Unheil aus der Flasche – Polizeiruf 110 Fall 111 / #Crimetime 654 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Grawe #Becker #Unheil #Flasche

Crimetime 654 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD

Ein kleines bisschen Hoffnung

Diesen Film hatten wir etwas länger auf dem Mediareceiver gelassen – weil wir befürchteten, dass er nicht gerade stimmungsaufhellend ist. Es kam genau so. Er war nicht stimmungsaufhellend. Das trifft freilich auf viele Krimis zu, es sei denn, sie tendieren in Richtung Komödie. Aber in den 1980ern wurden die DDR-Polizeirufe zunehmend in Richtung persönliches Drama entwickelt und ein in punkto Darstellung von Alkoholismus vermutlich während dieser Epoche nicht überbotener Höhepunkt dieser Entwicklung ist „Unheil aus der Flasche“. Weiter geht’s in der -> Rezension.

Handlung

Frau Henrich ist Alkoholikerin und lebt von ihrem Mann geschieden. Dieser hat inzwischen neu geheiratet. Von den beiden Kindern des Ehepaares lebt der ältere Sohn Ulf bei seinem Vater. Ursprünglich lebte auch der neunjährige Holger bei seinem Vater, verstand sich jedoch mit seiner neuen Stiefmutter nicht und kam ins Heim. Als Frau Henrich eine Entziehungskur abgeschlossen hatte, durfte sie Holger zu sich holen. Nun ist sie rückfällig geworden, versucht ihren Zustand jedoch vor der Außenwelt zu verbergen, damit ihr Sohn nicht wieder ins Heim kommt. Nachbar Dorus und seine Freundin ahnen dennoch, dass Frau Henrich wieder trinkt.

Aufgrund des desolaten Zustandes der Mutter kümmert sich Holger um den Haushalt und die Finanzen. Seine Mutter ahnt nicht, dass Holger heimlich mit einem Komplizen Einbrüche in Geschäfte begeht und so zu dem Geld kommt, das sie für ihren Alkoholkonsum braucht. Bei einem Einbruch in eine Parfümerie rutscht Holger aus und fällt in eine Vitrine. Er zieht sich schwerste Schnittverletzungen zu. Sein Komplize kann nicht zu ihm, da der Fluchtweg für ein Kind gerade groß genug ist. Nach einem anonymen Anruf bei der Feuerwehr wird Holger gefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Er schwebt in Lebensgefahr. Hauptmann Peter Fuchs und Unterleutnant Becker übernehmen die Ermittlungen und suchen Holgers Mutter auf. Fuchs erkennt sofort, dass sie Entzugserscheinungen hat. Er verzichtet auf eine Befragung und veranlasst die Einweisung der Frau in eine Entzugsklinik. Frau Henrich bittet darum, Holger bei ihrem Ex-Mann unterzubringen. Der reagiert ablehnend, habe sich Holger damals in seiner Familie doch so indiskutabel benommen, dass seine zweite Frau Lotti eine Fehlgeburt erlitten habe. Seine Familie hatte schließlich den Kontakt zu Holger und Frau Henrich komplett abgebrochen und auch nicht zwischenzeitlich wieder aufgenommen.

Frau Henrich erhält in der Klinik den Anruf einer Frau und erfährt von ihr, was Holger zugestoßen ist. Verwirrt flieht sie aus der Klinik und Peter Fuchs leitet eine Großfahndung ein. Erst nach einer Weile stellt sich Frau Henrich der Polizei. Über den Anruf redet sie nicht. Lotti Henrich bestreitet, einen Anruf getätigt zu haben. Auch Nachbar Dorus’ Freundin hat nicht mit Frau Henrich telefoniert. Drei Dinge bringen die Ermittler weiter: In einem Antiquitätenladen tauchen zwei der bei einem der Einbrüche gestohlenen Elektrogeräte auf. Sie wurden dort von Lotti Henrich in Zahlung gegeben und sie behauptet, die Geräte von Holger erhalten zu haben. Er habe für seine Mutter Geld gebraucht. Dorus wiederum hat einen kleinen Imbiss. In der Kasse wurden Fehlbeträge festgestellt und Anzeige gestellt, die Oberleutnant Thomas Grawe bearbeitet. Dorus gerät nun ins Visier der Ermittler, hat er doch Geld gebraucht. Er streitet jede Verwicklung in die Diebstähle ab. Schließlich wird von Arbeitern auf einer Baustelle das Diebeslager mit den gestohlenen Waren der Einbrüche gefunden.

