Schlafende Hunde – Tatort 765 #Crimetime 630 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #Schlaf #Hund

Crimetime 630  - Titelfoto © Radio Bremen

Bremen goes Berlin goes Stasi

Das hat uns doch gefreut, dass Inga Lürsen, Kriminalhauptkommissarin in der Hansestadt Bremen, intuitiv einen Abstecher nach Berlin gemacht hat und dabei wirklich Interessantes entdeckt hat. Zuvor hatte sie’s nicht geglaubt, aber in Berlin entdeckt man immer Interessantes.

In diesem Fall alte Stasi-Seilschaften, die im Jahr 2010, mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch im Verborgenen wirken und für blühende Geschäfte genutzt werden. Wieso nicht? Alle erfolgreichen Menschen (ein paar schrullige Künstler ausgenommen, die mehr zufällig entdeckt wurden) haben Verbindungen und nutzen sie, mal mehr, mal weniger legal. Vernetzung nennt man das. Was wir sonst noch herausgefunden haben, steht in der -> Rezension.

Handlung

I.In einer Bremer Wohnung wird eine Frau tot aufgefunden. Nichts deutet auf ein Verbrechen hin – aber Kommissarin Inga Lürsen wundert sich darüber, dass ihr Hund aus der sorgfältig gesicherten Wohnung verschwunden ist und veranlasst die Obduktion der Leiche. Nachdem ihr Kollege Stedefreund den Hund der Toten gefunden hat, entdeckt Inga Lürsen im Halsband einen Schlüssel. Er gehört zu einem Schließfach mit brisanten Unterlagen. Ist der Bremer Unternehmer und Kunstmäzen Hans Rodenburg damit erpresst worden?

II.Die Bremer Rentnerin Ruth Thalheim wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden – nichts deutet jedoch auf ein Verbrechen hin. Aber Kommissarin Inga Lürsen entdeckt Ungereimtheiten, die sie an einem »natürlichen Tod« zweifeln lassen.Sie und Stedefreund finden heraus, dass die Tote in der DDR als »Politische« inhaftiert war und von dem einflussreichen Bremer Unternehmer Hans Rodenburg finanziell unterstützt wurde. Der scheint in illegalem Waffenhandel verstrickt zu sein, und seine sozialistische Vergangenheit führt Stedefreund auf die Spur alter Stasi-Seilschaften. Bald wissen Inga und Stedefreund nicht mehr, welchen Indizien sie glauben sollen – werden sie bewusst getäuscht?

Rezension

Es hätte auch die Russenmafia sein können oder die Triaden oder Neonazis, Altnazis kommen mangels Masse kaum noch in Betracht.

„Schlafende Hunde“ ist ein typischer Konstrukt-Whodunnit. Teilweise hastig gefilmt, so dass das im Grunde tragische Ende zu aufgesetzt daherkommt. Man kann sich nicht mehr darauf einstellen, nachdem der Film die ganze  Zeit über ein eher gleichmäßig-hohes Tempo hatte. Der Inszenierung fehlt der Sinn für die besonderen Momente, und davon gibt es einige, zum Beispiel als Inga Lürsen entdeckt, dass ihr Kollege Stedefreund den (etwas unglaubwürdigen) Stasi-Manipulationen, ihre Person betreffend, beinahe auf den Leim gegangen ist. Schade für den Star des Films, Jürgen Prochnow und seine Filmpartnerin Laura Tonke, die dadurch kaum Akzente setzen können. Zum Plot mehr in der Rezension.

Zwanzig Jahre Wiedervereinigung, dazu noch in Bremen zentral gefeiert, die Hansestadt hatte ihre eigene Agenda 2010.

