Barbarossas Rache – Polizeiruf 110 Fall 254 / #Crimetime 638 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schwarz #MDR #FriedrichBarbarossa #Barbarossa #Rache #Kyffhäuser

Crimetime 638 - Titelbild © MDR

Staufer und Welfen

Es ist kein Zufall, dass der Mann, der die den Kyffhäuser im Umfeld des Denkmals für Friedrich I. Barbarossa ausrauben will, Welfen heißt. Nach heutigem Verständnis ist das aber eine Zuspitzung, die den Ergebnissen der Forschung über die Staufer und die Welfen nicht recht standhalten mag. Aber es ist ein bisschen plakativ und ein bisschen spekulativ bezüglich der verborgenen Schätze und wie der Film noch so ist, das steht in der -> Rezension.

Handlung

Da thront er, in Stein gehauen und sechseinhalb Meter hoch: Kaiser Friedrich I. Er war es, der im 12. Jahrhundert erstmals die Zentralgewalt in Deutschland einführte. Über ihm, hoch zu Pferde, sitzt Kaiser Wilhelm I., der Preußenkönig, der 1871 das zweite deutsche Kaiserreich begründete: Das Sandsteindenkmal auf dem Kyffhäuser, dem mit 60 Quadratkilometer kleinsten deutschen Mittelgebirge, ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Es sind natürlich keine touristischen Motive, die die beiden Hallenser Kommissare zum Kyffhäuser führen. Das Denkmal ist der Tatort eines Verbrechens. Im Schoß des Kaisers Barbarossa liegt eine männliche Leiche. Schnell lässt sich die Identität des Toten feststellen. Prof. Welfen, Dekan der medizinischen Fakultät von Halle, wurde die Kehle durchgeschnitten. Obwohl Papiere, Geld und Autoschlüssel gestohlen wurden, glauben die Kommissare keine Sekunde, dass sie es mit einem Raubmord zu tun haben, denn nichts lässt auf einen Kampf schließen und zu ungewöhnlich ist der Fundort.

Welfen war in der Uni nicht unumstritten, also beginnen die Kommissare ihre Ermittlungen im Arbeitsumfeld des Professors. Und wie es scheint, lebte Welfen ein Parallelleben – und nicht nur in Bezug auf seine Geliebte –, denn der honorable Professor betrieb nebenher eines der ältesten Gewerbe: Grabräuberei.

Wurde Welfen von einem Konkurrenten getötet? In welchem Zusammenhang steht der Sohn mit dem Tod seines Vaters? Warum hat er einen Mann beauftragt, der den Professor beschatten soll? Es ist ein Puzzlespiel, in welches sich die Kommissare hineinarbeiten müssen.

Rezension

Werden sich Edith und Meister Schmücke wieder versöhnen? Oh, herzloses Weibsgesindel! Einfach den Schlüssel austauschen. Es war wohl doch ihre Wohnung, in welcher der Kommissar lebte, auch wenn das zumindest im 254. Polizeiruf nicht erklärt wird. Man muss sich also etwas mit der Vorgeschichte auskennen. Ebenfalls nicht schädlich sind Kenntnisse über den Kaiser Friedrich Barbarossa und über seine Stellung in jüngerer Zeit, besonders nach der Einigung von 1871. Also nicht in jüngster Zeit, sondern eher zwischen jenem Jahr und 1945. In der DDR dürfte es keinen besonderen Hype um den Mann gegeben haben, der einen Kreuzug ganz allein anführte und vier- oder fünfmal gegen oberitalienische Städte kämpfte. Der Konflikt mit Mailand, der im Film eine Rolle spielt, ist historisch, aber wer nun welche Gegenstände als Raub ansieht, ist – genau, Ansichtssache. Die damaligen Vorgänge sind schwer mit der Plünderung des Vorderen Orients durch das zu vergleichen, was heute noch immer in westlichen Museen zu bewundern ist. Vielleicht ist das aber immer noch besser, als wenn es Grab- und sonstigen Schatzräubern wie dem Professor Welfen in die Hände gefallen wäre, der es teilweise zum Ruhm, teilweise zur Erlangung der finanziellen Gleichstellung mit seiner adeligen Frau verwenden wollte.

