Nahkampf – Tatort 373 #Crimetime 639 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Nahkampf #Kampf #nah

Crimetime 639 – Titelfoto ©  SWR,

Vorwort 2019. Nach einiger Zeit stellen wir wieder einmal eine Rezension mit originaler Optik und ebensolchem Inhalt vor, wie sie in diesem Fall im Jahr 2011 verfasst wurde – etwa zwei Monate nach dem Start der „TatortAnthologie“, dem Vorgängerfeature von „Crimetime“. Damals trug die Rezension die Nr. 28, mittlerweile sind im neuen Wahlberliner 639 Titel in „Crimetime“ veröffentlicht, innherhalb von knapp 23 Monate, ohne Vorschauen und übergreifende Artikel zum Thema „Fernsehkrimi“.

I. Inhalt

Die Umstände sind verhängnisvoll: Ein Mann in Zivil klettert mitten in der Nacht über den Kasernenzaun. Er wird entdeckt, ein Warnschuss wird abgegeben, dann nimmt der Wachhabende sein Ziel ins Visier: einen jungen Leutnant, der heimlich auf dem Weg nach draußen war.
Hauptkommissarin Lena Odenthal ermittelt. Sie glaubt nicht an einen Unfall. Zu glatt und zu schnell ist alles geschehen. Und Lena entdeckt den tödlichen Plan hinter den Zufällen: eine atemberaubende Inszenierung, die den Leutnant das Leben kostete. Darin verwickelt: die Frau, die ihn liebte, aber mit einem anderen Mann zusammen ist. Der Bataillonskommandeur, ein Meister lautloser Manöver. Und die Kameraden, die zu ahnungslosen Handlangern des Todes werden (Quelle: DAS ERSTE).

II. Besetzung / Stab

Besetzung:

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Kriminalrat Friedrichs – Hans-Günter Martens
Oberst Rüdiger Kampmann – Jürgen Schornagel
Manon Kampmann – Dana Vávrová
Oberleutnant Georg Tremer – Bernhard Bettermann
Leutnant Arnold von Brentano – Götz Otto
Major Rolf Rohloff – Frank Röth
Gefreiter Wolfgang Spirefka – Roman Knizka
Peter Becker – Fritz Müller-Scherz
Stab:Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Szenenbild – Börries Hahn-Hoffmann
Buch – Thomas Bohn
Regie – Thomas Bohn

(Qelle: Tatort-Fundus)

III. Kurzkritik

Lena Odenthal begibt sich in die Männerwelt einer Bundeswehr-Kaserne. Das kann nicht spannungsfrei verlaufen: Oberst Kampmann, ein traditioneller, dominanter Offizier, hat Mühe zu akzeptieren, dass sie die Ermittlungen im Fall des erschosenen Oberleutnants Tremer leitet.

Aber sie tut mehr als das, sie bleibt skeptisch, nachdem klar scheint, dass es ein Unfall war. Und ihre Spürnase trügt sie nicht, sie kommt hinter einen ausgeklügelten Plan, den ein strategisches Hirn entworfen hat.

Der Tatort 373 lebt von dem Duell Kampmann / Odenthal, die beiden sind in ihrer Hartnäckigkeit gar nicht so verschieden – und am Ende hätte die Kommissarin nicht genug gegen ihn in der Hand gehabt, um ihm die Mordabsicht nachzuweisen – der Fall löst sich zur Gerechtigkeit hin dadurch, dass Kampmanns Frau ihn erschießt.

Hinsichtlich der Strategie, die Oberst Kampmann einsetzt, gibt es ein paar Schwächen, wenn man genauer hinschaut. Und es werden natürlich wieder Klischees gezeigt – stellenweise allerdings auch durchbrochen, was dem Film einen weniger moralisierenden Touch gibt als es bei einigen anderen der Odenthal-Krimis der Fall ist.

Spannung wird nicht mit der Suche nach dem Täter erzeugt, sie liegt darin, ob Odenthal den Oberst dingfest machen kann. Formal ist dieser Tatort von 1997 immer noch ansehnlich und recht modern. Bereits im Format 16:9 und mit Dolby Surround produziert.

Kein Fehler, ihn sich noch einmal anzuschauen, auch wenn man nicht zu den Fernseh-Nostalgikern gehört.