Obwohl sie wirklich nicht soviel mit diesem Ereignis zu tun hatte wie – zum Beispiel Berlin, unsere Wahlstadt. Der man allerdings Referenz erweist, indem Kommissarin Lürsen einen Abstecher dorthin macht, und damit man’s auch glaubt, zeigt man sie u. a. auf der Straße des 17. Juni (die dankenswerterweise nach 1989 nicht in Straße des 3. Oktober umbenannt wurde). Ob das von Bremen aus der günstigste Weg in die Normannenstraße ist, wo schon die Gestapo saß und später die Stasi ihr dunkles Werk betrieb, lassen wir mal dahingestellt. Ob Bremen wirklich die Exklave der im Westen tätigen Ost-Geheimen war, wodurch die Stadt ja doch wieder einen besonderen Bezug zur Wiedervereinigung und zu diesem Aufarbeitungsthema gewinnen würde, können wir an dieser Stelle ebenfalls nicht verifizieren.

Jedenfalls hat der RB, zusammen mit der ARD Degeto, seinen Beitrag zum Thema Vergangenheitsaufarbeitung, jüngste Variante, geleistet und dafür seine besten Ermittler eingesetzt. Am Ende übernimmt zwar das BKA und, man wird das Gefühl nicht los, auch der BND ist dabei und alles wird wieder vertuscht, aber der Fall ist ausermittelt und das in ziemlicher Rasanz. Ja, manchen Kritikern kann man’s nie recht machen, aber wie fix das hier alles geht, zum Beispiel solche gewieften Klein-Mabuses wie den Ex-Stasi-Oberst Schröder (Heinz-Werner Kraehkamp) zu überführen, das hat uns nicht nur beeindruckt, sondern auch ein wenig verstört. War die Stasi so doof? Jedenfalls ist die DDR nicht daran kaputtgegangen, dass die Stasi keine anständige Zersetzungsarbeit geleistet hätte.

In der Realität ist sie bestimmt nicht so gleichermaßen plump wie geheimnisvoll vorgegangen, wie  hier z. B. in dem Fall, dass sie Hauptkommissarin Inga Lürsen nachträglich zum IM-Schneewittchen umfunktionieren will und der getreue Stedefreund tatsächlich einige Momente der inneren Zersetzung zu überstehen hat, die Loyalität zu seiner Chefin betreffend, die ja, wie wir seit Schatten wissen, eine sehr linke Vergangenheit hat und durchaus infrage käme. Allerdings weiß man dies ja auch bei ihrer Dienststelle und sie ist gewiss überprüft worden. Außerdem hat uns niemand enträtselt, wie man ihr diese Handy-SMS unterschieben konnte, mit der sie angeblich ihren alten Kumpel Rodenburg vor einer Razzia warnen wollte. Rein technisch hätte uns dieses Verfahren aber durchaus interessiert. Für uns ist dieser Part des Plots ein echter Schneewittchensarg.

Dafür kommt Inga Lürsen nicht ganz so prätentiös rüber wie in einigen anderen ihrer Fälle. Das hat auch damit zu tun, dass sie in einem Kollektiv echter und zweifelhafter Gutmenschen ermittelt, sodass einige andere mal bei den politisch korrekten Statements aushelfen dürfen – mit der durchaus pikanten Note, dass da auch ein wenig Vorgeschobenes dabei ist, was wiederum besonders deutlich macht, was für eine ehrliche und beständige Haut Inga Lürsen doch ist. Wie man Überzeugungen hat, die niemals korrumpierbar sind, auch nicht durch das Eintreten in den Staatsdienst, das lebt sie so offen vor wie keine andere Ermittlerperson im mittlerweile sehr weiten und großen Tatortland.

So schlecht ist der Fall im Grunde nicht konstruiert. Dass ein Ex-Stasi-Mann eine Securityfirma betreibt, die speziell im Bereich der Überwachung absolut State of the Art ist, macht Sinn und es sind reale Fälle bekannt, in denen gerade diese viel wissenden Leute ihr Wissen nach der Wende in neue Zusammenhänge eingebracht und dabei sehr gut abgeschnitten haben. Zwar sind hohe Ex-DDR-Würdenträger nach der Wende nicht so gut in hohen Positionen des heutigen Deutschlands untergekommen wie einst Nazis in den Institutionen der jungen Bundesrepublik, doch in der freien Wirtschaft waren auch sie frei, sich ihr Brot unter neuen Umständen mit dem zu erwirtschaften, was sie gelernt hatten. Dass dabei noch sehr strukturell und auch strukturiert gearbeitet wird, das will Inga Lürsen zunächst nicht glauben, wird aber schnell eines Besseren belehrt.

