Tödliche Freundschaft – Tatort 310 #Crimetime 627 #Tatort #Hamburg #HH #Stoever #Brockmöller #NDR #Freundschaft #tödlich

Crimetime 627 - Titelfoto © NDR

Sauerei!

Weiter geht’s mit  unserer Aufarbeitung des mittlerweile Lieblingsteams unter den nicht mehr aktiven Tatort-Ermittlern: Paul Stoever und Peter Brockmöller (Manfred Krug, Charles Brauer) aus  Hamburg. Es ist auch vergleichsweise einfach, deren Fälle zu sammeln, denn der NDR widmet sich mit viel Hingabe der Erinnerungsarbeit für sein bis heute – nach Zahl der Folgen – mit Abstand erfolgreichstes Kriminal-Duo.

Zunächst ist „Tödliche Freundschaft“ ein ganz typischer Übergangskrimi aus der Mitte der 90er Jahre. Paul Stoever hat endlich ein Mobiltelefon von der Größe einer Schweinshaxe, bei dem man die Antenne herausziehen muss, um Empfang zu haben. Der Klinikchef Dr. Beuck (Gerd Baltus) spielt auch mit Technik, die es schon seit den 1000 Augen des Dr. Mabuse zu Beginn der 60er Jahre gibt – einem Überwachungsapparat für viele Räume seiner Klinik. Wie wir darauf und auf andere Aspekte des Tatorts „Tödliche Freundschaft“ reagiert haben, ist nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung

Der Biologe und Wissenschaftler Joachim Kronberg wird in einer Hamburger Bunkerruine erschossen aufgefunden. Über die schwerreiche Mutter, die in einem Sanatorium außerhalb Hamburgs wohnt, erfahren die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller, daß ihr Sohn mit der Pflegerin Ingrid befreundet war und sie ein Kind von ihm erwartet. Zu einem Gespräch zwischen Ingrid und den Kommissaren kommt es nicht mehr. Sie verunglückt tödlich bei einem Autounfall.

Die Ermittlungen ergeben, daß die Mutter Kronbergs ihr Vermögen in eine dubiose Kapitalanlagefirma investiert hat. Spielt das Schicksal der ebenfalls schwangeren Pflegerin Else, die sich vor Ingrids Tod umbrachte, eine Rolle? Was weiß der Leiter des Heimes, Dr. Beuck?

Erst als Stoever und Brockmöller von mißgebildeten Embryos erfahren und zugleich Details aus Kronbergs wissenschaftlicher Vergangenheit herausfinden, stellen sich beklemmende Zusammenhänge her.

Rezension

Die Inszenierung wirkt eher hölzern, ebenso die Schauspielleistungen. Nicht nur das in der heutigen Wiedergabe ziemlich griesige 4/3-Format, sondern auch der Stil, in dem Krimikost dargeboten wird, hat sich gewandelt. Cool ist hingegen die Pudelmütze von Paul Stoever und der Humor, den er zusammen mit Brocki fabriziert. Trocken bis skurril, aber das gilt für den gesamten Tatort, der ein typisches Thema der frühen 90er (Anlagebetrug) mit einem anderen Sujet vermengt, der Gentechnik und ihren Auswüchsen.

Ersteres wirkt abgenutzt, Letzteres ein wenig unglaubwürdig. Nicht, weil es keine Lebensmittelskandale gegeben hätte und immer noch gibt, nicht, weil Gentechnik ein so sauberes Geschäft wäre, sondern, weil die Art, wie hier ein Wachstumsbeschleuniger für Schweine mit Wachstumsstörungen bei Embryonen in Verbindung gesetzt wird, etwas übers Ziel hinaus schießend wirkt. Man muss den Machern von „Tödliche Freundschaft“ allerdings zugute halten, dass viele Menschen damals dachten, genmanipulierte Tomaten auf Freilandfeldern könnten eventuell über Nacht Beine bekommen und sich in einer großangelegten Verschwörung auf selbige machen, um die ganze Welt zu genverseuchen. Wie dann erst bei schwarzen Riesenschweinen?

Ein Plädoyer gegen die Spannung. Einige Tatort-Fans haben es richtig erkannt: Schon der Titel macht die Spannung dieses Tatortes weitgehend zunichte. Es gibt nur eine Freundschaft in diesem Film, die tödlich sein könnte, und das ist sicher nicht die „kreative Konkurrenz“ zwischen Brocki und Pudelmützen-Paul – sondern die seit Kindertagen bestehende Verbindung zwischen den Genbiologen Jochen Kronberg (Thomas Naumann) und Dieter Frank (Udo Schenk).