IV. Rezension

  1. Beinahe 10 Jahre lang nicht aufgeführt

Was war es, was dazu geführt hat, dass „Nahkampf“ 2002 zum letzten Mal gezeigt wurde und dann so lange pausieren musste? Da war die gestrige Wiederaufführung ja beinahe ein Ereignis. Dass es ein paar kleine Schwächen im Logikkonzept von Oberst Kampmann (Jürgen Schornagel) und seiner Inszenierung gibt, die zum Tod von Oberleutnant Tremer (Bernhard Bettermann) führt, kann nicht der Grund sein. Da haben andere Tatorte, die ständig runtergenudelt werden, deutlichere Schwächen.

Vielleicht ist es die Welt der Bundeswehr. Seit sie in Kampfeinsätzen ist, seit es wirklich Tote in Einsätzen gibt, hat sich die Lage verändert und auch die Wahrnehmung. Es gab zwar wirklich Fälle von Morden in Kasernen, wie den berühmten Lebach-Fall aus den 60er Jahren, der ein juristischer Lehrfall wurde, aber solche Themen stehen heute nicht mehr im Vordergrund, vielmehr wird mittlerweile das Nachwirken von Einsätzen in Afghanistan thematisiert („Heimatfront“, Tatort 789). Oder war es die Art, wie hier Klischees gespielt und auch wieder negiert wurden? Das Verhalten des Brigadegenerals, der versucht, seinen Oberst aus der Schusslinie der Ermittler zu nehmen oder die Arroganz des Obersts selbst? Jedenfalls war es richtig, den Tatort wieder zu zeigen. Wir haben nichts darin erkannt, was komplett aus der Norm oder politisch so inkorrekt wäre, dass man die Folge 373 hätte in den Giftschrank sperren müssen. Es war wohl der Zeitgeist, der ab 2002 gegen diese Folge war.

  1. Lena Odenthals frühe Jahre und unser erstes Mal

Dass der erste Tatort mit Lena Odenthal, den wir für den WB rezensieren, einer aus dem ersten Ermittler-Jahrzehnt ist, in dem sie oft besonders moralisch, besonders angespannt und nicht selten etwas überheblich wirkt, ist insofern ganz okay, als sie für uns dieses Image ohnehin behalten hat. Gestärkt auch durch Fernsehauftritte der Schauspielerin Ulrike Folkerts, die sich in Interviews ihrer Kommissarinnen-Figur erstaunlich ähnlich verhalten hat. Das mag bei sympathischen Ermittlern okay sein, bezüglich Odenthal / Folkerts hatte diese gezeigte Einheit zwischen Rolle und Realpersönlichkeit die Distanz verstärkt, die wir ohnehin empfanden.

Überraschenderweise wirkt dieses Muster in 373 gar nicht so ausgeprägt wie in anderen ihrer frühen Folgen. Das kommt zum einen daher, weil sie das gefühlte Recht hat, es dem arroganten Oberst Kampmann mit gleicher Münze heimzuzahlen, und auch, weil das Schema stellenweise durchbrochen wird. Wo sie mit dem Leutnant von Brentano in dessen Porsche sitzt und mit Bierflasche anstößt oder mit Kopper auf einer Zuschauertribüne am Exerzierplatz, wo sie den Soldaten zuschaut und etwas wie: „Hat was!“ sagt, da blitzt etwas wie unbekümmerte, weibliche Faszination für starke Männer auf und ein emotionales, weniger ein intellektuelles Überwinden von Vorurteilen, die ansonsten in Ludwigshaften-Tatorten in jeder Richtung stark thematisiert und ausgespielt werden. Es hätte gerade in diesem Tatort viele Möglichkeiten gegeben, Klischees zum Exzess zu treiben, auch durch das Verhalten von Lena Odenthal. Das hat man vermieden und das ist eine der großen Stärken dieser Folge.

Zu der Zeit, als die Folge 373 entstand (1997) hatte man ihr gerade Mario Kopper (Andreas Hoppe) zur Seite gestellt, den gemütlichen, physisch dominanten Halbitaliener, der viel eher auch eine Pfälzer-Figur ist als Lena Odenthal. Die Installation als Duo, das sich mag in seiner Unterschiedlichkeit, hat sicher mit dazu beigetragen, dass dem Ludwigshafen-Tatort in der gegenwärtigen Besetzung ein so dauerhafter Erfolg beschieden ist. Lena Odenthal allein ist manchmal ganz schön anstrengend. Da sucht man nach jemandem, der weniger prätentiös daherkommt, und findet ihn in ihrem Assistenten Kopper, den sie auch „Kopper“ nennt, nicht mit Vornamen.

