Todesfall im Park – Polizeiruf 110 Fall 150 #Crimetime 628 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Hübner #Todefall #Park

Crimetime 628 - Titelfoto © DFF

Klavier oder Karate, das ist hier die Frage

Der 150. Polizeiruf ist ein interessanter Fall, weil sich nicht, wie häufig, ein denkbares wirtschaftliches Motiv in einem Beziehungsdrama auflöst, sondern weil es umgekehrt läuft -und dann wieder zurückkehrt zum Ausgangspunkt: Frust aufgrund massiver Demütigung entlädt sich in tödlichen Stockhieben. Es gibt aber mehr über „Todesfall im Park“ zu schreiben, das steht alle sin der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die elfjährige Ina Dörfler schlägt scheinbar grundlos Vitrinen vor einem Juwelierladen ein. Vor den herbeigerufenen Polizisten sagt sie nur, sie werde ihre Gründe vor ihrer Mutter nennen. Die Polizisten begleiten sie nach Hause, wo der neue Freund von Frau Dörfler Ina in Empfang nimmt. Sie weicht ihm aus, sei er doch nicht ihr richtiger Vater. Frau Dörfler ist vom Verhalten der Tochter entsetzt, kann den Polizisten aber auch keinen Grund nennen. Ihre Augen verbirgt sie hinter einer großen Sonnenbrille und gibt an, aufgrund einer Augenentzündung lichtempfindlich zu sein. In Wirklichkeit wird sie regelmäßig von ihrem Freund Fred Klünter, einem Musiker, geschlagen. Ina wollte die Polizisten darauf aufmerksam machen, doch ging ihr Plan schief.

Als ihre Mutter am Abend wieder brutal misshandelt wird, wendet sich Ina am nächsten Tag an ihren Vater, der jedoch keine Möglichkeit zum Eingreifen sieht. Ina begibt sich nun zu Petra Krull, der Cousine ihrer Mutter. Petra unterrichtet japanischen Kampfsport und ist Aerobic-Trainerin. Die durchtrainierte Frau reagiert besorgt, als Ina ihr von Fred Klünters Verhalten erzählt. Ina gibt an, auch selbst von ihm geschlagen worden zu sein, und bittet Petra, etwas zu unternehmen. Mit ihren Freundinnen Hanna und Thekla sucht Petra ihn in der Bar auf, in der er regelmäßig Piano spielt. Sie begibt sich allein zu ihrer Cousine und vergewissert sich, dass Ina die Wahrheit gesagt hat. Tatsächlich ist Frau Dörflers Körper von blauen Flecken übersät. Thekla Doll flirtet nun mit Fred und das sehr zum Unfrieden von Kellnerin Lisa Schreck, die zwar mit Kellner Franz verheiratet ist, aber dennoch ein Verhältnis mit Fred hat. Nach Schließung des Lokals verschwindet Thekla mit Fred in einem Park, wo er sie verführen will. Petra und Hanna kommen hinzu und schlagen Fred zusammen. Sie lassen den stöhnenden Fred im Park liegen und treffen auf ihrem Rückweg auf Ina, die alles mit angesehen hat und zufrieden ist. Petra schickt Ina nach Hause.

Am nächsten Tag wird Fred tot im Park aufgefunden. Kriminaloberkommissar Jürgen Hübner übernimmt die Ermittlungen. Die Obduktion macht deutlich, dass Fred mit einem klarlackierten, hölzernen Gegenstand so heftig geschlagen wurde, dass er an den Folgen verstarb. Ein solcher Gegenstand konnte unweit des Tatorts jedoch nicht sichergestellt werden. Ina meldet sich bei der Polizei und behauptet, Petra, Hanna und Thekla hätten Fred erschlagen. Die drei Frauen werden vernommen, können jedoch nur sagen, dass sie ihm einen Denkzettel verpasst hätten, er jedoch bei ihrem Weggang noch lebte. Herr Egger, der Inhaber der Bar, in der Fred immer spielte, erscheint bei der Polizei und fragt an, ob sich in Freds Sachen auch ein Schlüsselbund befunden habe. An diesem waren neben den Schlüsseln zu einem kleinen Safe auch Schlüssel zur Bar selbst. Egger sorgt sich, dass die Schlüssel in falsche Hände geraten sein könnten. Die Ermittler überwachen das Objekt und können wenig später Frau Dörfler stellen, die sich mit den Schlüsseln Einlass in die Bar verschafft hatte und auch Freds kleinen Safe entdeckt und geleert hat. Sie gibt an, ihre Tochter habe die Schlüssel im Briefkasten gefunden. Erst Ina gibt zu, in der Nacht noch einmal zu Fred zurückgekehrt zu sein. Sie habe ihm die Schlüssel weggenommen, weil sie nicht wollte, dass er je wieder ihr Haus betritt. Zu diesem Zeitpunkt lebte er noch.