Diese Standesunterschiede können offensichtlich sogar den Dekan einer medizinischen Fakultät mächtig triggern oder auch: Nie ist mal jemand zufrieden. Die Frau damit nicht, dass sie quasi das Faustpfand der Karriere des Mannes darstellt, jener nicht, weil er doch irgendwie nie diesen Stallgeruch erlangen kann, auf den manche Leute, die in den Dunstkreis dieser Klasse gelangen, erstaunlich viel Wert legen. Die Wiederbelebung einer Burschenschaft nach der Wende, die auch Thema des jüngst besprochenen Tatorts Einsatz in Leipzig war, kann eine Form von Reputation wohl nicht ersetzen, die auf einem Narrativ beruht, das die Erbreichen für die anderen erfunden haben und vor allem mit Hilfe der „Yellow Press“ am Leben erhalten. Nicht einmal eine Spitzenstellung in modernen Clandynastien bringt so viel gedachtes Sozialprestige.

Anders aber als das in „Einsatz in Leipzig“ der Fall ist und in den meisten Ehrlicher-Tatorten nimmt „Barbarossas Rache“ keine klare Haltung ein und man gewinnt durchaus den Eindruck, dass vor allem Emporkömmlinge oder jene, die durch Leistung etwas erreicht haben, sehr kritisch beleuchtet werden. Freilich können wir anhand des Gezeigten nicht ermitteln, ob nun Professor Welfen immer schon so verbiestert war, oder ob er’s geworden ist, weil man ihm stets klarmachte, dass er eigentlich nicht dazugehört.

Dieses sehr Hierarchische auch innerhalb der Akademikerschaft und des gehobenen Mittelstandes belegt aber nichts anderes als das, was zu fast allen Zeiten galt, wenn man nicht gezielt entgegenwirkte und soziale Eigenschaften förderte: (Unfaire und übertriebene) Konkurrenz verdirbt das Gemüt, verdirbt das Miteinander.

Kommen wir zu weiteren Aspekten. Wir recherchieren nun nicht intensiv darüber, ob es möglich ist, im Kyffhäuser wirklich alte Schätze zu bergen, es gab vor einiger Zeit Bergungsarbeiten in einem alten Brunnen, aber von einem Fund oder der Möglichkeit eines Fundes in den Dimensionen, die im Film suggeriert werden, allein das alte Kreuz übertrifft wohl alles, was dort tatsächlich je geborgen wurde, ist derzeit nichts bekannt. Vielmehr hat das Barbarossa-Denkmal auf dem Kyffhäuser 2016, 2017 von sich reden gemacht, als es für AfD-Zwecke missbraucht wurde. Ein Problem wie dieses konnte 2004 selbstverständlich nicht vorausgeahnt werden, aber der Kult um dieses Kleingebirge und seine nationale Bedeutung und das 1890 erbaute Barbarossa-Denkmal würde heute sicher etwas anders dargeboten werden, als man das hier vor 15 Jahren inszeniert hat.

Eine weitere Frage die, wir uns gestallt haben, war weniger, wieso Schmücke und Schneider zwar immer am Schnaufen sind, aber letztlich doch ganz gut kraxeln können – sondern, ob die Szenen mit Ärztin Lisa Marten echt sind. Das sind sie wohl, ihre Darstellerin Elisbeth Lanz, bekannt mittlerweile als Zoo-Tierärztin Dr. Mertens, war dreimal österreichische Jugend-Leichtatlethikmeistern (in welchen Disziplinen, verrät die Wikipedia leider nicht, jedenfalls ist sie sehr sportlich). Weitere Episodenrollen haben Thomas Anzenhofer („Der Clown“) und Hanns Zischler inne – Martin Brambach, einer der aktuell präsentesten Darsteller im deutschsprachigen Raum (u. a. als Kriminalrat Schnabel im Dresden-Tatort in einer Dauerrolle) begnügt sich hier noch mit einem eher kleinen Part, wirkt aber dabei schon recht auffällig.

