK Einhalt gebieten kann. Nicht durch eine sich immer weiter drehende Gewaltspirale und Staatsaufrüstung, sondern durch eine von der bisherigen abweichende Priorisierung materieller und ideeller Dinge, mithin durch eine Ordnung, in der die humanistische Komponente wieder mehr zählt und in der für manche Form von Handel, mit der die OK sich finanziert, nicht mehr so viel Bedarf besteht.

7/10

© 2020, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Oberkommissar Daniel Kossik – Stefan Konarske
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Interner Ermittler Johannes Pröll – Milan Peschel
Thomas Vollmer – Jürgen Maurer
Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
Mike Kisch – Felix Knopp
Luan Berisha – Oliver Masucci
Serim Katuk – Atheer Adel
Francesco Piti – Luca Zamperoni
Guiseppe Malfatti – Fabio Sarno
Akif Jasar – Hasan H. Tasgin
Petra Nowak – Anja Nejarri
Frederike Freidank – Silvia Medina
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Rodja Kükenthal
Ton – Wolfgang Wirtz

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