Wieso auch nicht, möchte man beinahe schreiben, wo doch bis heute immer noch Waffen verschoben werden, und, so wirkt es in der Schlussszene, es durchaus hohe Kreise in der Politik gibt, welche die Händler des Todes, die vordergründig nur mit fairem Kaffee dealen, aus bestimmten Erwägungen heraus schützen, weil man auf diese Weise offizielle Politik wie etwa Embargobestimmungen unterlaufen kann, die zu befolgen der Waffenhersteller Deutschland sich verpflichtet hat. Da kann es schon einmal dazu kommen, dass unter dem Erdboden einer Laube in einer typischen Laubenkolonie sich ein Tunnelsystem entwickelt, das irgendwo zwischen Stasi- und Führerbunker und Dr. Mabuses Kellerbüro angesiedelt ist. Dass der Chef dieser Zentrale, der Ex-Stasimann Schröder, zudem noch die Statur und den etwas roboterhaften und entschlossenen Gang hat wie einst Goldfinger, macht die Sache noch unheimlicher. Diese kleine Bond-Zitierung ist aber auch schon ein Selbstzitat, hatte man diese doch in Requiem zu einer richtigen Show ausgeweitet.

Der arme, kleine Terrier der toten Frau Thalheim, deren  Name wohl nicht zufällig an die berühmte Schauspielerinnendynastie der Thalbachs angelehnt ist, hätte higegen nicht sterben müssen, das hatte dramaturgisch gar keinen Zweck und wirkt angesichts der sonst so raffinierten Stasimethoden sinnlos brutal; da kann man schon mal das grüne Kotzen kriegen. Auch die Inzeststory, die sich am Ende offenbart, passt nicht in diesen Krimi und macht das ganze Gefüge fragwürdig. Zum einen sachlich, zum anderen von der emotionalen Temperatur. Bis zu dem Zeitpunkt war „Schlafende Hunde“ kühl und recht temporeich, wenn auch, siehe oben, dramatugisch flach – aber dann plötzlich diese von außen gefilmte Szene im Verhörzimmer, in dem Rodenburg seiner Geliebten offenbart, dass sie seine Tochter ist – das wirkt gerade durch die beinahe Hitchcocksche Technik (man hört nicht, was die Personen sprechen, kann nur aus ihren Gesten ermitteln, worum es gehen könnte) sehr fremd. Gesteigert wird dieser Effekt einer gefühlten Schieflage noch durch durch ein Gedichtzitat von Paul Konrad Kurz („Die Liebe ist ein  Hemd aus Feuer“), geäußert durch, immerhin, Inga Lürsen, die Frau fürs Emotionale. Trotzdem wirkt es angesichts der Szene deplatziert, weil diese Emotionsstärke in Zitaten nur Sinn macht, wenn die bisherige Handlung dafür steht.

Fremd blieben uns auch die Figuren. Die Ermittler haben kein Privatleben, die anderen Charaktere sind etwas hermetisch, besonders den Unternehmer Rodenburg hätten wir uns präziser gezeichnet gewünscht. Einzig der alte Stasioffizier ist gut erklärt, weil er einfach weitermacht wie bisher, ohne innere Brüche.

