Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache (DE 1971) #Filmfest 151

Filmfest 151 A

2020-08-14 Filmfest AWolfgang Staudte im Rotlicht

An „Fluchtweg St. Pauli“ hat uns vor allem interessiert, was einer der bekanntesten deutschen Nachkriegsregisseure im und mit dem Rotlichtmilieu anstellt.

Der 1906 in Saarbrücken geborene Staudte, neben Max Ophüls berühmteste Filmkünstler mit saarländischen Wurzeln, ist für Filme wie „Die Mörder sind unter uns“ (1946) verantwortlich, mit dem Hildegard Knef zur ersten deutschen Schauspielerin wurde, deren Starruhm nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann. Er hat mit Maria Schell dem Publikum von den Sünden der „Rose Bernd“ erzählt (1957), dann „Rosen für den Staatsanwalt“ geschickt (1959) und die Dreigroschenoper auf die Leinwand gebracht (1962). Später aber – gibt es ein „Aber?“ – hat er vor allem TV gemacht. Zu seinen zahlreichen Fernsehfilmen zählen etliche Krimis (u. a. 12 Folgen von „Der Kommissar“ und 7 Tatorte, die meisten davon mit Hansjörg Felmy als dem legendären Essener Kommissar Haferkamp).

„Fluchtweg St. Pauli“ ist also nicht etwa ein Fremdkörper im Schaffen von Wolfgang Staudte. Der Rotlichtmilieufilm, der vorzugsweise auf der berühmten Reeperbahn von St. Pauli spielt, ist eine besondere, deutsche Spielart des Kriminalfilms und deshalb so interessant, weil sich hier so viele schräge Typen finden und für den Film verwenden lassen. Das Verbrechen und die Freundschaft, Liebe in allen Spielarten und Gewalt liegen wohl nirgends sonst so dicht beieinander. Wenn man dieses Milieu gut inszeniert, ist das eine Show, wie man spätestens seit den Hans-Albers-Filmen „Große Freiheit Nr. 7“ und „Auf der Reeperbahn Nachts um halb Eins“ weiß – die allerdings Milieu-, aber keine Kriminalfilme waren. Außerdem handelt es sich um einen Krimi aus dem Subgenre „(Ausbruch), Flucht und Verfolgung“, das schon sehr schöne Thriller hervorgebracht hat.

Von der großen Romantik der roten Meile Albersscher Prägung ist in „Fluchtweg St. Pauli“nichts mehr zu sehen. Der Film belegt vielmehr, dass Staudte sein Bestes tat, um am Puls der Zeit zu bleiben. Die derbe Sprache ist vielleicht auch kiezbedingt, aber man hätte sie wenige Jahre zuvor nicht so ungefiltert an den Filmzuschauer vermittelt. Sie wirkt daher vielmehr aus dem New Hollywood übernommen, das damals dem Kriminalfilm mit Werken wie „French Connection“ und „Dirty Harry“ eine neue Richtung gab. Und sie passt frappierend gut zu den Hauptdarstellern Horst Frank und Heinz Reincke. Frank spricht sie schärfer und das ist ein Hauch von Gefahr, wenn er auftritt. Reincke ist der Gefühlsmensch, der fluchen und heulen fast in einem Atemzug kann. Die Freizügigkeit kann man ebenfalls dahingehend interpretieren, dass sie zum Kiezleben gehört – oder dass es praktisch war, sie im Weg der Sexfilmwelle der späten 60er und frühen 70er in einen Mainstream-Film einbauen zu können. Das war diese Zeit des Wandels, in der auch die Taxis ihre schwarze Zurückhaltung und Noblesse verloren und das heute noch verwendete Beige aufkam. Im Film fährt Bruder Heinz übrigens noch ein traditionelles, schwarzes Taxi, ein wenig älter schon, aber dafür gut gepflegt und recht luxuriös – einen Mercedes 220s Automatic von ca. 1960.

Ungleiche Brüder sind diese damals sehr bekannten Darsteller in „Fluchtweg St. Pauli“. Der eine fährt Taxi und kann einer Betrunkenen nicht mal 20 Mark Fahrgeld abnehmen, der andere sitzt wegen schweren Raubes ein, bricht aus, bringt eine Frau um, als er deren Schmuck stiehlt, will ins Ausland fliehen um und wird am Ende von seinem eigenen Bruder gestellt, als dieser sich endlich einmal im Leben zur Wehr gegen den anderen setzt. Aus dieser Brüderbeziehung gewinnt der Film einen Großteil seiner nicht unbeträchtlichen Spannung, zudem ist er schnörkellos und schnell gefilmt, mit für damalige Verhältnisse beträchtlicher Fahr-Action in den Schlussminuten, die relativ echt in dem Sinn wirkt, als sei sie kaum im Zeitraffer gefilmt und als gäbe es keine Rückprojektionen. Wir sehen in diesem Film ebenfalls den vielseitigen Klaus Schwarzkopf, der u. a. durch die Rolle des Kommissars Finke in mehreren Tatorten ein Begriff ist (zu Reifezeugnis haben wir für die Rubrik „Crimetime“ des Wahlberliners geschrieben).

„Von Staudtes Zorn und Trauer gegenüber gesellschaftlichen Missständen“ sei in „Fluchtweg St. Pauli“ „nur noch handwerkliche Routine zurückgeblieben“, schreibt das Lexikon des internationalen Films (2).

