Inflagranti – Tatort 376 #Crimetime 631 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stoll #RB #Inflagranti

Crimetime 631 - Titelfoto © Radio Bremen

Das hätte ins Auge gehen können

Obwohl der Media-Receiver nahezu voll ist, haben wir uns gestern Abend einen Exkurs in die ARD-Mediathek gegönnt und sind mehr zufällig bei  „Inflagranti“ hängengeblieben. Inga Lürsens erster Tatort war das, er wurde 1997 erstmals ausgestrahlt.  Wiederholt wurde er zuletzt 2008, drei Jahre vor dem Start unserer „TatortAnthologie“ im ersten Wahlberliner Wir haben bisher überhaupt keinen Fall gesehen, in dem Inga Lürsen (Sabine Postel) noch nicht mit Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) zusammenarbeitet. Hier tut sie das aber, der Vorgänger heißt Stoll (Rufus Beck). Wie’s denn so war, mit dem Einstieg ins Lürsen-Zeitalter, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Bauunternehmer Peter Broders wird in der Sauna seines Eigenheims tot aufgefunden. Kommissarin Inga Lürsen soll diesen Mord-Fall ermitteln, da Broders offensichtlich daran gehindert wurde die Sauna zu verlassen und er am Ende einen Kreislaufzusammenbruch erlitt. Es dauert eine Zeit, bis Lürsen herausfindet, dass jemand einen großen Sessel so vor die Tür geschoben hatte, dass diese sich nicht mehr öffnen ließ. Das Alibi der Ehefrau Nicole Broders, die nachweislich außer Haus war, ist nichtig, da der Zeitpunkt der Tat nicht mit der Todeszeit übereinstimmt.

Die Ehefrau hat ein starkes Motiv, denn ihr Mann war gewalttätig und sie hatte einen Geliebten. Nach ihrer Aussage wusste ihr Mann davon und hätte es notgedrungen geduldet, da auch er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hatte. Nicole Broders leugnet ihren Mann umgebracht zu haben, aber sie gibt auf Lürsens Nachfrage zu, den Sessel von der Tür heimlich weggerräumt zu haben, weil sie annahm, dass ihr Freund ihn vor die Tür geschoben hatte. Dieser Verdacht verstärkt sich auch für Lürsen, als sie von Broders achtjährigem Sohn Jan erfährt, dass er gesehen haben will, wie Achim Keitel seinen Papa umgebracht hätte. Kurz darauf verschwindet Jan und Lürsen muss annehmen, dass Achim Keitel ihn entführt hat, um den Hauptzeugen aus dem Weg zu räumen.

Es erfolgt eine Großfahndung nach dem Jungen und auch Meldungen in den Medien, die helfen sollen Jan noch rechtzeitig zu finden. Keitel wird derweil von Lürsen und ihrem Assistenten Stefan Stoll observiert und benimmt sich seltsamerweise sehr unauffällig. Sie ahnen nicht, dass der Junge diese falsche Spur bewusst gelegt hat. Er selber hatte den Sessel vor die Saunatür geschoben, weil er Angst vor seinem Vater hatte und auch Angst, dass dieser wieder seine Mutter schlagen würde. Dass dies nun so ausging konnte er nicht ahnen. In seinem seelischen Konflikt, Schuld am Tod des Vaters zu sein, fand er den Ausweg, alles auf den Geliebten der Mutter abzuwälzen, den er als Eindringling in die Familie sah. Zudem nahm er ihm, in seinem Verständnis, seine Mutter weg. Nun ist er auch noch weggelaufen und hält sich auf Keitels Firmengelände auf. Als der Nachtwächter den Jungen bemerkt, ruft er seinen Chef an, der sich umgehend zum Hafen begibt. Auch er sieht Jan und will ihn bewegen nach Hause zu kommen, doch dieser flüchtet vor Keitel und klettert auf ein hohes Baugerüst. Lürsen und Soll sehen hilflos zu, wie Keitel dem Kind nachsteigt. Lürsen nimmt an, dass Keitel Jan verfolgt und fordert ihn auf stehen zu bleiben. Sie gibt deshalb einen Warnschuss ab, über den sich Keitel so erschreckt, dass er vom Gerüst stürzt und verstirbt. Stoll kann inzwischen Jan unbeschadet wieder herunterbringen.

Lürsen macht sich Vorwürfe über den Ausgang des Falls, zudem er für sie mit Keitels Tod nicht ganz gelöst ist. Sie befragt Jan noch einmal, der ihr gegenüber zugibt den Sessel vor die Tür geschoben zu haben, nachdem sein Vater aus der Saune heraus auf seine Mutter und auch auf ihn geschimpft hatte und mit Strafen drohte.

