Bestien – Tatort 487 #Crimetime 653 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Bestie

Crimetime 653 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Vorwort 2020

Liebe Leser*innen, es ist wieder soweit. Wir stellen ein „Original“ vor. Eine Rezension in der Form, wie sie für den „ersten Wahlberliner“ verfasst wurde. Meistens tun wir das mit Kritiken aus dem Anfangsjahr 2011, denn später näherten sich optische und inhaltliche Gestaltung immer mehr der heutigen Form an – mit zwischenzeitlichen Experimenten wie „Anni und Tom rezensieren“. Die Kritik zu „Bestien“, dem 7. Köln-Tatort mit den Kommissaren Ballauf und Schenk, entstand als 15. Text der „TatortAnthologie“, dem Vorgängerfeature von „Crimetime“, im Mai 2011. Wir haben lediglich Besetzung und Stab sowie die Nennung der Copyrights für Bild und Text ergänzt.

Über den Schlusssatz mussten wir ein wenig schmunzeln. Im Grunde sind wir heute noch damit zugange, die Tatortmasche, Rechtsstaat und Ethik gegeneinander zu stellen, auf die Rolle zu bekommen.

I. Inhalt

„Wann? Wann haben Sie ihn?“ fragt Altrocker Kulle Hain den ermittelnden Hauptkommissar Max Ballauf. Hains Tochter wurde auf dem Nachhauseweg von der Disco brutal vergewaltigt und ermordet. Ballauf glaubt zunächst, dass der gesuchte Sexualmörder schnell gefunden ist, denn der Tathergang zeichnet ihn als Wiederholungstäter aus. Doch Hain hat kein Vertrauen in die Arbeit der Polizei. Zusammen mit seinen Kumpanen nimmt auch er die Fährte des Mörders auf…

So beginnt eine menschliche Tragödie, die in einem zweiten Mord gipfelt. Diesmal ist der Täter das Opfer – ein Fall von Lynchjustiz? Die ermittelnden Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk geraten in einen schweren Konflikt zwischen Gesetz und menschlichen Gefühlen (Zusammenfassung vom WDR).

II. Kurzkritik

In dem Krimi wird einiges geboten. Hochdramatische Szenen, einiges Blut und die verstümmelte Leiche einer jungen Frau. Zudem ein tiefer Konflikt zwischen den Ermittlern Ballauf und Schenk, weil sie ganz unterschiedlich mit dem Selbstjustiz-Trip des Altrockers Kulle Hain umgehen.

Der Film ist gar nicht übermäßig rasant gefilmt, sondern wirkt eher durch die eindringlichen Bilder und die zum Teil exzellenten Figuren. Großes Lob geht an Armin Rohde als Darsteller des Rockers Kulle Hain.

Das Thema und die Art, wie der Zuschauer emotional eingebunden wird, sind sehr gut ausgeführt, weniger überzeugt hat uns, wie die Polizisten, besonders Schenk, sich in diesem Tatort verhalten, indem besonders Schenk der Selbstjustiz Vorschub leistet.

Einige Szenen und ganze Handlungselemente sind überflüssig.

III. Rezension

Dieses Mal haben wir uns etwas Zeit gelassen, nach dem Ansehen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir Details nicht mehr so gut auf ihre Schlüssigkeit überprüfen können, als hätten wir noch am selben Abend rezensiert. Es war ein Test, und er hat funktioniert.

Jenseits der Bildermacht, die uns zunächst beeindruckt hatte, haben wir uns dieses Mal zum Beispiel die Zeit genommen, jemanden aus unserem Freundeskreis zu interviewen, der lange Zeit im Polizeidienst tätig war, um unsere Zweifel über das Verhalten besonders des Hauptkommissars Schenk bestätigt oder entkräftet zu sehen.

1. Figuren

a.) Schenk vs. Ballauf

Dieses Mal ist kein Ermittlerteam am Werk, sondern zwei mit unterschiedlicher Einstellung zu Tat und Täter, von denen einer aus der Teamdisziplin ausschert und den anderen auflaufen lässt. Wäre Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) nicht ein eher weicher Typ, zumindest in diesem Film, ein Freund und guter Kumpel, hätte das böse ins Auge gehen können, für Schenk.

Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, Schenks Handeln dadurch zu unterlegen, dass immer wieder Szenen aus seinem Privatleben gezeigt werden, vor allem von seiner hübschen jüngeren Tochter, die etwa im gleichen Alter ist wie das brutal ermordete Mädchen. Man versteht auf emotionaler Ebene alles.