Im Park wird die Tatwaffe gefunden: Es handelt sich um eine hölzerne Gehhilfe, die Ina abends immer zur Verteidigung bei sich trug. Sie hatte sie beim Diebstahl der Schlüssel verloren. Jürgen Hübner wundert sich unterdessen, dass sich auch Kriminalhauptkommissar Pinkert vom Wirtschaftsdezernat für den Fall interessiert. Nur schwer können die Ermittler herausbekommen, worum es sich bei Pinkerts Ermittlungen handelt. Er bearbeitet einen Fall von Scheingeschäften über Briefkastenfirmen. Auch Herr Egger scheint in diese Geschäfte verwickelt zu sein, möglicherweise auch Kellner Franz Schreck und Fred Klünter. Kellner Schreck wiederum meldet seine Frau Lisa als vermisst. Sie ist lange Zeit wegen Suizidgefahr in Behandlung gewesen und nun über Nacht nicht nach Hause gekommen. Wenig später finden die Ermittler Lisa in ihrem Haus am Stadtrand. Sie hat Franz, in dem sie den Mörder an ihrem Geliebten Fred vermutet, in ihrer Gewalt und ihn mit Alkohol und Schlaftablette betäubt. Sie will mit ihm zusammen aus dem Leben gehen und hat den Gashahn aufgedreht. Den Ermittlern, die das Haus umstellt haben, droht sie mit einem Feuerzeug. Es gelingt, die Gaszufuhr zum Haus zu unterbrechen und später Lisa zu überwältigen. Sie und ihr Mann kommen ins Krankenhaus.

Jürgen Hübner kopiert sich heimlich die Akten Pinkerts zum Betrugsdelikt. Durch sie werden die Ermittler auf Wirt Egger als möglichen Täter aufmerksam. Es gelingt ihnen, Egger an der deutsch-tschechischen Grenze festzunehmen und damit Pinkert zuvorzukommen. Bei Egger finden sich verschiedene Unterlagen, die eigentlich Fred gehörten, darunter Unterlagen zu einem Nummernkonto der Staatsbank in Pilsen. Im Verhör gibt Egger zu, dass Fred Klünter in der Betrugssache der Kurier für ihn und Franz Schreck war. Beide vermuteten, dass Fred sie betrog, und folgten ihm in der Tatnacht in den Park. Nachdem die Frauen ihn zusammengeschlagen hatten, sollte Franz Schreck ihm die Bankunterlagen abnehmen. Franz nutzte die Wehrlosigkeit Freds, um an ihm seinen Frust über die Affäre mit seiner Frau abzureagieren. Als er Inas Krücke auf dem Parkboden fand, schlug er mit ihr so lange auf ihn ein, bis er tot war.

Rezension

Die Wende ist vollzogen, man kann sich endlich dem allgemeinen menschlichen Drama widmen. „Todesfall im Park“, der von Januar bis März 1991 gedreht wurde, ist eine der ersten Produktionen der Reihe nach der Wiedervereinigung. Drei weitere Fälle wurden gezeigt – dann erst einmal Pause, weil die Reihe Polizeiruf 110 auf der Kippe stand. Mitte 1993 ging es dann aber doch weiter. Zum Glück. Denn einige der besten deutschen Krimis der letzten Jahre sind innerhalb dieser Parallelreihe des „Tatort“ entstanden.