Peter Fuchs stellt dem Täter eine Falle. Er kündigt sowohl der Familie Henrich, als auch Dorus an, dass für den nächsten Tag eine Hausdurchsuchung beantragt wurde. In der Nacht beschatten zahlreiche Polizisten die jeweiligen Häuser und tatsächlich fährt Dorus zur Baustelle und bringt verschiedene Elektrogeräte in das Versteck. Er wird festgenommen, gibt jedoch nur zu, die gestohlene Ware verkauft zu haben. Mit dem Einbruch in der Parfümerie habe er nichts zu tun. Herr Henrich und Lotti erscheinen bei der Polizei und äußern den Verdacht, dass Ulf an den Einbrüchen beteiligt war, habe er sich doch seit dem Unfall seines Bruders sehr verändert. Ulf wiederum gesteht seiner Mutter die Tat, die er gemeinsam mit Holger begangen hat. Die Ermittler nehmen ihn mit aufs Revier, wo er Dorus belastet. Er habe ihnen die gestohlene Ware abgekauft und zudem bei den Einbrüchen als Transporteur der Ware fungiert. Er habe sich in der Unfallnacht nicht darum gekümmert, dass Holger verunglückte, sondern sei mit der Ware fortgefahren und habe Ulf zurückgelassen. Dorus wird verhaftet. Die Ereignisse haben Frau Henrich deutlich gemacht, dass sie trocken werden muss. Ihr Arzt lässt sie durch die Scheibe in das Zimmer sehen, in dem Holger liegt. Er erwacht kurz und sieht seine Mutter, die nun für ihn Verantwortung übernehmen will.

Rezension

Als wir nach dem Anschauen in der Wikipedia über die Darstellung der Frau Henrich, Jenny Gröllmann, gelesen haben, über ihren recht frühen Tod und über die Kontroverse über ihre IM-Tätigkeit, wurde unsere Stimmung keineswegs besser und auch das Anklicken von „Akoholikerin“, das zu einer überragend ausführlichen Beschreibung von Alkoholabhängigkeit in der Wikipedia führt, wurde es eher noch schlimmer. Wir sind auf Abwehr gepolt, wenn es um Alkoholismus geht, daran können wir nicht viel ändern, obwohl wir’s sehr entspannt sehen könnten, denn wir vertragen gängige Alkoholsorten nicht besonders gut und sind schon deshalb nicht gefährdet. Unsere Haltung resultiert aber aus der Beobachtung dessen, was Alkoholismus in der Gesellschaft an Schäden anrichtet.

Wir kommen auch nur schwer damit klar, wenn wir wissen, dass zum Beispiel Darsteller ein Alkoholproblem haben, die wir in den von uns rezensierten Reihen sehen, und davon gab es in der DDR mehrere. Am meisten triggert uns das bei Jürgen Frohriep, der Jürgen Hübner spielt und bei dem die optischen Symptome schon recht auffällig waren. Deswegen waren wir richtig froh, dass hier der Kollege Fuchs am Werk ist, zusammen allerdings mit einem jungen Kollegen namens Becker, der eigentlich ein ziemlich furchtbarer Typ ist, zumindest zu Beginn. Sein Umgang mit der alkoholkranken Frau – also wirklich; gut, dass der erfahrene und in diesem Film besonders sympathisch dargestellte Fuchs eingegriffen hat.

Was Alkoholismus in Familien anrichten kann, ist hier auf eine Weise dargestellt, die uns am Ende wirklich berührt hat. Man muss sich vorstellen, zwei Söhne, der eine zwölf, der andere fünfzehn Jahre alt, werden beide zu Gewohnheitsdieben, eine Form von Geldbeschaffungskriminalität, damit die Mutter ungehindert saufen kann. Weiterhin involviert: Der Nachbar als gewerblicher Hehler und die Stiefmutter als Zufallshehlerin. Aber die Abscheu, die man möglicherweise aus dem herauslesen kann, was wir hier schreiben, soll nicht bedeuten, dass wir den Film schlecht gemacht fanden. Leider nicht, muss man sagen. Jenny Gröllmann („40, sieht aber jünger aus“ – klar, sie war erst 30, als sie die Rolle der Frau Henrich spielte) macht das stellenweise beängstigend gut, ohne dass alles vollkommen trashig wirkt. Wie es bei Frau Henrichs zur Alkoholsucht kam, erfahren wir leider nicht, nur, warum die erste Kur mit einem Rückschlag endete. Auch das ein Wahnsinn – der Exmann findet sie trocken plötzlich wieder alternativ, beginnt en Doppelleben zwischen aktueller Familie und Ex und das hält er nicht aus, verlässt die Ex wieder und diese wird rückfällig.

Und dann verunglückt der jüngere Sohn auch noch bei einem der nächtlichen Beutezüge so schwer, dass er bis zum Schluss des Films nicht ansprechbar ist – aber die Mutter wird es jetzt schaffen, nach dem Schock, meint der behandelnde Arzt.