Rezension

Crimetime 631 ist auch eine Begleitrezension zu „Schlafende Hunde„, der heute Abend wiederholt wird – wir nehmen die Gelegenheit wahr, auch usnere Kritik zum allerersten Lürsen-Tatort zu zeigen.

Ob es Corona zu verdanken ist, dass die Mediathek ARD+ beim Tatort im Moment stark upgegradet  und jetzt nach Städten aufgeteilt wurde? Einige Sender haben nun auch ihre Schätze dort eingestellt, die vor ein paar Monaten noch nicht auf diese Weise zugänglich waren. Zu den Sendern, die sich bemüht haben, zählt auch Radio Bremen. Für den kleinsten Sender der ARD war Lürsen ohnehin der Einstieg, zuvor hatte der RB lediglich einen einzigen Tatort geliefert: 1973 ermittelte ein gewisser Kommissar Böck in einem Fall, der den Titel „Ein ganz gewöhnlicher Mord“ trägt. Vielleicht war der Mord etwas zu gewöhnlich, jedenfalls war im Anschluss 24 Jahre lang Pause. Mit Inga Lürsen kam dann die zweite weibliche Leitende Ermittlerin nach Lena Odenthal (Ludwigshafen). Lürsens Start war zeitlich nicht der Günstigste, weil im selben Jahr die vielbeachteten Kölner Ballauf und Schenk ihre bis heute andauernde Karriere begannen.

Aber es hängt doch vom einzenlen Film ab, wie man die Starts heute betrachtet, nicht wahr? Für die Kölner war es der programmatische „Willkommen in Köln“, der heute noch als recht guter Einstand gilt – und selbstverständlch ist es nicht, dass Erstlinge glücken. Auch große Teams wie die Bayern Batic und Leitmayr mussten sich nach vorne arbeiten und es wurde justiert und verbessert, damit sie zu Ikonen werden konnten.

Wenn man sich heute den Lürsen-Starter anschaut, kann man festhalten: Das hätte ins Auge gehen können. Der Sender war damals unerfahren, filmte, anders als die Kölner, nicht von Beginn an im neuen 16:9-Format und der Stil von „Inflagranti“ ist viel konventioneller. Auf der Habenseite: Stoll wirkt von Beginn an sympathischer, als Stedefreund je wurde und Lürsen ist noch deutlich weniger prätentiös als in manchen späteren Filmen – man kann das natürlich als noch nicht voll ausgeprägtes Selbstbewusstsein auslegen, als noch nicht voll entwickelte Ermittler*innenpersönlichkeit uns hat ihre sachliche Art in „Inflagranti“ jedenfalls nicht schlecht gefallen.

Warum aber wurde der Film nun so lange nicht mehr wiederholt? Die Rangliste des Tatort-Fundus bietet gewisse Hinweise. Der Film steht gegenwärtig (Stand 30.04.2020) auf Rang 976 von 1141 und dabei muss man berücksichtigen, dass einige Bremen-Fans mehr oder weniger aus Prinzip eine hohe Punktzahl vergeben haben. Die Handlung von „Inflagranti“ ist durchaus schockierend, besonders die Hamster-Szene, wir hoffen sehr, dass dabei nicht wirklich ein solches Tier ertränkt wurde, aber es reicht eigentlich schon, dass man es geduscht hat. Für uns war die Lösung allerdings auch vorhersehbar und was wir krass fanden: Dass der Liebhaber und die Frau nicht darauf gekommen sind und sich bis zum Schluss gegenseitig verdächtigen und er die Möglichkeit, dass sie die Täterin gewesen sein könnte, irgendwie sexy findet. Da kann man sehen, die Verletzung von gleich zwei Geboten bringt nichts Gutes. Zum Beispiel kein Vertrauen.

Hätten die beiden einander vertraut, wäre es so gelaufen: Sie hätten einander geglaubt, dass die jeweils andere Person nicht Täter*in ist und da keine Fremden im Haus waren, blieb nur wer übrig? Das Kind. Knackpunkt: Wussten die beiden, dass der Junge um 20 Uhr schon wieder eingetroffen war, nachdem er sich selbstständig aus dem Feriencamp entfernt hatte?  Aber dieses seltsame Verhalten ist nicht das einzige Problem. Die KT hätte auf jeden Fall die Spuren der Sesselfüße an der Kellerdurchgangstür erkennen müssen, von wegen „… davon ausgegangen, dass die Tür geschlossen war“. Quatsch! Außerdem wagen wir zu bezweifeln, dass eine nicht aus Panzerglas bestehende Tür dem Ansturm des mehrfach sehr betont als kräftig oder betont als sehr kräftig dargestellten  Hausherren standgehalten hätte, zumal er sich an der Rückseite der Dampfsauna hätte abstoßen können, um mehr Wucht zu entfalten.