  1. Oberst Kampmann, seine innere und äußere Welt

Ein typischer Bataillonskommandeur? Es gibt keine typischen Kommandeure. Selbst bei der Bundeswehr, bei der militärische Disziplin ein Grundmuster ist, sind Individuen tätig. So will es auch die heutige innere Führung, die gezielt auf andere Typen setzt als jene, deren Kadavergehorsam die Wehrmacht bis zuletzt gegenüber Hitler treu sein ließ. Dass die Bundeswehr gleichwohl kein Sammelbecken überragender Individualisten und linksalternativer Kreativer ist, liegt in der Natur der Sache. Der Oberst Kampmann aber ist ein Extrembeispiel on einem Offizier.

Man hat zwar nicht den Eindruck, dass er seine Leute schleift, aber er ist ein düsterer Panzerstratege aus einer Schule, für die selbst er im Grunde zu jung ist. Allerdings gibt es bei der Bundeswehr Unterschiede, die Waffengattung und dem Truppenteil zu tun haben. Panzergrenadiere als Teil der Infanterie werden zu den Einheiten gerechnet, in denen es am härtesten zugeht. Da passt also ein Oberst Kampmann dann doch eher als bei einer logistisch orientierten Territorialeinheit.

Die Art, wie er strategisch denkt und handelt, ist die eines verhinderten Generals, der er ja auch ist. Er stieg nicht auf wegen Beförderungsstopps und ist unzugänglich geworden. Uns scheint das ein wenig schematisch. Auch, dass seine Frau, die sich jetzt mit dem Oberleutnant Tremer tröstet, bis dieser zu Tode kommt, einst einen anderen Mann geheiratet, hat, mehr starker Beschützer als repressiver Ordnungsfanatiker, geht zwar mit der Konstruktion aller Motive, aber ganz glaubwürdig ist es nicht.

Man muss schon zugeben, dass diese seltsam somnambule, sensible Frau einen solchen Beschützer möglicherweise gesucht hat, aber die harte Art des Obersts muss doch immer in ihm dominant gewesen sein. Schon in anderen Film glaubten wir nicht an diese plötzlichen, ansatzlosen Wandlungen zum Negativen, ausgelöst durch mittelschwere Schicksalsschläge wie Berufsstress oder Nichtbeförderung. Ist Kampmann aber wenigstens ein lückenlos-genialer Stratege?

Im Ergebnis: ja. Die Strategie wäre aufgegangen, Lena Odenthal hätte ihn ziehen lassen müssen, aus Mangel an klaren Beweisen oder wenigstens sehr starken Indizien. Dass er den Kameradschaftsabend in Zivil befohlen hat, der dem Oberleutnant und seiner Frau freie Bahn gab, dazu die starke Bewachung der Kasernenumzäunung genau dort, wo dieser normalerweise in Richtung Kampmannsches Haus nach draußen verschwindet, dass dieser dann wirklich über den Zaun will und dabei erschossen wird, ist eine Spekulation, die aufging. Aber sie beruht auch auf einigen Zufällen und sogar auf einem Missgeschick.

Nämlich dem, dass der Gefreite Spirefka (Robert Kniezka) seine Waffe zwar vorschriftsmäßig gebrauchen will, dem Offizier, den er in Zivilkleidung mit Mütze nicht erkennt, aber nicht, wie es die Vorschrift bei Fluchtverdacht vorsieht, in die Beine schießt, sondern ihn tötet. Das konnte der Oberst unmöglich so voraussehen. Von einem nur verletzten Oberleutnant Tremer ging er sichtlich nicht aus. Spirefka wird auch nirgends als bekannt schlechter Schütze thematisiert. Dann hätte der Oberst auch eher befürchten müssen, dass er ganz vorbeischießt. Der Oberst aber wollte den Oberleutnant, den Liebhaber seiner Frau, tot. Dass die Strategie nur aufgrund eines Schießfehlers funktioniert hat, ist eine klare Plotschwäche, auch wenn am Ende das eingetreten ist, was der Oberst wollte – und was Lena Odenthal ihm nicht hätte einwandfrei nachweisen können. Die deutlich nur vorgetäuschte Beschädigung der Tür zu den Wartehallen / Garagen der Fahrzeuge und einige weitere Kleinigkeiten kommen als grenzglaubwürdig hinzu.