Es stimmt natürlich, was diese Kritik bemängelt – wenn man von den großen Würfen des Regisseurs aus den ersten Nachkriegsjahren ausgeht und „Fluchtweg St. Pauli“ in eine Linie mit ihnen stellt. Humorvoll könnte man sagen, die Missstände waren auf dem Höhepunkt des Wohlstandes, in den 70ern, vielleicht auch nicht mehr so gewaltig wie nach Ende des Zweiten Weltkrieges, aber wir verstehen schon, was gemeint ist. Staudte hatte sich irgendwann entschieden, solide Krimis zu machen, und das Maß, in dem Gesellschaftskritik zum Beispiel in Tatort-Episoden zu sehen ist, wird ihm wohl ausgereicht haben.

Zwar ist in „Fluchtweg St. Pauli“ ein Villenbesitzer mit nichtsnutziger, viel jüngerer Frau zu sehen, die sich durch den Tag und die Nächte säuft, vor lauter Langeweile, die Taxifahrern Scherereien macht und ausgebrochene Diebe mit ihrem Millionenschmuck zu weiteren Taten verführt, dieser Villenbesitzer hat einen großen Moment, als er den Tod seiner Frau an die Polizei meldet. Die Kälte, mit welcher er dabei spricht, ist aus dem Vermächtnis von Staudtes großen Werken, klagt aber nicht an, wie es beinahe exemplarisch gegenüber Kriegsverbrechern, die versuchen, sich direkt nach dem Ende er NS-Herrschaft in die Gesellschaft einzunisten, in „Die Mörder sind unter uns“ mit erschütternder Direktheit und auch ein wenig Naivität geschieht und in „Rosen für den Staatsanwalt“ auf eine etwas exaltierte Ebene gehoben wird. Der Villenbesitzer könnte so ein Gewinnler aller Krisenzeiten sein und die pompösen Dekors des Damenschlafzimmers sind grandiose 70er und auch ein Statement zu unnötigem Überfluss. Aber zentral ist dieses Thema nicht mehr für Staudte.

Vielmehr meint man, auch gegenüber dem brutalen, seine Exfrau schlagenden Dieb Willi Jensen noch eine Sympathie des Regisseurs zu erkennen. Auch dafür spricht eine bestimmte Szene: Nach dem Ausbruch will er die Sore, für die er ins Gefängnis wanderte, die aber nie gefunden wurde, aus ihrem Versteck holen, doch das alte Haus wird gerade abgerissen, auf dessen Dachboden er die Früchte des Verbrechens gelagert hatte. Der Schmerz und die Wehmut und was sonst noch in seinem Gesicht in diesem Moment zu lesen und interpretationsfähig ist, lassen uns geradezu mitfühlen. Da tut sich ein Fenster auf zu einer Charakterstudie, die der Film im Ganzen jedoch erkennbar nicht sein will. Vielmehr verlässt er sich aufs kontrastreiche Spiel der beiden Hauptdarsteller Frank und Reincke.

Wann endlich platzt dem ehrlichen der beiden Brüder irgendwann doch der Kragen? Oder wird der gute Kumpel sich vom anderen in den Sog des Verbrechens und in den Abgrund ziehen lassen? Leider, muss man beinahe sagen, stellt Heinz sich am Ende gegen Willi und hilft der Polizei, den Bösewicht zu fangen. Ein Film noir oder eine Gaunerballade à la Française hätten ein konsequenteres Ende genommen. Das ist es in der Hauptsache, was wir dem Film anlasten bzw. seinem Regisseur – den eher flachen Schluss.

Finale

Da bringt sich Willi selbst um die Ecke, in aussichtsloser Lage und jenseits der Möglichkeit auf die große Freiheit, und sein Bruder entwickelt bei der Verfolgung beinahe eine Statur als Actionheld, die man ihm während 80 Filmminuten keinesfalls zugetraut hätte. Dem Schluss fehlt sozusagen die Natürlichkeit und Zwangsläufigkeit und man ist irgendwie mal wieder beruhigt – wie eben in den Polizeikrimis – dass genau diejenigen zugrunde gehen, die es verdient haben, aber nicht auch noch welche, die es weniger verdient hätten. Die Polizei selbst spielt zwar eine Rolle, aber keine sehr glückliche. Sie ist zwar mit großem Aufgebot im Einsatz, die aus einem Hubschrauber gefilmte, technisch recht eindrucksvolle Schlusssezene belegt dies, aber da der Konflikt sich in der Hauptsache nicht zwischen Polizei und Verbrechern abspielt, sondern zwischen einem Verbrecher und seinen mehr oder weniger willigen Helfern und Verwandten, bringt sie den Flüchtigen nicht selbst bzw. alleine zur Strecke.

Konservativ ist der Film insofern, als Frauen entweder als liederliche Weiber und Prostituierte oder beides vorkommen oder als Geisel und Zankapfel, wie Vera, die Frau von Willi, die jetzt mit dem Bruder Heinz zusammen ist und die Willi sich nach dem Ausbruch wieder schnappt. Dieser Wechsel wirft auf den guten Heinz doch einen Schatten. Dass er dem anderen die Frau wegnimmt, während dieser einsitzt, wo er sich vermutlich nur um sie kümmern sollte oder wollte, ist realistisch, aber dann doch wieder nicht so ehrenhaft für einen Typ, der nicht mal das mit der berechtigten Wegnahme 20 Mark Fahrgeld hinkriegt.

62/100
 
(2) Zitiert nach Wikipedia.

„Fluchtweg St. Pauli – Goßalarm für die Davidswache“ in der englischsprachigen IMDb.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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