Nur, dessen Handeln als Ermittler und dann auch noch dieses Ende, indem Ballauf, der gute Kumpel, eigenhändig Beweismaterial vernichtet, um der Mörderin des Mörders eine Mordanklage zu ersparen. Damit sie mit Verurteilung wegen Totschlages, vielleicht sogar im minder schweren Fall, davonkommen zu lassen. Dies ist gegen jede Regel.

Man hat uns von fachlicher Seite glaubwürdig versichert, real wäre dies das Aus für beide Ermittler gewesen. Nicht nur eine Disziplinarmaßnahme oder Suspension, sondern die dauerhafte Entfernung aus dem aktiven Ermittlungsdient wäre der Fall gewesen.

Aber die beiden Kölner Herzchen riskieren so etwas natürlich locker, weil sie die Motive der Täterin verstehen. So, wie Schenk vorher schon die Privatjustiz von deren Mann verstanden hat.

Wir gehen emotional nach wie vor mit, aber zwei Tage nach dem Anschauen des Krimis überwiegt der Verstand, was das Handeln der Ermittler angeht. Und da können wir nur sagen: Wenn so etwas Praxis ist, dann möchten wir niemals unschuldig in Mordverdacht geraten, in diesem so genannten Rechtsstaat. Nein, wir glauben auch nicht, dass dieser Part realistisch ist. Aber er beeinflusst die Wertung des Filmes entscheidend und mehr als bestimmte Handlungsschwachpunkte, auf die wir noch kommen.

b.) Die Selbstjustizler

Das Handeln des Altrockers Hain, welcher den Bullen aus Reflex misstraut und die Sache selbst in die Hand nimmt, verstehen wir gut. Wir konnten auch nicht komplett und empört Nein! Sagen, als seinerzeit Marianne Bachmeier im Gerichtssaal auf den Mörder ihres Kindes schoss. Der Fall wurde zweimal verfilmt und ist in jeder Hinsicht so tragisch, dass man noch heute kaum Worte dafür findet.

Die schockierenden Bilder der Tat und des toten Mädchens tragen das ihre dazu bei, dass der Zuschauer emotional verpflichtet wird, auf der Seite Hains zu stehen.

Seine Frau Carla (Teresa Harder) jedoch wird beinahe komplett aus dem Spiel genommen, um als die wirkliche Mörderin des Mörders Vaupel (Hannes Hellmann) nicht zu sehr aufzufallen. Sie führt ihn sogar auf die Spur der Freundin Sarah, die Tatzeugin war. Unfreiwillig natürlich, weil er sich am Telefon als Angehöriger der Organisation „Der weiße Ring“ ausgibt, die sich dem Opferschutz widmet. Wie der Weiße Ring dazu gestanden hat, dass er auf diese Weise in den Fall eingeht, können wir höchstens ahnen. Auch wenn, für das Publikum erklärend, zwischenzeitlich gesagt wird, der Ring rufe Opfer nicht auf diese Weise einfach an, wie Vaupel es hier getan hat, um Sarahs Wohnort ausfindig zu machen, ist es harter Tobak, eine Opferschutzorganisation auf diese Weise beinahe zu kompromittieren.

An der Stelle, als Clara Hain ihr Pferd mit dieser Schlinge bändigt, mit der sie später Vaupel umbringt, hätte man vielleicht darauf kommen müssen, dass diese nicht zum Spaß so ausführlich gezeigt wurde. Vielmehr wird so erklärt, wie eine Frau mit solcher Kraft agieren konnte, nachdem die Ermittler vorher im Selbstversuch (auch wieder so ein Gag) ausgeschlossen hatten, dass der Täter eine Frau gewesen sein kann. Dabei hat einfach eine Mitarbeiterin eine Schlinge um Ballaufs Hals gelegt. Ja, so einfach ist manchmal Ermittlungsarbeit. Dass das Material ein ganz anderes gewesen sein mag, Täter und Opfer eine ander Konstitution gehabt haben könnten als Ballauf und seine Assistentin, wen interessiert das bei dem Thema?