1991 aber war diese Entwicklung noch nicht abzusehen und wir können nachvollziehen, dass man Zweifel hegte, ob man weitermachen sollte – zumal die Darsteller der bekannten DDR-Ermittler Fuchs und Hübner, der in „Todesfall im Park“ die Ermittlungen leitet, gesundheitlich angeschlagen waren und außerdem – wie geht man mit den Volkspolizisten generell um, die in vielen DDR-Polizeirufen ideologisch Handfestes zum Besten gaben?

Manchmal löste man es so, dass man ganz apolitisch wurde, während der unsicheren Wendezeit und kurz danach, andere Filme widmen sich ausführlich dem Wechsel – und einige, wie „Todesfall im Park“, enthalten nur Andeutungen, wie hier bezüglich der Figur Pinkert: Hübner kennt ihn und lässt durchblicken, dass er ihn für einen typischen Wendehals hält. Vermutlich war Pinkert früher Stasi-IM. Da gibt es eine interessante Verbindung zur Realität: Jürgen Frohriep, Hübners Darsteller und auch Peter Borgelt, der Peter Fuchs spielte, hatten offenbar keine Verbindungen zur Stasi, wohl aber gilt dies für die jüngere Generation der Ermittler, die noch in der DDR begannen: Zimmermann (Lutz Riemann) und Grawe (Andreas Schmidt-Schaller). Bei Schmidt-Schaller kam das allerdings erst zu Beginn der 2010er heraus.

Die nunmehr offenen Grenzen nach Osten werden insofern thematisiert, dass Tschechien als neue Schweiz gezeigt wird, man kann also Schwarzgeld bunkern. Heute ist es auf jeden Fall wieder die Schweiz, vermutlich war das auch nie wesentlich anders, während Tschechien / die Tschechei als ein ziemlich ehrliches Land rüberkommt. So sehr uns auch heute die Briefkastenfirmen triggern, mit denen man prächtig Schwarzgeld waschen und Steuern vermeiden kann, man merkt dem Film an, dass Regisseur und Autor Helmut Krätzig sich aufgrund seiner Ostbiografie lieber nicht dezidiert darüber äußern wollte, wie solche Scheingeschäfte funktionieren. Er ist erkennbar mehr daran interessiert, das alles mehr oder weniger nebenbei in ein Drama einzuweben, das viele Züge eines Theaterstücks trägt. Mit komplizierterer Handlung allerdings, als die meisten Theaterstücke sie aufweisen. Die obige Beschreibung aus der Wikipedia lässt erahnen, dass es hier drunter und drüber ging – kurioserweise, ohne dass der Film rasant wirkt. In den 1990ern hatte man es gut drauf, auch die krassesten Wendungen dröge abzuhandeln.

Dröge gilt allerdings nicht für das Verhalten der Figuren. Ganz im Gegenteil. In den Filmen jener Zeit dominiert manchmal eine – sic! – Theatralik, die heute noch atemberaubend wirkt und die Figuren daher ziemlich durchgeknallt. Vor allem, wie Frau Dörfler ihren eigenen Mann kidnappt, passenderweise heißen die beiden Schreck, waren wir kurz davor, loszulachen wegen der unfreiwilligen Komik. Sicher hatten es die Macher nicht beabsichtigt, dass jemand 28 Jahre später an einer Rezension sitzt und heiter vor sich hinschmunzelt, wenn er an bestimmte Szenen aus diesem Film denkt. Fairerweise müssen wir schreiben, dass es auch Momente gab, in denen wir alles andere als erheitert waren und die zu einigen Femi-Punkten führen.

Das Verhältnis von Ina zum Pianisten Klünter ist einfach nur furchtbar. Kein Wunder, dass die Tochter auf sich aufmerksam machen wollte. Warum gerade auf diese Weise, bleibt uns verborgen. Wir könnten jetzt schreiben, dass Frauen, die sich in solche Verbindungen begeben, irgendwie auch selbst schuld sind, es gibt genug Männer, die nicht zu Gewalt neigen. Aber auf einer Ebene, die im Film nicht gezeigt wird, sieht es dann wieder anders aus: Vermutlich sind schon frühkindliche Gewalterfahrungen der Auslöser dafür, dass später kollusive Verhältnisse entstehen und Menschen sich Menschen suchen, von denen sie schlecht behandelt werden. Trotzdem hatten wir einige Mühe damit herauszufinden, was alle an diesem Klünter so toll fanden. Wir sind wohl keine Fans von solchen öligen Typen, da wollen wir also unsere Subjektivität gar nicht verstecken. Sein Karriereknick – Orchester wurde, vermutlich wendebedingt, aufgelöst, er muss sich als Restaurant-Pianist verdingen – wird wohl keine Rechtfertigung für seine Gewalttätigkeit sein, zumal gerade sensible Künstlernaturen in solchen Situationen eher depressiv werden. So wie Inas Mann, den sie wegen diesem Klünter verlassen hat.

