Der Tote zahlt – Polizeiruf 110 Fall 113 / #Crimetime 641 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Berlin #Fuchs #Grawe #Toter #Zahlung

Crimetime 641 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Wieder eine Rechnung, die nicht aufging

Zwei gewiefte Typen beeinflussen einen naiven jungen Mann so, dass er ihnen bei der Ausführung von Trickbetrügereien hilft und in einem Handgemenge mit den beiden kommt er zu Tode, nachdem er gemerkt hat, dass die beiden „Freunde“ nicht echt sind. Das klingt vertraut. Aber warum? Wir klären auf in der -> Rezension.

Handlung

Die Handwerker Manfred Wehlau und Peter Labuse begehen unter falschem Namen Betrugsverbrechen. Beide haben sich Ausweise gestohlen, so treten Wehlau als Dieter Engelhard und Labuse als Ferdinand Siebel auf. Beide gehen regelmäßig unter falschem Namen nach Feierabend Aufträgen nach und renovieren so auch Professor Kramers Ferienheim. Sie wissen, dass das Gebäude von ihm selten genutzt wird, berechnen ihm die Kosten für die Baumaterialien viel zu hoch und nutzen den Keller des Hauses schließlich, um Diebesgut zu lagern. Die Baumaterialien erhielten sie von Axel Gau, einem Angestellten der PGH. Der junge Mann lebt noch bei seiner Mutter, die ihm jede Möglichkeit der persönlichen Entfaltung nimmt, ihn kontrolliert und ihm Geld zuteilt. Der naive Gau soll Wehlau und Labuse als ausführende Kraft für ihre Betrügereien dienen.

Um ihn zu ködern, bringt Wehlau seine Frau Sigrid dazu, mit Gau zu flirten. Tatsächlich verliebt sich Gau in die junge Frau, von deren Verbindung zu Wehlau er nichts weiß. Sie hat eine Urlaubsreise nach Ungarn angeboten bekommen. Zwar weiß sie, dass sie die Reise nicht antreten können wird, nimmt den Urlaubsplatz auf Wehlaus Drängen hin jedoch an. Gau hat unterdessen auf Betreiben Labuses ein eigenes Konto eröffnet und darauf von Labuse erhaltene 2000 Mark überwiesen. Wehlau instruiert Sigrid, wie sie weiter mit Gau zu verfahren habe, und so lädt sie ihn in den Urlaub nach Ungarn ein. Später eröffnet sie ihm, dass sie eine Woche früher abreisen muss, und bittet ihn, allein nach Ungarn nachzukommen. Wehlau und Labuse überzeugen Gau nun davon, dass er sich für die anspruchsvolle Sigrid neu einkleiden muss. Das Geld, das er auch für die kostspielige Reise nach Ungarn braucht, besorgt Gau sich auf Anweisung der beiden Männer hin. Er überzieht sein mit Labuses Hilfe eingerichtetes Konto um ein Vielfaches, löst von Labuse und Wehlau gestohlene Schecks auf seinen Namen ein und kauft nach Anweisung Farbfernseher, teure Kleidung und wertvolle Antiquitäten. Der Schaden beläuft sich bald auf rund 40.000 Mark. Das Trio begeht seine Verbrechen an verschiedenen Orten in der ganzen Republik und übernachtet in teuren Hotels. Gaus Mutter erfährt erst auf der Arbeitsstelle ihres Sohnes, dass dieser seit einigen Tagen Urlaub genommen hat. Hauptmann Peter Fuchs und Leutnant Thomas Grawe sind bei ihren Ermittlungen wiederum bald unsicher, ob wirklich der bisher unbescholtene Gau als Täter infrage kommt.

Gau merkt langsam, dass mit ihm ein böses Spiel getrieben wird, zumal er sein Foto auf einem Fahndungsplakat entdeckt. Er will aussteigen. Die vorgeblich in Ungarn weilende Sigrid ist noch da und überzeugt ihn, weiterzumachen. Bald jedoch reicht es Gau, und er will nach Hause. Wehlau und Labuse jedoch bringen den sich sträubenden Mann zum Flughafen. Dort sorgt Gau für solches Aufsehen, dass die beiden Männer ihn zurück zum Wagen bringen. Wenig später ist Gau wie vom Erdboden verschluckt. Wehlau und Labuse können über verschiedene Zeugenaussagen enttarnt werden, zumal ihre falschen Namen sich als Identitäten von Personen entpuppen, denen der Personalausweis abhandengekommen ist. Beide Männer geben sich unschuldig und sagen dann aus, dass sie Gau zuletzt am Flughafen gesehen hätten. Eine Zeugin hat jedoch alle drei Männer später an der Autobahn gesehen. Dort befindet sich ein frisch aufgeschütteter Kieshaufen. Beim Abtragen des Kieses kommt Gaus Leiche zum Vorschein. Gau wollte bei einer Rast an der Autobahn wegrennen, Wehlau wurde wütend und schlug ihn zusammen. Als Gau in dem Zusammenhang erfuhr, dass Sigrid Wehlaus Ehefrau ist, wehrte er sich, und Wehlau schlug noch heftiger zu, bis Gau an einer Schlagverletzung starb.