Warum aber der eine, der so unemotional und geschäftsmäßig wirkt, den anderen gerade an diesem Memorial-Place eines alten Bunkers umbringt, den beide als Kinder besucht haben (oder ihn zumindest dort deponiert), wird ebenso ein Geheimnis bleiben wie viele andere Details dieses Falles, der von grob gestrickten sowie unfreiwillig komischen Szenen befallen ist wie ein alternder Käse von Schimmelpilzen. Hinzu kommt, dass vor allem Udo Schenk generell als Bösewicht besetzt wurde und sein Auftreten den Täter mindestens andeutet. „Predictable“ würden die Amerikaner diesen Krimi nennen, und damit sind schon ganze Genres in die ewigen Jagdgründe eingangen – weil die  Handlungsabläufe zu vorhersehbar waren und die Wahl der Schauspieler bereits klar gemacht hat, wer für welche Moral steht.

Der bedächtige Stil, in dem der Film gehalten ist, tut ein Übriges. Er macht es möglich, dass der  Zuschauer dank des Tierarztes Dr. Nowak (Gerd Haucke) und des Chemikers Dr. Maywald (Karl-Friedrich Gerster) einiges über genveränderte Aminosäuren erfährt, da hat man zwei schöne Talking Heads in den Tatort hineingeschrieben. Infotainment nennt man das 16 Jahre nach der Entstehung von „Tödliche Freundschaft“, und man fühlt sich trotz der etwas zusammengeschustert wirkenden Handlung und der sehr schematischen Sicht aufs Hauptthema tatsächlich recht gut unterhalten. Man fällt nicht vom Stuhl vor Schreck über die Riesenschweine, die vernünftigerweise auch gar nicht gezeigt werden – so weit war die deutsche Digital-Tricktechnik 1995 wohl noch nicht. Man schläft aber auch nicht auf dem Sofa ein, weil Peter & Paul immer wieder für kurze, knackige Sprüche sorgen.

Die Essenz von Peter & Paul. Es sind wirklich die beiden, die „Tödliche Freundschaft“ tragen, obwohl er mit damals häufig zu sehenden Schauspielern recht gut besetzt ist. Es ist wohl die Quintessenz aller Tatorte von Stoever und Brockmöller, dass diese als Duo in der Lage waren, gute und schlechte Zeiten, gute und schlechte Drehbücher zu überstehen und ihre Tatorte mit großer Präsenz zu tragen – besonders gilt das natürlich für Manfred Krug als Paul Stoever. Das Duo war beinahe unabhängig von der Qualität seiner Fälle und der eigenen Ermittlungsarbeit – eine solche Verselbstständigung kann man unter den aktuellen Ermittlern am stärksten bei Thiel & Boerne wahrnehmen, die ihre Fangemeinde behielten, auch als die Krimis stark nachließen (zuletzt zeigte die Tendenz wieder aufwärts).

So kommt es, dass man auch „Tödliche Freundschaft“ anschauen kann, ohne dass etwas mehr als 80 Minuten wie gefühlte 120 wirken,  angesichts des Tempos, in denen vor allem das erste Drittel gehalten ist, angesichts der Tatsache, dass man den Mörder von Jochen Kronberg recht früh erahnt, bestünde die Gefahr ansonsten durchaus. Zuweilen hat man den Eindruck, die Macher wussten das alles auch und erlaubten sich Scherze mit der eigenen, sehr routinierten Umgangsweise mit dem Stoff. Besonders deutlich wird das, als Stoever über den in die Seniorenheim-Finanztricks involvierten Buchhalter Lohmeyer sagt: So ein Buchhaltertyp ist ein Mörder, und der Buchhaltertyp das später beinahe wörtlich wiederholt. Das sind Gimmicks, die erahnen lassen, dass diesem Tatort ein unterschwelliger Humor anhaftet, in dem die eigenen Klischees durch den Kakao gezogen werden.

Auch Szenen wie die, wo Stoever ein fettes Schweineschnitzel unbekannter Herkunft verzehrt, obwohl er mittlerweile alle Kenntnisse über die Verfahrensweisen der Großschlachter in der Schweinebucht hat und dabei aussagt, er sei ja nicht schwanger und wolle auch keine Kinder mehr machen (die eventuell von manipuliertem Schweinefleisch gengeschädigt sein könnten), sind einer ziemlich schwarzen Form von Humor geschuldet.

Gentechnik und andere Verbrechen. Mitte der 90er Jahre, als dieser Krimi zum ersten Mal ausgestrahlt  wurde, war Gentechnik ein sehr heißes Thema. Ein Jahr zuvor waren erstmalig genmanipulierte Tomaten in den USA und Großbritannien auf den Markt gekommen, in Deutschland war das Gentechnikgesetzt von 1990 zum wiederholten Mal novelliert worden, um mit der raschen Entwicklung ethischer und technischer Standards Schritt zu halten – in dem Fall wurden die zuvor sehr strengen Sicherheitsverordnungen für die Gentechnik ein wenig liberalisiert, doch das ist eher eine Fußnote in der sehr emotional geführten Debatte um diese ethisch hoch umstrittene Technik im Ganzen.