Aber ohne solche wie den Klünter könne man nicht Ggenaktionen von fitten Frauen zeigen. Hätten wir’s nicht zuvor schon getan, hätten wir uns spätestens nach diesem Film entschlossen, wieder ins Gym zu gehen. Es gibt kaum etwas Attraktiveres als eine gute Körperlichkeit. Außer Geld natürlich. Beides hat Klünter nicht und trotzdem sind gleich mehrere Frauen hinter ihm her. Drei davon allerdings, um ihn zu misshandeln und damit einer innigen Bitte von Inas Tochter nachzukommen.

Wieso kommt uns manches in dem Film vor, als ob auch der Autor ziemlich mit Trauma-Verarbeitung beschäftigt war, nach der Wende? Die vielen, sich teilweise überlagernden Subtext-Elemente, die durchschimmern, können wir nicht alle exakt entziffern, deswegen ist es schwierig, sie hier zu beschreiben. Jedenfalls waren die Krimis jener Zeit nicht selten auf psychologischem Treibsand gebaut und wenn man bedenkt, dass ja alles nicht von heute auf morgen kommt und gleich wieder verschwindet, wird klarer, warum es so schwierig ist, eine vertrauensstarke, selbstbestimmte Gesellschaft aufzubauen, wie wir sie heute dringend brauchen.

Finale

Es war möglich, in jenen Jahren plötzlich alles zu zeigen und die Filmemacher, die noch in der DDR gearbeitet hatten und dort oft nur das eine oder das andere andeuten konnten, nie aber so auf den Putz hauen durften, wie Helmut Krätzig es zum Beispiel in „Todesfall im Park“ gemacht hat, diese Autoren und Regisseure nutzten die neuen Freiheiten auf eine Art, die stellenweise etwas peinlich und überdehnt wirkt, aber auch zeitgemäß. Diese aufgeregten Zeiten brachten vieles zum Vorschein, was lange Zeit unter dem Teppich lag. Ein grandioser Krimi ist „Todesfall im Park“ sicher nicht, denn die Art, wie der Mord abgelaufen ist, wirkt nicht so richtig überzeugend und einen Anflug von Wirtschaftskrimi hat man reingepfriemelt, um a.) zu zeigen, wie Freiheit auch ausgenutzt werden kann und b.) Opfer und Täter so zu positionieren, dass ein Mitglied der Scheingeschäfte-Mafia zum Opfer der übrigen werden konnte. Aber die drei Frauen, besonders die karategeübte Fitnesstrainerin, waren schon auch cool. Körperlich stark, aber im Herzen gute Menschen denn doch.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Heinz-Jürgen Jeserigk
Musik Paul Vincent Gunia
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Renate Müller

Jürgen Frohriep: Kriminaloberkommissar Jürgen Hübner
Gerald Schaale: Kriminalkommissar Gerhard Walle
Dieter Wien: Kriminalhauptkommissar Pinkert
Klaus Tilsner: Polizeiobermeister Buchholz
Joachim Lätsch: Fred Klünter
Valeska Rautenberg: Ina Dörfler
Ulrike Mai: Frau Dörfler
Peter Reusse: Herr Dörfler
Barbara Schnitzler: Lisa Schreck
Hartmut Schreier: Franz Schreck
Gerit Kling: Thekla Doll
Janina Hartwig: Petra Krull
Dietmar Richter-Reinick: Egger
Uta Eisold: Frau Mahlmann
Hellena Büttner: Hanna
Franz Viehmann: Gerichtsmediziner
Peter Hladik: Kriminalrat
Manfred Müller: Streifenführer
Detlef Neuhaus: Zollfahnder

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