Und die Garage.  Der Liebhaber geht nicht nur im Haus ein und aus, er fährt auch noch seinen Jaguar in die Hausgarage. Sehr witzige Symbolik. Und dann essen der Liebhaber und seine Frau draußen, damit die Nachbarn auch alles gut beobachten können. Eine wirklich sehr offene Dreiecksbeziehung. Eigentlich ein Viereck, wenn man die Sekretärin des Mannes einbezieht.

Es war in den 1990ern nicht unüblich, alle Beteiligten als wenig sympathisch darzustellen und eine Art gesellschaftspolitischer Kommentar über den Mittelstand, den man hier am Werk sieht. Durchaus ein Ansatz, den man akzeptieren kann, auch das Haus im sehr zeitgeistigen Stil, alles in knalligem Weiß mit vielen Fliesen, passt dazu. Übergrell und nicht nur nach heutigen Maßstäben grob geschmacklos. Auf die Bauten legt man ja im Tatort immer viel Wert. Eine Szene mindestens zum Schmunzeln: Frau B., weinend dahingegossen auf der gefliesten, halbgewendelten Treppe, neben sich, gut erreichbar auf der Treppenstufe, ein Tässchen Kaffee. Ob der Gag Absicht war? Das werden wir nie erfahren.

Ein weiteres Problem des Films ist das mäßige Spiel. André Hennicke als Jaguar fahrender Chef vom Ganzen wirkt durch sein interessantes Äußeres und sein reserviertes Spiel immer interessant, aber sonst war die Darbietung etwas dünn. Vor allem hat man dem Darsteller von Jan vielleicht etwas zu viel zugetraut. Der Junge ist hübsch, aber nicht so talentiert, dass er dämonisch und rührend zugleich wirken kann, wie es für ein Kind erforderlicih wäre, das vom dauernden Familienstreit traumatisiert ist und zu einer Tat wie der gegen den Vater geradezu getrieben wird. Dass er das Lügen und andere anschuldigen schon gelernt hat, weil sein Umfeld genauso verfährt, er sich dies also abgeschaut hat, hätte man viel prägnanter herausstellen müssen. Die Idee ist also gar nicht übel, die dem Film zugrunde liegt – Kinder als Täteropfer oder Opfer und Täter, darüber kann man als Zuschauer immer nachdenken, und wie dysfunktionale Elternbeziehungen die nächste Generation schwer belasten. Zude haben wir uns gefragt, wie der Junge es drauf hatte, so genau abzuschätzen, dass der Sessel aus der Hausbar genau der richtige Gegenstand ist, um Tür zur Sauna zu verrammeln.

Finale

Vor allem der Anfang des Films wirkt schreklich uninspiriert. Normalerweise wird nicht chronologisch gedreht, aber unser Eindruck war, man fand sich erst im Verlauf und es wird dann etwas besser – bis zu der Szene, in welcher gezeigt wird, wie der Junge handelt, da merkte man wieder, dass die Details nicht sehr gut durchdacht sind.

Obwohl sie sich am Tatort einigen Polizisten vorstellt, scheint Inga Lürsen ihren Job bei der Bremer Mordkommission schon länger zu machen. Sie wirkt auch beim ersten Fernsehfall schon recht versiert und hinreichend konsequent, auch als sie ahnt, dass es der Junge war . Wie er zu dem Mädchen in der Wanne steht, darf sich jeder selbst aussuchen. Heute wäre eine solche Idee unmöglich, aber die freizügige Zeit ist ohnehin vorbei und immerhin liefert die Tochter völlig unfreiwillig eine Idee für ihre ermittelnde Mutter, die wir allerdings nicht recht verstanden haben. Der Schwamm, der gegen die Scheibe des Badezimmerfensters klatscht. kann’s nicht gewesen sein. Lürsen wird in dem Film nicht als „Die Neue“ im Kommissariat eingeführt. Aber auch Lürsen selbst wird sehr privat gezeigt. In der Hinsicht geht sie einen Schritt weiter: Erstmals wird eine Ermittlerin intim gezeigt und erstmals ist es ein Polzeipsychologe, mit dem das Bett geteilt wird. Dieser verstärkte Fokus auf das Privatleben lag im Trend – und damit auch die verführerische Handhabe, mit solchen Szenen dünne Drehbücher zeitlich aufzufüllen.

5,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Petra Haffter
Drehbuch Sabine Thiesler
Produktion Radio Bremen Filmproduktion
Musik Stefan Hansen
Kamera Gérard Vandenberg
Rolf Romberg
Schnitt Elke Schloo
Besetzung

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