Altes Eisen – Tatort 808 #Crimetime 633 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Eisen #alt #Alteisen

Crimetime 633 - Titelfoto © WDR, Willy Weber

Melancholie im September

Eine ganz wunderbare Vorstellung als Trudi Hütten hat Edgar Selge im heutigen Tatort „Altes Eisen“ abgeliefert. Wir fanden seine Darstellung eines Transsexuellen sehr differenziert, stimmig und das Drehbuch hat diese Rolle auch bestens unterstützt, indem alle Verflechtungen und Identitätsprobleme, die eine solche Transformation vom Mann zur Frau mit sich bringt, ebenso beleuchtet werden wie die eventuellen sozialen Folgen.

Dazu spielt sich das alles in einem Kiez ab, der ebenfalls vor der Transformation steht – von einer Nische für alternative Lebenskünstler*innen wie Trudi nebst Ex-Frau Gerda (Heide Simon), die Trudi noch als Arnold kannte – hin zu einem Szeneviertel, das von prätentiösen, gesichts- und geschichtslosen Mittelgutverdienern bevölkert werden wird. Wir in Berlin kennen diese Veränderungen. Es gibt immer Bewegung und die Mieten sind seit 2010 um 7 % gestiegen sind. Es versteht sich von selbst,dass die überwiegende Mehrzahl der hier lebenden Menschen keine Einnahmensteigerung von 7 % zu verzeichnen hat.

Anmerkung bei Wiederveröffentlichung 2020: Wir haben den Episoden-Hauptdarsteller Edgar Selge ja mittlerweile auch als Kommissar Tauber im Polizeiruf kennengelernt – ein wirklich famoser Schauspieler. Und dass wir 2011 bereits einen Satz zum Mietenwahnsinn von Berlin geschrieben haben, der damals gerade erst begann, dafür müssen wir uns hier mal wirklich auf die Schulter klopfen. Ansonsten geht es weiter in der -> Rezension.

Die Gegenspielerin ist die Hausbesitzerin Erika Roeder (Marie Anne Fliegel), die erschossen im Bett aufgefunden wird. Von ihr behaupten anfangs alle, sie sei ein netter, toleranter Mensch. So auch der Sohn und dessen Freundin, so auch der windige Zocker, welcher der alten Dame 300.000 Euro schuldet. Es wirkt etwas seltsam, dass dieser Typ Frau auf die Art über ihren Besitz verfügt, dass sie eine Hypthek auf das Haus aufnimmt. Aber es kann auch Biestigkeit gegenüber dem Sohn gewesen sein.

Handlung

Die transsexuelle Trudi Hütten hat Angst. Wenn das Haus, in dem sie seit 30 Jahren zur Miete wohnt, nun verkauft wird, hat sie Angst vor Entmietung durch den neuen Besitzer. Bei ihren Ermittlungen im Mordfall von Trudis Vermieterin Erika Roeder tauchen Ballauf und Schenk ein in das Leben eines kölschen Viertels.

Auf den ersten Blick ist es eine intakte Nachbarschaft, in der jeder jeden kennt und so sein lässt wie er ist. Doch je mehr die Kommissare mit ihren Fragen bohren, desto mehr bröckelt es hinter der nur scheinbar toleranten Fassade. Immer wieder hatte die „toughe“ Hauseigentümerin Erika Roeder versucht, Trudi und ihre pflegebedürftige Nachbarin Gerda aus ihren Wohnungen zu mobben, um die Immobilie so besser veräußern zu können. Für den Eisenwarenhändler Frank Roeder ist der Tod seiner Mutter ein Neuanfang. Den schlecht laufenden Familienbetrieb will er abstoßen, und mit Hilfe des Erbes werden sich jetzt auch seine finanziellen Sorgen erledigen.

Wenn da nur der Wettbüro-Zocker Peter Stamm nicht wäre. Mit dem Ex seiner Freundin Sophie hat Roeder noch eine Rechnung offen. Über ein neues Kapitel in seinem Leben macht sich auch Max Ballauf Gedanken. Ihm wurde ein interessanter Job vom BKA in Wiesbaden angeboten. Und die Polizeipsychologin Lydia Rosenberg hat dem Kommissar den Kopf verdreht. Der ewige Single spricht plötzlich von Liebe.

Rezension

Die Gegenspielerin ist die Hausbesitzerin Erika Roeder (Marie Anne Fliegel), die erschossen im Bett aufgefunden wird. Von ihr behaupten anfangs alle, sie sei ein netter, toleranter Mensch. So auch der Sohn und dessen Freundin, so auch der windige Zocker, welcher der alten Dame 300.000 Euro schuldet. Es wirkt etwas seltsam, dass dieser Typ Frau auf die Art über ihren Besitz verfügt, dass sie eine Hypthek auf das Haus aufnimmt. Aber es kann auch Biestigkeit gegenüber dem Sohn gewesen sein.