Finale

Leider kann man das von dem Film insgesamt nicht sagen. Schmücke und Schneider sind wieder nahezu fehlerfrei unterwegs, auch wenn das schwierige Geläuf ihnen zu schaffen macht und der Fall leider genau dadurch gelöst werden muss: Dass die beiden, insbesondere Schmücke, anderen immer hinterhersteigen und diese belauschen können, bis sie sich dann überraschend zu erkennen geben. Das ist eine anstrengende, aber leider nicht sehr spannend wirkende Form der Ermittlung. Aber so kann’s laufen, wenn man sich beim Verfassen eines Drehbuchs nicht die Mühe macht, wirklich zu konstruieren oder die Knoten, die man geknüpft hat, nicht so richtig aufgelöst bekommt – in 90 Minuten. Deswegen ist auch das Ende alles andere als ein Highlight. Der Täter hätte diese oder jene Person sein können, auch der missverstandene Sohn von Dr. Welfen, sogar Lisa Marten hatten wir zwischenzeitlich im Verdacht, weil sie die körperliche Kraft hat, „wie ein Mann“ zu agieren. Aber hat’s uns mitgerissen, dass es der Burschenschaftsbruder und Archäologe und wirkliche Vater von Welfens Sohn war? Es hielt sich in Grenzen.

Schmückes Zwangsauszug von Edith hat sich Autor Felix Huby wohl bei sich selbst, von seinem Lieblingspaar Bienzle und Hannelore abgeschaut. Das, was in „Barbarossas Rache“ im Privatleben von Schmücke passiert, wirkt genauso unmotiviert wie viele Wendungen und Zwistigkeiten in der Bienzle-und-seine-Holde-Saga. Man erfährt nicht, was der Auslöser für die große Missstimmung ist. Vielleicht ergibt sie sich aus einem vorhergehenden Fall, kann aber hier, wie der eigentliche Fall, keine emotionale Einbindung des Zuschauers bewirken, zumal Edith nicht eine einzige Sekunde lang im Bild ist.

Ein bisschen was hat der Film durchaus von einer Adelsschmonzette, nur auf schon jahrelang getraut umgepolt. In diesen Kreisen lässt man sich nicht scheiden, sondern geht einander lieber bis zum tödlichen Ende auf den Zeiger.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hartmut Griesmayr
Drehbuch Felix Huby,
Idee: Thomas Kirchner
Produktion Susanne Wolfram
Musik Joe Mubare
Kamera Hans-Jörg Allgeier
Schnitt Claudia Fröhlich

Jaecki Schwarz: Herbert Schmücke, Kriminalhauptkommissar
Wolfgang Winkler: Herbert Schneider, Kriminalhauptkommissar
Michaela Rosen: Margarete Welfen
Hanns Zischler: Christian Korte
Torben Liebrecht: Friedrich Welfen
Elisabeth Lanz: Dr. Lisa Marten
Thomas Anzenhofer: Fred Kaminski
Martin Brambach: Dr. Heinz Rotten
Matthias Ponnier: Konrad Welfen
Hans Peter Korff: Prof. Markus Steinbeck
Marie Gruber: Rosamunde Weigand, Kriminaltechnikerin
Thomas Just: Prof. Adrian Kneifel
Chris Lopatta: Denkmalswart
Klaus-Jürgen Steinmann: Dr. Klaus Riepe, Gerichtsmediziner
Thorsten Wolf: Schulz, Höhlenführer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s