Rezension

Wir wissen nicht, was am Abend der Erstausstrahlung von „Der Tote zahlt“ im anderen DDR-Fernsehprogramm gelaufen ist, aber die Zuschauerquote von knapp 35 Prozent bei der Premiere war ungewöhnlich niedrig. Wir haben leider auch noch nicht erforscht, ob es in der DDR Vorab-Kritiken gab, wie heute üblich, diese müssten dann negativ gewesen sein. Vielleicht war es auch der unspektakuläre Titel oder die Einsicht, dass die Arbeiten des Regisseurs Hans Knötzsch nicht die spannendsten sind. Gestern war ein anstrengender Tag, aber erstmals seit längerer Zeit haben wir einen Krimi wieder nicht ohne Probleme durchgestanden, den Sekundenschlaf aber nach einiger Überlegung nicht als so gravierend angesehen, dass wir noch einmal 77 Minuten investieren wollen, um die fehlenden Momente zu begutachten. Lieber haben wir die ausführliche Handlungsangabe in der Wikipedia nochmal nachgelesen.

Leider bestätigt diese, was wohl unseren Konzentrationsmangel doch mit ausgelöst hat: Der Film ist ebenso konventionell, wie es ihm an Glaubwürdigkeit mangelt. Man hat viele Standards aus immerhin schon 16 Jahren Polizeiruf reingepackt. Der hauptsächliche ist das Duo, das anderen Geld abknöpft und durch einen Naiven, der dazustößt, zum Trio wird. Offenbar eine Spezialität von Knötzsch, schon in „Trickbetrügerin gesucht“ von ihm zehn Jahre zuvor inszeniert und ein Jahr vor „Der Tote zahlt“ in „Gier“. Die Verführbarkeit von jungen Menschen, die unter einer Käseglocke aufgewachsen sind, ist in den 1980ern in der Reihe Polizeiruf ebenfalls sehr häufig thematisiert worden. Bisher dachten wir, es ging eher darum, falsche Erziehungsmethoden zu thematisieren und auch die Arbeitswelt als nicht gerade für die Entwicklung junger Menschen hilfreich darzustellen, aber bei den Handwerkern, die mithilfe einer attraktiven Frau den Naivling geradezu kapern, kam uns ein Gedanke, der uns möglicherweise noch beschäftigen wird: Der Plot könnte eine Chiffre sein – der unbescholtene, aber wenig erfahrene Axel Gau stellt die DDR dar, die unter der Mutterglucke Sowjetunion nicht erwachsen werden kann, respektive durch die daraus hervorgehende Abschottung. Die beiden Handwerker sind die kapitalistischen Verführer, die großen Eindruck auf die naiven Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates machen. Es war zu jener Zeit wohl offensichtlich, dass die meisten Menschen im zweiten deutschen Staat nicht mehr auf den Aufbau des Sozialismus ausgerichtet waren, sondern sehnsuchtsvoll und verträumt nach Westen schauten, obwohl dort z. B. die Arbeitslosigkeit ein Riesenthema war. Alle Propaganda gegen diesen Kapitalismus-Fail und viele andere negative Eigenschaften des BRD-Systems hatte nichts genützt, auch nicht die Sporterfolge oder die leider auch teilweise gefakten wissenschaftlichen Errungenschaften.

Die Filme des Jahrgangs 1987, die wir bisher gesehen haben, zeichnen sich zwar nicht mehr durch den teilweise geradezu depressiven Grundton der beiden vorangegangenen Jahre aus, sondern greifen teilweise auf frühere Muster zurück, aber darin kann man eben auch keinen Fortschritt erkennen. Zumindest gilt das für „Der Tote zahlt“, der zudem durch den Identitätswechsel der Handwerker und andere Schleifen und Wendungen gestaucht und komplizierter wirkt, als er nach Reduktion auf die wesentlichen Handlungselemente tatsächlich ist. Dass wieder mal am Bau nebenbei gearbeitet wird – sind es jetzt 40, 50 oder 60 Prozent aller bisher gesehenen Polizeirufe, in denen Handwerker göttergleich rüberkommen, weil so rar und Herrscher über ihre Kunden? Es ist kein Zufall, dass dies so häufig dargestellt wird und je mehr sich das verfestigt, desto sicherer sind wir, dass darin unterschwellige Systemkritik liegt. Es muss für Private ein Abenteuer gewesen sein, einen ausgebildeten Handwerker an die Hand zu bekommen.