Nebenbei hat man Max Ballauf noch eine Romanze in die Rolle hineingeschrieben und eine Option zum Wechsel nach Wiesbaden, das BKA winkt. Die Romanze ist typisch Ballauf, irgendwas geht immer schief. Dieses Mal ist die Frau verheiratet und sagt es ihm nicht. Aber ein Ermittler muss auch selbst mit Rosen vor der Tür stehen und dann macht der Ehemann auf, es geht keine Nummer kleiner und weniger melodramatisch. Wie wir im letzten rezensierten Ballauf-Krimi schon bemerkten: Er ist die Passionsfigur unter den Tatort-Ermittlern, und immer wenn Klaus J. Behrendt diese Seite seiner Kommissarsfigur spielen darf, wirkt er sehr authentisch.

Altes Ehepaar vs. Werther. Am Ende sitzen sie wieder an der Wurstbude, Max Ballauf und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Wie ein altes Ehepaar. Passend zum melancholischen Tenor des Films wirkt die Bude geschlossen, Bier gibt’s trotzdem. Wie in einer Ehe, gibt es auch in der Ermittlerfreundschaft von Schenk und Ballauf manche Krise, eine solche trägt sich in Folge 808 zu. Freddy ist erst eifersüchtig auf Lydia, an die sich Max annähert, dann zusätzlich auf das BKA. Am Ende ist das BKA abgegessen, Ballauf bleibt in Köln. Und Lydia, die untreue Polizeipsychologin? Wer weiß. Wer weiß, ob man sie in der nächsten Köln-Folge noch antreffen wird. Bei Max ist alles so vage, dass er Freddy mehrmals darauf hinweisen muss, dass er der Chef der Mordkommission ist. Er wirkt tatsächlich nicht so. In vielen Folgen hat man eher den Eindruck, Freddy hat das Sagen.

Dieses Mal ist es aber anders, Ballauf wird bewusst in den Mittelpunkt gestellt und Freddy darf ihn mit sarkastischen Bemerkungen zum Beziehungsleben nerven, und natürlich zu Köln vs. BKA. Ganz logisch ist das nicht, denn er provoziert damit oder trägt seinen Teil dazu bei, dass Max sich positioniert und plötzlich ganz entscheidungsfreudig wird.

Trotzdem sind die beiden in dieser Folge grandios – keiner dominiert den anderen, die Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, die sich besonders bei Freddy über die Jahre aufgebaut haben, sind ebenso schön gespielt wie Ballaufs wieder einmal versuchte Annäherung an eine Frau. Die Ermittlungsarbeit kommt dabei nicht zu kurz, aber das Ende wird, und das ist nicht ganz untypisch für dieses Team, wieder extern herbeigeführt. Der Kölner Fenstersturz, begangen von Trudi Hütten, bringt Schenk und Ballauf erst auf die wirkliche Lösung – einfach dadurch, dass im Angesicht des Todes die Wahrheit gesagt wird.

Noch ein altes Ehepaar. Das ist zuweilen nicht nur gut, sondern ergreifend, wie Edgar Selge und Heide Simon ein Ehepaar spielen, das nicht durch einen Mangel an Liebe getrennt wurde, sondern, weil der männliche Teil sich in eine Frau wandelte. Aber dieser sensible Typ fühlt sich weiterhin verantwortlich und so wohnen sie im Mietshaus der bösen Erika Roeder im zweiten und im ersten Stock und haben Angst, dass sie vertrieben werden, damit sich das Haus besser verkaufen lässt.

Es ist übrigens richtig recherchiert, dass sich ein Sanierungsobjekt entmietet besser verkaufen lässt, denn meist werden teure Eigentumswohnungen daraus gemacht, die dann von den Käufern selbst genutzt oder an ganz anderes Klientel vermietet werden als das, welches vorher in einem solchen Haus oft jahrzehntelang gewohnt hat.

Trudis Ende, wird es dadurch eingeläutet, dass diese Gerda schützen wollte und das durch einen Fenstersturz bewerkstelligen, den sie dem Zocker Peter Stamm in die Schuhe schieben wollte? Jedenfalls provoziert sie ihn und tut, als wolle sie ihn erpressen wegen der 300.000 Euro.

Ein jüngeres Paar. Verdächtig ist zwischenzeitlich auch der Sohn von Erika Roeder (Aljoscha Stadelmann), dessen Freundin Sophie (Henny Reents) ist ebenfalls in das Geflecht eingebunden, zum Beispiel dadurch, dass sie einst mit Peter Stamm zusammen war. Auch die Rollen von Sohn und Freundin sind übrigens gut gespielt, an dieser Beziehung kann man genauso wie an den Figuren Trudi und Gerda festmachen, wie gut die psychologische Feinzeichnung des Filmes funktioniert.