Richtig ist, dass es Gifte gibt, die, falls überhaupt, schwer nachweisbar sind, was die heute dank immer feinerer KT sehr hohe Mord-Aufklärungsquote relativiert. Gewiss geschieht der eine oder andere Giftmord, ohne dass überhaupt in Richtung Kapitalverbrechen ermittelt wird. Besonders bei wohlhabenden Menschen, die das Zeitliche segnen, sollte man generell eine Obduktion anordnen – falls man denn damit wirklich etwas finden kann. Schließlich ist nicht jeder Rechtsmediziner ein bäriger und bärtiger Ex-Rostocker, wie er in Folge 765 neu installiert wurde. Ein Mann, der möglicherweise ein dunkles Ex-Leben mit sich herumträgt und der u. a. alle geheimen Gifte des früheren Linksdeutschlands kennt, düsteres Gegenmodell zum zwar ebenfalls gut vernetzten, aber als Typ sehr transparenten und eher auf Schädelverletzungen spezialisierten Prof. Karl-Friedrich Boerne –  Lichtgestalt der Zunft, dessen Bart demgemäß viel gepflegter ist als der von Dr. Katzmann (Matthias Brenner), der wiederum verdächtige Ähnlichkeit mit dem Haar-Flechtwerk von Karl Marx aufweist.

Unterhaltsam fanden wir „Schlafende Hunde“ durchaus, Stasikram ist nun einmal etwas, womit man die Hunde wirklich aus dem Schlaf und hinter dem Ofen hervor holen kann, wenn man einen Schuss SF und Fritz Lang dazutut und darüberhinaus kräftig spekuliert, was denn diese Jungs von der Sicherheit heute so  treiben mögen.

Fazit

„Schlafende Hunde“ ist interessant, aber nicht in allen Punkten überzeugend inszeniert, was die Schauspieler zeigen durften, geht keinesfalls über den Durchschnitt hinaus, nicht einmal die KHK Inga Lürsen darf sich so aufregen, dass man sich über sie aufregen kann. Auch die Geschichte von Ruth Thalheim und ihrer Tochter ist nicht so gefilmt, dass man die eigentlich angezeigte Betroffenheit entwickeln kann. Der Hauptfehler von „Schlafende Hunde“ ist die Oberflächlichkeit vieler Betrachtungen, man hat wieder ein paar Handlungselemente zu viel reingetan und dadurch die Möglichkeit zur Differenzierung und einem besseren Schauspielereinsatz verpasst. Es hat schon einen Grund, dass die modernen Tatorte immer häufiger zum Genre Thriller oder zu Mischvarianten tendieren und keine reinen Whodunnits mehr sind, im Gegensatz zu „Schlafende Hunde“.

Humor hat die Folge 765 nicht in Ansätzen. Eine Staatsanwältin erklärt Stedefreund auf der Treppe, was aus dessen Froschperspektive alles nicht ersichtlich ist. Witzig wär’s genau umgekehrt gewesen, er steht oben, sie unten, ist womöglich auch noch klein gewachsen, und macht genau diese affige Bemerkung. Aber wir geben zu, das hätte genausowenig zu diesem typisch ernsten RB-Tatort gepasst wie die an Max Frischs „Homo Faber“ angelehnte Story von Anna und Hans.

Da kommt insgesamt wieder das mittlerweile typische RB-Feeling auf: Großes Thema, interessante Handlungselemente, scheinbar Mut beim Anpacken, dazu ein paar spekulative Momente – aber in der Ausführung nicht beherzt und konsequent genug und nicht giftig genug, um realen Aufruhr, etwa in der Politik, zu erzeugen – trotz Geheimgift.

6,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Kriminalassistent Karlsen – Winfried Hammelmann
Herr Schröder – Heinz-Werner Kraehkamp
Anna Korzius – Laura Tonke
Mats – Kai Ivo Baulitz
Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Ruth Thalheim – Marie Anne Fliegel
Staatsanwältin Johannson – Julia Jenkins
BKA Mann – Thomas Ziesch
Nachbarin – Liane Düsterhöft
Hans Rodenburg – Jürgen Prochnow

Kamera – Marcus Kanter
Buch – Wilfried Huismann und Dagmar Gabler
Regie – Florian Baxmayr

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