Ob die Abrechnung an den Professor, der auch trotz seines höheren Alters recht einfältig wirkt, wirklich überhöht sind, können wir nicht sagen – was genau gewerkelt wurde, wird nicht erwähnt, außerdem hätten wir es mit Preistabellen der DDR abgleichen müssen, das Gedächtnis hätte, anders als bei Westpreisen, nicht ausgereicht. Und es gab ja einige erhebliche Verschiebungen gegenüber dem, was „hüben“ für bestimmte Gegenstände oder Leistungen gezahlt werden musste. Deswegen konnte man wohl auch Fernseher so gut absetzen, wie es hier beschrieben wird: Bei den exorbitanten Summen, die in der DDR für einen Farbfernseher zu entrichten waren, gab es eine Menge Spielraum für günstiger verkaufte Ware aus Diebstählen.

Die Scheckbetrügereien werden hingegen mehr referiert als gezeigt und wir müssen zugeben, wir haben aufgrund der schwachen Kondition oder Kognition gestern Abend nicht durchdenken können, ob das wirklich so funktionieren kann oder ob wir das überhaupt beurteilen können, ob es in der DDR gegangen wäre, sehr spannend war es jedenfalls nicht dargestellt. Der Zahlungsverkehr war aber grundsätzlich nicht anders aufgebaut als im Westen. Und wegen des unlauteren und spielerhaften Umgangs mit Geld heißt wohl auch einer der Gauner Labuse, in Anlehnung an Fritz Langs Doktor Mabuse.

Finale

„Der Tote zahlt“ ist zwar gut besetzt, u. a. mit Karin Düwel als Sirene, die den jungen Mann weichkocht und mit Uwe Kockisch (bekannt aus den Donna-Leon-Verfilmungen als Commissario Bunetti) als treibender Kraft des Handwerker-Gauner-Duos, aber nicht sehr fetzig gefilmt. Vielleicht war die gewisse Zurückhaltung in den Darstellungen auch gewollt, aber es gibt in diesem Film kaum etwas, was man nicht so ähnlich schon zuvor in einem Polizeiruf gesehen hätte. Angesichts der großen Varianz, welche die Filme der 1980er zeigten, ist dies doch enttäuschend. Vermutlich dachten so auch die Ermittler Fuchs und Grawe. Das Interessanteste, was uns an ihnen dieses Mal aufgefallen ist: Die Krawatten, diagonal in verschiedene Richtungen, aber mit gleichem Muster und farblich genau zu beigen oder grünen Hemden passend. Ob das nicht auch ein stummer, aber optisch wirksamer Protest gegen das etwas uninspirierte Warenangebot in der späten DDR war? Wir werden es vermutlich nicht mehr erfahren.

6/10

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Horst Ansorge
Produktion Gabriele Rötger
Musik Rudi Werion
Kamera Werner Helbig
Schnitt Edith Kaluza
 
Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Andreas Schmidt-Schaller: Leutnant Thomas Grawe
Uwe Kockisch: Manfred Wehlau
Karin Düwel: Sigrid Wehlau
Peter Zintner: Peter Labuse
Hans-Uwe Bauer: Axel Gau
Brigitte Lindenberg: Maria Gau
Solveig Müller: Christa Hut
Dietmar Richter-Reinick: Paul Hut
Heinz Schröder: Prof. Kramer
Harald Engelmann: Staatsanwalt Franke
Christa Wagner: Alte Ehefrau
Friedrich Mokross: Herr Urban
Hans-Joachim Leschnitz: Herbert Merker
Manfred Schulz: Herr Schneider
Günter Drescher: Fritz Sänger
Hans Klima: Herr Scholz
Michael Engel: Dr. Kramer
Renate Thiede: Frau Schreiber
Ernst-Georg Schwill: Brigadier Solemba
Iris Bohnau: Sabine Engelhardt
Susanne Schwab: VP-Sekretärin
Antje Böttger: Zimmermädchen
Gerd Klotzek: Abschnittsbevollmächtigter
Ursula Am-Ende: Frau Labs 

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