Im Grunde passt die flammend Rothaarige nicht sehr gut zu dem etwas lahm und übergewichtig wirkenden Roeder-Sohn, aber dieser lange Zeit von seiner Mutter geknechtete Mann hat eine Sensibilität, die sich  manchmal auch in Zorn entlädt, und er ist niemand, der andere ausnutzen kann, wie eine Mutter Roeder es emotional getan hat oder auch ein Peter Stamm.

Kein Knaller, sondern genau hingeschaut und gut kombiniert. Sehr viele Szenen offenbaren ein Gespür fürs Zwischenmenschliche, das weit über dem Tatort-Durchschnitt liegt. Auf Effekte hat man hingegen dieses Mal beinahe völlig verzichtet, nur die schnelle Schnittfolge der Vernehmung aller bis dahin als verdächtig markierten Personen ist ein optisch besonderer Moment und natürlich auch ein Zitat früherer Tatorte.

Besonderen Wert hat man auch darauf gelegt, dass die Dialoge sitzen. Das musste man auch, damit die Rolle der Trudi nicht zur Lachnummer werden konnte – die Gefahr ist hoch und kann nur durch die Kombination erstklassiger Schauspielkunst mit sachgerechten Dialogen vermieden werden. Man hat sich sogar eine Szene gegönnt, wo eine Horde Jugendlicher, die immer in der Nähe des Hauses lümmelt, Trudi nachruft – aber sie sind nicht bösartig, im Gegensatz zur Vermieterin Erika Roeder. Erstaunlich ist es schon, dass Trudi und ihre Ex-Frau so lange in diesem Haus blieben. Aber es wirkt auch wieder stimmig, durch die besondere Situation der beiden.

Wenn man will, kann man wieder sagen, dieser Tatort ist eher ein Sozialdrama als ein Super-Krimi. Wir hatten die alte Frau Gerda schon relativ früh auf dem Schirm, weil sie viel weniger als alle anderen verdächtig war, kein offensichtliches Motiv hatte und die einzige Figur ist, die zu gebrechlich wirkt, um einen Mord auszuführen. Dass sie in Wirklichkeit eine Schussverletzung hat und ihr die Nerven durchgehen, als die keifende Vermieterin sie im Garten-Ressort aus der Ruhe schreckt, das ist nicht unmöglich, wenn auch nicht zwingend.

Fazit

Freddy fährt übrigens keinen 59er Cadillac Eldorado, wie in der Vorschau vermeldet. Jetzt, wo wir das Auto von allen Seiten im Fahren gesehen haben, meinen wir, es ist eher ein 60er Fleetwood – unter Vorbehalt. Aber schön schwarz, passend zur Stimmung in diesem alles andere als heiteren Film.

Ein Tatort ist prinzipiell keine Komödie, von den Münster-Folgen abgesehen, denn hier geht es um das existenzielle Thema von Leben und Tod. In „Altes Eisen“ hat man passenderweise das Altern an sich sehr stark eingewoben. Es geht um die Menschen, die dem Ende ihres Lebens zugehen, auch ohne, dass die umgebracht werden. Und um Leute wie Max Ballauf, die ebenfalls nicht mehr zu den Jungen gehören und natürlich wird das Dasein des Ermittlers schön im Fall gespiegelt.

Freddy hat dieses Mal kein erkennbares Privatleben – nur die eine oder andere gar nicht so nette Bemerkung seinem Freund und Kollegen gegenüber  deutet darauf hin, dass er über eine Familie verfügt, die ihn manchmal ganz schön nervt – mindestens so sehr, wie er in „Altes Eisen“ Max Ballauf nervt und hin und wieder auch den  Zuschauer. Man merkt daran, wie echt die Dialoge wirken, auch wenn im Grund dadurch das Verhältnis der beiden Kommissare zueinander gegenüber den vorausgegangenen Folgen etwas zu stark variiert wird.

Ein leiser, intensiver, gut gespielter Kölner Tatort, der auf jeden Fall eine 8,0/10 verdient hat.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Gerda – Heide Simon
Trudi Hütten – Edgar Selge
Erika Roeder – Marie Anne Fliegel
Frank Roeder – Aljoscha Stadelmann
Sophie – Henny Reents
Peter Stamm – Tobias Oertel
Polizeipsychologin Lydia Rosenberg – Juliane Köhler
u.a.

 
Musik/Filmkompositionen – Klaus Wagner
Regie – Mark Schlichter
Buch – Mario Giordano

 

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