  1. Juristische Bewertung

An einer Stelle spricht Lena Odenthal von fahrlässiger Tötung, für mehr könne sie Kampmann wohl nicht drankriegen. Das stimmt aber nicht. Alles hängt daran, dass sie ihm Vorsatz nachweisen kann. Wenn das nicht der Fall ist, geht er straffrei aus. Er benutzt Spirefka nämlich in Wahrheit als Werkzeug und ist selbst mittelbarer Täter. Spirefka nimmt eine Körperverletzung in Kauf, die aber aufgrund dienstliche Anordnung nicht strafbar ist. Hingegen hat er keinen Vorsatz bezüglich der Todesfolge, die bei Oberleutnant Tremer eintritt. Anders Kampmann. Er lenkt das Verhalten aller in der Kaserne, nicht zuletzt das des Wachgängers Spirefka, hat das dafür erforderliche, beherrschende bzw. überlegene Wissen und sein Vorsatz umfasst auch die Todesfolge an Oberleutnant Tremer. Heimtücke ist ebenso im Spiel wie der subjektive Beweggrund der Eifersucht, also zwei Tatbestandsmerkmale von Mord. Das heißt, würde Lena Odenthal ihm die mittelbare Täterschaft in Form der Inszenierung der gesamten Situation, die zum Tod von Oberleutnant Tremer geführt hat, nachweisen können, so müsste gegen ihn auf §§ 211, 25, 226 erkannt werden, auf vollendeten Mord. Ob es dabei eine Rolle spielt, dass er den Tod gar nicht als sicher vorhergesehen haben kann, ist dabei möglicherweise unerheblich, denn sein Plan hat darauf gezielt und vollkommen unwahrscheinlich war der Verlauf nicht, dass jemand die Wache in der hektischen Situation den Mann zu hoch trifft.

  1. Weitere Zweifel an der inneren Aufstellung der Figuren

Strategisch aber bleibt die Sache fragwürdig: verlassen hätte der Oberst sich darauf nicht dürfen und eine zweite Chance hätte er nicht bekommen, denn Tremer hätte künftig gewiss besser aufgepasst. Eine weitere Fragwürdigkeit in dem Zusammenhang: Am Ende wird ausgeführt, dass Tremer dachte, es würde nicht auf ihn geschossen. Das dachte er angeblich, weil er meinte, man würde ihn erkennen. Am Verhalten der Wache hätte er aber erkennen dürfen, dass dies nicht der Fall war. Jeder mit etwas Selbstschutz ausgestattete Mensch hätte in diesem Fall wohl die Hände hochgenommen und wäre auf Kasernenboden geblieben.

Auch, dass die letztlich Frau Kampmann ihren Mann erschießt, rechnet man ihr zunächst nicht zu. Wie sie so fremd durch das pfälzische Dorf wandelt, groß, schlank, mit Baskenmütze, auffällig anders gekleidet als die Einheimischen, im Vordergrund wird sie von einem Statisten passiert, einem Dörfler, mit schnellem Schritt geht er um sie und Odenthal herum. Ein bodenständiger Mensch, ein Handwerker in Eile. Dieser Kontrast ist bewusst gesetzt worden, das war kein Zufall. Verbirgt sich hinter der eher passiv und abgeschieden wirkenden Frau, die auf dem fünfzigsten Geburtstag ihres Mannes selbstvergessen mit dem Oberleutnant tanzt, jemand mit einen Gefühlsleben, das der plötzlichen Eruption zugeneigt ist? Oder will sie Rache für den Tod ihres Geliebten? Beides zusammen könnte vielleicht doch ausreichen. Man darf manche Figuren, gerade die stillen, tiefen, nicht unterschätzen. Notwehr wird ihr wohl nicht rechtfertigend zur Seite stehen, das macht auch Lena Odenthal ihr deutlich, nachdem sie ihrerseits ihrem Mann eine Falle gestellt und ihn erschossen hat.

V. Fazit

Licht und Schatten in Tatort 373. Interessante Figuren. Ein früher Bundeswehr-Fall von Traumatisierung nach Einsatz der Waffe beim Gefreiten Spirefka. Für einen Moment dachten wir, Kameraden wollten ihn umbringen und das Ganze sei eine Sache von korpsgeist-gemäßer Aburteilung oder stillschweigenden Einverständnis mit dem Kommandanten betreffend die Ermordung desjenigen, mit dem die Frau des Kommandanten Ehebruch begeht. Aber so weit ging es dann doch nicht, die übrigen Soldaten, auch der Oberleutnant von Brentano, der den Gefreiten im Krankenhaus besucht, sind für die Tat missbraucht worden. Durchaus vorstellbar, dass nur einer weiß, was wirklich gespielt wird. Nämlich derjenige, der sich das Spiel ausdenkt. Und es war nicht so schlecht gespielt. Nicht zu offensichtlich für die übrigen. Leider aber gibt es die erwähnten Fehler und Ungenauigkeiten. Trotzdem ein interessanter und vielschichtiger Tatort. 7,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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