Wie realistisch Kulle Hains Rockergang gezeigt wird, können wir mangels Szenekenntnis nicht eindeutig beleuchten, aber fette Motorräder und coole Typen zuhauf, dazu dieses Clubheim in einer alten Fabrik oder Brauerei, das ist schön gefilmt. Der Schauspieler Achim Rohde verleiht der Figur Kulle Glaubwürdigkeit, das ist an diesem Teil des Szenarios auch das Wichtigste. Er wirkt auf uns authentischer als wenn er ein Vater aus dem gepflegten Bürgertum wäre, das in der Realität immer erst abwägen würde und sich dann vermutlich nicht zu Selbstjustiz entschließen würde – selbst, wenn es um ein so einschneidendes Ereignis wie den gewaltsamen Tod des eigenen Kindes Tochter handelt. Dass ein Bürger zäh an der Sache dranbleibt und eigene Ermittlungen anstellt und immer wieder nachbohrt, das können wir uns schon eher vorstellen. Die Erwähnung dieses Unterschiedes ist deshalb wichtig, weil im Fernsehen immer wieder Familienväter oder –mütter gezeigt werden, die ganz anders sozialisiert sind als Kulle Hain, aber trotzdem berserkerartige Fähigkeiten entwickeln.

c.) Sonst noch Figuren?

Hat man also die Ermittlern nun in der falschen Ecke, den Rocker-Vater in der richtigen, seine Frau unvermutet in Aktion, kommt man zu den überflüssigen Charakteren in diesem Tatort. Die Klatschreporterin Mischke (Liz Baffoe) ist unglaubwürdig in die Handlung eingebunden und macht auch als Figur nicht unbedingt eine starke Figur. Sie war eben damals eine Art Halbpromi, weil durch ihre Rolle als Mary Sariakis in der Lindenstraße zu Bekanntheit gelangt. Vielleicht hat man ihr auch keine Chance gegeben, in diesem Tatort mehr zu geben als einen nicht auf authentische Weise durchbrochenen Stereotyp als farbige Yellowpress-Journalistin.

Weiterhin gibt es eine junge Thailänderin, die vom Mörder Vaupel nach Deutschland organisiert wird, die Max Ballauf näherkommt, aber er lässt sich natürlich nicht erweichen, mehr zu tun als mit ihr ins Bett zu gehen und schickt sie nach Thailand zurück. So viel Klischee, so peinlich, wie Ballauf hier als Person wirkt, war selten. Wenn wir diesen überflüssigen Handlungsstrang, der wohl deswegen her musste, weil Ballauf sonst in diesem Tatort sehr zu kurz gekommen wäre, wenn wir ihn eigens bewerten würden, wäre das Gesamtergebnis noch schlechter. Man hat das Gefühl, sich in Thailand entschuldigen zu müssen. Selbst wenn das hübsche, devote Mädchen durchaus eine Figur sein sollte, die es so wirklich gibt und weswegen seltsame Typen solche Mädchen auch gerne hierher holen – sonst ist man auch nicht so genau und legt den Sozialfilter vor die eine oder andere Wahrheit. Dazu wird auch noch suggeriert, das möglicherweise jeder, der eine solche Frau nach Deutschland kommen lässt, ein Typ wie Vaupel  sein könnte. Auch das ist alles andere als eine faire Darstellung.

d.) Und dann der Mörder

Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der Wert auf eine halbwegs ausgewogene Darstellung legt ist, wie der Mörder Vaupel gezeigt wird. Berechnend, intelligent, gewalttätig, bedrohlich, dann vor Angst wimmernd, als er von Hain im Keller des Clubheims arrestiert wird. Ein einziges Mal wird eine Art Reuehandlung angedeutet, als er sich die Pulsader aufritzt, sie aber schnell zu verbinden sucht, weil er sein eigenes Blut wohl nicht sehen kann, dieses Weichei. Ansonsten keinerlei Differenzierung. Und darin liegt noch ein weiteres Problem.

Vaupel gehört ja nicht zu den bekannten Straftätern, die der Tatzeugin Sarah auf dem Kommissariat vorgeführt werden. Wäre auch zu einfach gewesen. Vielmehr steht er in einer Art zweiter Reihe von Leuten, die bisher zwar irgendwie auffällig geworden sind, aber noch nie wegen eines Vergewaltigungsdeliktes, schon gar nicht wegen einer damit verbundenen Tötungshandlung einsaßen.