Dabei fing alles schon viel  früher an. Dass die Menschen etwa in den 70er und 80er Jahren selbst dann sehr hochgewachsene Kinder zeugten, und zwar ohne, dass einzelne Organe vergrößert gewesen wären. Damals lag es noch nicht an der Gentechnik. Man dachte wohl, alles sei Wohlstand – gute Ernährung macht größere Menschen. In Wirklichkeit lag es wohl daran, dass Wachstumshormone im damals zu jedem guten Haushalt gehörenden Fleischgericht Auswirkungen auf die Kleidergrößen der kommenden Generation hatten. Seit hier genauer hingeschaut wird und die Menschen auch ein wenig bewusster beim Fleischverzehr werden, ist dieses enorme Wachstum von Generation zu Generation weniger zu beobachten. Allerdings ist auch der  Wohlstand zuletzt kaum noch gewachsen und wer weiß, welche Korrelationen hier am Werk sind, denn ab einer bestimmten finanziellen Ausstattung aufwärts ändern sich vielleicht noch die Automarken, aber kaum noch die Ernährungstatbestände.

In „Tödliche Freundschaft“ wird hingegen diese Kausalkette dargestellt:

– Eine große Gentechnikfirma steigt aus dem Geschäft mit veränderten Futtermitteln aus und konzentriert sich auf die Forschung im Bereich der Medikamente.

– Zwei Genforscher, der eine begabt, der andere geldgeil, verlassen darauf hin diese Firma, weil sie weiterforschen wollen und finden ein anderes Unternehmen, in dem das möglich ist.

– Dabei arbeiten sie mit einem Schweinegroßmäster namens Hausmann (Holger Mahlich) zusammen, der sozusagen die Anwendungsmöglichkeiten an lebenden Objekten liefert. Da dies natürlich illegal ist, da noch keine Zulassung für die veränderten Futtermittel besteht und auch nicht zu erwarten ist, wird das Ganze mehr und mehr zu einem eigenen kriminellen Tatbestand – Schweine auf illegaler Wachstumsdroge.

– Solche Schweine gelangen in den Handel und auch in den Fleischtopf eines Altersheimes. Der idealistischere der beiden Genforscher schwängert zwei Schwestern dieses Heimes, die vom geninfizierten Fleisch gegesssen haben und beide Kinder, das kann man schon im Mutterleib diagnostizieren, haben Missbildungen in Form einzelner, vergrößerter Organe. Bei den Schweinen wächst also noch das Ganze, bei den Menschen hingegen kommt es  zu  unkontrollierten Einzelentwicklungen.

– Daraufhin steigt der Genforscher Nr. 1 aus der Sache aus, der andere macht weiter. Es kommt zum Streit und Nr. 2 bringt Nr. 1 um.

Daran sieht man, wie gefährlich Gentechnik wirklich ist. Man sollte nicht darüber frotzeln und es ist sicher richtig, dass in Deutschland eine gewisse Skepsis gegenüber riskanten Technologien herrscht, aber wie bei der Atomenergie wird sich das Land nicht komplett abschotten können, wenn die Dinge woanders in eine andere Richtung laufen. Immerhin lassen sich Lebensmitteln kontrollieren und deren Einfuhr ebenfalls, im Gegensatz zu mit nuklearen Elementen angereicherten Wolken. Die Infiltration findet aber dennoch statt, in kleinen Dosen.

Finale

Ob der Tatort „Tödliche Freundschaft“ in seiner extremen Schwarz-Weiß-Zeichnung der Auseinandersetzung mit dem Thema Gentechnik wirklich dient, ist eine andere Frage. Aber es ist eben ein typischer 90er und man kann die eindeutige Position, die durch Stoever am Ende derb unterlaufen wird, nicht schlecht finden und gleichzeitig kritisieren, dass in heutigen Tatorten aufs Peinlichste versucht wird, alle Standpunkte zu beleuchten. 1995 war das politische Engagement vordergründig stärker, die politische Korrektheit hingegen eindeutig schwächer ausgeprägt als heute. Dadurch wurde es möglich, dass hier voll gegen die Technik an sich und gegen deren Protagonisten vom Leder gezogen wird, andererseits aber der Kommissar Stoever am Ende dem Ganzen ein starkes Augenzwinkern aufsetzt, ohne dass dies der Senderzensur zum Opfer fällt.

Auch diese rustikale Art ist es, die den Kommissar Stoever angesichts heutiger Betroffenheitsweltmeisterkandidaten kultig wirken lässt. Man muss das eine nicht besser finden als das andere, aber so kommt es, dass auch ein eher langweilig aufgebauter Tatort noch als Abwechlung reizvoll wirkt und gestrigen Charme ausstrahlt. Zu einer Top-Bewertung reicht das aber nicht und wir halten uns vornehm und politisch korrekt zurück: 6,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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