Man soll von solchen Einzelproduktionen nicht gleich aufs Ganze schließen, aber dass Alkoholismus in der DDR ein Thema war, ist aus dem Zusammenhang und auch aus der Biografie einiger Darsteller von damals ziemlich gut herauszulesen. Im Westen war das freilich auch so, aber in Tatorten kommt es eher in der Form vor, dass im gesellschaftlichen Saus und Braus der Vorwendezeit allgemein viel getrunken und mal einer über den Durst gehoben wird. Eine alkoholkranke Person im Mittelpunkt eines Tatorts, daran können wir uns nicht erinnern. Nicht in jener Epoche. In neueren Filmen werden ab und zu Obdachlose oder dergleichen dargestellt, die zur Trostflasche greifen oder einige Typen, die vor lauter Verwöhntheitslangeweile zu viel trinken. Ein das erste gutes Trinkerporträt, das wir bisher in einem Tatort gesehen haben, wurde erst 2010 prodziert. Der Film heißt „Mit ruhiger Hand“ und ist ein Köln-Tatort mit Ballauf und Schenk, Roeland Wiesnekker stellte einen Chefchirurg dar, der eigentlich nicht mehr arbeiten dürfte, aber man geht dezent mit den Krankheiten von Personen um, die eine hohe gesellschaftliche und berufliche Stellung bekleiden.

Nicht so in „Unheil aus der Flasche“, in dem es um einfache Menschen geht. Dass die Nachbarin helfen wollte, indem sie die Frau Henrichs irgendwo meldet und ihr dann der Junge wieder weggenommen wird, den sie nach der Entziehung erst aus dem Heim zurückbekam – und deren Freund sie zurückhält, ist makaber, wir erfahren erst am Schluss warum: Weil er mit den beiden Jungs zusammen aus der Krankheit der Mutter ein besonders für ihn lukratives Geschäft gemacht hat. Er wird gespielt von Horst Weinheimer, der auf solche Rollen offenbar spezialisiert war. Ein Mann mit so breitem, bürgerlichem Schnurrbart im Sozialismus, das deutet auf einen Charakter hin, de etwas zu verbergen hat.

In dem familiären und deliktischen Treibsand, in den der Zuschauer geführt wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich am allzeit kompakten Hauptmann Fuchs festzuhalten und als dann für einen Moment noch Grawe mitmachen darf, ist man geradezu dankbar. Aber Fuchs enttäuscht nicht. Mit einer konsequenten Ermittlung, wobei ein Anruf bei Frau Henrich in der Klinik den Mittelpunkt bildet, schafft er es, den Fall zu lösen. Viele Verdächtige gab es ja nun nicht und aus beiden Gruppen, wenn man es so bezeichnen will, arbeiten tatsächlich Personen an den nächtlichen Raubzügen mit. Das Drehbuch, das Helmut Krätzig da verfasst und selbst inszeniert hat, ist nahezu fehlerfrei. Vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, dass eine solche Konstellation entsteht, aber immerhin denkbar und recht sauber ausgeführt. Und das Prinzip, dass Menschen kriminell werden, um sich oder anderen die Sucht zu finanzieren – kennt man vielleicht nicht so sehr im Zusammenhang mit Alkohol, aber mit anderen, teuren Drogen.

Finale

Für Menschen, die gerne gepflegte, unverbindliche Krimikost genießen wollen, ist „Unheil aus der Flasche“ keine geeignete Mahlzeit. Der Film setzt die Reihe von Polizeirufen fort, die sehr offen mit verschiedenen menschlichen Problemen umgehen. Im Grunde gilt das auch für die Stimmung, die in den Jahrgängen 1985 und 1986 dominierte: Der Film ist schon sehr traurig. Dass es am Schluss einen Hoffnungsschimmer gibt, ist bei uns zwar hängen geblieben, aber es dominiert nicht die Nachbetrachtung. Es ist für uns eben alles vage, fragil. Man kann natürlich auch sagen: Na klar schafft die Frau Henrich das. Was haben wir nicht alles schon geschafft. Immerhin ist es hier ein Arzt, der das sagt, und es gibt nur eine Autorität, die noch über der eines Weißkittels steht: die von Mutti.

Kriminalistisch ist der Film einfach, immerhin werden die Delikte von Kindern ausgeführt. Die Strafmündigkeit lag in der DDR, wie in der BRD, bei 14 Jahren, sodass Holger noch nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, der ältere Bruder Ulf hingegen schon. Damit ist seine Karriere als Konzertgeiger möglicherweise zu Ende. Und der jüngere Bruder: Wird man ihn wieder bei der Mutter lassen?

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

RegieHelmut Krätzig
DrehbuchHelmut Krätzig
ProduktionIngeborg Trenkler
MusikKarl-Ernst Sasse
KameraWolfram Beyer
SchnittRenate Müller

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