Und jetzt gerät er völlig außer Kontrolle und bringt ein Mädchen um, versucht, ein weiteres in seine Gewalt zu bringen, und während der Tatszene des Mordes wirkt er, als wenn das alles beinahe zu seinem täglichen Geschäft gehören würde. Nämlich wie ein Serientäter, der er aber nicht ist. Anfangs will Ballauf dem Rocker Hain, auf sein „Wann?“ zusichern, die Sache ginge schnell, weil es sich um einen Serientäter handeln müsse. Welch eine Argumentation! Gerade dieser Typ kann jahrelang unerkannt unter uns leben, ohne aufzufallen – und viele Morde begehen. Diese Typen sind Ausnahmeerscheinungen, auch deswegen wird die ganze Aufstellung des Täters dermaßen unglaubwürdig konstruiert, dass man während einer bewusst erst Tage nach dem Ansehen des Films vorgenommenen Rezension trotzdem auf beinahe unangemessene Weise ärgerlich darüber wird, wie hochspekulativ und manipulativ dieser Tatort angelegt ist.

2.) Handlung

Alles, was man zu den Figuren sagen kann, gilt auch für die Handlung. Wo die Figuren glaubwürdig sind, fließt die Handlung gut und man hat das Gefühl, alles passt. Das ist immer dann der Fall, wenn Kulle Hain auftritt. Ja, wenn man schon emotionalisiert ist, ihn versteht man, ihn mag man, und bei seinen Auftritten gibt es auch keine Logikschwächen im Plot.

Anders bei den Ermittlern. Wir bekennen uns als Fans insbesondere von Dietmar Bär, und es war nicht seine Schuld, dass wir auch in „Kehrtwende“ (D 2010) ein Problem mit der Glaubwürdigkeit des Filmes hatten. Aber wie er hier inszeniert wird und sich mit Hain verbrüdert und sogar dessen Motorrad fährt – der Mann ist gerade Hauptverdächtiger in einem Entführungsfall und Schenk ahnt das zu dem Zeitpunkt schon, als er mit der Maschine durch die Stadt fährt. Nein, das geht so nicht. Und der Fall hat auch keinen satirischen Einschlag, wie der jüngst rezensierte „Weil sie böse sind.“, wo man bei allem, was real ist, einen Haken hinter das „Nein“ macht und diese Erkenntnis für gut gibt.

Mit der hochgradig problembehafteten Handlungsführung insgesamt haben die Drehbuchschreiber den Opfern von Sexualstraftätern sicher eine Reverenz erweisen wollen, aber es ist ein Bärendienst daraus geworden. Man hat mit Vaupel beinahe deshalb Mitleid, weil er als wichtigste Figur in diesem Tatort vernachlässigt, verkürzt und psychologisch als jemand, der vorher nie getötet haben soll, sehr fragwürdig gezeichnet wird.

3.) Fazit

Während wir uns an andere Tatorte gerne zurückerinnern, wissen wir, es hatte einen guten Grund, mit der Rezension dieses Mal zu warten, damit sie nicht unter dem Eindruck von Gewalt und sehr viel Emotion zu gut ausfällt.

Es ist Sache der Justiz, zu richten, wenn sie es kann. Es ist eine andere Sache, ob die Regelungen zur Sicherungsverwahrung gekippt werden, wie gerade geschehen. Wir haben aber anhand dieses Tatortes 487 nicht darüber zu entscheiden, ob verurteilte Sexualstraftäter der äußerst gefährlichen Art später wieder in die Gemeinschaft eintreten sollten, ohne dass sicher gewährleistet ist, dass sie nicht rückfällig werden, sondern über das Verhalten der hier Beteiligten. Und da kommen die Ermittler besonders schlecht weg und alle Ansätze, ihr Handeln verständlich zu machen, scheitern an der simplen Erkenntnis, dass sie sich zu Richtern aufspielen – möglicherweise über Leben und Tod. Und dies ist nicht und kann niemals ihre Aufgabe sein.

Mit diesem Tatort hat man die beiden Kölsche Jungens Schenk und Ballauf ganz schön die Sackgasse gefahren, aber dies später durch realistischere Fälle wieder halbwegs korrigiert.

Es ist uns bekannt, dass der Tatort 487 allgemein gut bewertet wird, wir müssen leider darauf verzichten, uns anzuschließen.

Wegen Unglaubwürdigkeit besonders in der Zeichnung des Täters und fraglicher Prioritäten im Geflecht von Dienst und Moral – 6,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kulle Hain – Armin Rohde
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Sarah Köster – Jasmin Schwiers
Carla Hain – Teresa Harder
Gerhard Vaupel – Hannes Hellmann
Timmy Köster – Tobias Schenke

Drehbuch – Norbert Ehry
Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Kay Gauditz
Musik – Arno Steffen
Ausstattung – Frank Polosek

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